Tagesarchiv für den 27. November 2009

Neue Position für Boateng

27. November 2009

Kommando zurück, müsste ich jetzt eigentlich schreiben, denn beim Abschlusstraining tauchte doch wieder das Abwehrduo Joris Mathijsen/David Rozehnal im Defensivzentrum der Stammformation auf. Vor Frank Rost spielten rechts Guy Demel, links Dennis Aogo. Im rechten Mittelfeld Piotr Trochowski, links Marcell Jansen. Und – jetzt kommt die Überraschung – im defensiven Mittelfeld bildeten David Jarolim und Jerome Boateng die „Doppelsechs“. Vorne stürmten Tunay Torun und Eljero Elia. Mladen Petric, das wisst Ihr ja mittlerweile auch schon, fällt nun mit einem Magen-Darm-Infekt aus. Schöne Sch…, kann man da nur sagen.

Angesichts der Eindrücke dieser Einheit – Bruno Labbadia unterbrach sie übrigens kurzzeitig, weil ihm die Einstellung mehrerer Profis inklusive Körpersprache nicht gefiel, und ermahnte seine Mannschaft lautstark – glaube ich aber nicht, dass die erprobte Formation auch die morgige in Mainz sein wird. Boateng harmonierte nicht sonderlich gut mit Jarolim, auch das Sturmduo Torun/Elia machte alles andere als Eigenwerbung. Und Guy Demel hatte seine besten Szenen in der Vorwärtsbewegung.

Labbadia wirkte ziemlich genervt. Ihm missfällt vor allem der Umstand, dass einige seiner Spieler die letzte Konsequenz in ihren Aktionen vermissen lassen. Eine Willens- oder eine Konzentrationsphase? Beispiel: langer Ball des B-Teams auf Marcus Berg. Guy Demel war erst am Mann, doch nach der Ballannahme Bergs mit der Brust ging er viel zu zaghaft gegen den Schweden vor, so dass dieser den Ball fast problemlos zu einem Kollegen abspielen konnte. „Druuuuccckkk, mehr Power“, hätte Co-Trainer Ricardo Moniz in so einer Szene seinem Lieblingsadressaten Tolgay Arslan zugeschrien. Tat er aber nicht, weil Moniz als Abwehrchef des B-Teams fungierte. Dafür rüffelte Labbadia seinen Ivorer in aller Deutlichkeit. Er weiß, dass solche Situationen Knackpunkte in Mainz sein können, denn der FSV konnte in der bisherigen Saison häufiger grandios aufspielen, wenn die Gegner nicht rigoros gegen die Mainzer Spielzentrale agierten. Im Fortlauf des Trainingsspiels lief es dann deutlich besser.

Die gewünschte Ausrichtung Labbadias ist seinen Spielern in jedem Fall bewusst. Und ich bin mir sicher, dass der Coach vor dem morgigen Spiel auch noch einmal eine intensivere Ansprache in die Vorbereitung einbauen wird, um seine Kicker für die wichtigen Aspekte zu sensibilisieren. Die Verantwortlichen wollen mit allen Mitteln versuchen, den Negativtrend zu bremsen, um auf dem Weg zur Winterpause nicht alles Erarbeitete zu verlieren und sich von der Personalmisere auch noch in ein komplettes Leistungsloch führen zu lassen.

Vertraut man den Trainingseindrücken dieser Woche, darf man sich aus HSV-Sicht vor allem von Marcell Jansen und Piotr Trochowski Impulse erhoffen. Sollte die Null mal stehen, ist ein Auswärtssieg drin.

18:35 Uhr

Mathijsen/Boateng passt besser

27. November 2009

In den vergangenen Tagen habe ich viele Abendblatt-interne Diskussionen zum Thema Abwehrproblem beim HSV geführt. Ich habe mir die Trainingseinheiten angeschaut, das Verhalten der einzelnen Profis miteinander, die Diskussionsatmosphäre und so weiter. Und am Ende bin ich – so kurz vor dem Spiel in Mainz – zu einer nicht gerade beruhigenden Bilanz gekommen: Die Innenverteidigung passt nur in einer einzigen Konstellation richtig zueinander.

Aus meiner Sicht kann Trainer Bruno Labbadia der Arbeit der Viererkette nur dann entspannt beiwohnen, wenn Joris Mathijsen und Jerome Boateng in der Stammformation stehen. Und das war zuletzt ja häufiger nicht der Fall.

Bitte denkt jetzt nicht, ich würde Mathijsen und Boateng hier auf Wolke sieben befördern wollen. Ganz und gar nicht. Mathijsen ist hin und wieder auch für einen kleinen Bock oder eine Stolpereinlage der verzichtbaren Art gut, und bei Boateng gehören gelegentliche Aussetzer oder Wadenzwicken leider auch zum Programm. Aber grundsätzlich passen die beiden als Spielertypen bestens zueinander. Mathijsen, für mich der „Mr. Supersolide“ in der Bundesliga, der keine herausragenden Einzelfähigkeiten hat, aber in seiner Gänze eben auch keine heraus stechende Schwäche offenbart und daher selten bis nie abfällt in seiner Leistung, und Shootingstar Boateng, der wegen seiner Schnelligkeit und seiner grandiosen Diagonalbälle sowie einer extrem guten Schusstechnik zurecht in die A-Nationalmannschaft vorgestoßen ist, ergänzen sich einfach prima.

Wenn ich mir dagegen Neuzugang David Rozehnal betrachte, wie er beispielsweise beim 0:1 gegen Bochum mit Mathijsen harmonierte, oder eben auch eher gar nicht, dann hätte ich als Trainer ein dauerhaftes Bauchgrummeln. Der Tscheche und der Niederländer passen meiner Meinung nach überhaupt nicht zueinander. Rozehnal hat zwar ein besseres Kopfballspiel als sein Nebenmann, was gelegentlich auch Gefahrensituationen verhindert, aber in seiner Spielanlage ist er Mathijsen zu ähnlich. Und zu langsam ist er auch. Normalerweise dürfte es daher nur heißen: Mathijsen ODER Rozehnal mit Boateng.

Einige von Euch werden jetzt den Kopf schütteln und mich womöglich in die Kategorie derer einordnen, die große Erinnerungslücken aufweisen, weil mit Bastian Reinhardt ja auch schon ein noch etwas langsamerer Spieler neben Mathijsen gespielt hat – und das funktionierte. Ich werde nicht widersprechen, aber dieses Duo hat auch nur deshalb funktioniert, weil es fußballerisch und auch außerhalb des Platzes hervorragend miteinander harmonierte. Wenn Mathijsen in einen riskanten Zweikampf ging, ließ sich Reinhardt meist etwas tiefer fallen, nahm fast eine Liberoposition ein, um eine potenzielle Gefahrenquelle zu verhindern. Reinhardt ließ sich von Mathijsen lenken. Bei Rozehnal habe ich manchmal das Gefühl, dass er sich in der Abwehrkette selbst als eine Art Alphatierchen betrachtet. Und das kann nur Konflikte oder Fehler hervorrufen. In einer Abwehrreihe muss es einen Boss geben, und der heißt Mathijsen.

Möglicherweise tue ich Rozehnal aber auch Unrecht. Er hat sich, das habe ich in den vergangenen Wochen ja auch hier und da immer wieder mal erwähnt, gesteigert. Vielleicht liegt meine sehr kritische Betrachtung auch an seinem gesamten Auftreten. Von ihm, der für etwas mehr als fünf Millionen Euro geholt wurde, habe ich einfach ein bisschen mehr erwartet. Er wirkt so emotionslos, manchmal auch nach Trainingseinheiten immer noch wie ein kleiner Fremdkörper. Und diesen Eindruck hat man als Zuschauer auch manchmal bei den Spielen. Ich habe mir vorgenommen, mein endgültiges Fazit in der Winterpause zu ziehen.

Für das Duell in Mainz muss ich mir wegen der Innenverteidiger-Harmonie wohl keine Sorgen machen – sofern Boatengs Wade mal hält -, und das ist gut so, denn gegen den FSV braucht der HSV unbedingt einen megaschnellen Abwehrmann im Zentrum, auch um die Kreise des schnellen und spielerisch mitunter brillanten Aristide Bance zu stören. Vielleicht tut es Labbadias Mannschaft auch ganz gut, dass die Favoritenrolle vor dem Spiel bei den sehr heimstarken Mainzern gar nicht mehr so eindeutig verteilt ist. Werden die Spiellust und die positive Atmosphäre dieser Trainingswoche mit zum FSV genommen und dort nach dem Anpfiff präsentiert, ist eine Überraschung drin – und das wäre ein Sieg nach dem jüngsten Negativlauf allemal.

Zwei Kleinigkeiten noch, von denen die zweite natürlich auch eine größere Nummer werden könnte. Erstens möchte ich HK Hans für seinen Kommentar am 27. November um 4.01 Uhr danken. Unglaublich, dass Du Dir um diese Uhrzeit so detaillierte und sachdienliche Gedanken machen kannst. Und lass Dir gesagt sein: Wir denken darüber nach und beschäftigen uns auch intern mit dem Thema, das wird aber nicht von heute auf morgen gehen.

Zweitens ist ja nach wie vor die Sportchef-Frage ungeklärt. Ich habe lange recherchiert und meine zuverlässigsten Quellen gelöchert, wann denn nun endlich etwas passieren wird – und vor allem, wer Dietmar Beiersdorfers Nachfolge antreten soll. Die Personalie steht meines Erachtens schon viel zu lange offen, aber ich denke, dass in der Winterpause etwas passieren wird (und muss). Nun ist mir fast durch einen Zufall ein Name begegnet, der uns anfangs schon einmal beschäftigt hat: Martin Bader, noch Sportdirektor des 1. FC Nürnberg.

Könnte ja passen. Der Mann ist kein Neueinsteiger, er kennt sich national aus und hatte wegen seiner vorherigen Tätigkeit für Vermarkter Sportfive auch international schon einiges zu tun. Außerdem soll er seinerzeit schon Kontakt bei Sportfive mit Bernd Hoffmann gehabt haben. Ich möchte die Gerüchteküche nicht anheizen, aber bei einer Art Tauglichkeitscheckliste hätte Bader gute Karten. Da sich der Aufsichtsrat zu dem Reizthema noch nicht äußern will, belasse ich es erst einmal bei diesem kleinen Einwurf. Mehr gibt es, sobald ich mehr erfahre oder es Abschlüsse zu verzeichnen gibt. 

11:54 Uhr