Monatsarchiv für Dezember 2009

Die Bilanz der Trainer

31. Dezember 2009

Welch eine Aufregung! Der Text war weg. Bis nachts um 1.30 Uhr hatte ich an den Tops und Flops des Hamburger Fußballs 2009 geschrieben. Parallel dazu schrieb auch Christian Pletz, bei ihm sollten die Zeilen dann auch zusammenlaufen, aber es sollte eben nur. 50 Zeilen von meinen rund 300 kamen nur bei meinem Kollegen an. Und dann begann das große Suchen und Fahnden. Ohne Ergebnis. Ich musste alles noch einmal, im Grunde genommen sogar zum dritten Mal schreiben. Wahnsinn. Ich war echt kurz vor dem Explodieren, passend zum Tage.

Ja, und weil jetzt alles fertig ist (steht im Abendblatt Sport), und weil ich noch so aufgekratzt bin, und weil einige von Euch noch etwas über die Trainer lesen wollten (!), so hauen ich eben jetzt noch in die Tasten. Man gönnt sich ja sonst nichts, es ist kurz nach 15 Uhr – und ich reagiere mich so am besten ab.

Übrigens: Die Hinrunden-Bilanz ist ergänzt worden, weil, wie viele von Euch völlig berechtigt reklamiert hatten, ja Jonathan Pitroipa vergessen worden ist. Der Schaden ist inzwischen aber auch behoben worden, wir gehen also glatt ins neue Jahr - sorry!

Hier also die Halbjahres-Bilanz für die HSV-Trainer:

Bruno Labbadia: Es gab im Sommer ja viele, viele Skeptiker in Hamburg. Ich gebe es zu, und das spricht nicht für mich, ich weiß es wohl, auch ich gehörte zu jener Gruppe. Zu frisch waren die Erinnerungen an das kleine Fiasko, das sich rund um das Pokalfinale mit Bayer Leverkusen und Labbadia ereignet hatte. Der „schöne Bruno“ hatte unmittelbar vor dem Endspiel ein Aufsehen erregendes Interview gegeben, und diese Geschichte musste unweigerlich zu einem Bruch, wahrscheinlich zum endgültigen Bruch zwischen dem Trainer und Bayer führen. Weil das Interview am Pressechef Uli Dost vorbei in die Süddeutsche lanciert worden war, musste auch er seinen Hut nehmen, das einmal ganz nebenbei.

Es rankten sich um dieses Interview einige böse Gerüchte, die Bayer-Mannschaft soll gegen den Trainer abgestimmt haben, und der ganze Klamauk erinnerte ein wenig an „schmutzige Wäsche waschen“. Das Verhältnis zwischen Bayer-Team und Labbadia sollte danach schon seit Beginn des Jahres total zerrüttet gewesen sein. Und, und, und.

Sicher kein idealer Start für Bruno Labbadia in Hamburg. Deshalb die vielen Skeptiker. Doch diese Gruppe nahm praktisch von Tag zu Tag ab. Weil der Coach mit unglaublicher Akribie an seine Arbeit beim HSV ging, weil er hundertprozentigen Einsatz zeigte, weil er auch nicht nur über seine fußballerischen Vorstellungen sprach, sondern sie auch auf dem Platz in die Tat umsetzte. Das gefiel, das kam an.

Auch ich hatte schon bald die Wende vollzogen, gebe ich zu. Die Leistungen des HSV stimmten, sie waren zum Teil überragend. Und der HSV spielte nicht nur modern, sondern erfolgreich, schoss zu Beginn die meisten Tore in der Bundesliga. Sicher auch ein Verdienst von Bruno Labbadia.

Was mir auffiel, da ich fast jedes Training sah (und sehe): Der Trainer spricht unheimlich oft und viel mit seinen Mannen. Mir, sage ich auch ganz ehrlich, manchmal ein wenig zuviel sogar. Aber so ist er nun einmal. Andere Trainer vor ihm haben kaum einmal den Mund aufbekommen, haben viel zu selten mit den Spielern kommuniziert, haben auch nur gelegentlich korrigierend im Training eingegriffen – bei Labbadia gibt es alle diese Sachen fast schon im Überfluss. Ihr erinnert Euch sicher, weil es damals „HSV-Oliver“ tage- und wochenlang wiederholt hatte, nämlich den Satz, den mir Felix Magath als HSV-Trainer immer dann um die Ohren gegeben hat, wenn ich meinte, dass er zu wenig mit den Spielern gesprochen hatte: „Matz, du bist und bleibst ein Amateur. Ein Profi hat zu funktionieren, wenn er das nicht macht, sollte er kein Profi werden.“

Bei Bruno Labbadia gibt es, wie gesagt, keinerlei Mangel an der Kommunikation mit seinen Jungs. Ob sie ihm immer ganz genau zuhören, ob sie immer hundertprozentig seinen Worten lauschen und sie auch verinnerlichen, das vermag ich nicht zu sagen – es hat sich bei mir in dieser Hinsicht auch noch kein Spieler beklagt. Also muss alles gut sein.

Was zudem für den neuen HSV-Trainer spricht: Er geht während der Einheiten im Volkspark sofort auf jene Sachen ein, die ihm während der vorangegangenen Spiele negativ aufgefallen sind. Das habe ich, immerhin seit den Tagen von Branko Zebec beim HSV-Training, in dieser Form noch von keinem Trainer erlebt. Das ist fast perfekt. Labbadia lässt auch Standards üben, mehr als seine Vorgänger, aber mir ist das, auch das gebe ich ehrlich zu, immer noch zu wenig. Doch auch das ist ganz allein seine Sache, er wird wissen, wo er, was er und wie er üben lässt.

Positiv ist zudem, dass er während der großen Verletzungsmisere kaum (oder so gut wie nie) geklagt oder gar gejammert hat. Und er hat auch nicht sofort nach neuen Spielern gerufen. Viele von Euch hätten es sicher sehr gern gesehen (das erinnere ich noch), dass Ebby Smolarek, der hier ein Probetraining absolvierte, verpflichtet worden wäre. Labbadia aber verzichtete – trotz des gelegentlich großen Drucks der Öffentlichkeit. Weil Smolarek seit Monaten keine Wettkampfpraxis mehr hatte, und weil der Pole ganz sicher auch Woche benötigt hätte, um jene Form zu haben, in der er dem HSV hätte helfen können. Bruno Labbadia hatte das erkannt. Und dass Smolarek erst zum 1. Januar 2010 einen neuen Verein (AO Kavala in Griechenland, nicht in einer europäischen Top-Liga!) gefunden hat, spricht auch für Labbadia.

Die gute Arbeit des früheren HSV-Stürmers wird übrigens von vielen Experten und ehemaligen HSV-Profis anerkannt. Und auch bei Euch sind die Skeptiker nun deutlich in der Minderheit. Und wenn der HSV nun in den kommenden Wochen personell wieder in Richtung 100 Prozent geht, dann wird sich die gute Arbeit des Trainers auch gewiss noch Richtung Saisonende auszahlen. Mit einem Titelgewinn? Ehrgeizig ist Bruno Labbadia sicher genug, um gleich in seinem ersten HSV-Jahr nach den Sternen greifen zu wollen. Zumal es ihm durch Klub-Boss Bernd Hoffmann vorgelebt wird, dass man seine Ziele nur mit vollem Einsatz und mit großem Ehrgeiz, nicht nach rechts oder links blickend, erreichen kann.

Eddy Sözer: Labbadias Co-Trainer begann etwas verhaltend, wirkte am Anfang der Saison noch zurückhaltend und abwartend. Das hat sich in den letzten Wochen aber gelegt, Sözer, den ich mal als „Gentleman“ unter den Trainern beuzeichnen möchte, kommt mehr und mehr aus sich heraus, ergreift auch oft genug die Initiative im Training, hilft den Spielern, korrigiert sie, gibt Tipps, motiviert und sorgt dann, wenn es angebracht ist, durch einen flotten Spruch für gute Laune bei der Arbeit. Letzteres nicht oft, aber immerhin kommt es vor. Und vielleicht legt er ja auch in diesem Punkt noch zu.

Ganz sicher ist Sözer ein total loyaler „zweiter Mann“, der seinem Chef nie in den Rücken fallen, ihm auch niemals die Show stehlen würde. So gesehen halte ich den intelligenten Eddy Sözer, der sich stets sehr gewählt ausdrücken kann, für den idealen Assistenten.

Claus Reitmaier: Der Torwart-Trainer ist schon vor der Labbadia-Ära beim HSV gewesen. Der ehemalige KSC-Keeper ist ein harter Hund, und zwar gegen sich selbst, denn er läuft immer, bei Wind und Wetter, in kurzer Hose über den Platz. Und wenn ich einmal seine erste Zeit beim HSV mit der heutigen vergleiche, so ist auffällig, dass er inzwischen viele sehr gute Variationen im Torwart-Training parat hat. Für mich gibt es ja in diesem Metier nur einen, der es dabei auf 100 Prozent gebracht hat, und das ist Sepp Maier. Den guten Mann schätze ich nicht unbedingt als Menschen (weil er nicht längst so spaßig ist, wie er im Fernsehen immer tat!), aber als Torwart-Trainer war Maier der allerbeste Mann, er war einfach nur sensationell. Reitmaiers Vorgänger beim HSV hatten von Maier nicht mal einen Hauch, die brachten es gegenüber dem ehemaligen Bundestorwart-Trainer nur auf 15 Prozent – aber Claus Reitmaier tritt aus diesen Schatten heraus, und zwar deutlich.

Es ist gewiss nicht leicht, mitunter drei Torhüter auf einmal zu beschäftigen, aber auch das gelingt dem HSV-Torwart-Trainer recht gut. Mein Fazit: Claus Reitmaier, dem gelegentlich ein wenig mehr Temperament zu wünschen wäre, ist auf dieser Position seit über einem Jahrzehnt der beste Mann beim HSV.

Ricardo Moniz: Der Niederländer ist noch ein „Mitbringsel“ von Martin Jol. Wieso ihn der Chef nicht mit zu Ajax Amsterdam nahm, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben, aber es ist eben so. Moniz ist in seiner lauten Art sicher gewöhnungsbedürftig. Er schreit oft, er brüllt sogar sehr oft, und er bedient sich auch gelegentlich einer gewissen Fußballer-Sprache, die mit „sehr deftig, sehr rustikal“ noch human umschrieben ist. Für die jungen Talente, das schrieb ich schon einmal, mag Moniz ein exzellenter Mann sein, denn er kann ihnen Dinge beibringen, die einem Rastelli schon sehr nahe kommen. Bei den erfahrenen Spielern allerdings ist er klug beraten, sich ein wenig zurück zu halten, denn die meisten von ihnen sind Nationalspieler, haben ihre Karriere voll im Griff und lassen sich nur noch höchst selten etwas sagen. Und wenn, dann in netter Art, ohne große Lautstärke – die sicher ein kleines Manko für den Technik-Trainer ist.

Meines Wissens läuft der Vertrag von Ricardo Moniz nur noch bis zum Saisonende, und noch einmal meines Wissens: Über eine eventuelle Verlängerung ist noch nicht gesprochen worden – Stand Anfang Dezember. Mein Tipp: Das sieht eher nach einer Trennung zum Saisonende aus.

So, das waren nun auch noch die Trainer des HSV, es ist mittlerweile 16.28 Uhr, ich habe mich auch wieder „runtergefahren“ – das war es nun auch endgültig mit der Halbjahres-Bilanz. Ich werde mich jetzt erst am Sonnabend aus dem türkischen Trainingslager in Belek wieder melden. Bis dahin alles Gute für Euch, einen wunderschönen Rutsch ins neue Jahr – und viel Erfolg, Glück und beste Gesundheit in 2010. Wir lesen uns!

16.32 Uhr

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