Monatsarchiv für Dezember 2009

Die Bilanz der Trainer

31. Dezember 2009

Welch eine Aufregung! Der Text war weg. Bis nachts um 1.30 Uhr hatte ich an den Tops und Flops des Hamburger Fußballs 2009 geschrieben. Parallel dazu schrieb auch Christian Pletz, bei ihm sollten die Zeilen dann auch zusammenlaufen, aber es sollte eben nur. 50 Zeilen von meinen rund 300 kamen nur bei meinem Kollegen an. Und dann begann das große Suchen und Fahnden. Ohne Ergebnis. Ich musste alles noch einmal, im Grunde genommen sogar zum dritten Mal schreiben. Wahnsinn. Ich war echt kurz vor dem Explodieren, passend zum Tage.

Ja, und weil jetzt alles fertig ist (steht im Abendblatt Sport), und weil ich noch so aufgekratzt bin, und weil einige von Euch noch etwas über die Trainer lesen wollten (!), so hauen ich eben jetzt noch in die Tasten. Man gönnt sich ja sonst nichts, es ist kurz nach 15 Uhr – und ich reagiere mich so am besten ab.

Übrigens: Die Hinrunden-Bilanz ist ergänzt worden, weil, wie viele von Euch völlig berechtigt reklamiert hatten, ja Jonathan Pitroipa vergessen worden ist. Der Schaden ist inzwischen aber auch behoben worden, wir gehen also glatt ins neue Jahr - sorry!

Hier also die Halbjahres-Bilanz für die HSV-Trainer:

Bruno Labbadia: Es gab im Sommer ja viele, viele Skeptiker in Hamburg. Ich gebe es zu, und das spricht nicht für mich, ich weiß es wohl, auch ich gehörte zu jener Gruppe. Zu frisch waren die Erinnerungen an das kleine Fiasko, das sich rund um das Pokalfinale mit Bayer Leverkusen und Labbadia ereignet hatte. Der „schöne Bruno“ hatte unmittelbar vor dem Endspiel ein Aufsehen erregendes Interview gegeben, und diese Geschichte musste unweigerlich zu einem Bruch, wahrscheinlich zum endgültigen Bruch zwischen dem Trainer und Bayer führen. Weil das Interview am Pressechef Uli Dost vorbei in die Süddeutsche lanciert worden war, musste auch er seinen Hut nehmen, das einmal ganz nebenbei.

Es rankten sich um dieses Interview einige böse Gerüchte, die Bayer-Mannschaft soll gegen den Trainer abgestimmt haben, und der ganze Klamauk erinnerte ein wenig an „schmutzige Wäsche waschen“. Das Verhältnis zwischen Bayer-Team und Labbadia sollte danach schon seit Beginn des Jahres total zerrüttet gewesen sein. Und, und, und.

Sicher kein idealer Start für Bruno Labbadia in Hamburg. Deshalb die vielen Skeptiker. Doch diese Gruppe nahm praktisch von Tag zu Tag ab. Weil der Coach mit unglaublicher Akribie an seine Arbeit beim HSV ging, weil er hundertprozentigen Einsatz zeigte, weil er auch nicht nur über seine fußballerischen Vorstellungen sprach, sondern sie auch auf dem Platz in die Tat umsetzte. Das gefiel, das kam an.

Auch ich hatte schon bald die Wende vollzogen, gebe ich zu. Die Leistungen des HSV stimmten, sie waren zum Teil überragend. Und der HSV spielte nicht nur modern, sondern erfolgreich, schoss zu Beginn die meisten Tore in der Bundesliga. Sicher auch ein Verdienst von Bruno Labbadia.

Was mir auffiel, da ich fast jedes Training sah (und sehe): Der Trainer spricht unheimlich oft und viel mit seinen Mannen. Mir, sage ich auch ganz ehrlich, manchmal ein wenig zuviel sogar. Aber so ist er nun einmal. Andere Trainer vor ihm haben kaum einmal den Mund aufbekommen, haben viel zu selten mit den Spielern kommuniziert, haben auch nur gelegentlich korrigierend im Training eingegriffen – bei Labbadia gibt es alle diese Sachen fast schon im Überfluss. Ihr erinnert Euch sicher, weil es damals „HSV-Oliver“ tage- und wochenlang wiederholt hatte, nämlich den Satz, den mir Felix Magath als HSV-Trainer immer dann um die Ohren gegeben hat, wenn ich meinte, dass er zu wenig mit den Spielern gesprochen hatte: „Matz, du bist und bleibst ein Amateur. Ein Profi hat zu funktionieren, wenn er das nicht macht, sollte er kein Profi werden.“

Bei Bruno Labbadia gibt es, wie gesagt, keinerlei Mangel an der Kommunikation mit seinen Jungs. Ob sie ihm immer ganz genau zuhören, ob sie immer hundertprozentig seinen Worten lauschen und sie auch verinnerlichen, das vermag ich nicht zu sagen – es hat sich bei mir in dieser Hinsicht auch noch kein Spieler beklagt. Also muss alles gut sein.

Was zudem für den neuen HSV-Trainer spricht: Er geht während der Einheiten im Volkspark sofort auf jene Sachen ein, die ihm während der vorangegangenen Spiele negativ aufgefallen sind. Das habe ich, immerhin seit den Tagen von Branko Zebec beim HSV-Training, in dieser Form noch von keinem Trainer erlebt. Das ist fast perfekt. Labbadia lässt auch Standards üben, mehr als seine Vorgänger, aber mir ist das, auch das gebe ich ehrlich zu, immer noch zu wenig. Doch auch das ist ganz allein seine Sache, er wird wissen, wo er, was er und wie er üben lässt.

Positiv ist zudem, dass er während der großen Verletzungsmisere kaum (oder so gut wie nie) geklagt oder gar gejammert hat. Und er hat auch nicht sofort nach neuen Spielern gerufen. Viele von Euch hätten es sicher sehr gern gesehen (das erinnere ich noch), dass Ebby Smolarek, der hier ein Probetraining absolvierte, verpflichtet worden wäre. Labbadia aber verzichtete – trotz des gelegentlich großen Drucks der Öffentlichkeit. Weil Smolarek seit Monaten keine Wettkampfpraxis mehr hatte, und weil der Pole ganz sicher auch Woche benötigt hätte, um jene Form zu haben, in der er dem HSV hätte helfen können. Bruno Labbadia hatte das erkannt. Und dass Smolarek erst zum 1. Januar 2010 einen neuen Verein (AO Kavala in Griechenland, nicht in einer europäischen Top-Liga!) gefunden hat, spricht auch für Labbadia.

Die gute Arbeit des früheren HSV-Stürmers wird übrigens von vielen Experten und ehemaligen HSV-Profis anerkannt. Und auch bei Euch sind die Skeptiker nun deutlich in der Minderheit. Und wenn der HSV nun in den kommenden Wochen personell wieder in Richtung 100 Prozent geht, dann wird sich die gute Arbeit des Trainers auch gewiss noch Richtung Saisonende auszahlen. Mit einem Titelgewinn? Ehrgeizig ist Bruno Labbadia sicher genug, um gleich in seinem ersten HSV-Jahr nach den Sternen greifen zu wollen. Zumal es ihm durch Klub-Boss Bernd Hoffmann vorgelebt wird, dass man seine Ziele nur mit vollem Einsatz und mit großem Ehrgeiz, nicht nach rechts oder links blickend, erreichen kann.

Eddy Sözer: Labbadias Co-Trainer begann etwas verhaltend, wirkte am Anfang der Saison noch zurückhaltend und abwartend. Das hat sich in den letzten Wochen aber gelegt, Sözer, den ich mal als „Gentleman“ unter den Trainern beuzeichnen möchte, kommt mehr und mehr aus sich heraus, ergreift auch oft genug die Initiative im Training, hilft den Spielern, korrigiert sie, gibt Tipps, motiviert und sorgt dann, wenn es angebracht ist, durch einen flotten Spruch für gute Laune bei der Arbeit. Letzteres nicht oft, aber immerhin kommt es vor. Und vielleicht legt er ja auch in diesem Punkt noch zu.

Ganz sicher ist Sözer ein total loyaler „zweiter Mann“, der seinem Chef nie in den Rücken fallen, ihm auch niemals die Show stehlen würde. So gesehen halte ich den intelligenten Eddy Sözer, der sich stets sehr gewählt ausdrücken kann, für den idealen Assistenten.

Claus Reitmaier: Der Torwart-Trainer ist schon vor der Labbadia-Ära beim HSV gewesen. Der ehemalige KSC-Keeper ist ein harter Hund, und zwar gegen sich selbst, denn er läuft immer, bei Wind und Wetter, in kurzer Hose über den Platz. Und wenn ich einmal seine erste Zeit beim HSV mit der heutigen vergleiche, so ist auffällig, dass er inzwischen viele sehr gute Variationen im Torwart-Training parat hat. Für mich gibt es ja in diesem Metier nur einen, der es dabei auf 100 Prozent gebracht hat, und das ist Sepp Maier. Den guten Mann schätze ich nicht unbedingt als Menschen (weil er nicht längst so spaßig ist, wie er im Fernsehen immer tat!), aber als Torwart-Trainer war Maier der allerbeste Mann, er war einfach nur sensationell. Reitmaiers Vorgänger beim HSV hatten von Maier nicht mal einen Hauch, die brachten es gegenüber dem ehemaligen Bundestorwart-Trainer nur auf 15 Prozent – aber Claus Reitmaier tritt aus diesen Schatten heraus, und zwar deutlich.

Es ist gewiss nicht leicht, mitunter drei Torhüter auf einmal zu beschäftigen, aber auch das gelingt dem HSV-Torwart-Trainer recht gut. Mein Fazit: Claus Reitmaier, dem gelegentlich ein wenig mehr Temperament zu wünschen wäre, ist auf dieser Position seit über einem Jahrzehnt der beste Mann beim HSV.

Ricardo Moniz: Der Niederländer ist noch ein „Mitbringsel“ von Martin Jol. Wieso ihn der Chef nicht mit zu Ajax Amsterdam nahm, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben, aber es ist eben so. Moniz ist in seiner lauten Art sicher gewöhnungsbedürftig. Er schreit oft, er brüllt sogar sehr oft, und er bedient sich auch gelegentlich einer gewissen Fußballer-Sprache, die mit „sehr deftig, sehr rustikal“ noch human umschrieben ist. Für die jungen Talente, das schrieb ich schon einmal, mag Moniz ein exzellenter Mann sein, denn er kann ihnen Dinge beibringen, die einem Rastelli schon sehr nahe kommen. Bei den erfahrenen Spielern allerdings ist er klug beraten, sich ein wenig zurück zu halten, denn die meisten von ihnen sind Nationalspieler, haben ihre Karriere voll im Griff und lassen sich nur noch höchst selten etwas sagen. Und wenn, dann in netter Art, ohne große Lautstärke – die sicher ein kleines Manko für den Technik-Trainer ist.

Meines Wissens läuft der Vertrag von Ricardo Moniz nur noch bis zum Saisonende, und noch einmal meines Wissens: Über eine eventuelle Verlängerung ist noch nicht gesprochen worden – Stand Anfang Dezember. Mein Tipp: Das sieht eher nach einer Trennung zum Saisonende aus.

So, das waren nun auch noch die Trainer des HSV, es ist mittlerweile 16.28 Uhr, ich habe mich auch wieder „runtergefahren“ – das war es nun auch endgültig mit der Halbjahres-Bilanz. Ich werde mich jetzt erst am Sonnabend aus dem türkischen Trainingslager in Belek wieder melden. Bis dahin alles Gute für Euch, einen wunderschönen Rutsch ins neue Jahr – und viel Erfolg, Glück und beste Gesundheit in 2010. Wir lesen uns!

16.32 Uhr

Hinrunden-Bilanz – Teil drei

30. Dezember 2009

Der dritte und damit auch letzte Teil der Hinrunden-Bilanz beschäftigt sich mit den Angreifern des HSV. Selten einmal hat es eine Spielzeit gegeben, in der so viele Angreifer benötigt wurden.

Damit endet auch der Rückblick auf die bisherigen 17 Bundesliga-Spiele.

Paolo Guerrero: Der Peruaner war in der Form seines Lebens, er gefiel nicht nur als ballsicherer Anspielpunkt im Angriff, er hatte auch in den ersten vier Bundesliga-Spielen viermal getroffen – und dann verletzte er sich in einem total unwichtigen Länderspiel schwer. So schwer, dass er mit einem doppelt gerissenen Kreuzbandriss wohl bis zum Saisonende ausfallen wird. Und wie es im Sommer weitergeht, das steht noch in den Sternen, denn ob der auslaufende Vertrag verlängert wird, und wenn ja zu welchen Konditionen, das bedarf ganz sicher noch etlicher Verhandlungsrunden. Wie auch die Frage, ob Paolo Guerrero sich noch einmal in jene Form spielen kann, die ihn im Sommer 2009 ausgezeichnet hatte. Nie war er so wertvoll für den HSV, als zu jener Zeit.
Note 2.

Mladen Petric: Bildete gemeinsam mit Paolo Guerrero eines der torgefährlichsten Angriffs-Duo der Bundesliga – wenn nicht das gefährlichste. Auch Mladen Petric war zu Saisonbeginn, nach einer lediglich durchwachsenen Vorbereitung, in Bestform, verstand sich großartig mit seinem Sturmpartner. Petric blieb lange Zeit der Hoffnungsträger der Mannschaft, war der einzige gestandene Stürmer, der dem Gegner schon vor dem Anstoß ein wenig Angst oder Respekt einflößte, doch dann. . . Nach acht Bundesliga-Spielen war auch bei ihm Pause angesagt. Und erst zu den beiden letzten Begegnungen kehrte er zurück. Begeistert gefeiert von den Fans, die ihm einen überragenden Empfang bereiteten. Petric ist Hamburger, und er wird es vorerst auch bleiben, die Pläne mit (oder des) VfL Wolfsburg dürften sich vorerst erledigt haben.
Note 2,5.

Marcus Berg: Alter Schwede, mit ihm ging es auf und ab. Und auch hier bei „Matz ab“ scheiden sich immer noch die Geister. Wird Berg noch die Kurve bekommen? Die Aussagen die ich hier lese, deute ich mal auf ein 50:50. Aber vielleicht hat ja auch Lotto King Karl Recht, der kürzlich behauptete, dass Berg von vielen unterschätzt wird. Lotto nannte die gute Trefferquote des schwedischen Nationalspielers und verlieh der Hoffnung Ausdruck, dass Marcus Berg noch sehr wertvoll für den HSV werden dürfte. In seinen Einsätzen müsste Berg nach unserer Einschätzung mehr Einsatz zeigen, mehr Leben, mehr den Willen habe, unbedingt ein Tor machen zu wollen. Er bezeichnet sich selbst als „Strafraumstürmer“, aber gibt es einen solchen Spielertyp noch im heutigen Fußball? Der letzte dieser Art war beim HSV Bernardo Romeo, und den hat einst Thomas Doll vom Hof geschickt, weil der damalige HSV-Trainer auf schnellen Kombinationsfußball und auch auf Konter setzen wollte.
Note 4.

Tunay Torun: Da kommt einer! Und so wie es den Anschein hat, auch ganz gewaltig. Zu Beginn der Saison stand der untersetzte Türke bei keinem (Experten) so wirklich auf dem Zettel, aber die Trainingskiebitze konnte es in den letzten Monaten schon erahnen, dass es mit ihm bergauf gehen könnte. Von Tag zu Tag wurde er selbstbewusster. Torun mischt im Training und zuletzt auch in der Bundesliga prächtig mit, lässt sich nicht mehr so einfach beiseite schubsen, er hält dagegen, wehrt sich, und er zeigt dabei auch, was er fußballerisch drauf hat. Und das ist einiges. Das weiß längst auch Bruno Labbadia, denn Torun gehört inzwischen zu jenen Spielern, die Standards schießen dürfen und sollen. Wenn Lotto King Karl auf Marcus Berg setzt – ich setze genauso entschlossen auf  Torun. Da wächst einer heran.
Note 3+.

Tolgay Arslan: Kam im Sommer 2009 als Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund zum HSV, wird auch als immer noch Mittelfeldspieler in der Stadion-Zeitung „HSV live“ geführt, doch Bruno Labbadia brauchte und brachte ihn stets als Stürmer. Im Training blitzt sehr wohl das eine oder andere Mal Arslans Können auf, aber im Spiel kann er diesen Vorschusslorbeeren kaum gerecht werden, da zögert und zaudert er – da fällt er auch ab. Er hat zwar eine gute bis sehr gute Technik, muss aber lernen, schneller zu handeln, auch schneller reagieren. Oftmals scheint er (im Training) ein wenig phlegmatisch zu sein, er wirkt dann so, als sei er leicht „eingenickt“, er wirkt gedanklich abwesend – und zieht sich dadurch den Unmut einiger Kollegen zu. Fazit: Da muss noch wesentlich mehr kommen, damit er den Weg ins Profi-Geschäft auch als Stammspieler schaffen kann. Einige erfahrene und ältere Spieler werfen den jüngeren Kollegen ja oft genug vor, dass die Talente viel zu früh zufrieden sind, mit dem was sie haben: Nämlich einen Platz im Kader eines Bundesliga-Vereins. Tolgay Arslan muss gewaltig aufpassen, wenn er nicht als ein Spieler jenes Kreise abgestempelt werden will.
Note 4.

Jonathan Pitroipa (kommt jetzt etwas später und vervollständigt den Kader – mein Kollege Pletz und ich hatten ihn im Mittelfeld vorgesehen,  da tauchte er dann aber leider doch nicht auf, unser Fehler, wir bitten um Verzeihung):  Gehörte ebenfalls zu den umstrittensten Spielern der Hinserie. Er lieferte anfangs einige gruselige Partien ab, bei denen man an seiner Tauglichkeit für diesen HSV zweifeln musste, aber dann waren auch immer wieder brauchbare Ansätze und mitunter sogar beeindruckende Leistungen dabei. Insgesamt spielt er sicherlich zu wechselhaft, kann aufgrund seiner ungeheuren Geschwindigkeit aber auch in Zukunft sehr wertvoll für das Team sein. Nur an seiner Schusskraft und -Technik muss er weiter intensiv arbeiten, am besten täglich.
Note 4

Talent:

Maximilian Beister: Einen Kurz-Einsatz hat der Jugend-Nationalspieler in der Bundesliga, eine einzige Minute im total verkorksten Bundesliga-Spiel gegen Bochum (0:1). Auch er wird zulegen müssen, damit er diese Bilanz noch um viele, viele Spiele verbessern kann. Das Talent hat Beister zweifellos, er erinnert mich rein äußerlich an den ganz jungen Jürgen Klinsmann. Der „Flipper“ war in seiner Zeit immer ein wenig zappelig, aber er hatte den Zug zum Tor, ging auch dorthin, wo es wehtat. Das macht auch Beister, der nun lernen muss, sein Können in jedem Spiel abzurufen. Zudem muss er auch lernen, sich unter Kontrolle zu haben, denn mit Undiszipliniertheiten wird es ein junger Mann, der das Ziel hat, ganz nach oben zu kommen, nicht bis an die Spitze schaffen, dafür würden schon (Profi-)Trainer und auch Profi-Spieler quasi in einer Art Selbstreinigungsprozess sorgen. Genau in diesem Punkt könnte ihm Bruno Labbadia mit einer rechtzeitigen und auch nachhaltigen Ansprache auf die Sprünge helfen.

So, zum Abschluss des Jahres wünsche ich – auch im Namen von Christian Pletz – allen “Matz-abbern” einen guten Rutsch (macht es nicht so doll!) und ein wunderschönes neues Jahr, viel Glück, Erfolg und vor allem beste Gesundheit. Gleichzeitig danke ich allen, die hier so großartig mitgemacht haben, das war und ist echt überwältigend. Und wenn ich, wie jetzt auch bei der Hamburger Hallenmeisterschaft, von Usern angesprochen werde, dass ich ihnen mit dem HSV-Blog die Nachtruhe raube (freundlich gemeint!), so ist das in erster Linie wohl Euer Erfolg – auch dafür ganz herzlichen Dank. Und weiter so! Ich freue mich darauf, 2010 dann das erste ganze “Matz-ab-Jahr” durchzuziehen.

Bei der Gelegenheit: Im Internet-Auftritt des Hamburger Abendblattes wird am 31. Dezember eine Jahresbilanz des gesamten Hamburger Fußballs erscheinen, also mit dem HSV, dem FC St. Pauli und den Amateuren. Christian Pletz und ich haben die letzten zwölf Monate noch einmal im Geiste aufgearbeitet und bringen Euch, so wie es über Jahrzehnte im Abendblatt guter Brauch war, die Rangliste der “Tops und Flops” im hanseatischen Fußball. Es würde uns sehr freuen, wenn Ihr auch da einmal reinschauen würdet.

PS: Ich fliege am Sonnabend mit ins türkische Trainingslager nach Belek und werde von dort in alter Frische berichten.

Hinrunden-Bilanz – Teil zwei

29. Dezember 2009

Heute kommen wir zum zweiten Teil der Hinrundenbilanz. Und, so viel darf ich wohl schon verraten, auch im Mannschaftsteil Mittelfeld fallen die meisten Noten positiv aus. Bei kaum einem HSV-Spieler droht die Versetzung in Gefahr zu geraten. Und so soll es denn sein:

David Jarolim: Der Tscheche lag in dieser Hinrunde bislang eigentlich nur einmal richtig daneben – als er seinen Landsmann David Rozehnal übertrieben positiv bewertete, obwohl dieser seine Vorzüge selbst noch nicht entsprechend unter Beweis stellte. „Jaro“ foulte in der Hinserie seltener und produzierte auch weniger seiner von vielen Gegnern und sogar von einigen HSV-Fans gehassten „Jarolim-Stürze“. Insgesamt hinterließ er als einer der unverzichtbaren Führungsspieler einen guten Gesamteindruck. Auch die gescheiterte WM-Qualifikation mit Tschechien warf ihn nicht nachhaltig zurück. Im letzten Drittel der Hinserie wirkte der Kapitän zwar manchmal etwas matt (weil gesundheitlich angeschlagen), doch gerade im Abschlussspiel gegen Werder untermauerte er seine enorme Bedeutung mit niedriger Fehlerquote und großer Leidenschaft.
Note 2,5

Zé Roberto: Ich habe es ja schon einige Male erwähnt: Auch ich gehörte nach der Verpflichtung des Brasilianers im vergangenen Sommer zu den Skeptikern, habe mich von der Fußballkunst dieses begnadeten 35-Jährigen aber schnell aller, wirklich aller Zweifel berauben lassen. Für seine Spielweise gibt es nur ein Prädikat, nein, vielleicht zwei: wertvoll und unersetzbar. Wie der ehemalige Bayer, von dem ich nun restlos begeistert bin, geschmeidige Bewegungen, geniale Passwege und zugleich wertvolle Defensivarbeit miteinander vereint, ist ein Augenschmaus. Bis zu seiner Verletzung war er der spielerische Kopf des HSV, der sich perfekt mit seinen Nebenleuten ergänzte.
Note 1,5

Tomas Rincon: In diesem Blog hatte der Venezolaner offenbar über Monate mehr Fans als im Trainer- und Verantwortlichenteam. Trotz aller Verletzungsprobleme und Personalnot war der ehemalige Leihspieler nie eine ernsthafte Alternative für einen Posten im Mittelfeld. Bruno Labbadia sah ihn eher rechts hinten, wo er einige Einsätze hatte und auch immer wieder in Trainingsspielen aufgeboten wurde. Ihm wurde nachgesagt, er sei zu ungestüm, hole sich zu schnell Gelb ab. Rincons großes Plus: Er gab nie auf, ließ sich trotz der eigentlich aussichtslosen Lage beim HSV nie hängen, sondern gefiel im Training durch beherztes Auftreten. Er wartete auf seine Chance. Das wurde kurz vor Toresschluss, in seinem Fall: kurz vorm Abschied, belohnt. Der Nationalspieler übernahm Zé Robertos Position auf der „Sechs“ und erfüllte seine Aufgaben hervorragend. Dafür wurde er mit einem neuen Vertrag belohnt. Rincon spielt natürlich ganz anders als Zé Roberto, rustikaler, bissiger im Zweikampf und dafür nicht ganz so genial in der Vorwärtsbewegung, aber allemal effektiv. Kann man beispielsweise auch bei Bremens Mesut Özil nachfragen, der wüsste ein Lied von Rincons Qualitäten zu singen…
Note 2

Piotr Trochowski: Er ist und bleibt der meist diskutierte Spieler unter den Fans und auch in den Blog-Beiträger der „Matz-abber“. Zu Beginn der Saison absolvierte der Nationalspieler einige eindrucksvolle Partien unter dem neuen Trainer Bruno Labbadia. Doch immer dann, wenn die Erwartungen an den schussgewaltigen Mann mit der Rückennummer 15 steigen, schwanken seine Leistungen zu stark. Viele erwarten von „Troche“ eine Art Taktgeber, Regisseur, Motivator, dabei ist er meines Erachtens eher ein überragender Mitspieler. Für einen der heißen WM-Anwärter erlaubte sich der vielseitig einsetzbare Trochowski dennoch gerade in jüngster Vergangenheit zu viele schwächere Partien, gelegentlich schien er sich (überspielt?) sogar ganze Auszeiten zu nehmen. Am Jahresende zeigte seine Formkurve deutlich nach unten, was eventuell auch daran liegen könnte, dass er enttäuscht ist. Doppelt enttäuscht: Einmal von sich, das wäre okay. Dann auch vielleicht vom Trainer, das aber wäre zweifellos der falsche Ansatz, um eine sofortige Wende zu schaffen.
Note 4

Marcell Jansen: Vom Dauerverletzten und –kranken zum ernsthaften Anwärter auf einen Platz im WM-Kader hat sich der Linksallrounder gemausert. Jansens Leistungskurve seit seiner schleppenden Rückkehr nach verschiedenen Blessuren und einer verschleppten Grippe im Spätsommer/Frühherbst zeigt senkrecht nach oben. Wirkte der Blondschopf im Aufbautraining nach seiner langen Auszeit manchmal etwas ungeduldig, so zahlte sich dieser zähe Weg der Rückkehr zuletzt doch nachhaltig aus. Er gehörte im letzten Drittel der Hinrunde zu den großen Stützen der Mannschaft, überzeugte durch laufstarkes Spiel und beherzte Vorstöße in die Gefahrenzone des gegnerischen Tores. Nun gilt es, die letzten Eindrücke zu bestätigen – und verletzungsfrei zu bleiben.
Note 3+

Eljero Elia: Einige betrachten ihn als Stürmer, andere als hängende Spitze, noch andere als Mittelfeldrenner. In einem sind sich alle einig: Der Niederländer ist DIE Entdeckung beim HSV und einer der Shootingstars in der Bundesliga, eine Bereicherung für die gesamte Liga. Mit wenigen Ausnahmen setzte der kaum berechenbare Sprint- und Dribbelkönig in fast allen Spielen Akzente, erzwang Fouls, Chancen und bereitete jede Menge Tormöglichkeiten und Treffer vor. Kein Wunder, dass die „Rakete“ gleich bei mehreren englischen Vereinen auf dem Wunschzettel steht. Uns so ganz nebenbei gesagt: Elia ist auch ein ganz, ganz feiner Mensch, ein Profi zum Anfassen, ein Typ „Schwiegermutters Liebling“.
Note 1,5

Mickael Tavares: Er ist die größte Enttäuschung dieser Hinserie. Obwohl er sich in der vergangenen Saison als passable Mittelfeldvariante präsentierte, blieb er im ersten Saisonhalbjahr 2009/2010 meilenweit hinter allen Erwartungen zurück. Im Training hatte man gelegentlich das Gefühl, als habe sich der technisch versierte Tavares aufgegeben, mitunter fiel er deutlich ab. Auch bei seinen Kurzeinsätzen konnte er sich nie empfehlen. Die Zeichen stehen auf Trennung – eher früher als später.
Note 5

Romeo Castelen: Der Niederländer ist angesichts seiner Rolle als Dauerpatient eigentlich nicht zu bewerten. Aber zu Beginn der Serie absolvierte er ja immerhin einige Wochen lang fast alle Trainingseinheiten, kam sogar zum Einsatz und traf zum 4:2-Sieg in Wolfsburg. Dennoch lief er nie richtig rund, musste sich ja auch wieder operieren lassen. Ob Hamburg ihn jemals in Topform erleben wird? Ich habe da meine Zweifel.
Note 4

Robert Tesche: Als er sich im Sommer den Medien in Hamburg vorstellte und nach seiner Lieblingsposition gefragt wurde, sagte er voller Selbstbewusstsein: „Die 10.“ Bekam der ehemalige Bielefelder dann eine (seiner wenigen) Chancen, konnte er dieses Selbstbewusstsein nicht mit auf den Rasen nehmen. Meistens versteckte sich Tesche im Niemandsland, Verantwortung übernahm er kaum, und er lief, das war auffällig, oft nur in einem Tempo. Da kam nichts Explosives, nichts Überraschendes, und auch von Willenskraft war nicht viel zu erkennen. Dabei hätte er (allein vom Körper her) beste Voraussetzungen, ein guter, vielleicht sogar überdurchschnittlicher HSV-Profi zu werden – er müsste nur mehr an sich glauben. Vor allem auf dem Rasen.
Note 4,5.

Die Talente:

Sören Bertram: Hinterließ in mehreren Trainingseinheiten einen guten Eindruck beim Trainerteam. Wirkte einsatzwillig und lernhungrig. Unterschrieb kürzlich einen Profivertrag. In der Rückserie könnte er noch ein paar Mal in der Bundesliga reinschnuppern.

Christian Groß: Die wenigsten kennen ihn. Aber einer hat ihn im Training kennen gelernt: Eljero Elia. Als Eins-gegen-eins-Übungen auf engstem Raum geprobt wurden, musste der Niederländer gegen Groß in dem 45-Sekunden-Duell antreten. Die Zuschauer wetteten schon auf einen hohen Ausgang zu Gunsten Elias. Als es nach 25 Sekunden 3:0 für Groß stand, staunten alle. Er ist hartnäckig, clever und muss in Rodolfo Cardosos Regionalligateam weiterhin Eigenwerbung betreiben.

Hanno Behrens: Im Amateurteam des HSV sammelte er mehrfach Bestnoten, im Training der Profis fiel er bislang allerdings kaum bis gar nicht auf. Hat gelegentlich vielleicht noch etwas zu viel Respekt.

Die Hinrunden-Bilanz wird am Mittwoch fortgesetzt.

16.29 Uhr

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