Tagesarchiv für den 21. Dezember 2009

Ditmar Jakobs zieht Bilanz

21. Dezember 2009

So, nun haben wir ja fast schon Weihnachten, das Fest der Liebe und des Friedens, und ich will eigentlich auch gar nichts mehr über Schiedsrichter Florian Meyer schreiben, aber, aber: Am Tag danach telefonierte ich mit Martin Jol, Trainer von Ajax Amsterdam. Weil dessen Spiel am Sonntag ausgefallen war, konnte er sich im Fernsehen live HSV gegen Werder Bremen ansehen. Und Martin Jol lobte erstens den HSV und sagte zweitens über den Platzverweis von Jerome Boateng: „Das war doch niemals eine Rote Karte. Was hat der Herr Meyer da gepfiffen? Dafür Rot zu geben – ich kann es nicht zu fassen, mir tat Jerome leid.“

Nun ja, der Deutsche Fußball-Bund schloss sich dieser Meinung ja offenbar auch an, Boateng wurde nur für ein Spiel gesperrt – weil dies nun einmal die Mindeststrafe für Rot ist. Und wo ich gerade bei guten Nachrichten bin: Der Vertrag mit Sören Bertram, dem vielleicht größten HSV-Talent, wurde nun verlängert, der HSV geht seinen Weg der jungen Nachwuchsspieler konsequent weiter. An Bertram waren auch andere Bundesliga-Klubs interessiert, ich glaube, wir werden in den nächsten Jahren noch sehr viel Gutes von dem Mittelfeldspieler hören.

Gutes, da sind wir uns ja wohl alle auch einig, gab es ja in dieser Hinrunde schon sehr, sehr viel. Platz vier trotz dieser unglaublichen Verletzungsmisere, das kann sich sehen lassen. Zumal es nun schon seit einem halben Jahr keinen Sportchef mehr gibt. Und wohl auch in den nächsten Wochen noch nicht. Aufsichtsrats-Chef Horst Becker befand nun erneut: „Ein Sportchef schießt ja keine Tore.“

Mein Tipp in Sachen Beiersdorfer-Nachfolge heißt beharrlich Horst Heldt. Der VfB-Manager eiert seit Tagen schon so konsequent um eine klare Aussage herum, so dass ihn niemand festnageln kann. Heldt kommt, so denke ich mir, in ein paar Wochen nach Hamburg. Dann, wenn sich Stuttgart sportlich wieder gefangen hat. Und wenn Heldt dann doch nicht kommen sollte, dann glaube ich ganz einfach, dass es Bruno Labbadia und Bernd Hoffmann im Duett machen. Das heißt, vielleicht noch mit einem Mann im Rücken, der das Vertrauen von Labbadia besitzt. Und: Vielleicht ist dieser Mann ja schon beim HSV? Ausgeschlossen ist das in meinen Augen nicht. Marinus Bester, Richard Golz, Bernd Wehmeyer? Das wären für mich die üblichen Verdächtigen, und mit dieser Nummer könnte ich sogar sehr gut leben. Sehr, sehr gut sogar. Vielleicht ja auch der HSV.

Ja, im Moment kann der Klub doch überhaupt nicht klagen. Sportlich läuft es, die Mannschaft hat die vielen Ausfälle bestens verkraftet, die K.o.-Runde in der Europa League ist erreicht worden, nachganz oben ist in der Bundesliga noch immer alles möglich, was ja auch der große Uli Hoeneß am Sonntag im Doppelpass bestätigte hat: „Wenn der HSV alle Spieler an Bord hat, dann spielt auch er sicher auch eine gewichtige Rolle in Sachen Meisterschaft.“

Wie ein „Ehemaliger“ des HSV über die nun abgelaufene Hinrunde denkt, erfahrt Ihr nun an dieser Stelle. Ich habe mit dem früheren Kapitän Ditmar Jakobs ein kleines Interview geführt, das nun beginnt:

Matz ab: Herr Jakobs, sind Sie zufrieden mit dem bisherigen Saisonverlauf des HSV?

Ditmar Jakobs: „Doch, eigentlich schon, wenn man mal davon absieht, dass die beiden Heimspiele gegen Mönchengladbach und Bochum verloren gegangen sind, obwohl das völlig unnötig war. Diese Niederlagen tun noch immer weh, denn wo würde der HSV wohl heute stehen?

Matz ab: Zumal es auch eine unheimliche Verletztenmisere zu überstehen gab. Haben Sie so etwas schon einmal mitgemacht?

Jakobs: Noch nie, wir hatten damals auch nie solche schweren Verletzungen. Und bei uns sind auch nie solche Schlüsselfiguren wie jetzt Ze Roberto so langfristig ausgefallen. Für mich ist der Brasilianer, das einmal schnell nebenbei, der Spieler der Hinrunde. Zurück zu den Ausfällen: Die vielen Verletzungen hatten, das sollte man nicht vergessen, auch etwas Gutes, denn es spielten sich einige Leute in den Vordergrund, die vorher keiner auf dem Zettel hatte. Ich nenne da mal Tunay Torun und Tomas Rincon.

Matz ab: Ich war, das gebe ich zu, im Sommer beim Kauf von Ze Roberto ja skeptisch. Hatten Sie auch Zweifel?

Jakobs: Nein, absolut nicht. Man wusste ja, dass er fit ist, und ich war davon überzeugt, dass er dem HSV spielerisch helfen könnte. Dass er allerdings eine so dominante Rolle spielen würde, das hat mich dann doch ein wenig überrascht. Er spielte zuletzt in der Form seines Lebens. Und ich denke auch, dass man einen Mann wie ihn einfach nicht ersetzen kann.

Matz ab: Hat der neue Trainer Bruno Labbadia den HSV fußballerisch schon weiter gebracht?

Jakobs: Von der Spielweise her ist es interessanter geworden. Und ich hoffe, dass es so weitergehen wird. Und das hoffe ich nicht nur, davon bin ich auch total überzeugt, denn in meinen Augen hat die Mannschaft in den Zeiten, als es die vielen Ausfälle gab, ein ganz starkes Wir-Gefühl entwickelt.

Matz ab: Dieses Wir-Gefühl zeichnete Ihre Mannschaft damals, die von 1983, doch auch aus Kann das heutige Labbadia-Team daran schon anknüpfen?

Jakobs: Wir hatten dieses Wir-Gefühl damals über sieben, acht Jahre, das war schon außergewöhnlich. Die jetzige Mannschaft wird noch wachsen, aber was ich sehe ist die Tatsache, dass sich die jungen Leute voll reinhängen, dass sie auch hervorragend integriert sind. Das ist schon fast optimal zu nennen.

Matz ab: Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass in diesem HSV-Team irgendwie mehr Zug ist als in den letzten Jahren?

Jakobs: Nein, das sehe ich nicht so. Disziplin war vorher auch drin. Ich sehe nur, dass sie unter Bruno Labbadia noch ein wenig enger zusammengerückt sind.

Matz ab: Wer ist für Sie, neben Ze Roberto, bislang die Entdeckung dieser Saison?

Jakobs: Jerome Boateng. Dass er als Innenverteidiger mit so viel Auge und so viel Klasse spielt, das ist überragend. Und dazu muss ich auch Tomas Rincon nennen, der gerade in den letzten Wochen einen enormen Sprung nach vorne gemacht hat.

Matz ab: Haben Sie es Rincon in dieser Form zugetraut, denn er hat vorher ja kaum gespielt?

Jakobs: Ja, ganz klar. Ich habe ihn einmal unter Martin Jol für 30 Minuten gesehen, da konnte man schon erkennen, dass er eine Stütze dieser Mannschaft werden kann. Er muss nur auf der Sechser-Position spielen, da ist er schon so gut wie einst Nigel de Jong. Rincon und de Jong sind vom Typ her ähnlich, sie sind beide unheimlich giftig, aber Rincon halte ich fußballerisch noch für etwas stärker – und er ist mit 22 Jahren ja auch noch ein ganz junger und entwicklungsfähiger Mann.

Matz ab: Wie beurteilen Sie die Vertragsverlängerung von Torwart Frank Rost? Kommt da Freude bei Ihnen auf, oder ist es aufgrund des Alters ein Risiko?

Jakobs: Das alles hat nichts mit Alter zu tun, sondern einzig und allein damit, ob ein Spieler gut ist und seine Leistungen bringt. Und das ist bei Frank Rost eindeutig der Fall, er hat Qualität, ist eine große Stütze des Teams – das ist ähnlich wie bei Ze Roberto.

Matz ab: Piotr Trochowski ist zuletzt ein wenig abgefallen. Muss von einem Nationalspieler nicht doch ein bisschen mehr kommen als das, was er zuletzt anbot?

Jakobs: Mir war klar, dass er zu kämpfen hat, wenn fast alle Spieler zur Verfügung stehen. Wen soll Bruno Labbadia denn sonst aus dem Team nehmen? Trochowski hat in der Defensive Schwierigkeiten, deswegen hat er seinen Platz in der Mannschaft verloren, und wenn erst Ze Roberto wieder dabei ist, dann dürfte es für Piotr Trochowski noch schwerer werden.

Matz ab: Wer wird der nächste deutsche Nationalspieler des HSV? Dennis Aogo, der ja auch für Nigeria spielen könnte?

Jakobs: Er muss es selbst wissen, zu welchem Land er sich hingezogen fühlt. Dennis hat ja für die deutsche U-21-Nationalmannschaft gespielt, deswegen denke ich, dass er sich im Grunde seines Herzens wohl doch für Deutschland und gegen Nigeria entschieden hat. Ich traue ihm auf jeden Fall zu, dass er A-Nationalspieler wird, auch wenn er sicher noch einiges lernen muss. Er ist aber ein großes Talent, und deutsche Verteidiger, die internationale Klasse haben, sind ja auch selten geworden. Was zudem für Dennis spricht: Er ist offensiv stark, schlägt gute Flanken, und er steht auch in der Defensive meistens sehr solide.

Matz ab: Sie waren einst HSV-Kapitän, wie sind Sie mit einem Ihrer Nachfolger zufrieden, mit David Jarolim?

Jakobs: Ob man seine Spielweise nun mag oder nicht, das sei mal dahingestellt, er ist auf jeden Fall ein vorbildlicher Kapitän, denn er gibt in jedem Spiel immer 100 Prozent.

Matz ab: Im Sommer verstärkte der HSV die Offensive, als Marcus Berg und Eljero Elia verpflichtet wurden – wie denken Sie über diese beiden Spieler?

Jakobs: Berg muss noch einiges lernen, aber ich plädiere dafür, dass man ihm diese Zeit gibt. Bei ihm muss man Geduld aufbringen, Marcus Berg hat sicher seine Qualitäten, aber er muss sein Talent noch weiter entwickeln. Und Elia? Was der spielt, das ist schon Extraklasse. Der ist kaum zu stoppen, weil er am Ball sehr stark ist, weil er schnell ist, und weil er dazu auch körperlich enorm robust ist.

Matz ab: Sollte der HSV Ihrer Meinung nach in der Winterpause noch einmal auf dem Transfermarkt zuschlagen?

Jakobs: Wenn das Verletzungspech anhält, dann ja, aber nur dann. Eigentlich würde ich jetzt keine neuen Spieler mehr holen, denn: Spieler, die sofort helfen könnten, die sind rar und sind zudem sehr teuer. Schon deshalb würde ich darauf verzichten. Und beim HSV haben doch die Spieler aus der zweiten Reihe fast alle gezeigt, dass auf sie Verlass ist, wenn man sie braucht.

Matz ab: Eine Frage zum Werder-Spiel am Sonntag kann ich Ihnen einfach nicht ersparen: War das Foul von Jerome Boateng an Marin in Ihren Augen eine Rote Karte?

Jakobs: Wenn der Schiedsrichter pfeift, dann ist es Rot, so einfach ist das, so ist die Regel auszulegen. Boateng ist in dieser Szene der letzte Mann und vereitelt eine Torchance. Aber ich frage auch einmal ganz anders: Wenn Mertesacker oder auch Naldo das mit Elia gemacht hätten, was wäre dann gewesen? Dann hätten alle Hamburger doch auch Rot gefordert, oder? Dass Marin dann natürlich den Körperkontakt auch dankbar angenommen hat, das ist auch klar.

Matz ab: In der Europa League kommt es demnächst zum Duell mit dem PSV Eindhoven. Machbar? Oder nicht machbar?

Jakobs: Irgendwo habe ich gelesen, dass es jetzt keine schwachen Gegner mehr gibt. Das stimmt wohl. Umgekehrt ist es aber auch so, dass es kaum unschlagbare Gegner gibt, außer einem Klub, aber der spielt aber in der Champions League. Alle anderen Gegner sind machbar, ich glaube, dass in diesem Duell die Tagesform entscheidend sein wird.

Matz ab: Und was ist für den HSV in Sachen Bundesliga noch möglich?

Jakobs: Ich traue dem HSV eindeutig einen Platz unter den ersten drei Klubs zu, denn in dieser Mannschaft steckt wahnsinnig viel Potenzial. Die Mischung stimmt ganz einfach.

Matz ab: Also kann der HSV auch Meister werden?

Jakobs: Meister? Dann müsste es schon sensationell und optimal laufen, dann dürfte es keine weiteren Verletzte mehr geben, dann müsste man mit dieser Truppe auch das nächste halbe Jahr durchspielen können. Ist das der Fall, dann kann sie auch ganz große Ziele erreichen.

Soweit das Gespräch mit Ditmar Jakobs. Neben anderen hatte der frühere Nationalspieler ja auch von Tomas Rincon geschwärmt, der gegen Werder zu den besten Hamburgern gehörte. Der Südamerikaner stellte damit erneut seine erstaunliche Wandlung unter Beweis. Ihr erinnert Euch: Als hier bei „Matz ab“ im Herbst immer wieder gefragt wurde, warum Rincon keine Bewährungschance erhält, habe ich stets geantwortet, dass er dem Trainer wohl zu ungestüm und zu undiszipliniert sei. War er damals wahrscheinlich auch noch, aber das hat er längst abgestellt. Und dennoch gab es gegen Bremen einen ganz kleinen Rückfall: Gelb schon in der 12. Minute.

Bei jedem in der Arena gingen sofort die Antennen hoch: Wie soll der „Büffel“ Rincon die restlichen 78 Minuten ohne weitere Verwarnung überstehen? Er schaffte es. Grandios sogar. Geriet nicht einmal mehr in ernste Gefahr. Und verriet auch, warum: „Ich habe mich mit meinen Abwehrkollegen abgestimmt, und wir haben dann auch ein gutes Gleichgewicht gefunden.“ Dass er zum ersten Mal auf Schnee Fußball gespielt hat, bemerkte er quasi nebenbei. Und befand lachend: „Das war heiß, sehr heiß.“ Trotz der Minusgraden von sechs, sieben und acht Grad.

Immerhin gab Rincon zu: „Das war mein bislang schwerstes Spiel für den HSV. Was nicht so sehr an Gegenspieler Özil lag, sondern vielmehr daran, dass Jerome Boateng so schnell die Rote Karte gesehen hatte. Was für mich eindeutig keine Rote Karte war.“ Dass Mesut Özil nicht zu seinem Spiel fand und später ausgewechselt wurde, das empfand Rincon nicht als persönlichen Triumph: „Es war ein Erfolg der ganzen Mannschaft.“ Zurückhaltend und bescheiden ist er auch noch. Und ein wenig verträumt: „Irgendwie kommt es mir wie ein Weihnachtsmärchen vor, dass ich das Jahr so erfolgreich abschließen konnte.“

Dann wünschen wir ihm doch mal wunderschöne Festtage (in der Heimat), und dass er an diese ausgezeichnete Form im Januar auch wieder anknüpfen kann.

Kurz zum Abschluss noch ein Abstecher in eigener Sache, weil ich ja danach gefragt hatte: Auf dem Reim-Video für das Werder-Spiel sind tatsächlich die beiden ehemaligen HSV-Profis Nils Bahr und Tobias Homp zu sehen. Und noch ein kurzer Schwenk. Ihr habt Hermann Rieger am Rande des Werder-Spiels gesehen – ich auch. Und ich habe ihn bei der Gelegenheit gefragt, ob er am 19. Februar zum Matz-ab-Treffen in die Raute kommen möchte – und er will, er wird dabei sein. Seine Krankheit, so sagt er, hat er bis dahin abgehakt. Ich, und ich bin sicher auch Ihr alle, wir drücken ihm die Daumen.

22.55 Uhr

Lieber Florian Meyer . . .

21. Dezember 2009

Lieber Florian Meyer,

das ist ein offener Brief. Jeder Mensch hat mal einen schlechten Tag. Sie, Herr Meyer, haben das am Sonntag aus nächster Nähe gesehen. Die Bremer Prödl, Marin und Hunt haben anfängerhaft hundertprozentige Torchancen vergeben, weil sie  aus vier, fünf Metern das HSV-Tor verfehlt haben. Diese Werder-Profis hatten also eindeutig einen schlechten Tag. Solche Tage gibt es. Und solche Tage kenne ich natürlich auch. Die kennt wohl jeder von uns. Und Sie, Herr Meyer, kennen einen solchen Tag nun auch, wenn Sie nicht vorher schon gelegentlich einen schlechten Tag hatten.  An diesem Sonntag aber hatten Sie ganz sicher einen grottenschlechten Tag. So schlecht, da bin ich ganz ehrlich, habe ich Sie noch nie gesehen. Noch nie. Was war nur los? Sie wirkten so, als würden Sie zum ersten Mal ein Spiel der Ersten Bundesliga pfeifen. So oft daneben wie diesmal lagen Sie und Ihre Herren an den Seiten wohl noch nie.

Ich hoffe sehr, dass Ihnen das auch vom offiziellen Schiedsrichter-Beobachter, wenn ich mich nicht irre, war es der Herr Siegfried Kirschen, deutlich gesagt wurde. Wenn nicht, würde ich, das sage ich ganz offen, die Fußball-Welt nicht mehr verstehen.

Herr Meyer, was war das bitte für eine Rote Karte, die Sie dem HSV-Spieler Jerome Boateng unter die Nase gehalten haben? „Diese Karte war ein Witz“, so hat es Matthias Sammer im Fernsehen ausgedrückt. Und Sammer hat durchaus ein bisschen Ahnung vom Metier. Ich gehe noch weiter als Sammer, ich sage: Diese Karte war ein Skandal. Ein Wahnsinn. Und mit dieser Ansicht stehe ich ganz sicher nicht allein. Nach dem Schlusspfiff gab es viele Menschen, die ob Ihrer Leistung, Herr Meyer, bestürzt und total sauer waren. Ich sah Menschen, die nur noch die Köpfe schüttelten. Wenn solche Roten Karten in Zukunft in der Bundesliga Mode werden würden, dann gute Nacht, lieber deutscher Spitzen-Fußball. Dann muss eigentlich nie wieder eine deutsche Mannschaft auf internationalem Parkett auflaufen, denn dort wird ja nur dann eine Karte (Gelb oder Rot ist egal) verteilt, wenn es einen offenen Bruch gegeben hat. Ich weiß, ich übertreibe, aber ich übertreibe bewusst, denn was ist das bitte für eine Pfeiferei in der Bundesliga, und was in der Champions und Europa League? Das müssen Sie, Herr Meyer, wenn Sie Ihre sonntägliche Leistung von Hamburg ganz nüchtern und objektiv beurteilen, doch zugeben.

Für mich ist es leider auch ein kleiner Skandal, dass nach den Regeln der Fifa jede Rote Karte automatisch eine Sperre nach sich ziehen muss. So war es früher jedenfalls, und mir ist nicht bekannt, dass sich daran etwas geändert hätte. In diesem Punkt sich die alten Herren wohl immer noch einig. Wäre es nicht so, würde ich im Fall Boateng ganz eindeutig auf Freispruch plädieren. Aber das wird (m)ein Wunsch bleiben. Schade eigentlich. Denn Menschen haben ja nicht nur mal einen schlechten Tag, sie können ja auch gelegentlich irren. Und dass das dann von Amts wegen nicht korrigiert werden darf, ist fast schon tragisch zu nennen.

Ich war, das muss ich Ihnen einmal kurz sagen, schon als Spieler (habe es leider nur bis zur Verbandsliga gebracht) und als Trainer (nur zur Landesliga) immer ein Freund der Schiedsrichter. Auf dem Spielfeld hat es zwar mitunter richtig gekracht, da ging es rund, da gab es auch einige lautstarke Auseinandersetzungen, da gab es auch pro Jahr einen Platzverweis – aber nach fast jedem Spiel waren selbst die lautesten Ausfälle vergessen. Da gab es einen versöhnlichen Händedruck, eine kurze und freundschaftliche Aussprache – und dann war es wieder gut. Auch als Berichterstatter habe ich in früheren Jahren kaum über Schiedsrichter geklagt, auch höchst selten etwas Böses geschrieben (Ausnahme Hoyzer). Weil ich der Meinung war, dass auch die Unparteiischen – wie jeder Spieler und Trainer – Fehler machen dürfen, denn sie haben ein besonders schweres Amt – das schwerste wohl überhaupt im Profi-Sport.

Herr Meyer, ich habe mit der Zeit viele Ihrer Kollegen aus der Bundesliga persönlich kennen lernen dürfen, ich habe diese Männer auch stets zu schätzen gewusst. Mit einigen bin ich, ich wollte gerade sagen befreundet, aber das wäre zuviel gesagt, aber wir sind immerhin gut bekannt und per Du. Sie, Herr Meyer, habe ich bislang nicht persönlich kennen gelernt, aber ich schätzte Sie stets aus der Ferne. Sie sind für mich der Gentleman unter den deutschen Schiedsrichtern. Und Sie waren für mich bislang auch der beste Mann, die Nummer eins Ihrer Zunft. Wahrscheinlich sind Sie es auch immer noch, denn einen schlechten Tag kann ja jeder, wie eingangs schon geschrieben, einmal haben. Ich werde morgen, drei Tage vor Heiligabend, darüber ganz genau nachdenken, im Moment aber bin ich immer nur noch fassungslos, was Sie für einen schlechten Tag in Hamburg erwischt haben. Aber daran ist ja jetzt ohnehin nichts mehr zu ändern.

Ich stehe ja mit meinen Eindrücken von Ihrer Spielleitung nicht allein auf weiter Flur. Etliche Kollegen haben sich wesentlich drastischer ausgedrückt, als ich jetzt. Und viele VIP-Fans in der Nordbank-Arena schilderten mir nach dem Spiel ihren Kummer. Es war schon mehr ein Klagen: „Der HSV musste mit zehn Mann gegen zwölf spielen.“ Und: „Der HSV hat in dieser Saison immer das Pech, dass er die schlechtesten Schiedsrichter ertragen muss.“ Ich aber glaube nicht, dass das Pech ist. Ich glaube vielmehr, und das ist jetzt ganz hart für Sie und Ihre Kollegen, dass die deutschen Schiedsrichter im Moment ein kleines (oder auch schon größeres) Leistungstief durchlaufen. Es gibt keinen Hellmut Krug, keinen Markus Merk, keinen Herbert Fandel mehr, und das merkt man. Ganz deutlich sogar. Da ist viel Qualität in Rente geschickt worden.

Ich werde im Jahre 2010 30 Jahre HSV-Reporter sein, habe also schon einige Bundesliga-Begegnungen erleben dürfen. Eine solche Phase an schwachen Schiedsrichter-Leistungen, auch das sage ich ganz ehrlich, habe ich aber noch nie erlebt. Und das halte ich für sehr bedenklich. Läuft da etwas schief? Ich glaube ja. Aber ich weiß nicht, wie man es beheben kann? Stehen die deutschen Schiedsrichter zu sehr unter Druck? Weil es zu viele Fernsehkameras in den Stadien gibt, die jeden Fehler gnadenlos analysieren und entlarven? Oder auch deshalb, weil viele Spieler unter die Schauspieler gegangen sind, weil sie  nicht mehr ehrlich und fair sind, sondern mit allen auch unerlaubten Mitteln den Erfolg wollen, selbst wenn diese Mittel noch so verwerflich sind?

Als ich die Trainer-Lizenz erwarb, musste ich auch den Schiedsrichterschein „machen“. Ich fand sogar Gefallen daran, Spiel zu pfeifen. Und ich habe einmal, schon als Reporter für Amateurspiele, ein Kreisliga-Punktspiel gepfiffen, weil keine Schiedsrichter erschienen waren. Ich stellte bei diesem Spiel einen Spieler der Heimmannschaft vom Platz, die Gäste-Elf gewann 4:1. Und trotzdem erhielt ich Lob vom Verlierer. Es hieß sogar wörtlich: „Sie können nächste Woche wieder kommen und unsere Liga pfeifen, das war okay, sogar sehr okay.“ Ich schreibe Ihnen das, weil ich damit bekräftigen möchte, dass ich eigentlich schon immer ein Herz für Schiedsrichter hatte und immer noch habe. Und das ich Verständnis dafür habe, wie schwer Sie und Ihre Kollegen es in diesen Zeiten voller (Übertragungs-)Technik haben. Dennoch muss ich Ihnen sagen: Als kurz vor Schluss der Bremer Frings den Hamburger Tomas Rincon umtrat, standen Sie, Herr Meyer, drei Meter daneben. Und sahen dennoch nichts. Es war ein klares Foul, aber Sie unterbanden das Spiel nicht. Das war, wie etliche andere Szene, schwach von Ihnen.

Nach einem solchen Spiel  schießt mir  der Gedanke durch den Kopf, dass es sich etliche Schiedsrichter selbst oft sehr schwer machen. Sie Herr Meyer nehme ich einmal davon aus, weil ich eigentlich ein “Fan” von Ihnen bin. Andere Kollegen von Ihnen aber pfeifen teilweise wie Roboter. Eiskalt, ohne jede menschliche Regung. Da ist kein sportliches Miteinander zu erkennen, da läuft alles unnahbar nach Schema F ab. Und? Ist das ein vernünftiges Klima unter Sportlern? Und ist das ein Klima, das die Schiedsrichter haben wollen, das sie so auch schätzen?

Ich behaupte mal nein. Wobei kein Spiel zu einer Plauderstunde ausarten soll, aber öfter einmal ein freundliches, nettes Wort zur richtigen Zeit (!) würde sicher helfen, das Eis auf dem Rasen und damit auch im Stadion zu brechen. Und ich glaube fest daran, dass man so als Schiedsrichter auch bessere Leistungen bringen kann. Wobei ich genau weiß, dass viele Spitzen-Schiedsrichter das bekannte Wort Fingerspitzengefühl ablehnen, doch es gibt einige Herren der Zunft, die sich sehr wohl dieses Wortes bedienen. Ich habe Ihnen, Herr Meyer, dieses Wort auch oft genug unterstellt. Ein Fehler?

Sie, Herr Meyer, waren für mich nie ein Roboter. Sie ließen bei Ihren Spielleitungen meistens auch den Menschen Florian Meyer erkennen – so weit Sie es vertreten konnten. Die Art hob (und hebt) Sie von den meisten Ihrer Kollegen so wohltuend ab. Und ich hoffe auch, dass Sie künftig Ihrer Linie treu bleiben werden, denn sonst würde Deutschland noch einen guten Schiedsrichter weniger haben.

Aber Sie sollten sich Ihr Spiel von Hamburg, die Partie HSV gegen Werder Bremen vom 20. Dezember 2009, auch ruhig noch einige Male anschauen und dann in sich gehen. Und nur für sich, ganz allein für sich befinden, dass das eine Schiedsrichter-Leistung war, die auch Sie ein wenig ins Grübeln bringt. Kommen Sie allerdings nicht zu dieser von mir erhofften Erkenntnis (und Selbstkritik), dann würde ich ernsthaft an meinem Fußball-Verstand (ich sage extra nicht Fachverstand) zweifeln.

Der HSV hat gewonnen. Also Ende gut, alles gut. Aber, Herr Meyer, so denke ich nicht. Sonst würde ich diese Zeilen auch nicht schreiben. Ich habe schon vielen Ihrer Kollegen ein Lob erteilt (erteilen dürfen), selbst dann, wenn der HSV das Spiel verloren hatte. Ich möchte, das war und ist stets mein Bestreben, die Leistung eines Unparteiischen immer fair und objektiv bewerten. Und genau deshalb schreibe ich Ihnen diese Zeilen. Fair und objektiv betrachtet muss ich Ihnen diesmal eine ganz schlechte Leistung attestieren. Was ja durchaus mal passieren kann. Pech war für mich nur, dass ich Sie am Tag vor dem Spiel noch als besten Schiedsrichter Deutschlands angekündigt hatte. Ich schrieb, dass ich gerade deswegen von einer Top-Leistung des 23. Mannes überzeugt bin, weil „der Herr Meyer dieses stets brisante Nordderby pfeift“. Und dann das. Das war Pech. Für mich. Und für Sie.

Für den HSV und Hamburg ist es, wie gesagt, gerade noch einmal gut gegangen, es ging mit einem 2:1-Sieg in die Winterpause. Die Frage ist für mich: Ist es auch für Sie gut gegangen? Ich sehe das als wahrscheinlich an, denn früher hieß es ja schon immer (als ich noch Spieler und Trainer war), dass sich unter den Schiedsrichtern nicht gegenseitig in den Rücken gefallen wird. „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“, so hieß es unter uns Fußballern. Diesmal allerdings hoffe ich, dass Sie vom früheren DDR-Schiedsrichter Kirschen doch ein wenig „auf dem Pott gesetzt“ wurden, denn da waren doch einige Fehler zuviel mit im Spiel.

Wenn Sie denn aber daraus lernen, Herr Meyer, dann hat sogar ein solcher Auftritt wie der in Hamburg noch seine gute Seite. Ich hoffe es für Sie. Und für die Bundesliga. Und ich drücke Ihnen auch die Daumen, dass Sie in Ihrer bislang schon großartig verlaufenen Karriere noch weiter, noch bis ganz nach oben an die Spitze gelangen. Das hätten Sie als Gentleman der deutschen Schiedsrichter schon verdient. Ganz objektiv gesagt. Und trotz Ihrer Leistung vom Sonntag.

Ein schönes und stressfreies Fest wünsche ich Ihnen. Und für 2010 alles Gute, viel Erfolg – und bleiben Sie gesund.

Mit freundlichen Grüßen,
Dieter Matz vom Hamburger Abendblatt.

(der auch in Zukunft ein Freund der Schiedsrichter sein möchte – wenn sie ihn nach einem solchen Brief dann immer noch lassen)

PS: Geschrieben in der Nacht von Sonntag auf Montag, 1.58 Uhr. Weil immer noch an dieses Spiel und diese Leistung denkend