Tagesarchiv für den 22. November 2009

Der Abwärtstrend hält an

22. November 2009

Es ist ja so bitter, oh wie ist das bitter! Was für ein Drama: Der HSV verliert gegen Bochum und setzt seine vor Wochen begonnene Talfahrt rasant fort. Es geht gar nichts mehr, die unfassbar schlimme Personal-Situation hat die einstige Spitzenmannschaft total aufgefressen. Da standen sich im Volkspark zwei Teams gegenüber, die eigentlich Welten trennen sollten, aber es waren zwei Mannschaften, die sich auf Augenhöhe gegenüber standen. So erschreckend das auch klingt. Diese 0:1-Niederlage, die eine ganze Stadt schockt, wird dafür sorgen, dass das Selbstvertrauen noch weiter schwindet, die nächsten Wochen dürften ungemütlich werden, höchst ungemütlich sogar. Quo vadis, HSV?

Was war erfreulich an diesem Spiel? Die Pfiffe hielten sich zur Pause in Grenzen, das war gut. Zu früheren Zeiten hätte es ein Pfeifkonzert größeren Ausmaßes gegeben, Und dann? Piotr Trochowski schlug einen sehr guten Eckstoß zur Mitte, den Joris Mathijsen sogar ins VfL-Tor köpfte, aber dann trat Schiedsrichter Günter Perl in Erscheinung. Jener Herr, der vor Wochen Hertha BSC gegen den HSV geleitet hatte. Da war nichts. Heerwagen protestierte nicht, kein Bochumer protestierte, aber Herr Perl pfiff: kein Tor. Noch Fragen?

Ich habe keine mehr. Zumal mir Minuten vor dem Anpfiff Mladen Petric über den Weg gelaufen war. „Alles gut, keine Komplikationen nach dem Training“, sagte er. Hätte sich Herr Perl, der es in meinen Augen einfach nicht kann (das Schiedsrichtern!), mal anhören sollen. Ich sehe die Szene immer noch vor mir: Petric wird umgenietet, und der Herr Perl kommt und fordert den HSV-Spieler unmissverständlich auf, aufzustehen. Diese Szene werde ich nicht so schnell abhaken.

Und dazu passt, ganz schnell noch eingefügt, die Szene in der 45. Minute: Da vertändelte David Rozehnal fast die Kugel gegen Epalle, der Bochumer wäre frei auf das HSV-Tor zugelaufen. In letzter Sekunde grätschte der Tscheche den Bochumer um und rettete seine fast schon missglückte Aktion. Perl winkte in Richtung Epalle, aufzustehen. Wie damals in Berlin bei Petric. Nach dem Halbzeitpfiff bemühten sich dann zwei VfL-Betreuer um den Verletzten, hoben ihn auf, führten ihn in die Kabine – und Epalle blieb während der gesamten zweiten Halbzeit auch genau dort.

Zurück zum Spiel. Gut am HSV war auch ein Freistoß von Dennis Aogo, der den Ball von rechts sehr stark und gefährlich an den Fünfmeterraum schlug. Endlich einmal einer!

Was nicht so gut war: Die Bochumer waren schon ganz auf Weihnachten eingestellt, verteilten einige wunderschöne Geschenke, aber die verschmähte der HSV. Geschenke annehmen, das ist offenbar keine hanseatische Gabe. Als Torwart Heerwagen eine Jansen-Flanke aus den Händen verlor, hätte Elejro Elia natürlich ein Tor erzielen müssen, aber er tat es einfach nicht. Zu einfach.

Trochowski hatte in der 9. Minute die große Möglichkeit zum 1:0 auf dem linken Fuß, schlenzte die Kugel aber genau in die Arme von Heerwagen. Noch ein Geschenk abgelehnt. Und als David Jarolim seinen jungen Kollegen Tolgay Arslan bediente, ließ der sich mit Ballannahme und Weiterverarbeitung so viel Zeit, wie er sie einst in der C-Jugend noch hatte. Das aber, was er jetzt spielen soll, ist Bundesliga. Erste Bundesliga. Und da geht es eben ein wenig schneller zu.

Wie in der 55. Minute. Noch so ein Geschenk. Arslan kommt von rechts durch, passt im VfL-Strafraum zurück – auf mindestens einen Bochumer. Der lässt den Ball passieren, Elia kommt an die Kugel, lässt sich aber auch alle Zeit der Welt und schießt dann den Ball in den Bochumer Beton – Chance dahin.
Nicht so schön die Szene in der 58. Minute. Flanke des VfL, Rozehnal will den Ball zurück auf Mathijsen köpfen – es gibt Eckstoß für Bochum. Und die beiden Innenverteidiger fetzen sich verbal, gestikulieren wie wild. Schließlich tritt Frank Rost als Schlichter auf, indem er ein Machtwort spricht. Spricht aber nicht unbedingt für die Nervenstärke dieses HSV-Teams. Oder ist das eine Sache des Klimas?

In der 61. Minute wurde Arslan ausgewechselt. Just zu einem Zeitpunkt, als sich Trochowski mit einem Präparat (gegen Adduktorenschmerzen?) stärkte. Für Arslan, dem schon während der ersten Spielminuten jegliches Selbstvertrauen irgendwo und irgendwie abhanden gekommen war, kam Torun, aber Sekunden danach zeigte erst einmal Elia, dass er wahrlich keine „Killerqualitäten“ besitzt: Der Niederländer köpfte den Ball aus zwei Metern über das VfL-Tor, was für eine Chance! Ich befürchte, dass Uwe Seeler eine solche Möglichkeit noch heute nutzen würde . . . Ohne zu springen.

Ohnehin muss festgehalten werden, dass Bruno Labbadia hohes, ja höchstes Risiko einging, als er Elia aufstellte. Die „frühere“ Rakete hatte nicht am Abschlusstraining teilgenommen, weil er Grippe hatte – ob sich das so negativ auf den HSV-Profi ausgewirkt hat?

Kurios die 71. Minute: Sowohl Guy Demel als auch Trochowski wollten vom Platz, weil sie angeschlagen waren. Trochowski wurde dann erhört. Und der für ihn eingewechselte Marcus Berg wurde überaus freundlich begrüßt.

Aber auch das half nicht. Solche Dinger kann man dann auch mal verlieren, denn irgendwie ist doch die ganze Fußball-Welt im Moment gegen den HSV eingestellt. Und so viele Ausfälle verkraftet wohl auch keine andere Mannschaft. Es ist erschütternd. Hoffentlich ist bald Pause. Und ohne dass bis dahin schon alles verspielt ist. Obwohl es ja doch zu befürchten ist.
Ach ja, gut war auch noch, dass zum Schluss Maximilian Beister eingewechselt wurde, denn den halte ich für den besten Nachwuchsstürmer des HSV. Und weiter gut? Das Pfeifkonzert hielt sich noch dieser Pleite in Grenzen. Die Fans scheinen ein Gespür dafür zu haben, wann sie aus Mitleid zu schweigen haben. . . Das ist das vorläufige Ende eines Meisterschaftskampfes.

19.34 Uhr