Tagesarchiv für den 29. Dezember 2009

Hinrunden-Bilanz – Teil zwei

29. Dezember 2009

Heute kommen wir zum zweiten Teil der Hinrundenbilanz. Und, so viel darf ich wohl schon verraten, auch im Mannschaftsteil Mittelfeld fallen die meisten Noten positiv aus. Bei kaum einem HSV-Spieler droht die Versetzung in Gefahr zu geraten. Und so soll es denn sein:

David Jarolim: Der Tscheche lag in dieser Hinrunde bislang eigentlich nur einmal richtig daneben – als er seinen Landsmann David Rozehnal übertrieben positiv bewertete, obwohl dieser seine Vorzüge selbst noch nicht entsprechend unter Beweis stellte. „Jaro“ foulte in der Hinserie seltener und produzierte auch weniger seiner von vielen Gegnern und sogar von einigen HSV-Fans gehassten „Jarolim-Stürze“. Insgesamt hinterließ er als einer der unverzichtbaren Führungsspieler einen guten Gesamteindruck. Auch die gescheiterte WM-Qualifikation mit Tschechien warf ihn nicht nachhaltig zurück. Im letzten Drittel der Hinserie wirkte der Kapitän zwar manchmal etwas matt (weil gesundheitlich angeschlagen), doch gerade im Abschlussspiel gegen Werder untermauerte er seine enorme Bedeutung mit niedriger Fehlerquote und großer Leidenschaft.
Note 2,5

Zé Roberto: Ich habe es ja schon einige Male erwähnt: Auch ich gehörte nach der Verpflichtung des Brasilianers im vergangenen Sommer zu den Skeptikern, habe mich von der Fußballkunst dieses begnadeten 35-Jährigen aber schnell aller, wirklich aller Zweifel berauben lassen. Für seine Spielweise gibt es nur ein Prädikat, nein, vielleicht zwei: wertvoll und unersetzbar. Wie der ehemalige Bayer, von dem ich nun restlos begeistert bin, geschmeidige Bewegungen, geniale Passwege und zugleich wertvolle Defensivarbeit miteinander vereint, ist ein Augenschmaus. Bis zu seiner Verletzung war er der spielerische Kopf des HSV, der sich perfekt mit seinen Nebenleuten ergänzte.
Note 1,5

Tomas Rincon: In diesem Blog hatte der Venezolaner offenbar über Monate mehr Fans als im Trainer- und Verantwortlichenteam. Trotz aller Verletzungsprobleme und Personalnot war der ehemalige Leihspieler nie eine ernsthafte Alternative für einen Posten im Mittelfeld. Bruno Labbadia sah ihn eher rechts hinten, wo er einige Einsätze hatte und auch immer wieder in Trainingsspielen aufgeboten wurde. Ihm wurde nachgesagt, er sei zu ungestüm, hole sich zu schnell Gelb ab. Rincons großes Plus: Er gab nie auf, ließ sich trotz der eigentlich aussichtslosen Lage beim HSV nie hängen, sondern gefiel im Training durch beherztes Auftreten. Er wartete auf seine Chance. Das wurde kurz vor Toresschluss, in seinem Fall: kurz vorm Abschied, belohnt. Der Nationalspieler übernahm Zé Robertos Position auf der „Sechs“ und erfüllte seine Aufgaben hervorragend. Dafür wurde er mit einem neuen Vertrag belohnt. Rincon spielt natürlich ganz anders als Zé Roberto, rustikaler, bissiger im Zweikampf und dafür nicht ganz so genial in der Vorwärtsbewegung, aber allemal effektiv. Kann man beispielsweise auch bei Bremens Mesut Özil nachfragen, der wüsste ein Lied von Rincons Qualitäten zu singen…
Note 2

Piotr Trochowski: Er ist und bleibt der meist diskutierte Spieler unter den Fans und auch in den Blog-Beiträger der „Matz-abber“. Zu Beginn der Saison absolvierte der Nationalspieler einige eindrucksvolle Partien unter dem neuen Trainer Bruno Labbadia. Doch immer dann, wenn die Erwartungen an den schussgewaltigen Mann mit der Rückennummer 15 steigen, schwanken seine Leistungen zu stark. Viele erwarten von „Troche“ eine Art Taktgeber, Regisseur, Motivator, dabei ist er meines Erachtens eher ein überragender Mitspieler. Für einen der heißen WM-Anwärter erlaubte sich der vielseitig einsetzbare Trochowski dennoch gerade in jüngster Vergangenheit zu viele schwächere Partien, gelegentlich schien er sich (überspielt?) sogar ganze Auszeiten zu nehmen. Am Jahresende zeigte seine Formkurve deutlich nach unten, was eventuell auch daran liegen könnte, dass er enttäuscht ist. Doppelt enttäuscht: Einmal von sich, das wäre okay. Dann auch vielleicht vom Trainer, das aber wäre zweifellos der falsche Ansatz, um eine sofortige Wende zu schaffen.
Note 4

Marcell Jansen: Vom Dauerverletzten und –kranken zum ernsthaften Anwärter auf einen Platz im WM-Kader hat sich der Linksallrounder gemausert. Jansens Leistungskurve seit seiner schleppenden Rückkehr nach verschiedenen Blessuren und einer verschleppten Grippe im Spätsommer/Frühherbst zeigt senkrecht nach oben. Wirkte der Blondschopf im Aufbautraining nach seiner langen Auszeit manchmal etwas ungeduldig, so zahlte sich dieser zähe Weg der Rückkehr zuletzt doch nachhaltig aus. Er gehörte im letzten Drittel der Hinrunde zu den großen Stützen der Mannschaft, überzeugte durch laufstarkes Spiel und beherzte Vorstöße in die Gefahrenzone des gegnerischen Tores. Nun gilt es, die letzten Eindrücke zu bestätigen – und verletzungsfrei zu bleiben.
Note 3+

Eljero Elia: Einige betrachten ihn als Stürmer, andere als hängende Spitze, noch andere als Mittelfeldrenner. In einem sind sich alle einig: Der Niederländer ist DIE Entdeckung beim HSV und einer der Shootingstars in der Bundesliga, eine Bereicherung für die gesamte Liga. Mit wenigen Ausnahmen setzte der kaum berechenbare Sprint- und Dribbelkönig in fast allen Spielen Akzente, erzwang Fouls, Chancen und bereitete jede Menge Tormöglichkeiten und Treffer vor. Kein Wunder, dass die „Rakete“ gleich bei mehreren englischen Vereinen auf dem Wunschzettel steht. Uns so ganz nebenbei gesagt: Elia ist auch ein ganz, ganz feiner Mensch, ein Profi zum Anfassen, ein Typ „Schwiegermutters Liebling“.
Note 1,5

Mickael Tavares: Er ist die größte Enttäuschung dieser Hinserie. Obwohl er sich in der vergangenen Saison als passable Mittelfeldvariante präsentierte, blieb er im ersten Saisonhalbjahr 2009/2010 meilenweit hinter allen Erwartungen zurück. Im Training hatte man gelegentlich das Gefühl, als habe sich der technisch versierte Tavares aufgegeben, mitunter fiel er deutlich ab. Auch bei seinen Kurzeinsätzen konnte er sich nie empfehlen. Die Zeichen stehen auf Trennung – eher früher als später.
Note 5

Romeo Castelen: Der Niederländer ist angesichts seiner Rolle als Dauerpatient eigentlich nicht zu bewerten. Aber zu Beginn der Serie absolvierte er ja immerhin einige Wochen lang fast alle Trainingseinheiten, kam sogar zum Einsatz und traf zum 4:2-Sieg in Wolfsburg. Dennoch lief er nie richtig rund, musste sich ja auch wieder operieren lassen. Ob Hamburg ihn jemals in Topform erleben wird? Ich habe da meine Zweifel.
Note 4

Robert Tesche: Als er sich im Sommer den Medien in Hamburg vorstellte und nach seiner Lieblingsposition gefragt wurde, sagte er voller Selbstbewusstsein: „Die 10.“ Bekam der ehemalige Bielefelder dann eine (seiner wenigen) Chancen, konnte er dieses Selbstbewusstsein nicht mit auf den Rasen nehmen. Meistens versteckte sich Tesche im Niemandsland, Verantwortung übernahm er kaum, und er lief, das war auffällig, oft nur in einem Tempo. Da kam nichts Explosives, nichts Überraschendes, und auch von Willenskraft war nicht viel zu erkennen. Dabei hätte er (allein vom Körper her) beste Voraussetzungen, ein guter, vielleicht sogar überdurchschnittlicher HSV-Profi zu werden – er müsste nur mehr an sich glauben. Vor allem auf dem Rasen.
Note 4,5.

Die Talente:

Sören Bertram: Hinterließ in mehreren Trainingseinheiten einen guten Eindruck beim Trainerteam. Wirkte einsatzwillig und lernhungrig. Unterschrieb kürzlich einen Profivertrag. In der Rückserie könnte er noch ein paar Mal in der Bundesliga reinschnuppern.

Christian Groß: Die wenigsten kennen ihn. Aber einer hat ihn im Training kennen gelernt: Eljero Elia. Als Eins-gegen-eins-Übungen auf engstem Raum geprobt wurden, musste der Niederländer gegen Groß in dem 45-Sekunden-Duell antreten. Die Zuschauer wetteten schon auf einen hohen Ausgang zu Gunsten Elias. Als es nach 25 Sekunden 3:0 für Groß stand, staunten alle. Er ist hartnäckig, clever und muss in Rodolfo Cardosos Regionalligateam weiterhin Eigenwerbung betreiben.

Hanno Behrens: Im Amateurteam des HSV sammelte er mehrfach Bestnoten, im Training der Profis fiel er bislang allerdings kaum bis gar nicht auf. Hat gelegentlich vielleicht noch etwas zu viel Respekt.

Die Hinrunden-Bilanz wird am Mittwoch fortgesetzt.

16.29 Uhr