Tagesarchiv für den 17. Dezember 2009

Die B-Elf verliert 0:1

17. Dezember 2009

Als Frau M. um 18.58 Uhr Mickael Tavares, Wolfgang Hesl, Robert Tesche und David Rozehnal beim Auflaufen in Tel Aviv erblickte, legte sie sich zurück in das Sofa. Ich erkannte ein kurzes Fragen in ihren Augen, und einen leichten Hauch von Entsetzen. Deshalb fragte ich sie: „Was ist denn los? Gefällt dir an dieser Aufstellung irgendetwas nicht?“ Sie, immer noch mit ganz unnatürlich großen, fast ängstlichen Augen: „Der HSV wollte doch eigentlich Gruppenerster werden. So hat es der Trainer doch eben noch vor dem Anpfiff angekündigt. Aber wie soll das denn gehen? Da habe ich aber meine leichten Zweifel.“ Und dann kam es so, wie befürchtet, der HSV verlor in Tel Aviv 0:1 und ist nun am Ende doch nur Zweiter der Gruppe C der Europa League. Schade, da war deutlich mehr drin.

Wenn schon, denn schon: Ich hätte ja gerne noch Maximilian Beister gesehen, dazu noch Sören Bertram. Beide von Anfang an. Das hätte zu diesem vorweihnachtlichen Betriebsausflug doch noch ganz gut gepasst. So oder so, Bruno Labbadia wollte mit dieser Aufstellung ein Zeichen setzen. Richtung Werder. Getreu dem Motto: „Seht her, ihr lieben Bremer, wir können unsere besten Spieler auch schonen. Und zwar von Anfang an.“

Der Start der Hamburger B-Elf konnte sich auch durchaus noch sehen lassen. Alle Spieler waren viel in Bewegung, jeder wollte sich zeigen, so hatte es sich Bruno Labbadia offensichtlich auch erhofft. Das sah nicht nach Niederlage aus. Marcell Jansen legte nach seinen zuletzt überragenden Auftritten einen guten Start hin, der HSV stand eher vor dem 1:0, so hatte ich den Eindruck, als die Israelis. Bis Jansen nach zehn Minuten einen Elfmeter haben wollte, weil er im Hapoel-Strafraum zu Boden gegangen war. Danach ging es aber wirklich bergab. Mit Jansen und auch mit dem HSV. Fast logisch deshalb das Führungstor der Hausherren. Jansen beging den entscheidenden Fehler, als er einen langen Pass nicht abfangen konnte, Yeboah (ausgerechnet ein Stürmer namens Yeboah!) schob gegen Hesl ein; den HSV-Torwart traf keine Schuld, er wollte am Eck des Fünfmeterraumes den Winkel verkürzen.

Die einzig gute Tormöglichkeit vergab Marcus Berg, der prächtig von Mladen Petric frei gespielt worden war. Der Schwede zog aus elf Metern ab, aber viel zu unplatziert, Torwart Enyeama konnte problemlos halten. Aber da war deutlich mehr drin. Es fehlte dem Strafraum-Stürmer in dieser Szene der „Killer-Instinkt“.

Was auffiel: Im Hamburger Mittelfeld lief kaum etwas zusammen. Ein Wunder? Eigentlich nicht, denn in dieser Zusammensetzung haben die Herren ja kaum einmal zuvor gespielt. Von Tesche und Tavares konnte man keine Wunderdinge erwarten, Frau M. (inzwischen ja eine absolute Fachfrau) tat es auch nicht, ich ebenfalls nicht. Von Piotr Trochowski hatte ich mir mehr erhofft – Frau M. wahrscheinlich auch, obwohl ich sie noch nicht gefragt habe – aber da kam nichts. Der ein wenig aufs Abstellgleis geschobene Nationalspieler spielte mir zu körperlos, schoss auch nur zweimal auf das israelische Tor. Logische Konsequenz zur Pause: Labbadia ließ „Troche“ in der Kabine. Wie auch Tavares. Schonung für Bremen? Eher nicht.

Von Mladen Petric war auch nicht viel zu sehen, aber das kam für mich erwartungsgemäß. Er kann ganz einfach noch nicht so weit sein, obwohl er, das war schon überraschend, kämpferisch gegen Ende des Spiels noch zulegen konnte. Dennoch, ich lege mich da fest: Es war wichtig, dass der Kroate 90 Minuten lang dabei war, denn jede Spielminute bringt ihn seiner Bestform wieder näher. Was ich von Berg nicht behaupten kann. Nach vorne ging kaum etwas, bei Berg ging gar nichts. Ein solches Spiel wirft ihn eher zurück, als dass es ihn nach vorne bringt.

Apropos Berg: Er wurde in der 36. Minute böse von hinten von Ben Dayan umgegrätscht, aber der russische Schiedsrichter Nikolajew tat das mit einer lässigen Handbewegung ab – so wie es unsere Unparteiischen in der Bundesliga so oft zu tun pflegen. Es gab nicht einmal Freistoß, es gab lediglich Einwurf. Zu dieser Szene passend: Als Jansen in der 76. Minute Zehavi umsäbelte, hätte ein etwas strengerer Schiedsrichter auch leicht mal Rot ziehen können. Für mich ist s nach wie vor ein Phänomen, dass die Unparteiischen international mehr durch gehen lassen, als in der eigenen Liga, obwohl ich auch nicht weiß, wie dieser Herr in Russland pfeift. Das gebe ich natürlich zu.

Dass Labbadia zur zweiten Halbzeit mit Eljero Elia und Tunay Torun zwei offensive Kräfte brachte, das zeugte davon, dass er dieses Spiel doch nicht abschenken wollte. Und Frau M. lächelte auch schon wieder etwas mehr, denn: Der HSV schien wacher, williger, entschlossener. Und er übernahm eindeutig das Kommando. Torun hätte das 1:1 erzielen könne, fast müssen, als er in de 58. Minute aus elf Metern frei zum Schuss kam, den Ball aber mit seinem schwächeren linken Fuß in die Wolken beförderte. Und nur Sekunden später hatte Elia Torwart Enyeama bereits überwunden, aber Badir rettete auf der Torlinie. Das war Pech.
Der HSV drückte, aber der letzte Pass war oft zu ungenau, das erlösende Tor wollte einfach nicht fallen. Für Sonntag aufgespart?

Schiet-Wetter, Schiet-Ergebnis – abhaken, Werder wartet!

20.50 Uhr