Tagesarchiv für den 19. Dezember 2009

Fußball wird im Kopf entschieden

19. Dezember 2009

Bruno Labbadia und sein Assi Eddy Sözer liefen nach dem Trainingsende sofort in den Volkspark, und ich lief auch: zum Auto. So schnell konnte ich gar nicht zittern, wie ich gefroren habe. Auftauen war angesagt. Auch für das Trainerteam. Der schöne Bruno lief mit einer total roten Nase – und nach eigenem Bekunden mit eingefrorenen Füßen – los, ich kann nur hoffen, dass ihm am Sonntag ein Satz heißer Ohren in Form einer Heimniederlage erspart bleibt. Es sah auf dem beheizten Trainingsrasen neben der Arena nicht wirklich nach einem schönen Fußballplatz aus. Schiet-Wetter, Schiet-Winter. Aber keimt daraus nicht auch ein wenig Hoffnung auf? Darauf, dass die langen Kerls von Werder auf einem solchen Geläuf nicht so richtig Fuß fassen können? Abwarten.

Rückschlüsse auf die morgige Aufstellung ließ das Abschlussspiel am Sonnabend nicht zu, und das lag nicht an der einbrechenden Dunkelheit. Labbadia hatte die Spieler bunt durcheinander gewürfelt. Neun gegen neun lautete das Spielchen, ein Team bestand aus Rost, Demel, Rozehnal, Mathijsen, Jansen, Trochowski, Jarolim, Tavares, Pitroipa. Diese Truppe versuchte sich gegen Hesl, Rincon, Boateng, Aogo, Tesche, Elia, Arslan, Berg, Torun. Und das Ergebnis? Wahrscheinlich gewann die Hesl-Truppe 3:1, wahrscheinlich deshalb, weil nicht genau zu klären war, welche Tore wegen einer Abseitsstellung nicht gezählt wurden. Übrigens: Ein Linienrichter war Torwart-Trainer Claus Reitmaier, und der stand wie immer eisern in kurzer Hose am Rande. Nur die Harten komm’ in Garten. . .

Apropos: Bei einem Ausflug aus seinem Tor senste Frank Rost den glücklosen Stürmer Marcus Berg um, es gab ein wildes Geschrei, aber Berg stand nach wenigen Sekunden wieder auf, und der Zwischenfall zog weder einen Freistoß noch sonst eine Konsequenz auf sich. Wobei ich mich bei „wildem Geschrei“ frage, wieso es beim Training (eigentlich) sehr laut, sehr lebhaft und sehr motivierend zugeht, aber während eines Spiels davon recht, recht wenig zu hören und zu sehen ist. Vielleicht ein Ansatz für Bruno Labbadia, darüber mal zu Beginn der Rückrunde mit seinen Mannen zu sprechen, denn wenn man sich verbal gegenseitig unterstützt, ist das auf jeden Fall immer besser – weil hilfreich.

Dazu ist ganz passend, was ich auf dem Weg an die Arena gehört habe. Da traf ich den ehemaligen HSV-Profi Borisa Djordjevic, der ja in der Netzer-Ära geholt wurde, Mitglied der Meistermannschaft von 1983 ist und seit dieser Zeit in Norderstedt lebt. „Bora“ trainiert im Sommer oft jugendliche Fußballer, und denen sagt er immer: „Ihr müsst nach jedem Training oder Spiel Kopfschmerzen haben. Nicht vom Köpfen, sondern vom Denken, denn nur wer beim Fußball auch denken kann, der ist auch erfolgreich.“ Djordjevic sagte es mir heute noch einmal, weil er kürzlich Bayern-Trainer van Gaal im Aktuellen Sportstudio gesehen hatte: „Jetzt schätze ich ihn wirklich sehr, denn van Gaal sagte: ’Die Deutschen denken, dass Fußball mit den Beinen gespielt wird, aber ich sage ihnen, Fußball wird im Kopf entschieden.’ Und genau ist es, was ich auch immer sage.“ Vielleicht erinnern sich daran ja, die HSV-Profis, wenn es am Sonntag gegen den Nachbarn von der Weser geht.

Übrigens: Standards wurden an diesem bitterkalten Tag nicht trainiert, da regiert einmal mehr das Prinzip Hoffnung. Irgendwann muss es doch einmal so richtig flutschen, so denke ich mir, so können doch alle Fußball spielen, wieso ist keiner in der Lage, einen vernünftigen Freistoß und Eckball vor das Tor des Gegners zu befördern. Auch da muss, ja, ganz eindeutig muss, Bruno Labbadia in der Rückrunde den Hebel ansetzen. Ich würde es ja eiskalt so machen: An jenen Tagen, an denen nur vormittags geübt wird, würde ich mir die Experten, die die Standards treten sollen, zum Sondertraining bestellen. Und immer und immer wieder üben lassen. Nicht nur fünf Minuten, sondern mindestens eine Stunde. Und das mehrfach in der Woche. Damit kann eigentlich kein Profi überfordert werden, aber es könnte der Mannschaft und dem Verein helfen.

Es wird nicht leicht sein, dieses gravierende Manko abzustellen, aber was ist schon leicht. Und da bin ich beim Thema Europa League. Ich bin schon sehr erstaunt, wie in Hamburg das Los PSV Eindhoven aufgenommen wurde. Leicht? Naja, ich wüsste etwas anderes, und das werden alle erleben. Der PSV eilt in den Niederlanden seit Wochen von Sieg zu Sieg, ist nach 17 Spielen noch immer ungeschlagen (45 Punkte, 43:13 Tore) – wenn auch nur auf Platz zwei, hinter Twente Enschede.

Apropos oben: Schalke 04 mischt oben mit (Herbstmeister ist aber Bayer Leverkusen, 3:2 über Gladbach!), also hat Felix Magath auch bei seiner neuesten Trainer-Station wieder riesigen Erfolg. Ich gratulierte an diesem Vormittag einem Schalke-Reporter zum Geburtstag, bei der Gelegenheit sprachen wir natürlich auch kurz über Magath – und der Kollege geriet ins Schwärmen: „Ich bin seit Jahrzehnten Schalke-Reporter, deswegen kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass 04 noch keinen Trainer hatte, wie Magath. Der hat alles im Griff, dem folgen sie alle bedingungslos, dem liegen sie hier fast zu Füßen.“ Ich habe nichts anderes erwartet. Übrigens: Am 23. Dezember zeigt das DSF den Audi-Talk, und in dieser Sendung dreht sich dann alles nur um Felix Magath, der vom DSF zum Mann des Jahres gewählt wurde – auch keine Überraschung.

Und wo ich gerade dabei bin: Schiedsrichter des Jahres ist für mich der Mann, der am Sonntag das Derby pfeifen wird: Florian Meyer. Für mich der beste Unparteiische, den wir in Deutschland haben, und dass dieser Mann nun im Volkspark pfeifen darf, ist für mich eine große Beruhigung. Auch wenn es bei Euch sicher den einen oder anderen gibt, der auch an Meyer etwas auszusetzen hat – auch hier gilt: abwarten.

So, ich komme zum Ende. Beim Training fiel mir ein, dass wir in den nächsten Tagen eigentlich mal über Eure beste HSV-Mannschaft aller Zeiten schreiben könnten. Eine Mannschaft, die es nie so gegeben hat, also bei mir würden zum Beispiel Uwe Seeler und Kevin Keegan in einem Team spielen.

Zwei Männer, aber die nur als Beispiel. Zwei andere Herren sind im aktuellen Vierzeiler für das Bremen-Spiel zu sehen, die Ihr beim genaueren Hinsehen eigentlich erkennen müsstet. Ob Ihr es auch tatsächlich schafft? Da bin ich mal gespannt. Und ein Mann ist bei diesem Vierzeiler dabei, den Ihr dann am 19. Februar wieder treffen werdet – so Ihr denn dabei seid, wenn es das große „Matz-ab“-Treffen in der Raute gibt. Übrigens, weil ich immer gefragt werde: Es kann jeder dabei sein, es muss sich keiner vorher anmelden. Und, zu diesem Treffen noch gesagt: In der nächsten Woche setzen wir, Carsten Kober und ich, uns einmal zusammen, ob wir ein Programm machen, was wir machen, wie was laufen könnte. Schon jetzt kann ich sagen, dass es so manchen (großen) Überraschungsgast geben wird. Aber verraten wird nichts, denn ich würde schon schön dämlich aussehen, wenn dann hinterher doch keiner erscheint. Also deswegen gilt auch hier: abwarten.

Bis zum Werder-Spiel.

1725 Uhr