Tagesarchiv für den 18. November 2009

War das der Fußball von morgen?

18. November 2009

Poldi
Das war mal ein echtes Freundschaftsspiel, die Partie Deutschland gegen die Elfenbeinküste. Kaum einmal ein böses Foul, und wenn es doch einmal eines gab, dann wurde sich schnell und gelegentlich auch unheimlich nett entschuldigt. Dazu hätte natürlich bestens ein Unentschieden gepasst, und das gab es dann ja auch noch mit dem 2:2 in letzter Sekunde. Ich frage mich jetzt, bevor es zu Bett geht: War das der Fußball von morgen? Im ersten Länderspiel nach Robert Enke? Es war diesmal so fair, so anständig, so rücksichtsvoll. Geht es nun so weiter?

Den etwas anderen Fußball hatte der geneigte Fan ja schon vorher bei Ägypten gegen Algerien (0:1) gesehen. Da hagelte es Gelbe Karten, da gab es viele Provokationen und einige böse Tritte – war das vielleicht doch eher der Fußball von morgen?

Ich möchte schnell noch bei dieser Begegnung bleiben, denn die Bilder, die wir vom Wochenende gesehen haben, als der durchlöcherte Mannschaftsbus der Algerier durch Ägypten fuhr, als einige algerische Nationalspieler blutende Kopfwunden davon getragen haben, die haben (nicht nur) mich entsetzt. Was ist das bloß für eine Art von Fußball? Ganz sicher nicht der, den die Welt sehen will. Deswegen freue ich mich, dass Algerien jetzt bei der WM ist. Der Fifa aber muss man unterstellen, nur aus der Ferne zugeschaut – und geschwiegen zu haben. Erinnert ihr Euch noch an die Partie Türkei gegen die Schweiz, dieses Skandalspiel? Komisch, da stand die Fifa sofort auf der Matte. Weil es um die Schweiz ging? Und diesmal? Kein Kommentar. Auch keine Drohung von den Fifa-Herren, auch nichts von Herrn Blatter. Der kann offensichtlich nur, wenn es um Europa geht . . .
Und wenn da 15 000 Sicherheitskräfte bei einem so brisanten WM-Qualifikationsspiel eingesetzt werden müssen, dann spricht das Bände, Ich bin gespannt, ob da noch etwas von den Fifa-Herren kommen wird – in meinen Augen muss da dringend etwas kommen!

Kurios bei diesem Entscheidungsspiel: Da lag ein Ägypter plötzlich im eigenen Strafraum am Boden, unmittelbar bevor ein Eckstoß für Algerien ausgeführt werden sollte. Als das Spiel unterbrochen war, hielt sich der am Boden Liegenden den Mund, er deutete damit an, einen Schlag eines Gegners abbekommen zu haben. Als der Hüne dann stand, humpelte er. Er humpelte! Ich traute meinen Augen nicht. Als er es selbst bemerkte, fasste er sich wieder voller Selbstmitleid an den Mund – und ging ganz normal weiter. Mann kann sich ja mal vertun, oder? Der Fußball von morgen? Eher nicht.

Zurück zum deutschen Spiel, das ja drei Hamburger in Gelsenkirchen erlebte. Jerome Boateng begann souverän und fast schon so abgeklärt, als bestreite er sein 100. Länderspiel (und nicht sein zweites), aber in der zweiten Halbzeit beging er zwei Fouls, die böse (für die deutsche Mannschaft) hätten enden können. Da muss Boateng noch an sich arbeiten, das Timing stimmte nicht immer – „Jogi“ Löw wechselte ihn völlig berechtigt (und zum Schutz) aus. Dass für den Hamburger dann der Hoffenheimer Beck kam, sehe ich mal als verunglücktes Gedankenspiel des Bundestrainers, aber auch das kann ja mal passieren.

HSV-Dribbler Piotr Trochowski trat auf wie zu besten Zeiten, trickreich, selbstbewusst und einfach nur gut. Auf jeden Fall besser als der Bremer Mesut Özil. Trochowski, der sich auch schneller vom Ball trennte als sonst (oder täuschte das?), traf mit links sogar einmal den Pfosten, seine Vorstellung konnte sich wahrlich sehen lassen. Und: Habt Ihr mal drauf geachtet: „Troche“ schlug die erste deutsche Ecke vor das Tor der Ivorer, und was für ein Teil. Da konnte man wirklich Eckstoß zu sagen. Warum klappt das bei der Nationalmannschaft, warum nur so selten beim HSV? Eine Frage der Konzentration? Dass Piotr Trochowski noch ausgewechselt wurde, war Künstlerpech. Und irgendwie auch unverdient. Oder lag es doch daran, dass er im zweiten Durchgang nicht mehr ganz so dominant aufgetreten war?

Auf der Gegenseite, bei der Elfenbeinküste, verursachte Guy Demel gleich zu Beginn des Spiels einen Elfmeter gegen Stefan Kießling. Er hätte es wissen müssen, wie schnell der Bayer-Torjäger immer fällt. Kommentar des ehemaligen HSV-Managers Günter Netzer zur Pause: „Das war ein glücklicher Elfmeter für uns.“

Apropos reden: Manchmal scheint es doch zu helfen. Im Falle Philipp Lahm jedenfalls, denn er war erstmalig Kapitän der Nationalmannschaft. Leistungsmäßig hatte er dieses Amt nicht verdient, denn er glänzte zuletzt nur durch Interviews, spielt bei Bayern eher eine dürftige Saison, und er war auch gegen die Elfenbeinküste schwach. Erst die Kopfballrückgabe, die fast zu einem Gegentor führte, dann reihenweise Stellungsfehler und schlechtes Zweikampfverhalten. Da schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass der gute Lahm in den vergangenen Wochen vielleicht doch das eine oder andere Mal zuviel geredet hat. Bei dem Gegenwind, den er oft geerntet hat, kommen vielleicht Zweifel auf, und die beeinträchtigen dann eventuell doch das eigene Spiel.

Um noch kurz auf den HSV an diesem Tag zurück zu kommen: Erstmalig seit Wochen sah ich Paolo Guererro, als er aus der Kabine humpelte. So sehr ich über den ersten Trainingstag von Mladen Petric erfreut war, weil der Kroate offenbar viel weiter ist, als alle wussten, so sehr war ich über den Peruaner erschrocken. Guererro hat zwar keine Krücken mehr, aber er geht ganz, ganz schlecht. Das sah wirklich nicht gut aus. Und ich hoffe, dass da wirklich noch alles gut wird – selbst wenn es noch Monate dauern sollte. Egal, Hauptsache, Paolo kommt wieder auf die Füße. Aber da hatten, nach dem ihn einige Fans so gehen sahen, doch der eine oder andere Anhänger schon große Zweifel – einer äußerte sie dann auch spontan: „Ich glaube ernsthaft, dass wir Paolo nicht wieder auf dem Rasen in der Arena sehen werden . . .“ Ich hoffe für Paolo Guererro und für alle die, die mit dem HSV sind, dass es nicht so eintreten wird. Eine solche gute Karriere darf doch die tolle Karriere des Stürmers nicht enden.

22.49 Uhr

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