Tagesarchiv für den 11. Dezember 2009

Labbadia pokert noch

11. Dezember 2009

Endlich wird es mal etwas kühler, und der lästige Regen hat nachgelassen. Die kleineren Kinder, die mir heute begegnet sind, schauten fast sehnsüchtig auf die Weihnachtsdekoration, als wollten ihre Augen sagen: Wann ist es denn nun endlich soweit…? Beim Abschlusstraining der HSV-Profis konnte ein derartig schmachtender Blick auch ausgemacht werden: bei Alex Silva. Nach seinem Kreuzbandriss absolvierte er ein persönliches Aufbauprogramm. Und immer wieder schaute er seinen Kollegen zu – sehnsüchtig. Als Silva am Ende seines Programms dann am Spielfeldrand des Teamtrainings vorbeilief, Torwart Frank Rost ihm drei, vier Bälle zuspielte und nach Silvas Rückpässen freundlich lächelte (er kann auch anders, das könnte Tolgay Arslan nach dieser Einheit bestätigen), war das für den Brasilianer so etwas wie eine kleine Bescherung. Er strahlte und beendete seine Übungen mit einem breiten Grinsen. Der Mann kann seine Verletztenzeit offenbar nicht mehr ertragen und würde lieber heute als morgen ins Mannschaftstraining zurückkehren.

Doch kommen wir von den besinnlichen Momenten zum harten Bundesligaalltag. Um 16 Uhr fuhr die Mannschaft zum Flughafen, das Unternehmen „Frankenland“ hat also begonnen. In Nürnberg soll unbedingt ein Dreier her – und ich kann Euch versichern, dass Trainer Bruno Labbadia und seine Mitstreiter den Club komplett analysiert haben, um Schwachpunkte, Risiken und eigene Möglichkeiten auszuloten. Am morgigen Sonnabend ab 15.30 Uhr geht es um nicht mehr und nicht weniger als den Auftakt zum Schlussspurt des Jahres 2009. In den zwei Bundesligaspielen gegen den FCN und Werder und im Europapokal in Tel Aviv kann die Basis für einen schwungvollen Jahreswechsel erarbeitet werden. Denn jeder Feierabendpsychologe weiß: Einen positiven Jahresabschluss nimmt man im Kopf immer mit über die Feiertage. So etwas spornt an.

Nun möchte ich gerade jetzt nicht in Bruno Labbadias Haut stecken, denn der Trainer hat eine schwierige Entscheidung zu treffen, die ich nicht als Luxusproblem bezeichnen würde. Nachdem beim Training mit Ausnahme von Jonathan Pitroipa (muskuläre Probleme) alle mitmischten, muss Labbadia entscheiden, wer in der Startelf die Angriffsreihe bildet.

Eigentlich eine einfache Sache, könnte man meinen. Mladen Petric hat eine weitere Woche Kraft getankt und wäre nun endlich wieder einmal von Beginn an dran. Andererseits darf der Kroate, der selbst natürlich liebend gerne vom Anpfiff an dabei sein würde, auch nicht überstrapaziert werden. Für 90 Minuten reicht sein Krafttank bestimmt noch nicht. Daher könnte es auch wertvoller sein, das Schlitzohr nach einer Stunde zu bringen – wenn die Nürnberger Hintermänner schon etwas erschöpfter sind.

Beim Training versuchte Labbadia einige unterschiedliche Formationen. Ich möchte nicht alle verraten, weil es ja möglich ist, dass irgendein Nürnberger Scout seine Nase auch in unseren Blog hält und sich dann zufrieden die Finger reibt. Aber so viel darf gesagt sein: Eine Zeit lang spielte das Duo Marcus Berg/Eljero Elia im Angriff, eine Zeit lang aber auch die Variante Petric/Tunay Torun. Bei der zweiten Variante fand sich übrigens Piotr Trochowski bei den Reservisten wieder.

Sollte Labbadia noch unentschlossen sein (was ich auch für möglich halte), könnte er alle Für und Wider des jeweiligen Angriffsduos gedanklich durchspielen. Petric ist der Ballsichere, der technisch versiertere und cleverere Profi. Dafür muss man mit ihm Einschränkungen in der Laufintensität in Kauf nehmen. Berg hingegen leistet größere Laufwege, ist auch einen Tick schneller, aber er ist nicht so ein „Spitzbube“ im Strafraum, ihm fehlt (vielleicht auch wegen des Alters) noch dieser Schuss Genialität. Vielleicht gibt aber auch ein Einzelgespräch den Ausschlag. Petric wird sich vor der morgigen Besprechung ganz bestimmt noch mit Labbadia unterhalten, und wahrscheinlich wird der Trainer auch mit seinem Schweden Berg noch eine Kurzunterhaltung führen. Der Coach will immer wissen, wie sich seine Stürmer fühlen. Und Berg machte heute nicht immer den besten Eindruck. Während des Trainings ließ er sich einmal behandeln, manchmal lief er einfach „unrund“. Hoffentlich bahnt sich da nicht die nächste Verletzung an.

Für die lustigste Szene der Einheit sorgten bei einer Spielform übrigens Marcell Jansen und Tunay Torun. Obwohl Labbadia eine Zweikampfszene der beiden an der gegenüberliegenden Seitenauslinie bereits beendet hatte, um etwas Taktisches zu erklären, beharkten sich die beiden weiter. Emsig, kraftvoll, leidenschaftlich. Man hörte sie keuchen, die Schuhe aneinanderklatschen. Und als sich Jansen gerade durchgesetzt hatte, bemerkte er den flachsenden Frank Rost. Torun verdrehte die Augen, und die anderen Kollegen lobten die „Schwerhörigen“ immer wieder für ihren Biss – und lachten. Da hatte endlich mal ein Duo das getan, was der Trainer grundsätzlich von jedem fordert: Fighten bis zum Ende, bloß nicht vorzeitig abschalten.

Über die geprobten Standards verliere ich lieber keine Zeile. Die meisten davon waren schlicht und einfach erbärmlich und dürften allenfalls in der B-Jugend Schrecken verbreiten. Dieses Themas wird sich das Trainergespann bestimmt im Wintertrainingslager noch einmal intensiv annehmen. Ach ja, Arslan bekam während dieser Standards eine gehörige verbale Kopfwäsche von Rost. Warum? Weil der Nachwuchsmann nicht begriff, wo er sich als verteidigender Spieler zu postieren hatte. Nun gut, Arslan ist sonst Offensivspieler, das muss man ihm zugute halten. Aber nachdem er auf Rosts Frage („Was deckst du denn ab?“) keine Antwort wusste, sondern einfach weg schaute, musste er sich die deftigen Worte des Keepers zwangsläufig gefallen lassen.

Beim Duell in Nürnberg wird es meines Erachtens ganz besonders darauf ankommen, wie der HSV ins Spiel kommt. Ist die Mannschaft von der ersten Minute an geistig und körperlich wach, provoziert aggressiv Fehler der FCN-Mannschaft im Vorwärtsgang, dann wird das von Erfolg gekrönt sein. Im Training gab es einige dieser erzwungenen Fehler, das war gut anzusehen. Aber es gab auch mentale Aussetzer, die einem Trainer das Blut in den Adern gefrieren lassen. Und so etwas erfreut einen nicht mal in der Vorweihnachtszeit.

16:30 Uhr