Tagesarchiv für den 20. November 2009

Es ist einfach katastrophal

20. November 2009

Es wird ja immer schlimmer. Marcus Berg, der am Freitag durch den Volkspark lief, fällt für das Bochum-Spiel aus, Ze Roberto auch. Und Elia ging zum Arzt, weil er die ersten Anzeichen einer Grippe verspürte, dazu hat sich auch noch Jerome Boateng, der es ja eigentlich an den Waden hat, mit einer Grippe flach gelegt – wer soll am Sonntag denn eigentlich auflaufen? NDR-Reporter Lars Pegelow fragte während des Trainings einige Kiebitze, die einen stabilen Eindruck auf ihn machten, auf welcher Position sie denn beim HSV aushelfen könnten. Klingt alles voll witzig, ist es aber nicht – es ist eine mittlere Katastrophe! Wenn Ihr mich fragt, dann behaupte ich: So schlimm war es noch nie. Wirklich noch nie!

Wer beim Training war und dann sah, mit welchem Sturm der HSV gegen den VfL angreifen könnte – und wahrscheinlich auch wird -, der bekommt schon jetzt das große Zittern. Von links flankte Marcell Jansen, von rechts Piotr Trochowski, und in der Mitte bemühten sich abwechselnd Tolgay Arslan und Tunay Torun, der von seiner Grippe wieder genesen ist, um die Bälle. Macht das Mut? Es muss Mut machen! Wahrscheinlich wird sich Bruno Labbadia auch noch aus der Zweiten bedienen müssen, um wenigstens einen vollen 18-Mann-Kader auf die Beine stellen zu können. Grausam!

Im Moment dürfte die HSV-Elf, die am Sonntag den VfL Bochum erschrecken (und besiegen) soll, wie folgt aussehen: Rost – Demel, Rozehnal, Mathijsen, Aogo – Trochowski, Tesche, Jarolim, Jansen – Arslan, Torun.

Zurzeit herrscht eben die Seuche beim HSV. Trotz aller Anzeichen, dass es auch wieder einmal bergauf gehen könnte (Silva, Petric). Da drängt sich quasi die Frage auf, ob der Klub in der Winterpause noch einmal zuschlagen wird – auf dem personellen Sektor? Interessant ist ja die Kunde des FC Bayern, für den Noch-Manager Uli Hoeneß erklärt hat, dass sich die Münchner in der Pause keinen einzigen neuen Spieler dazu holen werden. Das, so denke ich, könnte beim HSV ähnlich so sein. Die Offiziellen vertreten die Meinung, dass der Kader groß und gut genug ist, wenn erst alle Spieler wieder an Bord sind. Und das soll – bis auf Paolo Guerrero – tatsächlich so sein.

Und wenn ich mir die Situation des HSV so bedenke, dann haben die Herren ja auch irgendwie Recht. Zudem schwirrt mir bei diesem Thema stets der alter Schlager von Curd Jürgens durch den Kopf: “60 Jahre auf dem Weg zum Greise, aus gehabten Schaden nichts gelernt . . .” Der HSV hat offenbar gelernt, auf jeden Fall scheint mir das bei Bernd Hoffmann der Fall zu sein. Abgesehen von dem Thema Finanzen, dass ja auch Geld für nötige Verstärkungen in der Klub-Kasse vorhanden sein sollte (und ist es das? Ich habe meine leichten Zweifel!), was ist, wenn es etwas Geld geben sollte, damit zu bewirken? Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass Winter-Einkäufe so gut wie nichts mehr bewegen, bewegt haben.

Blicken wir einmal auf den Januar 2009 zurück. Da kam viel Masse, aber so gut wie keine Klasse: Michael Gravgaard – na ja. Marcel Ndjeng – ein Fehler. Tomas Rincon – na ja. Mikael Tavares – na ja. Khalid Sinouh – ein Fehler. Albert Streit – ein riesiger Fehler. Weiter gebracht wurde der HSV nicht durch einen Spieler. Und ich glaube, das hat keiner aus dem Vorstand so wirklich vergessen. Und im Aufsichtsrat die Herren wohl auch nicht, obwohl Neueinkäufe ja zunächst operatives Geschäft wären – und damit tabu für die Räte.

In der Saison kamen während der laufenden Spielzeit so Knaller wie Vadis Odjidja-Ofoe und Anton Putislo. Ein Jahr zuvor wurden Mathias Abel, Ivica Olic und Frank Rost geholt, nur Abel schlug nicht ein und wurde nach Gelsenkirchen zurück geschickt. In der Saison 2005/06 kamen Ailton, Nigel de Jong und Reto Ziegler. Sie alle hatten große Schwierigkeiten, sich einzuleben und Leistungen zu bringen, letztlich schaffte es nur de Jong. Er steigerte sogar seinen Marktwert so dramatisch, dass der HSV mit ihm einen riesigen Gewinn beim Weiterverkauf (Manchester City) machte.

Die letzten beiden wirklichen Verstärkungen gab, die der HSV im Winter verpflichtete, hießen Bernardo Romeo und Raphael Wicky – in der Saison 2001/02. Es hat sich also nicht immer gelohnt, Geld während der Winterpause in neue Hoffnungsträger zu investieren, meistens wurden (ganz gewaltige) Rohrkrepierer daraus.

„Aus gehabten Schaden doch gelernt.“ Trotz der momentanen Seuche behält Trainer Labbadia offensichtlich die Nerven und verlangt keine Neueinkäufe. Und das ist auch gut so! Und würde jetzt ein Spieler, den wir ruhig einmal Rafael van der Vaart nennen können, kommen, der zuletzt wenig bis gar keine Spielpraxis sammeln konnte, dann dürfte das in jedem Falle ein großes Risiko sein. Die Saison könnte zu Ende sein, bevor sich dieser Spieler in Form gedribbelt hätte. Ich blicke da nur einmal zum VfB Stuttgart, der sich im Sommer Hleb vom FC Barcelona geholt hat. Und? Hat es sich gelohnt? Ganz sicher (noch) nicht. Hleb sucht immer noch seine alte Verfassung, die ihn einmal bei Arsenal spielen ließ. Und jetzt haben wir schon bald Weihnachten. Wie lange wird es noch dauern, bis sich dieser Transfer für die Schwaben auszahlt? Und wird er sich überhaupt noch auszahlen?

Auch eine solche Frage muss von Bernd Hoffmann, Bruno Labbadia und Co natürlich beachtet werden. Und diese Herren werden sie ganz sicher nicht außer Acht lassen, das weiß ich genau.

Der HSV dürfte sich übrigens wahrscheinlich nur dann um einen (oder mehrere) Spieler bemühen, wenn ein Mann aus dem jetzigen Team Hamburg unbedingt verlassen will, oder wenn ein (etwas verrückter) Verein wie zuletzt Manchester City käme und „Millionenden“ für einen HSV-Spieler bieten würde. Aber ist damit zu rechnen? Auch eher nein.

Eine andere Personalie will ich ganz schnell nur am Rande erwähnen: Nach dem, was ich so hinter den Kulissen mitbekommen habe, wird für Tomas Rincon Ende Dezember Schluss beim HSV sein. Ich lege mich da absolut fest, mir sagt mein Gefühl, dass der Nationalspieler Venezuelas keinen neuen Vertrag mehr erhalten wird.

Zum Schluss noch ein blog-interner Abstecher: Der „Master of Grätsche“ hat, wie versprochen, heute mit mir telefoniert. Es ging um ein „Matz-ab-Treffen“. Wir haben beschlossen, dass es so etwas durchaus mal geben kann (sollte), aber wie, wann und wo werden wir in den nächsten Wochen ausloten. Carsten Kober und ich werden das Thema weiter verfolgen.

Und noch ein kleiner Schwenk: Unser Benno (Hafas) ist ja jetzt auf Teneriffa. Er sucht nun die Bank, auf der Frau M. und ich noch vor kurzem gestanden haben, um einen kleinen spanischen Provinz-Kick zu verfolgen. Ich habe Benno (und seiner Frau – liebe Grüße!) eine genaue Beschreibung gegeben, er hat schon gemeldet, dass er damit die Bank nicht verfehlen kann. Nun bin ich gespannt – was er sieht.

So, den nächsten Bericht gibt es nach dem Abschlusstraining am Sonnabend. Mir graut ein wenig davor. Hoffentlich erkranken in den nächsten Stunden nicht noch mehr HSV-Profis . . . Ihr solltet so langsam damit beginnen, die Daumen zu drücken.

18.50 Uhr

Benjamin, der Strahlemann

20. November 2009

Dass Collin Benjamin seinen Vertrag verlängert hat, darüber wurd an dieser Stelle ja schon geschrieben. Von mir und von Euch. Die Freude war auf beiden Seiten gleich. Und dennoch komme ich noch einmal darauf zurück, Nicht, weil ich nichts zu schreiben wüsste, nein, nein, das ist es nicht. Diesmal möchte ich darüber berichten, dass Collin nach seiner Unterschrift nun in der Pressekonferenz saß – und sich auch freute. Ich sage ja immer: „Die vom HSV sitzen da oben auf dem Balken.“ Und wir da unten. So auch diesmal. Und wir alle konnten von dort aus einen Strahlemann sehen, denn: Dass der Vertrag bis Sommer 2011 verlängert worden ist, das freute einen natürlich ganz besonders: Collin Benjamin.

So richtig viel zu lachen hatte der 31-jährige Profi zuletzt ja nicht, aber jetzt war die Freude ganz auf seiner Seite. „Ist doch klar, dass man sich freut, einen solchen Partner wie den HSV zu haben. Gerade in der heutigen Zeit, in der es heißt, dass es im Profi-Fußball wenig Herz und wenig Menschlichkeit gibt. Dann ist es ein Traum, dass es so gekommen ist, die Vertragsverlängerung ist eine Super-Sache“, sagte Collin Benjamin, und dabei wir ihm die Freude auch zu 100 Prozent anzusehen

Er arbeitet an seinem Comeback. Er arbeitet sogar hart daran, wie er sagt: „Ich freue mich schon darauf, dass ich im Januar wohl wieder anfangen kann, mit der Mannschaft zu trainieren, mit ins Trainingslager zu fahren.“ Collin Benjamin ist der dienstälteste HSV-Profi. Als ihn Medien-Chef Jörn Wolf bat, über diese seit Jahren gewachsene Verbindung Auskunft zu geben, sagte Benjamin spontan: „Hey, das ist eine so lange Geschichte, das würde viel zu lange dauern.“ Dann begann er aber doch – in kurzen Zügen: „Dass wir jetzt in einer Phase sind, in der alle denken: Mensch, der HSV ist super, die spielen vorne mit. So war es früher ja nicht. Wir haben früher ja nicht ganz oben mitspielen können, aber jetzt. Das ist schon toll.“ Dann fügte der Allrounder – immer noch strahlend – an: „Wenn ich in meiner Heimat Namibia bin, und die Leute sagen: Oh, Collin Benjamin spielt für Hamburg. Das ist eine Sache, die mich schon stolz macht. Dass ich mit dem HSV in einem Atemzug genannt werde, das ist schon super – da fehlen mir die Worte, ehrlich.“

Einfach nur sympathisch, dieser Profi. Und er wird, da könne sich alle sicher sein, alles geben, um 2010 sein 140. Bundesliga-Spiel für den HSV absolvieren zu können. Und das 141., das 142., das 143., und so weiter, und so weiter. Benjamins Kommentar: „Ich will einfach nur wieder fit werden, um richtig Gas geben zu können, um den Jungs wieder helfen zu können. Ich versichere jedem dass es schon brennt bei mir.“ Und wobei will er helfen? Benjamin: „Bei der Jagd nach einem Titel.“ Dann holt er tief Luft: „Das geht jedem hier so im Verein, wir wollen einen Titel. Das kann ich gar nicht in Worte fassen, das ist so ein Hunger danach – und wir sind auf dem richtigen Weg. Und diesen Weg gehen wir weiter, und wenn wir weiter hart arbeiten, dann führt der Weg auch zum Ziel.“ Hoffentlich wird er es als Spieler noch erleben, denn die Zeit der Hamburger Titelentbehrungen hält ja schon viel zu lange an. Glaubt Collin Benjamin daran, dass er noch eines Tages als HSV-Profi einen Pott in seinen Händen hält? „Sonst würde ich hier nicht sitzen, sonst würde ich mich nicht so quälen, um noch einmal zurück zu kommen“, sagt er entschlossen.
Und gibt auch sofort einen Einblick in die jetzige Mannschaft: „Früher, die alten Säcke in der Mannschaft, die haben immer gesagt: Wir wollen, wir wollen, wir wollen einen Titel. Heute haben wir aber eine ganz junge Mannschaft, und diese jungen Kerle, die haben alle einen unheimlichen Hunger, brennen alle. Und jetzt diese 18-Jährigen, die sind heiß, wirklich heiß.“ Er macht das dann auch an einem Talent fest: „Der Tunay Torun, der brennt, dem sieht man den Hunger nach Erfolg in seinen Augen an. Ich glaube wirklich, dass ein Titel nur noch eine Frage der Zeit ist.“

Wie schön wäre es. Und schön war es, mal mit Collin Benjamin darüber gesprochen zu haben. Er gab offen und ehrlich seine Antworten, genau das zeichnet ihn aus, das macht ihn in Hamburg so beliebt.

Das weiß auch natürlich der Trainer. Bruno Labbadia über diese Vertragsverlängerung: „Auch wir freuen uns natürlich sehr darüber. Weil Collin ein Mann ist, den jeder Trainer braucht, denn er ist ein Allrounder, kann auf vielen Positionen eingesetzt werden. Das ist oft ein Fluch für diesen Spieler-Typen, aber ich sehe das nicht so, ich sehe das als Segen.“ Weil „Collo“ in der Tat fast überall auf dem Rasen seinen Mann stehen kann. Darüber hinaus passt er natürlich bestens zu diesem HSV, weil er das Herz auf dem rechten Fleck hat. Egal wen man fragt, ob Mitspieler, Betreuer oder Funktionsträger, sie alle loben den Menschen Collin Benjamin. Und die Fans natürlich auch. Sie sogar ganz besonders.

Schon deswegen hat der HSV genau das Richtige getan, denn alle freuen sich, dass der Pechvogel, der nach dem Kreuzbandriss noch einige Wochen ausfallen wird, noch ein weiteres Jahr dran hängen wird. Labbadia reihte sich in die Benjamin-Fans mit ein, als er sagte: „Ich habe ihn in den vier Monaten, in denen ich hier beim HSV bin, als sehr angenehmen Menschen kennen gelernt. Und als sehr guten Profi. Wir sind froh, dass wir ihm als HSV nun ein Stück weit zurück geben konnten, für das, wie er sich in den letzten Jahren verhalten hat, für das, was er in den letzten Jahren für den HSV getan hat.“

Wobei Collin Benjamin kein „Gnadenbrot“ erhält. Bruno Labbadia stellte klar: „Er erhielt den neuen Vertrag nicht nur aufgrund seiner Verdienste, sondern weil wir ihm alle zutrauen, dass er noch viel für den HSV bewegen kann.“ Darüber hinaus gab Labbadia aber auch zu: „Wir haben uns beraten, wir haben diese Entscheidung getroffen, und letztlich ist es so, dass wir mehr als nur ein Verein sein wollen – wir wollen eine Verbundenheit zu unseren Spielern zeigen. Ich freue mich sehr.“

Ein Schwenk noch kurz auf einen anderen HSV-Profi, derzeit auch ein großer Pechvogel, aber ebenfalls einer aus der Kategorie „Mensch“, so wie Collin Benjamin: Bastian Reinhardt. Er hatte am Donnerstag Geburtstag, wurde 34 Jahre jung. Er wirkt auf mich schon absolut fit, aber es dauert nach seinem zweiten Mittelfußbruch wohl noch bis zum Jahreswechsel, bevor er wieder auf dem Rasen stehen kann. Aber auch er ist heiß, brennt. Als ich ihm, dem neuen „HSV-Praktikanten“, an seinem neuen (vorübergehenden) Arbeitsplatz gratulierte und ihm wünschte, dass er 2010 wieder in die Nordbank-Arena einlaufen könne, da entgegnete er optimistisch: „Das wird in jedem Fall klappen, dafür kämpfe ich.“ Ganz nebenbei hat „Basti“ Reinhardt sein Trikot, das ja an diesem Freitag einen neuen Inhaber (den Gewinner beim Matz-ab-Gewinnspiel) erhalten wird, mit seiner Unterschrift verschönt. Ihr könnt Euch drauf freuen, bei der nächsten Einblendung wird die oder der Gewinner verraten. Viel Glück – und kommt gut in dieses Wochenende.
Und noch einmal meine Bitte: Vertragt Euch. Es ist doch wirklich schade, wenn sich hier immer mal wieder einige Herren in die Wolle kriegen, wo es doch wirklich nur um die schönste Nebensache der Welt gehen sollte: HSV. Ihr würdet mir echt einen großen Gefallen tun, wenn sich hier jeder einmal darauf, und wirklich nur darauf, besinnen würde. Und: Was der gute „Peacock“ (mein neues Vorbild!), mit dem ich gemeinsam das Donnerstags-Training im wahrsten Sinne des Wortes durchgestanden habe, ja, was er kann, das müssten doch auch eigentlich alle anderen Vollblut-HSV-Fans können. Bitte geht in Euch, ich mag in diesem Blog keine Streitigkeiten und Boshaftigkeiten, die sind absolut überflüssig. Danke für Euer Verständnis.

Nur der HSV!

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