Tagesarchiv für den 18. Dezember 2009

Werder ist Favorit – na und?

18. Dezember 2009

„Wer ist Fred Rutten?“ Für mich war die Auslosung der nächsten Europa-League-Runden eben eine Art Déjà-vu-Erlebnis. Erinnert Ihr Euch noch? Es ist gar nicht so lange her, dass in Hamburg eine intensive Trainersuche stattfand, in deren Zusammenhang Namen von Arsene Wenger über José Mourinho bis hin zu Fred Rutten diskutiert wurden. Und als ich vom DSF zu Rutten befragt wurde, habe ich ein wenig flapsig gesagt: „Wer ist Fred Rutten?“ Das war aber gar nicht despektierlich gemeint, sondern sollte im Zusammenhang mit all den klangvollen Namen der Superstars nur Rutten als Nobody herausstellen. Beim DSF kam dieser Satz damals aber so gut an, dass er immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen ausgestrahlt wurde. Und jetzt kommt ausgerechnet dieser Fred Rutten mit dem PSV Eindhoven im Sechszehntelfinale der Europa League zum HSV. Wenn ich Bernd Wehmeyers Mimik bei der Auslosung richtig gedeutet habe, dann wusste er auch nicht so recht, ob er sich über dieses Los freuen sollte oder nicht. Aber Trainer Bruno Labbadia hat schon Recht: Man muss es nehmen, wie es kommt. Und wenn der HSV wirklich ganz weit in diesem Wettbewerb kommen will, muss er nach den Holländern auch noch Bilbao oder Anderlecht als Gegner im Achtelfinale ausschalten.

Das ist aber alles Zukunftsmusik, schließlich stehen die Spiele gegen Eindhoven erst im Februar 2010 an. Und bis dahin gibt es noch allerhand Wichtigeres zu erledigen. Ich sag nur: Nordderby, Nordderby, Nordderby und noch einmal Nordderby. Danach folgen die Entscheidung in Sachen Sportchef, die Wintervorbereitung und eventuell auch noch die eine oder andere Personalfrage.

Gestern war im Hause Springer übrigens Weihnachtsfeier. Meine Kollegen haben mir berichtet, dass es dort auch ein paar verbale Scharmützelchen in Sachen Nordderby gab. „Wenn die HSV-Fans ein paar Papierkugeln geschickt in den Werder-Strafraum werfen, könnte Hamburg sogar ein Tor treffen“ – so lautete der Gipfel aller übermütigen und natürlich nicht ganz ernst gemeinten Frotzeleien.

Wenn ich nun die beiden jüngsten Auftritte der Kontrahenten im Europapokal betrachte, vergleiche und meine Schlüsse daraus ziehe, dann stelle ich folgende Behauptungen auf. Erstens: Werder (das mit Twente Enschede auch ein Oranje-Team als Gegner in der Europa League gezogen hat) kommt als Favorit in die Nordbank-Arena. Zweitens: Claudio Pizarro ist trotz gerade erst überstandener Verletzung in Topverfassung und vom Papier her einen Schritt weiter als Mladen Petric auf HSV-Seite. Drittens: Die Standards der Bremer von Özil sorgen dank kopfballstarker Spieler wie Mertesacker, Bönisch und Naldo für Dauergefahr und sind mit den leider meist megaharmlosen Hereingaben des HSV nicht ansatzweise zu vergleichen.

Klingt nicht gerade zuversichtlich, oder? Stimmt. Aber trotzdem glaube ich aus HSV-Sicht an einen gelungenen Jahresabschluss am Sonntag. Denn Nordderbys gehorchen ja nicht irgendwelchen Trends, Statistiken oder Experteneinschätzungen (die meisten glauben an einen Werder-Erfolg), sondern entwickeln stets eine gewisse Eigendynamik. Und sie haben es in sich.

Ich hoffe, dass sich Bruno Labbadias Schachzug von Tel Aviv auszahlen wird. Der Großteil der Hamburger Mannschaft, allen voran so wichtige Spieler wie David Jarolim, Dennis Aogo oder auch Jerome Boateng, wird am Sonntag total ausgeruht in das Prestigeduell gehen. Gegen die spielerisch etwas reiferen und variabler agierenden Bremer lässt sich mit einer kämpferischen und läuferisch intensiveren Leistung einiges bewegen. Wie das geht, hat ja gerade erst Schalke 04 – und das sogar in Bremen – demonstriert.

Was die Aufstellung betrifft, erwarte ich im Vergleich zum Sieg in Nürnberg maximal eine Veränderung in der Startelf. Das heißt: Vor Frank Rost werden mit Guy Demel, Boateng, Joris Mathijsen und Dennis Aogo vier gestandene Größen stehen, davor mit Tomas Rincon und Jarolim die „Sechser“, links Marcell Jansen, rechts Tunay Torun oder Piotr Trochowski – und vorne drin Mladen Petric und Eljero Elia.

Dass „Troche“ nach seiner mehr als durchwachsenen Leistung in Israel überhaupt in Frage kommen könnte, liegt am Gegner. Ich habe fast den Eindruck, dass der Nationalspieler gegen fußballerisch starke Mannschaften besser zur Geltung kommt als im Liga-Alltag. Allerdings wäre es für Torun nach seinem guten Auftritt beim FCN ein mittelgroßer Schlag ins Kontor, wenn der Trainer ihn nun im Jahresabschlussspiel auf die Bank setzen würde. Mehr dazu morgen, nach dem Abschlusstraining.

Zum Schluss noch schnell zum Gewinnspiel, bei dem es eine Rekordbeteiligung gab. Allerdings haben auch viele daneben gelegen, weil sie dachten, dass Uwe Seeler beim 9:1 am Rothenbaum gegen Werder vierfacher Torschütze war. Das war aber Klaus Neisner. Und die tragische Derbyfigur war Ditmar Jakobs (ohne „ie“ und mit „k“ statt „c“). Das Trikot hat Petra Ehrhardt gewonnen. Gewinner der Karten ist Barne Warnken.

14:35 Uhr