Tagesarchiv für den 16. November 2009

Alles richtig gemacht, HSV

16. November 2009

So langsam wird es ungemütlich. Beim Training, nur beim Training. Kalt war es am Nachmittag, und dann setzte auch noch der Regen ein. Da fröstelte es sogar Bruno Labbadia, der nach der Einheit noch eine Einheit für sich einlegte. Gemeinsam mit Co-Trainer Eddy Sözer joggte er durch den Volkspark, tapfer, tapfer. Aber das waren die Jungs vorher auch. Es war zwar nur eine Rumpftruppe, die da trainierte, aber diese Profis legten schon ein atemberaubendes Tempo an den Tag – Mensch, war da ein Zug drin! Es ging schön zur Sache, schon als nur das Direktspiel mit anschließendem Freilaufen geübt wurde. Alle acht teilnehmenden Feldspieler legten sich mächtig ins Zeug. Genau, ich weiß jetzt schon, was viele (oder alle) von Euch denken: So wie es sein soll. War aber nicht immer so. Wie es jetzt ist.

Für alle Hobby-Trainer oder auch Spieler, die ihren Coach schlau machen wollen: Labbadia machte aus der Not eine Tugend. Innerhalb des Strafraums ließ er vier Mann gegen ein großes Tor (von Frank Rost gehütet) spielen, die verteidigenden vier Gegenspieler konnten auch Treffer erzielen, indem sie auf der linken und rechten Seite auf Ein-Meter-Tore zielten. Da war schon Feuer drin. Einmal explodierte Frank Rost förmlich, als er einen weiteren Gegentreffer geschluckt hatte. Er faltete daraufhin Tolgay Arslan nach allen Regeln der Schreikunst zusammen, das hatte schon eine gewisse Nachhaltigkeit. Aber: Als Arslan fünf Minuten später eine gute Szene hatte, da lobte Rost auch schon wieder: „Super. Tolgay. . .“ Eben alles zu seiner Zeit, auch so funktioniert eine Mannschaft.

Später wurde auf einem Spielfeld von 20 mal 40 Metern auf zwei Tore gespielt. Die Teams waren wie folgt aufgeteilt: Frank Rost, David Jarolim, Tolgay Arslan, Tomas Rincon und Marcell Jansen. Das andere Team bildeten Wolfgang Hesl, Dennis Aogo, Robert Tesche, Mickael Tavares und Tunay Torun. Wer gewann? Habt Ihr eine Vorahnung? Die Hesl-Truppe mit 2:0, denn: Wolfgang Hesl hielt einfach überragend. Er war schon in vielen Trainingseinheiten super, aber so gut wie heute? Ich glaube, so stark war er selten einmal zuvor, das war einfach nur großartig – und die (wenigen) Trainingskiebitze staunten anerkennend.

Apropos Kiebitze: Einer von ihnen verriet mir während der Einheit seine (frommen) Wünsche bezüglich des Bochum-Spiels: „Den VfL müssen wir doch mit vier, fünf Toren abfertigen.“ Gemach, gemach. Was haben wir hier in Hamburg schon für Grottenkicks gegen Bochum gesehen? Das ist doch eine höchst unangenehme Truppe. Was mir – im Unterbewusstsein – ein wenig Mut macht: Ich habe ja in fast 30 Jahren als HSV-Reporter viele Pleiten gegen den VfL Bochum gesehen. Einer, der sich dabei auf Westdeutscher Seite immer hervor tat, war Frank Heinemann. Der hat nie ein Länderspiel bestritten, der trat auch in der Bundesliga nicht sonderlich groß in Erscheinung, aber gegen den HSV, da war der kleine Heinemann stets der Größte. Es war unfassbar, er hat sich immer beide Beine ausgerissen, er allein hat den HSV oft niedergekämpft. Und dieser Heinemann, der ja längst nicht mehr spielt, war zuletzt ja Interimstrainer des VfL. Jetzt mischt er aber nicht mehr mit. Herrlich. Deswegen könnte es ja diesmal etwas werden . . .

Übrigens: Seit heute favorisiere ich Robert Tesche als den Mann, der für den noch verletzten großen Ze einspringen wird – falls der Brasilianer nicht doch noch in letzter Sekunde fit werden sollte. Ausgeschlossen ist das nicht. Tesche, der selbstbewusst auftrat und enorm präsent wirkte, machte auf mich in dieser Montags-Einheit einen ausgesprochen guten Eindruck – was allerdings, das muss ich schon zugeben, auf eigentlich alle Spieler zutraf.

Zum Abschluss des Trainings hatte Bruno Labbadia dann noch einen Spaß auf Lager. Obwohl ja das Rost-Team verloren hatte, sollte ein Latten-Schießen entscheiden. Aus 16 Metern sollte die Querlatte getroffen werden, und der Abpraller musste dann auch noch im (leeren) Tor untergebracht werden. Für das Rost-Team traf David Jarolim, für das eigentlich siegreiche Team Dennis Aogo. Den letzten Schuss hatte dann – Frank Rost. Auch im Training schreibt der Fußball solche (kleinen und schönen) Geschichten. Rost traf die Latte und schoss den Ball ins Tor. Sieg!

Ja, und wo ich gerade beim Tore schießen bin: Ihr erinnert Euch an den September? Da traf Eric Maxim Choupo-Moting, der vom HSV an den 1. FC Nürnberg ausgeliehen worden ist, am 19. September zum zwischenzeitlichen 1:1 im Spiel beim FC Bayern. Und in Hamburg schrie (fast) alles auf: Wieso konnte man „Choupo“ ausleihen, wo uns doch jetzt Paolo Guererro und Mladen Petric lange verletzt fehlen werden?

Auch da kann ich nur sagen: gemach, gemach. Ich behaupte jetzt das, was ich schon damals immer gesagt habe: Der HSV hat alles richtig gemacht, denn: Vieles hat sich seit diesem Nürnberg-Tor in München ja schon lange relativiert. Choupo-Moting hat kein weiteres Tor für den Club geschossen, er kam seit seinem Wechsel in sechs Spielen zum Einsatz, wurde dabei vier Mal eingewechselt. Sieht so ein „HSV-Retter“ aus? Ich fürchte nein.

Und zu Änis Ben-Hatira, den ich persönlich ja für eines der größten Talente der letzten Jahren in Hamburg halte, kann ich nur sagen: Er hat für den Zweitliga-Klub MSV Duisburg auch bislang nur ein Tor erzielt. Und: Änis kam in acht Spielen zum Einsatz, wurde dabei aber dreimal ein- und viermal ausgewechselt. Er hat zwar seine Qualitäten, dennoch muss ich feststellen: Auch Änis Ben-Hatira wäre jetzt nicht der große „HSV-Retter“. Wobei ich ja glaube, dass ein Trainer, der als „harter Hund“ bekannt ist und seiner Arbeit nachgeht, den guten Änis Ben-Hatira noch hinbekommen würde. Bei Felix Magath würde der Dribbelkünstler wahrscheinlich spielen (siehe all die Schalker Talente), denn der gute Felix hätte dem verspielten und immer noch leicht naiven Änis den Hintern aufgerissen. Und entweder er hätte gespurt, oder er hätte seine Karriere bei Tennis Borussia Berlin (oder so) fortsetzen können – Erste Liga aber ade.

Was für den HSV doch unglaublich positiv ist: Er hat trotz der Verletzten-Seuche immer noch Chancen auf den Meistertitel, und er besitzt trotz dieser Misere im Angriff immer noch die treffsicherste Offensive der Liga. Da ist doch, man (und Ihr) sollte sich das mal vor Augen führen, sensationell. Und so dürfte es auch bleiben.

Zum Schluss noch ein kleiner Schwenk in eigener Sache: In Sachen Nähkästchen sind ja enorm viele unterschiedliche Meinungen eingegangen, die sicher treffendste gab in meinen Augen „HSVNils“ ab – vielen Dank dafür.

Ein kurzer Satz noch zu Lottos „Hamburg meine Perle“. Ich verehre Lotto wie kaum einen Anderen, und zwar ohne Wenn und Aber. Und ich liebe dieses Lied, um das uns ganz Fußball-Deutschland beneidet (auch der Herr Hoeneß aus München). Ich stehe in der Arena auf und brülle es mit, wenn Lotto und Pape es singen. Bitte, bitte lasst es so, wie es jetzt ist. Was wurde jetzt in diesen zwei Tagen nicht alles in die Perle hinein interpretiert? Das ist doch nicht zu glauben, ich bin wirklich fassungslos, was in diesem Lied alles gesehen wird. Es ist doch alles überhaupt nicht böse gemeint, sondern mit einem Augenzwinkern getextet und komponiert. Wenn Ihr Lotto kennen würdet, dann wüsste Ihr, dass er ganz sicher nicht Gewalt verherrlichend ist, dass er niemandem etwas Böses will – es ist ein Flachs, ein Scherz, ein Ulk. Und es ist ein Lied, das niemand auf der Welt sonst noch hat. Bewahrt diese Einzigartigkeit – und seht nicht in jedem krummen Wort einen Angriff auf alle anderen Klubs.

PS: Ich hoffe für die Atmopsphäe in der Arena, die die beste in der gesamten Bundesliga ist, nur, dass Lotto in diesem Blog nicht mitliest, denn er ist in solchen Sachen wirklich sehr empfindlich. Stellt er mal seine „Perle“ ein, dann möchte ich Fußball-Hamburg, nein, dann möchte ich Fußball-Deutschland mal erleben. Es wäre sehr, sehr schlimm. Für mich stellt es sich jedenfalls so dar.

21.27 Uhr