Tagesarchiv für den 6. Dezember 2009

Geklage, Gestöhne, Gemecker!

6. Dezember 2009

Überall lange Gesichter, an jeder Ecke meckernde Geister, viele VIP-Besucher sprachen mich an, ach was, sprachen, die machten mich so an, als hätte ich beim 0:0 gegen Hoffenheim mitgespielt und alle Torchancen selbst verdaddelt. Ich bin im falschen Film, habe ich mir dabei gedacht. Und mir die Frage gestellt: Was ist denn hier los? Hoffenheim, diese mittelmäßige Mannschaft, die lediglich auf Platz sechs rangiert, die zudem in Hamburg nur mal eben in Bestbesetzung antrat, die einen Könner wie Ibisevic noch auf die Bank setzen konnte, die wird hier nicht vom HSV von der Platte gefegt? Wieso das denn nicht? Beim HSV sitzen doch auch Größen wie Mladen Petric und Eljero Elia auf der Bank. Wer sich diesen Luxus erlauben kann, der muss ja über eine hervorragende Mannschaft verfügen . . .

Nein, nein, nein, so langsam verstehe ich diese Fußball-Welt nicht mehr. Speziell die der Hamburger Fans. Ist das der ganz spezielle hanseatische Fußball-Größen-Wahnsinn?

Wer hat zu Beginn der Saison, als Petric und Elia noch nicht auf der Bank saßen, die Bundesliga aufgemischt? Wer war so lange ungeschlagen? Wer hatte lange Zeit die meisten Tore geschossen? Super, Ihr habt es, genau. Der HSV! Und wer hat jetzt die meisten Ausfälle aller Bundesliga-Vereine zu beklagen? Wer siegt in einem unglaublich wichtigen Europa-Legaue-Spiel ohne zehn seiner verletzt oder erkrankt fehlenden Spieler? Und wer leidet unter diesen personellen Ausfällen deshalb unter diesem ganz normalen Substanzverlust? Und wer steht trotz dieser Misere eigentlich immer noch bestens in der Tabelle? Und wer könnte, wenn es im neuen Jahr wieder (fast) in Bestbesetzung losgehen sollte, doch noch ganz oben mitspielen? Selbst dann noch oben mitspielen, wenn es in Nürnberg und im Nordderby erneut keine Siege geben sollte – was ja noch nicht bewiesen ist?

In den VIP-Räumen der Nordbank.-Arena wurde am Sonnabend von 17.25 Uhr an auf ganz hohem Niveau geklagt, gestöhnt und gemeckert. Und auch hier gibt es einige, die – fernab von jeder Realität – den einen oder anderen Spieler niedermachen. Was dabei total vergessen wird ist die Tatsache: Würde der Spieler, der hier gerade zerrissen wird, überhaupt in der Mannschaft stehen, wenn alle Profis an Bord stünden? Aber hier wird nach dem Motto runter gemacht: Der HSV, unser HSV, für den wir schließlich sehr viel Geld bezahlen, der muss ja eigentlich alles in Grund und Boden spielen, denn er ist schließlich der HSV. Welche Truppe aber dort auf dem Rasen steht, ist diesen „Fachleuten“ völlig schnurz-piepe-egal: Das ist der HSV, das ist unser HSV, und von unserem HSV erwarten wir, dass er den Gegner zumindest in einem Heimspiel wegpustet. Auch einen Gegner wie Hoffenheim.

Nur mal zwischendurch zur Kenntnis: Bei den Spieldaten sah es diesmal bei HSV-B gegen Hoffenheim-A wie folgt aus: 7:11 Torschüsse, 6:2 Ecken, 13:5 Flanken, 57:43 Prozent Ballbesitz, 51:49 Zweikämpfe, 18:17 Fouls. Das sieht danach aus, als hätte der sehr (ersatz-)geschwächte HSV ganz gut mit dem Gegner aus Hoffenheim mithalten können. Nur gewonnen, ja, nur gewonnen hat er leider nicht. Das stimmt. Aber das ist in diesem Fall leichter zu verschmerzen, als noch ein 0:1 gegen Bochum oder ein 2:3 gegen Mönchengladbach. Obwohl das ja seit Freitag auch in ein etwas anderes Licht gerückt wurde, denn die Borussia stand ja auch beim (wieder erstarkten?) FC Bayern kurz vor einem Punktgewinn

Man, was habe ich mir am Sonnabend den Mund „fusselig“ geredet. Tenor: Dieser HSV ist zurzeit eben nicht jener HSV, der am Anfang der Saison fast alle in der Liga super im Griff hatte. Und dass es diesen HSV zurzeit nicht gibt, daran hat Bruno Labbdia genau so viel Anteil wie ich. Oder wie Ihr. Nämlich keinen. Wobei ich sagen muss: Natürlich freue ich mich über einen HSV-Sieg, natürlich wäre es auch besser, mit einem Heimsieg nach Hause zu fahren, aber, wie schrieb hier heute ein User? Das Leben ist kein Ponyhof. So ist es. Man muss, man sollte sich den Gegebenheiten anpassen. Und sich dann auch voller Optimismus auf 2010 freuen, wenn bis auf Paolo Guerrero alle wieder dabei sind. Und dann wird das Feld eben von hinten aufgerollt. Wie es in diesem Jahr der VfL Wolfsburg so vorbildlich getan hat.

Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, auf die Meistermannschaft von 1983 zu blicken. Diese Team zeichnete sich damals auch dadurch aus, das es kaum Verletzte gab, schon gar keine Langzeitverletzten. Bernd Wehmeyer (heute Klub–Manager), der einzige Nicht-Nationalspieler der Europapokal-Gewinner von Athen (in der Anfangsformation), war zum Beispiel bei allen 34 Spielen von Anfang an dabei. Wie Uli Stein und wie Felix Magath. Stammkräfte wie Horst Hrubesch, Ditmar Jakobs, Manfred Kaltz, Wolfgang Rolff und Jürgen Groh brachten es dabei auf eine Spiele-Anzahl von um die 30. Und wie ist das in dieser Saison beispielsweise bei Ze Roberto, Paolo Guerrero und Mladen Petric? Und glaubt wirklich jemand, dass der HSV von 1983 ohne Magath, Hrubesch, Kaltz oder auch Jakobs, so diese Spieler denn viele Wochen oder Monaten aufgefallen wären, durchmarschiert und tatsächlich Meister geworden wäre?

Es ist schlimm genug, dass so eminent wichtige Stützen in dieser Spielzeit ausfallen, aber dann bitte ich doch, diese Tatsache auch zu berücksichtigen. Und daran zu denken, dass Bruno Labbadia seine Spieler weder kaputt getreten noch mit einer Grippe ins Bett befördert hat. Und wenn ich es jetzt schon im Geiste lese, dass der Trainer ja doch hier und dort den einen oder anderen Fehler begangen hat, dann kann ich immer nur wieder entgegnen: Mit der besten HSV-Mannschaft wäre es ihm (eventuell) nicht passiert. Zudem sei gefragt: Wer von Euch ist ohne Fehler? Und welcher Bundesliga-Trainer, welcher Spieler und welcher Schiedsrichter ist fehlerfrei? Aber Labbadia soll es sein? Das passt nicht!

Wobei ich schnell noch einmal zum Unparteiischen vom Sonnabend, zu Wolfgang Stark komme. Ich bleibe dabei, dass er (diesmal) schwach war. Eine Szene gebe ich Euch zu bedenken, die solltet Ihr vielleicht noch einmal ansehen: Als Marcus Berg in der Anfangsphase von Demba Ba im Strafraum von hinten umgesprungen wurde, war das ein sonnenklarer Elfmeter. Nur Herr Stark hat ihn und es nicht gesehen, wollte es nicht sehen, er winkte ganz elegant (ich sage aber eher link) mit der linken Hand, was bedeuten sollte: Stehen Sie bitte auf Herr Berg, da war gar nichts. Hinzu kamen viele kleine verdeckte Fouls der Hoffenheimer, die Stark einfach nicht ahndete, nicht ahnden wollte.

Und wo ich gerade bei Fouls bin: Es ist ja wunderbar, wenn Ihr (oder einige von Euch) keine Schwalben oder schauspielerischen Einlagen von HSV-Spieler (Tomas Rincon hätte so öfter einen Freistoß erhalten können!) sehen wollt, das ehrt Euch wirklich, aber: Ich denke da an den Hoffenheimer Luiz Gustavo. Der hatte einige linke Dinger drauf, hat oft böse um sich getreten, kam aber ohne Gelbe Karte davon. Das ist absolut lächerlich. Der Mann mit der Rückennummer 21 hat 90 Minuten lang umförmlich um  Gelb gebettelt. Bei jedem Tritt deutete er aber sofort an, dass er doch ein reines Unschuldslamm sei – und Herr Stark nahm es ihm auch immer unverbindlich lächelnd ab. Dabei müsste gerade ein Fifa-Schiedsrichter, der die Chance hat, bei der WM 2010 dabei zu sein, einen etwas anderen Durchblick an den Tag legen. Er müsste seine „Pappenheimer“ doch eigentlich kennen und ein besonderes Augenmerk auf sie legen. Bei David Jarolim hat es Wolfgang Stark ja auch von der ersten Minute an gemacht. Aber vielleicht hatte er ja auch nur einen schwachen Tag, den hat ja schließlich jeder (von uns) gelegentlich einmal. Oder auch zweimal.

16.05 Uhr