Tagesarchiv für den 21. Dezember 2009

Ditmar Jakobs zieht Bilanz

21. Dezember 2009

So, nun haben wir ja fast schon Weihnachten, das Fest der Liebe und des Friedens, und ich will eigentlich auch gar nichts mehr über Schiedsrichter Florian Meyer schreiben, aber, aber: Am Tag danach telefonierte ich mit Martin Jol, Trainer von Ajax Amsterdam. Weil dessen Spiel am Sonntag ausgefallen war, konnte er sich im Fernsehen live HSV gegen Werder Bremen ansehen. Und Martin Jol lobte erstens den HSV und sagte zweitens über den Platzverweis von Jerome Boateng: „Das war doch niemals eine Rote Karte. Was hat der Herr Meyer da gepfiffen? Dafür Rot zu geben – ich kann es nicht zu fassen, mir tat Jerome leid.“

Nun ja, der Deutsche Fußball-Bund schloss sich dieser Meinung ja offenbar auch an, Boateng wurde nur für ein Spiel gesperrt – weil dies nun einmal die Mindeststrafe für Rot ist. Und wo ich gerade bei guten Nachrichten bin: Der Vertrag mit Sören Bertram, dem vielleicht größten HSV-Talent, wurde nun verlängert, der HSV geht seinen Weg der jungen Nachwuchsspieler konsequent weiter. An Bertram waren auch andere Bundesliga-Klubs interessiert, ich glaube, wir werden in den nächsten Jahren noch sehr viel Gutes von dem Mittelfeldspieler hören.

Gutes, da sind wir uns ja wohl alle auch einig, gab es ja in dieser Hinrunde schon sehr, sehr viel. Platz vier trotz dieser unglaublichen Verletzungsmisere, das kann sich sehen lassen. Zumal es nun schon seit einem halben Jahr keinen Sportchef mehr gibt. Und wohl auch in den nächsten Wochen noch nicht. Aufsichtsrats-Chef Horst Becker befand nun erneut: „Ein Sportchef schießt ja keine Tore.“

Mein Tipp in Sachen Beiersdorfer-Nachfolge heißt beharrlich Horst Heldt. Der VfB-Manager eiert seit Tagen schon so konsequent um eine klare Aussage herum, so dass ihn niemand festnageln kann. Heldt kommt, so denke ich mir, in ein paar Wochen nach Hamburg. Dann, wenn sich Stuttgart sportlich wieder gefangen hat. Und wenn Heldt dann doch nicht kommen sollte, dann glaube ich ganz einfach, dass es Bruno Labbadia und Bernd Hoffmann im Duett machen. Das heißt, vielleicht noch mit einem Mann im Rücken, der das Vertrauen von Labbadia besitzt. Und: Vielleicht ist dieser Mann ja schon beim HSV? Ausgeschlossen ist das in meinen Augen nicht. Marinus Bester, Richard Golz, Bernd Wehmeyer? Das wären für mich die üblichen Verdächtigen, und mit dieser Nummer könnte ich sogar sehr gut leben. Sehr, sehr gut sogar. Vielleicht ja auch der HSV.

Ja, im Moment kann der Klub doch überhaupt nicht klagen. Sportlich läuft es, die Mannschaft hat die vielen Ausfälle bestens verkraftet, die K.o.-Runde in der Europa League ist erreicht worden, nachganz oben ist in der Bundesliga noch immer alles möglich, was ja auch der große Uli Hoeneß am Sonntag im Doppelpass bestätigte hat: „Wenn der HSV alle Spieler an Bord hat, dann spielt auch er sicher auch eine gewichtige Rolle in Sachen Meisterschaft.“

Wie ein „Ehemaliger“ des HSV über die nun abgelaufene Hinrunde denkt, erfahrt Ihr nun an dieser Stelle. Ich habe mit dem früheren Kapitän Ditmar Jakobs ein kleines Interview geführt, das nun beginnt:

Matz ab: Herr Jakobs, sind Sie zufrieden mit dem bisherigen Saisonverlauf des HSV?

Ditmar Jakobs: „Doch, eigentlich schon, wenn man mal davon absieht, dass die beiden Heimspiele gegen Mönchengladbach und Bochum verloren gegangen sind, obwohl das völlig unnötig war. Diese Niederlagen tun noch immer weh, denn wo würde der HSV wohl heute stehen?

Matz ab: Zumal es auch eine unheimliche Verletztenmisere zu überstehen gab. Haben Sie so etwas schon einmal mitgemacht?

Jakobs: Noch nie, wir hatten damals auch nie solche schweren Verletzungen. Und bei uns sind auch nie solche Schlüsselfiguren wie jetzt Ze Roberto so langfristig ausgefallen. Für mich ist der Brasilianer, das einmal schnell nebenbei, der Spieler der Hinrunde. Zurück zu den Ausfällen: Die vielen Verletzungen hatten, das sollte man nicht vergessen, auch etwas Gutes, denn es spielten sich einige Leute in den Vordergrund, die vorher keiner auf dem Zettel hatte. Ich nenne da mal Tunay Torun und Tomas Rincon.

Matz ab: Ich war, das gebe ich zu, im Sommer beim Kauf von Ze Roberto ja skeptisch. Hatten Sie auch Zweifel?

Jakobs: Nein, absolut nicht. Man wusste ja, dass er fit ist, und ich war davon überzeugt, dass er dem HSV spielerisch helfen könnte. Dass er allerdings eine so dominante Rolle spielen würde, das hat mich dann doch ein wenig überrascht. Er spielte zuletzt in der Form seines Lebens. Und ich denke auch, dass man einen Mann wie ihn einfach nicht ersetzen kann.

Matz ab: Hat der neue Trainer Bruno Labbadia den HSV fußballerisch schon weiter gebracht?

Jakobs: Von der Spielweise her ist es interessanter geworden. Und ich hoffe, dass es so weitergehen wird. Und das hoffe ich nicht nur, davon bin ich auch total überzeugt, denn in meinen Augen hat die Mannschaft in den Zeiten, als es die vielen Ausfälle gab, ein ganz starkes Wir-Gefühl entwickelt.

Matz ab: Dieses Wir-Gefühl zeichnete Ihre Mannschaft damals, die von 1983, doch auch aus Kann das heutige Labbadia-Team daran schon anknüpfen?

Jakobs: Wir hatten dieses Wir-Gefühl damals über sieben, acht Jahre, das war schon außergewöhnlich. Die jetzige Mannschaft wird noch wachsen, aber was ich sehe ist die Tatsache, dass sich die jungen Leute voll reinhängen, dass sie auch hervorragend integriert sind. Das ist schon fast optimal zu nennen.

Matz ab: Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass in diesem HSV-Team irgendwie mehr Zug ist als in den letzten Jahren?

Jakobs: Nein, das sehe ich nicht so. Disziplin war vorher auch drin. Ich sehe nur, dass sie unter Bruno Labbadia noch ein wenig enger zusammengerückt sind.

Matz ab: Wer ist für Sie, neben Ze Roberto, bislang die Entdeckung dieser Saison?

Jakobs: Jerome Boateng. Dass er als Innenverteidiger mit so viel Auge und so viel Klasse spielt, das ist überragend. Und dazu muss ich auch Tomas Rincon nennen, der gerade in den letzten Wochen einen enormen Sprung nach vorne gemacht hat.

Matz ab: Haben Sie es Rincon in dieser Form zugetraut, denn er hat vorher ja kaum gespielt?

Jakobs: Ja, ganz klar. Ich habe ihn einmal unter Martin Jol für 30 Minuten gesehen, da konnte man schon erkennen, dass er eine Stütze dieser Mannschaft werden kann. Er muss nur auf der Sechser-Position spielen, da ist er schon so gut wie einst Nigel de Jong. Rincon und de Jong sind vom Typ her ähnlich, sie sind beide unheimlich giftig, aber Rincon halte ich fußballerisch noch für etwas stärker – und er ist mit 22 Jahren ja auch noch ein ganz junger und entwicklungsfähiger Mann.

Matz ab: Wie beurteilen Sie die Vertragsverlängerung von Torwart Frank Rost? Kommt da Freude bei Ihnen auf, oder ist es aufgrund des Alters ein Risiko?

Jakobs: Das alles hat nichts mit Alter zu tun, sondern einzig und allein damit, ob ein Spieler gut ist und seine Leistungen bringt. Und das ist bei Frank Rost eindeutig der Fall, er hat Qualität, ist eine große Stütze des Teams – das ist ähnlich wie bei Ze Roberto.

Matz ab: Piotr Trochowski ist zuletzt ein wenig abgefallen. Muss von einem Nationalspieler nicht doch ein bisschen mehr kommen als das, was er zuletzt anbot?

Jakobs: Mir war klar, dass er zu kämpfen hat, wenn fast alle Spieler zur Verfügung stehen. Wen soll Bruno Labbadia denn sonst aus dem Team nehmen? Trochowski hat in der Defensive Schwierigkeiten, deswegen hat er seinen Platz in der Mannschaft verloren, und wenn erst Ze Roberto wieder dabei ist, dann dürfte es für Piotr Trochowski noch schwerer werden.

Matz ab: Wer wird der nächste deutsche Nationalspieler des HSV? Dennis Aogo, der ja auch für Nigeria spielen könnte?

Jakobs: Er muss es selbst wissen, zu welchem Land er sich hingezogen fühlt. Dennis hat ja für die deutsche U-21-Nationalmannschaft gespielt, deswegen denke ich, dass er sich im Grunde seines Herzens wohl doch für Deutschland und gegen Nigeria entschieden hat. Ich traue ihm auf jeden Fall zu, dass er A-Nationalspieler wird, auch wenn er sicher noch einiges lernen muss. Er ist aber ein großes Talent, und deutsche Verteidiger, die internationale Klasse haben, sind ja auch selten geworden. Was zudem für Dennis spricht: Er ist offensiv stark, schlägt gute Flanken, und er steht auch in der Defensive meistens sehr solide.

Matz ab: Sie waren einst HSV-Kapitän, wie sind Sie mit einem Ihrer Nachfolger zufrieden, mit David Jarolim?

Jakobs: Ob man seine Spielweise nun mag oder nicht, das sei mal dahingestellt, er ist auf jeden Fall ein vorbildlicher Kapitän, denn er gibt in jedem Spiel immer 100 Prozent.

Matz ab: Im Sommer verstärkte der HSV die Offensive, als Marcus Berg und Eljero Elia verpflichtet wurden – wie denken Sie über diese beiden Spieler?

Jakobs: Berg muss noch einiges lernen, aber ich plädiere dafür, dass man ihm diese Zeit gibt. Bei ihm muss man Geduld aufbringen, Marcus Berg hat sicher seine Qualitäten, aber er muss sein Talent noch weiter entwickeln. Und Elia? Was der spielt, das ist schon Extraklasse. Der ist kaum zu stoppen, weil er am Ball sehr stark ist, weil er schnell ist, und weil er dazu auch körperlich enorm robust ist.

Matz ab: Sollte der HSV Ihrer Meinung nach in der Winterpause noch einmal auf dem Transfermarkt zuschlagen?

Jakobs: Wenn das Verletzungspech anhält, dann ja, aber nur dann. Eigentlich würde ich jetzt keine neuen Spieler mehr holen, denn: Spieler, die sofort helfen könnten, die sind rar und sind zudem sehr teuer. Schon deshalb würde ich darauf verzichten. Und beim HSV haben doch die Spieler aus der zweiten Reihe fast alle gezeigt, dass auf sie Verlass ist, wenn man sie braucht.

Matz ab: Eine Frage zum Werder-Spiel am Sonntag kann ich Ihnen einfach nicht ersparen: War das Foul von Jerome Boateng an Marin in Ihren Augen eine Rote Karte?

Jakobs: Wenn der Schiedsrichter pfeift, dann ist es Rot, so einfach ist das, so ist die Regel auszulegen. Boateng ist in dieser Szene der letzte Mann und vereitelt eine Torchance. Aber ich frage auch einmal ganz anders: Wenn Mertesacker oder auch Naldo das mit Elia gemacht hätten, was wäre dann gewesen? Dann hätten alle Hamburger doch auch Rot gefordert, oder? Dass Marin dann natürlich den Körperkontakt auch dankbar angenommen hat, das ist auch klar.

Matz ab: In der Europa League kommt es demnächst zum Duell mit dem PSV Eindhoven. Machbar? Oder nicht machbar?

Jakobs: Irgendwo habe ich gelesen, dass es jetzt keine schwachen Gegner mehr gibt. Das stimmt wohl. Umgekehrt ist es aber auch so, dass es kaum unschlagbare Gegner gibt, außer einem Klub, aber der spielt aber in der Champions League. Alle anderen Gegner sind machbar, ich glaube, dass in diesem Duell die Tagesform entscheidend sein wird.

Matz ab: Und was ist für den HSV in Sachen Bundesliga noch möglich?

Jakobs: Ich traue dem HSV eindeutig einen Platz unter den ersten drei Klubs zu, denn in dieser Mannschaft steckt wahnsinnig viel Potenzial. Die Mischung stimmt ganz einfach.

Matz ab: Also kann der HSV auch Meister werden?

Jakobs: Meister? Dann müsste es schon sensationell und optimal laufen, dann dürfte es keine weiteren Verletzte mehr geben, dann müsste man mit dieser Truppe auch das nächste halbe Jahr durchspielen können. Ist das der Fall, dann kann sie auch ganz große Ziele erreichen.

Soweit das Gespräch mit Ditmar Jakobs. Neben anderen hatte der frühere Nationalspieler ja auch von Tomas Rincon geschwärmt, der gegen Werder zu den besten Hamburgern gehörte. Der Südamerikaner stellte damit erneut seine erstaunliche Wandlung unter Beweis. Ihr erinnert Euch: Als hier bei „Matz ab“ im Herbst immer wieder gefragt wurde, warum Rincon keine Bewährungschance erhält, habe ich stets geantwortet, dass er dem Trainer wohl zu ungestüm und zu undiszipliniert sei. War er damals wahrscheinlich auch noch, aber das hat er längst abgestellt. Und dennoch gab es gegen Bremen einen ganz kleinen Rückfall: Gelb schon in der 12. Minute.

Bei jedem in der Arena gingen sofort die Antennen hoch: Wie soll der „Büffel“ Rincon die restlichen 78 Minuten ohne weitere Verwarnung überstehen? Er schaffte es. Grandios sogar. Geriet nicht einmal mehr in ernste Gefahr. Und verriet auch, warum: „Ich habe mich mit meinen Abwehrkollegen abgestimmt, und wir haben dann auch ein gutes Gleichgewicht gefunden.“ Dass er zum ersten Mal auf Schnee Fußball gespielt hat, bemerkte er quasi nebenbei. Und befand lachend: „Das war heiß, sehr heiß.“ Trotz der Minusgraden von sechs, sieben und acht Grad.

Immerhin gab Rincon zu: „Das war mein bislang schwerstes Spiel für den HSV. Was nicht so sehr an Gegenspieler Özil lag, sondern vielmehr daran, dass Jerome Boateng so schnell die Rote Karte gesehen hatte. Was für mich eindeutig keine Rote Karte war.“ Dass Mesut Özil nicht zu seinem Spiel fand und später ausgewechselt wurde, das empfand Rincon nicht als persönlichen Triumph: „Es war ein Erfolg der ganzen Mannschaft.“ Zurückhaltend und bescheiden ist er auch noch. Und ein wenig verträumt: „Irgendwie kommt es mir wie ein Weihnachtsmärchen vor, dass ich das Jahr so erfolgreich abschließen konnte.“

Dann wünschen wir ihm doch mal wunderschöne Festtage (in der Heimat), und dass er an diese ausgezeichnete Form im Januar auch wieder anknüpfen kann.

Kurz zum Abschluss noch ein Abstecher in eigener Sache, weil ich ja danach gefragt hatte: Auf dem Reim-Video für das Werder-Spiel sind tatsächlich die beiden ehemaligen HSV-Profis Nils Bahr und Tobias Homp zu sehen. Und noch ein kurzer Schwenk. Ihr habt Hermann Rieger am Rande des Werder-Spiels gesehen – ich auch. Und ich habe ihn bei der Gelegenheit gefragt, ob er am 19. Februar zum Matz-ab-Treffen in die Raute kommen möchte – und er will, er wird dabei sein. Seine Krankheit, so sagt er, hat er bis dahin abgehakt. Ich, und ich bin sicher auch Ihr alle, wir drücken ihm die Daumen.

22.55 Uhr

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