Tagesarchiv für den 24. November 2009

Petric schürt neue Hoffnungen

24. November 2009

Und plötzlich schoss er mit. Er schoss aufs Tor. Gemeinsam mit seinen Kollegen „ballerte“ Mladen Petric auf das von Tom Mickel gehütete Gehäuse. Die Kiebitze trauten ihren Augen nicht. Zuvor hatte Petric seine Einheit mit Reha-Trainer Markus Günther absolviert, doch plötzlich gab es kein Halten mehr für den verletzten HSV-Stürmer. Der Wunsch, seiner Mannschaft helfen zu wollen, versetzt wohl Berge. Hoffentlich bereut er seinen Übermut nicht morgen schon wieder, wenn er zuviel riskiert hat. Hoffentlich. Aber es wäre schon schön, wenn Petric so schnell wie möglich wieder mitspielen könnte, denn er wird vermisst – ohne ihn hat der HSV nicht mehr gewonnen.

„Ich spiele am Wochenende“, sagte Mladen Petric beim Gang in die Kabine. Dann aber, als er die völlig überraschten Augen der Medienvertreter erblickte, führt er schelmisch lächelnd an: „Ich weiß nur noch nicht, an welchem.“ Mir hatte er gesagt, dass er sich zwar ein Datum gesetzt hat, er es aber nicht verraten wolle – um nicht einen unnötigen Druck aufzubauen. In der Bild hatte Petric vom 20. Dezember, dem Spiel gegen Werder, gesprochen. Ich glaube aber nach dem heutigen Tag ganz fest daran, dass er schon früher wieder den Weg zurück ins Team finden wird. Und vielleicht sogar nicht an einem Wochenende, sondern an einem Wochentag. Ich denke da an die Europa League . . .

Übrigens füllt es sich so langsam auf dem Trainingsplatz. Bastian Reinhardt lief erst, trainierte dann auch mit Markus Günther, wagte sich sogar schon an den Ball. Als „Basti“ schweißüberströmt vom Platz ging, strahlte er: „Keine Schmerzen, ich fühle mich wohl, auch jetzt nach dem Training, es hat Spaß gemacht, erstmalig wieder auf dem Rasen neben der Mannschaft zu sein.“ Als die Mitspieler dann alle wieder in der Kabine waren, betrat auch noch Alex Silva den Rasen. Es ist allmählich Licht am Ende des Tunnels zu erkennen. Weil ja auch Eljero Elia, Marcus Berg, Guy Demel und Jerome Boateng uneingeschränkt trainieren konnten. Nur bei Jonatha Pitroipa (Zerrung) sieht es noch schlecht aus, und noch schlechter bei Ze Roberto. Der Brasilianer glaubt nicht, dass er am Sonnabend gegen Mainz 05 spielen kann, Ze fliegt am Mittwoch nach München, um sich bei Bayern-Doc Müller-Wohlfahrt behandeln zu lassen. Bitter genug.

Beim Mannschaftstraining übrigens wurde zuerst Handball gespielt – mit abschließenden Kopfballtoren. Die Profis waren mit Feuereifer bei der Sache, und vielleicht hilft Handball ja auch am Sonnabend in Mainz . . .

Nach Handball folgten die Standards. Von rechts flankte Dennis Aogo, von links Piotr Trochowski und Tunay Torun. Letzterer mischt im Training in Sachen Standards schon etwas länger mit (was einige überrascht), aber im Spiel habe ich es noch nie gesehen, dass er Frei- oder Eckstöße schießt. Nur bei der Zweiten, aber dafür wird wohl eher nicht trainiert – zurzeit jedenfalls. Was mich freute: Standards wurden intensiver als sonst geübt, das macht Hoffnung. Was mich ein wenig bei den Standards störte: Es standen dabei zu viele Spieler frierend in der Mitte herum. Das kritisierten auch einige Kiebitze. Ich hatte mal bei der Prüfung zur Trainer-B-Lizenz gelernt, dass man bei kaltem Wetter die Spieler nicht so lange unbeschäftigt herumstehen lassen soll, aber eventuell befand ja auch Bruno Labbadia, dass dieses Stehen gerade noch vertretbar war.

Worüber ich mir auch Gedanken machte: Nach einem solchen Auftritt wie gegen Bochum haben andere Trainer auch schon mal die Knute herausgeholt. Das hieß dann: Laufen bis zum Erbrechen. Felix Magath zum Beispiel hätte das nächste Training auch um 7.30 Uhr angesetzt, aber das nur mal am Rande. Bruno Labbadia scheint da anders zu ticken, und er hat das ja auch schon von sich gegeben, dass er anders als Felix Magath ist. Ich bin kein Bundesliga-Trainer, und jeder Mensch ist anders, ich verrate aber einmal, wie ich es gemacht hätte – und auch warum: Piotr Trochowski litt nach einer Stunde Spielzeit an Krämpfen. Er hatte am Mittwoch das Länderspiel gegen die Elfenbeinküste absolviert. Aber leidet man vier Tage danach noch an Krämpfen? Was ist da los? Ich als Trainer hätte mich dann hinterfragt und wäre eventuell darauf gekommen, das ein anständiges Lauftraining vorbeugend helfen könnte. Und dann wären die Spieler bei mir gelaufen. Ob nun mit Ball oder auch ohne, sie wäre aber auf jeden Fall gelaufen. Das hilft.

Aber, wie bereits gesagt, ich bin kein Bundesliga-Trainer, und ich habe auch nichts mit dem HSV-Training zu tun. Zudem möchte ich noch einmal deutlich sagen, dass ich Bruno Labbadia eindeutig nicht mit dem derzeitigen Negativtrend seiner Mannschaft in Verbindung bringen möchte. Und werde. Dennoch, ich werde kritische Worte finden, wenn ich sie für angebracht halte. Selbst der kritikresistente Willi Reimann hatte einmal zu uns (Schreiberlingen) gesagt: „Ich habe nichts gegen Kritik, aber sie muss oberhalb der Gürtellinie sein.“ Bei Willi Reimann habe ich damals schon gesagt, dass er seinen Gürtel immer auf Halshöhe getragen hat, aber generell hat er Recht. Und unterhalb der Gürtellinie werde ich keinen Trainer kritisieren, im Gegenteil, ich hoffe, dass sich jeder Trainer (auch Bruno Labbadia) die Kritik durchliest, sie sich durch den Kopf gehen lässt – um dann Schlüsse daraus zu ziehen. Es kann nur von Vorteil für den HSV sein. Und auch für ihn.

Auch deswegen greife ich gern die von Euch immer wieder gehörte Kritik mit dem Auswechseln auf. Schon mein Freund Bert, der Meistertrainer des SC Victoria, klagte zu Beginn der Saison über die eine oder andere Schwäche Labbadias beim Auswechseln. Bert, der auch HSV-Mitglied ist, klagt bis heute. Wie so viele von Euch. Und sicher ist auch etwas dran an diesem Thema. Bruno Labbadia wird seine Strategie des Wechselns überdenken müssen, so glaube ich, denn allein der Bochum-Wechsel von Maximilian Beister, der in der 88. Minute kam, verlangt gerade danach, besprochen zu werden. Was sollte dieser viel zu späte Wechsel? Er sorgte bei (fast) allen, Zuschauern wie Medienvertreter, für Kopfschütteln. Ich gebe aber zu: Weder ich noch einer meiner Kollegen haben mit dem Trainer darüber gesprochen. Ich gebe auch zu, auch wenn es Euch nicht so richtig weiterbringt: Das ist ganz schwach, denn diese Nachfrage wäre zwingend nötig gewesen.

Vielleicht hätte es dafür sogar eine ganz einfache Erklärung (von Labbadia) gegeben. So wie diese fiktive: Da Guy Demel schon geraume Zeit humpelte, konnte Beister nicht eher kommen, denn hätte Demel nach eine früheren Einwechslung Beisters, dann ja bereits der dritte Wechsel, nicht durchhalten könne, dann hätte der HSV mit zehn Mann weiterspielen müssen.

Generell glaube ich aber auch, dass Bruno Labbadia mutiger, sicherer und schneller in Sachen Auswechslungen werden sollte. Ich denke dabei aber gerade jetzt an eine Szene, die ich vor Jahren in Ochsenzoll miterlebte. Da fragte der Kollege Jürgen Schnitgerhans (Bild) den HSV-Trainer Benno Möhlmann auch nach einer Auswechslung. Und Möhlmann entgegnete (ich hoffe Schnitte, dass ich das verraten darf?!) unglaublich offen: „Du setzt das immer voraus, dass ich unfehlbar bin, aber ich bin ja noch ein junger Trainer, ich bin relativ neu im Geschäft, ich muss doch auch erst mal meine Erfahrungen sammeln . . .“

Übrigens: Mir wurde vorgeworfen, dass ich Bruno Labbadia nach diesem Bochum-Kick (auf den ich immer noch sauer bin, ich gebe es zu) aus der Kritik genommen habe. Das stimmt so nicht. Ich habe den HSV-Coach erst verteidigt, weil er aus Euren Reihen scharf und meiner Meinung nach völlig zu Unrecht angegriffen wurde. Dazu stehe ich, denn nach wie vor kann der Trainer nichts dafür, dass ihm regelmäßig um die zehn Spieler fehlen – und dazu auch noch die besten Kräfte. Das sollte sich jeder Trainer-Kritiker einmal vor Augen führen. Egal, ob Bruno Labbadia nun von diversen europäischen Spitzenklubs gejagt wurde, oder nicht. Eine solche Argumentation ist in meinen Augen total verfehlt, denn: Welcher deutsche Trainer wird denn von Real Madrid, FC Liverpool oder dem AC Mailand gejagt? Nicht einmal Felix Magath. Und auch kein Fred Rutten. Oder ein Peter Neururer, oder, oder.

Okay, ich weiß schon seit dem 7. August (dem Start von „Matz ab“), dass ich es hier nicht jedem recht machen kann, ich halte mich auch schon zurück, mehr als sonst, aber irgendwie stößt es dann doch mal wieder auf. Ich verspreche aber, dass ich weiter emsig daran arbeiten werde, und ich werde Euch natürlich Eure Meinungen lassen – und dann kann sich jeder andere User einen Reim darauf machen. Selbstverständlich gilt das auch für meinen Mist, den ich hier (gelegentlich) verzapfe.

Trotz allem noch eine kleine Rechtfertigung von mir: Dass ich Tolgay Arslan „niedergeschrieben“ haben soll, das mag vielleicht in Eure Augen so gewesen sein, aber nach dieser dürftigen 61-Minuten-Vorstellung fand ich einfach keine anderen, keine milderen Worte. Tut mir Leid. Ich kann aber auch sagen, ernsthaft sagen, dass ich doch noch Rücksicht auf ein junges Talent genommen habe. Normalerweise nämlich wäre meine Kritik noch ein wenig heftiger ausgefallen – wobei ich heute wie am Sonntag auch bekennen muss: An Arslan lag es sicher nicht (allein), dass der HSV verloren hat, da gab es ja noch ganz andere Ausfälle.

Ein Schlusswort noch zu Tomas Rincon. Nochmals ganz ehrlich: Ich hätte, wäre ich HSV-Trainer, im Moment auch keine Traute, ihn zu bringen. Nach dem Elfmeter bei Hannover 96, der für mich trotz aller gegenteiligen Meinungen innerhalb des Forums und des HSV noch immer einer ist und bleibt, wäre Rincon ein Sicherheitsrisiko. Er ist einfach zu ungestüm, er schmeißt immer dann alle disziplinarischen und taktischen Maßnahmen über Bord, wenn es eng für ihn wird. Zudem ist er immer noch KEIN Rechtsverteidiger, sondern immer noch ein Mittelfeldspieler. Ob er beim HSV bleiben darf, das steht übrigens immer noch nicht fest. Bernd Hoffmann sagte zu diesem Thema: „Wir sind mit seinem aktuellen Berater in Gesprächen.“ Und inzwischen soll auch vom HSV geklärt sein, wer der „Besitzer“ von Tomas Rincon ist. Oder, wie es Bernd Hoffmann formulierte: „Wir sind in diesem Punkt auf einem guten Weg.“ Nämlich der Klärung der Besitzverhältnisse des Spielers.

Wäre aber trotz allem toll, wenn der HSV nicht nur in diesem Punkt auf einem guten Weg wäre, sondern auch sportlich, ganz generell. Aber vielleicht ist Mainz ja am Sonnabend die Wende zum Guten – die Hoffnung stirbt zuletzt.

16.27 Uhr