Tagesarchiv für den 14. Dezember 2009

Das Vorbild Torun

14. Dezember 2009

Auf dem Rasen am Volkspark trainierten Wolfgang Hesl und Tom Mickel. Nebenan war Jonathan Pitroipa mit Reha-Trainer Markus Günther am Ball. Mehr war nicht los. Eine halbe Stunde lang jedenfalls. Dann kehrte die Mannschaft, angeführt von Bruno Labbadia, vom Waldlauf an die Nordbank-Arena zurück. Dort angekommen, trennte sich die Spreu vom Weizen: Der Stamm lief in die Kabine, die Ersatzleute trotteten auf den Rasen. Am Ende dieser Reihe: Piotr Trochowski. Glücklich sah der Nationalspieler nicht aus, und er war es ganz sicher auch nicht. Das sind zurzeit harte Tage für ihn, denn so hatte er sich den Jahresausklang ganz sicher nicht vorgestellt, aber offensichtlich ist es so, dass der Trainer keine Rücksicht auf große Namen nimmt.

Gut möglich allerdings, dass „Troche“ am Donnerstag, beim Europa-League-Spiel in Israel, wieder von Beginn an spielen wird. So paradox es sich auch anhört: Labbadia wird sicher den einen oder anderen „wichtigen“ Spieler schonen, um ihn für Sonntag bei 100 Prozent zu haben. Wobei, ich höre jetzt schon den Aufschrei von einigen von Euch, der Coach natürlich weiß, wie wichtig der erste Platz in der Gruppenphase ist, denn so umgeht man einem Tabellendritten der Champions League. Aber das eine was man will, das andere was man kann. Geht es gegen Bremen schief, sind die „Quarker“ ganz sicher in der Überzahl, die meinen, man hätte donnerstags in Israel doch besser rotieren müssen. . .

Aber, und das halte ich für ganz wichtig, Bruno Labbadia mit den Gedanken spielt, den einen oder anderen jungen Mann in Tel Aviv von der Leine zu lassen. Der Coach denkt an Maximilian Beister und eventuell Sören Bertram (so er sich schulisch aus Hamburg lösen kann). Und den Mut des Trainers halte ich für super-stark. Die jungen Knaben müssen sich dann in einem ganz wichtigen Spiel beweisen, sie müssen sich durchbeißen und können sich nicht lässig zurücklehnen, weil es sich nur um ein „Freundschaftsspiel“ handelt. Früh übt sich, was ein Meister werden will.

So wie es Tunay Torun jetzt schon (fast) ist. Auch hier ein dickes Kompliment, Herr Labbadia, der talentierte Stürmer spielt beinahe schon auf Augenhöhe mit den großen Stars dieser Mannschaft. Da wächst ein Angreifer heran, an dem der HSV (hoffentlich) noch viel Freude haben wird. Ich hatte es zum Glück schon Tage vor dem Nürnberg-Spiel geschrieben, dass Torun frisch, frech, frei und unbekümmert im Training aufdribbelt, dass er dagegen hält, dass er sich nichts „gefallen“ lässt – im Gegenteil, dass er mitmischt wie ein „Alter“. Und genau so hat er in Nürnberg gespielt – einfach nur toll.

Für mich waren nicht Eljero Elia und Marcell Jansen die Spieler dieser 90 Minuten, obwohl sie natürlich meisterlich und überragend aufgezogen haben, für mich war es Tunay Torun. Vor Wochen schon habe ich den jungen Türken von der Statur her mit dem jungen Uwe Seeler verglichen, beim 3:0 gegen den Club zog Torun nun schon so ab, wie einst „uns Uwe“ in seinen besten Zeiten. Es war wirklich herrlich anzusehen. Schade nur, dass der Sky-Reporter meinte, dass dieser Schuss haltbar gewesen sei, in meinen Augen war er es nicht.

Die Szenen danach waren herrlich, als Elia sich vor Freude auf den Rasen setzte. Viel schöner aber war anzusehen, wie sehr sich die Mitspieler über diesen Treffer gefreut haben, wie sie kamen, um dem jungen Torschützen zu gratulieren. Da merkte man, wie sehr Tunay Torun schon ein wichtiger Bestandteil dieser HSV-Mannschaft geworden ist.

Kurios – oder auch komisch – war für mich, dass ich nach dem 3:0 des HSV am Sonnabend sofort an Hamburgs Verbandstrainer Uwe Jahn denken musste. Der, seit 14 Jahren in unserer Stadt im Amt, war kürzlich mit einer chinesischen Delegation an der Arena, um dem HSV-Training beizuwohnen, und er schwärmte mir dabei von Tunay Torun war. Und zwar in den höchsten Tönen. Jahn hält die größten Stücke auf den HSV-Stürmer, der Verbandscoach hat ihn seit der frühesten Jugend begleitet und sagt über ihn: „Er hat alles, was ein Stürmer braucht, er ist schnell, kann etwas am Ball, er kann großartig schießen, und er hat den unbedingten Willen, sich durchzubeißen.“ Jahn zum Abschluss dieser Lobeshymne: „Ich würde mich allein deswegen für Tunay freuen, wenn er es packt, weil damit endlich mal ein eigenes HSV-Talent den Sprung zu den Profis geschafft hätte.“ So ganz nebenbei, ich weiß nicht, ob es allen von Euch aufgefallen ist; Torun ist bei Bruno Labbadia auch ein wichtiger Schütze für die Standards geworden. Auch das ist ein Zeichen, dass der Coach ihm schon viel Verantwortung überträgt, dass er bereit ist, ihm schon jetzt viel Verantwortung zu geben. Ein hervorragendes Zeichen.

Der 19-jährige Torun, der hoffentlich nicht abheben wird, sollte allen jungen Spielern des HSV, die sich mit dem Gedanken tragen, in Hamburg Karriere machen zu wollen, ein leuchtendes Vorbild sein. Und er sollte für Bruno Labbadia ein Anreiz sein, weiter so mit dem Talentschuppen zu verfahren. In jüngster Vergangenheit hat kein HSV-Trainer so viel Mut bewiesen, junge Kräfte in Feuer zu schicken – wie Labbadia. Okay, okay, Ihr werdet jetzt sagen, dass der Trainer ja auch gar keine andere Wahl hatte, denn die Verletztenliste war ja viel zu lang, aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Fest steht, dass kein Huub Stevens und kein Martin Jol so viel Mut bewiesen hat, auf auch nur ein Talent zu bauen. Immerhin hing auch zu Beginn des Jahres 2009 ein Tomas Rincon lange Zeit in der Luft, ohne Beachtung zu finden. Bei Labbadia hat er auch gebraucht, aber er hat es immerhin gewagt – und wurde belohnt. Und ein Beister und ein Bertram sind auch so dicht wie nie an der Profi-Truppe. Von Tolgay Arslan und Torun ganz zu schweigen.

Beim heutigen Training war „Benno Hafas“ eine zeitlang an meiner Seite, er bekam es mit, dass ich mit einem Bundesliga-Schiedsrichter (der zu den arrivierten Leuten gehört!) telefonierte. Ich erzähle es deswegen, weil es beweisen soll, dass es keine Luftblase ist: Dieser Unparteiische, den ich bewusst nicht mit seinem Namen nenne (wegen der Befangenheit), hat den HSV sehr gelobt und abschließend gesagt: „Wenn die Mannschaft wieder total komplett ist, dann ist sie großartig, dann kann sie um den Titel mitspielen.“ Dem ist von meiner Seite aus nichts hinzuzufügen.

Noch eine kleine Anmerkung am Rande: Der kleine Lukas, der sich kürzlich eine Homepage mit dem Namen Tunay Torun zugelegt hat (http://tunaytorunfanwebsite.de.tl), freut sich wie ein Schneekönig. Er hat auf den richtigen Namen gesetzt, hat ein Näschen bewiesen – und erfreut sich vieler neuer User. Glückwunsch.

Übrigens: Auch einen herzlichen Glückwunsch dem Sieger, der die Abendblatt-Sonderedition „Nur der HSV“ ersteigert hat. Das Exemplar mit der Nummer 003 (von 1000 limitierten Büchern) hatten die HSV-Profis (der Saison 2009/2010) mit ihren Original-Unterschriften versehen, es wechselte für 3333 Euro den Besitzer. Das Geld wird der Abendblatt-Aktion „von Mensch zu Mensch, Kinder helfen Kindern“ gespendet. Vielen Dank dafür.

So, und nun ganz zum Schluss: Danke für die vielen positiven Fußball-Beiträge der letzten Stunde (sehr erfreulich, waren viele sehr gute Sachen dabei!), danke für die Toleranz, die offensichtlich wieder Einzug gehalten hat, danke an „Dr. Jimmy 69“ (und nachträglich herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!), Dank auch ausdrücklich an die spaßigen und witzigen Beiträge, die diesen Blog dann doch nicht ganz so bierernst machen, und: Lasst bitte am Sonntag jegliches Papier zu Hause, damit es auf keinen Fall eine Kugel auf dem Rasen der Arena geben kann. . .

Morgen ist um 10 Uhr Training, das letzte vor dem Tel-Aviv-Spiel in Hamburg.

17 Uhr