Tagesarchiv für den 8. Dezember 2009

Rost, Demel und der reine Wahnsinn

8. Dezember 2009

Das ist ja Wahnsinn! Eigentlich sollte ich schon lange wieder nachgeladen haben, aber ich komme zu nichts. Weil ich jeden Eintrag lese. Es könnte mir ja einer entgangen sein, der sich für das große „Matz-ab“-Treffen am 19. Februar angemeldet hat. Und noch ein Grund, warum ich lesen muss: Zeitgleich mit Eurem Eintrag in den „Matz-ab“-Blog kommt jeder Beitrag auch auf mein persönliches Postfach. Das quillt natürlich über (das ist aber ausdrücklich keine Beschwerde, im Gegenteil: danke!), und ständig erhalte ich die Nachricht: Ihr persönliches Postfach hat die Kapazitätsgrenze überschritten, sie müssen Nachrichten löschen.“ Gut gesagt. Und schneller geschrieben als getan.

So, nun zum Wesentlichen. Der „Benno Hafas“ stand während des Trainings neben mir. Ich sah die Übungen, „Benno“ interviewte mich. Ganz gekonnt und ganz geschickt. Ich glaube, ich habe ihm mehr verraten als ich wollte . . . Naja, es bleibt ja unter uns „Matz-abbern“. Das Training ist schnell abgehandelt: Erst wurde das Passspiel geübt, dann wurden Spielzüge einstudiert. Jeweils mit abschließendem Torschuss. Dabei fiel mir auf, dass Tunay Torun heute (vielleicht) der Treffsicherste war, und das Piotr Trochowski, sonst der Mann mit dem tödlichsten Schuss (neben Marcell Jansen) ungewöhnlich viele Fahrkarten schoss.

Was mich sofort an die Frage erinnerte, die aus Eurem Kreise stammt: Der neue WM-Ball, mit dem der HSV seit Wochen trainiert und nun (gegen Hoffenheim) erstmalig auch gespielt hat: wie ist der? Welche Eigenschaften hat er, machen sich diese auf das Spiel bemerkbar, ist der Ball schwer zu schießen, ist er schwer zu halten? Frank Rost gab mir freundlicherweise sehr ergiebig Auskunft. Danach ist der Adidas-Ball wohl etwas schwerer, aber er hat sich gegenüber seinen Vorgängern nicht groß verändert – außer in Sachen Aussehen.

Der „Fäustel“ befand: „Dieser Ball ist 100 Prozent Plastik.“ Dann lachte er – um im nächsten Moment wieder ernsthaft anzufügen: „Diese Kugel ist ein Flummi, wenn die abgeschossen wird, wackelt sie enorm, ist unberechenbar. Da ist es für einen Torwart besser, nicht zu früh zu reagieren.“ Rost sagt auch ehrlich: „Manchmal ist es auch viel Glück, wenn man diesen Ball hält.“ Der Keeper hat auch Mitleid mit den Kollegen Feldspielern: „Wenn der Rasen feucht ist, dann haben fast alle Spieler große Schwierigkeiten, den Ball unter Kontrolle zu bringen, das kann ich immer wieder beobachten. Und wenn es kalt ist, so wie jetzt, dann wird diese Plastikkugel unangenehm hart.“ Die Quintessenz von Frank Rost: „Dieser Ball ist kein Fortschritt für uns Spieler, leichter ist es für uns nicht geworden, aber das ist schon mit allen neuen Bällen der jüngsten Vergangenheit so gewesen.“

Und wo ich gerade mit Frank Rost gesprochen habe, da liegt es auf der Hand, dass ich ihn auch nach seiner Zukunft gefragt habe. Was macht eigentlich die Vertragsverlängerung? Antwort Rost: „Nichts.“ Nichts? „Wieso nichts?“ Rost: „Weil es keine Gespräche gab. Vor acht Wochen hieß es, dass es zeitnah Gespräche geben soll, aber was ist zeitnah? Ich habe seit damals nichts mehr vom HSV gehört.“ Was ich für sehr interessant halte, um es einmal vorsichtig (und leicht sarkastisch!) zu formulieren. Will der HSV nichts mehr von Frank Rost? Der Torwart hat auf jeden Fall noch einmal zwei Dinge bekräftigt: „Ich möchte noch weiterhin spielen, und ich habe immer gesagt, dass ich auch gerne beim HSV bleiben würde.“ Das klingt alles wunderbar. Und Rost ist ja auch ein überragender Rückhalt. Also: Wo ist das Problem?

Ein kleines Problemchen habe ich eher ein wenig vor Frank Rost entdeckt, im Team, und zwar unmittelbar vor dem Keeper rechts. Ich weiß nicht mehr, wer es sagte, aber nach dem Hoffenheim-Spiel flüsterte mir einer zu: „Ich kann mir nicht helfen, aber Guy Demel erinnert mich immer mehr an Thimothee Atouba. Der machte seine Faxen, Guy macht sie jetzt auch. Nur mit zwei kleinen Unterschieden: Er macht sie rechts – und lange nicht so gut wie Timmy.“ Ist was dran. Ist sogar sehr viel dran. Guy Demel ist zwar jetzt der neue Publikumsliebling des Nordens (in der Arena), aber er hat es bislang nicht mit Glanzleistungen gedankt. Wenn er rechts abzieht und der gesamte Norden voller Enthusiasmus „Giiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeee“ schreit, dann erinnert das ein wenig an Mehdi Mahdavikia, aber auch bei dem schnellen Iraner ist zum Schluss seiner HSV-Zeit ja kaum noch etwas Positives über den Schlappen gerutscht: ich meine eine Flanke. Die kommt von Demel auch viel zu selten. Weil er sich viel zu oft festläuft. Er rast immer bis zur Eckfahne hoch, und dann ist tatsächlich das Feld schon zu Ende – es kommt nichts mehr. Oder aus purer Verzweiflung noch ein ganz kleiner Hackentrick zur Mitte.

Wobei ich allen, vor allem den Guy-Demel-Fans, versichere, dass ich nichts, absolut nichts gegen den Ivorer habe. Im Gegenteil, wirklich im Gegenteil, der Guy, ein echter Schrank, ein großer Bär, ist ein ganz liebenswürdiger und netter Mensch, den ich persönlich sehr, sehr schätze. Doch das „Schätzen“ ist die eine Seite der Medaille, die andere Seite wäre die sportliche Leistung, und die lässt im Moment zu wünschen übrig.

Mein Tipp an ihn (und an den hier mitlesenden Bruno Labbadia): Versuche es mal wieder mit den einfachen Dingen des Fußballs. Ich hatte früher, als Trainer des WFC, auch einen Spielmacher namens Marcus Rauert (heute Teammanager des 1. FC Köln) im Team. Der brachte mich gelegentlich an den Rand des Wahnsinns. Weil er rund 80 80-Meter-Pässe schlug, die niemals ihren Adressaten erreichten. Ich schrie dann ins Spiel: „Marcus, versuche es jetzt mal in den nächsten Minuten mit einigen Zwei-Meter-Pässen.“ Und das saß. Er riss sich zusammen, spielt die kürzeren Dinger und fand seine Sicherheit wieder. Sollte Bruno Labbadia auch mal versuchen. Und Guy Demel natürlich auch.

So, zum Schluss noch einen Blick voraus. In die Winterpause. Der HSV wird sich wohl doch nach dem einen oder anderen neuen Spieler umsehen. Bruno Labbadia sagte auch: „Primär suchen wir für den Angriff.“ Also kein Rafael van der Vaart. Da bin ich mir sicher. Absolut sicher sogar. Und ob es mit einem neuen Stürmer etwas wird, das hängt natürlich auch ein bisschen an der HSV-Vereinskasse. Die ist nach meinen Erkenntnissen, und die werden von Tag zu Tag umfangreicher, nicht sonderlich prall gefüllt – wenn Ihr versteht, was ich meine. Der Kollege der Bild-Zeitung brachte es gegenüber Labbadia auf den Punkt: „Der HSV sucht einen sehr guten Stürmer, der sofort hilft und möglichst kein Geld kosten soll.“ Treffer. Aber: Gibt es solche Stürmer überhaupt? Die Antwort könnt Ihr Euch (noch) selbst geben, das ist der so genannte Utopie-Bomber. Soll es ja hin und wieder geben, jedenfalls bis kurz vor dem Vertragsabschluss.

Und nun, ganz schnell noch zum Ende: Den neuen Reim zum Nürnberg-Spiel, der (wohl) morgen auf „Matz ab“ erscheinen wird (weil ich mich von meinem Helden Lotto noch nicht trennen kann, ich gebe es zu!), hat mein sehr geschätzter Kollege Oliver Wurm gedichtet. Während des Hoffenheim-Spiels. Und unendgeldlich. Lege ich Euch ans Herz. Wie übrigens auch das „Wurm“-Buch „Mein HSV-Moment“. Ist im Handeln und fällt deswegen besonders auf, weil es ein wirklich ausgezeichnetes Cover hat – mit dem legendären Ernst Happel in der Mitte. Lesenswert. Von Fans, für Fans. Könnte ja auch unser Motto sein. In diesem Sinne.

17.21 Uhr