27. November 2009
In den vergangenen Tagen habe ich viele Abendblatt-interne Diskussionen zum Thema Abwehrproblem beim HSV geführt. Ich habe mir die Trainingseinheiten angeschaut, das Verhalten der einzelnen Profis miteinander, die Diskussionsatmosphäre und so weiter. Und am Ende bin ich – so kurz vor dem Spiel in Mainz – zu einer nicht gerade beruhigenden Bilanz gekommen: Die Innenverteidigung passt nur in einer einzigen Konstellation richtig zueinander.
Aus meiner Sicht kann Trainer Bruno Labbadia der Arbeit der Viererkette nur dann entspannt beiwohnen, wenn Joris Mathijsen und Jerome Boateng in der Stammformation stehen. Und das war zuletzt ja häufiger nicht der Fall.
Bitte denkt jetzt nicht, ich würde Mathijsen und Boateng hier auf Wolke sieben befördern wollen. Ganz und gar nicht. Mathijsen ist hin und wieder auch für einen kleinen Bock oder eine Stolpereinlage der verzichtbaren Art gut, und bei Boateng gehören gelegentliche Aussetzer oder Wadenzwicken leider auch zum Programm. Aber grundsätzlich passen die beiden als Spielertypen bestens zueinander. Mathijsen, für mich der „Mr. Supersolide“ in der Bundesliga, der keine herausragenden Einzelfähigkeiten hat, aber in seiner Gänze eben auch keine heraus stechende Schwäche offenbart und daher selten bis nie abfällt in seiner Leistung, und Shootingstar Boateng, der wegen seiner Schnelligkeit und seiner grandiosen Diagonalbälle sowie einer extrem guten Schusstechnik zurecht in die A-Nationalmannschaft vorgestoßen ist, ergänzen sich einfach prima.
Wenn ich mir dagegen Neuzugang David Rozehnal betrachte, wie er beispielsweise beim 0:1 gegen Bochum mit Mathijsen harmonierte, oder eben auch eher gar nicht, dann hätte ich als Trainer ein dauerhaftes Bauchgrummeln. Der Tscheche und der Niederländer passen meiner Meinung nach überhaupt nicht zueinander. Rozehnal hat zwar ein besseres Kopfballspiel als sein Nebenmann, was gelegentlich auch Gefahrensituationen verhindert, aber in seiner Spielanlage ist er Mathijsen zu ähnlich. Und zu langsam ist er auch. Normalerweise dürfte es daher nur heißen: Mathijsen ODER Rozehnal mit Boateng.
Einige von Euch werden jetzt den Kopf schütteln und mich womöglich in die Kategorie derer einordnen, die große Erinnerungslücken aufweisen, weil mit Bastian Reinhardt ja auch schon ein noch etwas langsamerer Spieler neben Mathijsen gespielt hat – und das funktionierte. Ich werde nicht widersprechen, aber dieses Duo hat auch nur deshalb funktioniert, weil es fußballerisch und auch außerhalb des Platzes hervorragend miteinander harmonierte. Wenn Mathijsen in einen riskanten Zweikampf ging, ließ sich Reinhardt meist etwas tiefer fallen, nahm fast eine Liberoposition ein, um eine potenzielle Gefahrenquelle zu verhindern. Reinhardt ließ sich von Mathijsen lenken. Bei Rozehnal habe ich manchmal das Gefühl, dass er sich in der Abwehrkette selbst als eine Art Alphatierchen betrachtet. Und das kann nur Konflikte oder Fehler hervorrufen. In einer Abwehrreihe muss es einen Boss geben, und der heißt Mathijsen.
Möglicherweise tue ich Rozehnal aber auch Unrecht. Er hat sich, das habe ich in den vergangenen Wochen ja auch hier und da immer wieder mal erwähnt, gesteigert. Vielleicht liegt meine sehr kritische Betrachtung auch an seinem gesamten Auftreten. Von ihm, der für etwas mehr als fünf Millionen Euro geholt wurde, habe ich einfach ein bisschen mehr erwartet. Er wirkt so emotionslos, manchmal auch nach Trainingseinheiten immer noch wie ein kleiner Fremdkörper. Und diesen Eindruck hat man als Zuschauer auch manchmal bei den Spielen. Ich habe mir vorgenommen, mein endgültiges Fazit in der Winterpause zu ziehen.
Für das Duell in Mainz muss ich mir wegen der Innenverteidiger-Harmonie wohl keine Sorgen machen – sofern Boatengs Wade mal hält -, und das ist gut so, denn gegen den FSV braucht der HSV unbedingt einen megaschnellen Abwehrmann im Zentrum, auch um die Kreise des schnellen und spielerisch mitunter brillanten Aristide Bance zu stören. Vielleicht tut es Labbadias Mannschaft auch ganz gut, dass die Favoritenrolle vor dem Spiel bei den sehr heimstarken Mainzern gar nicht mehr so eindeutig verteilt ist. Werden die Spiellust und die positive Atmosphäre dieser Trainingswoche mit zum FSV genommen und dort nach dem Anpfiff präsentiert, ist eine Überraschung drin – und das wäre ein Sieg nach dem jüngsten Negativlauf allemal.
Zwei Kleinigkeiten noch, von denen die zweite natürlich auch eine größere Nummer werden könnte. Erstens möchte ich HK Hans für seinen Kommentar am 27. November um 4.01 Uhr danken. Unglaublich, dass Du Dir um diese Uhrzeit so detaillierte und sachdienliche Gedanken machen kannst. Und lass Dir gesagt sein: Wir denken darüber nach und beschäftigen uns auch intern mit dem Thema, das wird aber nicht von heute auf morgen gehen.
Zweitens ist ja nach wie vor die Sportchef-Frage ungeklärt. Ich habe lange recherchiert und meine zuverlässigsten Quellen gelöchert, wann denn nun endlich etwas passieren wird – und vor allem, wer Dietmar Beiersdorfers Nachfolge antreten soll. Die Personalie steht meines Erachtens schon viel zu lange offen, aber ich denke, dass in der Winterpause etwas passieren wird (und muss). Nun ist mir fast durch einen Zufall ein Name begegnet, der uns anfangs schon einmal beschäftigt hat: Martin Bader, noch Sportdirektor des 1. FC Nürnberg.
Könnte ja passen. Der Mann ist kein Neueinsteiger, er kennt sich national aus und hatte wegen seiner vorherigen Tätigkeit für Vermarkter Sportfive auch international schon einiges zu tun. Außerdem soll er seinerzeit schon Kontakt bei Sportfive mit Bernd Hoffmann gehabt haben. Ich möchte die Gerüchteküche nicht anheizen, aber bei einer Art Tauglichkeitscheckliste hätte Bader gute Karten. Da sich der Aufsichtsrat zu dem Reizthema noch nicht äußern will, belasse ich es erst einmal bei diesem kleinen Einwurf. Mehr gibt es, sobald ich mehr erfahre oder es Abschlüsse zu verzeichnen gibt.
11:54 Uhr
Tags: Bader, Bance, Boateng, HSV, Labbadia, Mainz, Mathijsen, Nürnberg, Rozehnal, Sportchef