Tagesarchiv für den 15. November 2009

Ein neues Nähkästchen

15. November 2009

Die Saison 1987/88 ist aus vielerlei Gründen noch immer eine ganz besonders verkorkste in der HSV-Geschichte. Josip Skoblar war ein Trainer für einige Wochen, Torwart Mladen Pralija stieg zum Fliegenfänger der Bundesliga auf – und Willi Reimann wurde als Trainer dem Nachbarn FC St. Pauli abgekauft. Es gäbe sicher noch mehr. So wie die Geschichten, die mich nun im Urlaub auf Teneriffa wieder eingeholt haben. Den Täter zieht es ja angeblich immer wieder an den Tatort zurück, das kann ich in diesem Falle nur bestätigen. Das Winter-Trainingslager auf der spanischen Insel wurde auch für mich persönlich zum Horror-Trip und wird aus vielen, vielen Gründen unvergessen sein.

Es begann mit der Landung auf Teneriffa. Wie kommen die Journalisten vom Flughafen ins Hotel in Puerto Santa Cruz? Im Mannschaftsbus. Dachten die meisten. Weil es damals noch so üblich war. Willi Reimann aber stellte sich quer, er wollte die Schreiberlinge nicht im Bus – musste sich dann aber schmollend der Mehrheit beugen.

Die Sonne schien, als wir vor das Maritim fuhren, aber was so richtig keiner wusste: Tagelang vorher hatte es unglaublich viel und oft geregnet. Kaum angekommen, ließen sich Reimann, Manager Felix Magath von Hotel-Direktor Schäfer zu den Trainingsplätzen fahren. Der Schock saß tief. Alles stand unter Wasser. Fußballplätze waren nur zu erahnen, es sah eher nach einigen chinesischen Reisfeldern aus.

Willi Reimann tobte. Zumal ihm noch einige weitere Sachen nicht passten. Zugesagt worden war dem HSV, dass die Mannschaft auf einem Stockwerk untergebracht werden sollte, doch die Mannschaft wurde „auseinander gerissen“. Ein Teil wohnte im sechsten Stock, der andere logierte im siebten. Hinzu kam, dass ein von Präsident Ernst Naumann gekauftes und nach Teneriffa geschicktes Trainingstor noch immer im Zoll fest hing. Und dieses Trainingstor war Bedingung der Gastgeber, die vermeiden wollten, dass ständig nur auf die feststehenden Tore trainiert wird. Darunter hätte der Platz, vornehmlich der Strafraum, sehr gelitten. Das Highlight aber war die Tatsache, dass nur ein Platz halbwegs bespielbar war, und dieses moorastige Grün (genau am Meer gelegen) – das war der Höhepunkt – musste sich auch noch mit Bayer Leverkusen geteilt werden. Die Mannschaft von Trainer Erich Ribbeck logierte ebenfalls im Maritim, und da alle anderen Fußballfelder unter Wasser standen, trainierten eben beide Bundesliga-Klubs auf einem Acker.

Als Willi Reimann davon so zwei, drei Stunden nach der Ankunft erfuhr, beraumte er eine Krisensitzung ein. Der HSV-Coach wurde laut, drohte mit der sofortigen Abreise. Und nun kommt meine persönliche Geschichte ins Spiel: Magath und Reimann verkrachten sich. Und Felix Magath war zu jener Zeit nicht nur ein Freund von mir, wir waren auch Brüder eines zwölfköpfigen Stammtisches in Norderstedt. Von diesem Stammtisch war ein weiterer Bruder mit nach Teneriffa gekommen – als Fan. Nach der Krisensitzung plauderte Magath mit unserem Stammtischbruder, schilderte die Situation in allen Einzelheiten – und Ende.

Vorläufig jedenfalls. Ein Bruder sagte es dem anderen weiter, so dass ich eine Stunde nach der Krisensitzung genau im Bilde war, was zwischen Reimann und Magath vorgegangen war. Und das schrieb ich natürlich. Warum nicht?

Es gab zwar keine Abreise des HSV, aber der Ärger zwischen Manager und Trainer wurde in Hamburg durch den Bericht im Abendblatt publik. Was mir sehr viele Probleme bereitete. Fortan an wurde ich von meinen Hamburger Kollegen geschnitten. Weil alle in Abrede stellten, dass es diesen Ärger gegeben hatte. Reimann stritt alles ab, Magath gab keine Auskunft. Es war alles wahr, aber keiner wollte es wahrhaben. Und ich stand da wie ein Trottel.

Und: ich trottete in den folgenden Tagen immer nur hinter den Kollegen hinterher. Die 1,5 Kilometer zum Trainingsplatz und zurück – es gab zwei Gruppen. Einmal die Kollegen von den Hamburger Zeitungen und vom Kicker, und die andere Gruppe war ich. Und ich wurde fortan gemieden. Was so aussah: Die Kollegen gingen ungefähr 20, 30 Meter hinter mir, ich war ein Einzelgänger. Was mir aber besonders weh tat war die Tatsache, dass ich selbst ein Spiel Presse gegen HSV/Leverkusen-Betreuer-und-Ärzte-Team nicht mitspielen durfte.

Und meine Situation verschlimmerte sich noch. Eigene Schuld, so denke ich heute, denn: Der HSV hatte einen Gang in eine Bananenplantage anberaumt. Mit wem? Natürlich mit Manni Kaltz. Und ich hatte einen Fotoapparat dabei. Von der Bild-Zeitung war Fotograf Heiner Köpke vor Ort, wir beide knipsten in der Plantage um die Wette. Das war morgens. Am Nachmittag flog das Fernsehteam des NDR nach Hamburg, ich gab den Kollegen den Film mit (das damals ja noch so umständlich). So kam es, das das Abendblatt das Foto von Kaltz mit den Bananen bereits veröffentlichte, aber die Bild noch nicht. Weil Heiner Köpke (sorry Heiner noch heute!) nicht wusste, dass mein Film bereits in Hamburg war. Dem Fotografen brachte das natürlich gewaltigen Ärger ein, und meine Situation hatte sich dadurch nur noch ein wenig mehr verschlimmert.

Ich weiß sehr wohl, ich hatte mich unkollegial verhalten, aber das war so nicht geplant, es war eher ein Versehen, denn: Ich wusste nicht, dass Köpke seine Filme erst am nächsten Tag nach Hamburg schicken würde, denn er musste ja eigentlich jeden Tag immer neue und frische Fotos liefern. Deshalb brachte er seine Filme immer höchst persönlich zum Flughafen. Nur an diesem Tag eben nicht, und das konnte ich nicht wissen.

So ging dieses Trainingslager, an dem übrigens auch der heutige HSV-Trainer Bruno Labbadia als damals neuer HSV-Stürmer teilnahm („Das war seinerzeit ein absolutes Fiasko“), als völlig verkorkst auch in meine persönliche Schreiberling-Geschichte ein. Dass noch viel, viel mehr schief lief, sei nur am Rande erwähnt: Felix Magath reiste aus Ärger (mit Reimann) bereits am zweiten Tagen wieder nach Hamburg zurück. Und: Jeden Tag kam der Bus, der die Mannschaft vom Training abholen sollte, mehr als 20 Minuten zu spät, so dass die Spieler schweißüberströmt auf dem Kantstein sitzend warten mussten (während Willi Reimann wie ein HB-Männchen tobte – und zwar heftig!) – oder zu Fuß das Hotel erreichten. Wie die Amateure. Dazu flogen in einem Testspiel gegen einen Drittliga-Klub noch Heinz Gründel und Ditmar Jakobs vom Platz – und das nach Teneriffa geschickte und so sehr erhoffte Trainingstor erblickte während der HSV-Tage auf der Insel dann doch nicht mehr das Licht der Fußballwelt. Es war tragisch. Irgendwo wird dieses Tor heute noch seinen Dienst im spanischen Fußball verrichten, nach Hamburg zurück ist es jedenfalls nicht mehr gekommen.

Als ich nun per Leihwagen nach Puerto Santa Cruz gefahren bin (zum sehenswerten Loro-Park), bin ich natürlich an unserem damaligen Mannschaftshotel Maritim gewesen, und ich war auch – Frau M. immer tapfer an meiner Seite – an diesem legendären Fußballplatz, der allerdings verschlossen war. Der Acker hat heute einen (total veralteten) Kunstrasen, was von der Seeseite aus zu erkennen war, der Platz würde in Deutschland wahrscheinlich nie eine Zulassung erhalten, denn er sorgt beim Hinfallen für Verbrennungen der Spielerhäute. Aber das ist auch eher unwichtig, denn der HSV fliegt ja auch wahrscheinlich nie wieder dorthin, um ein Trainingslager durch zu führen. Immerhin: Weil in mir die alten Erinnerungen wieder hoch kamen, rief ich spontan bei Felix Magath an, um ihm noch einmal seine Zeit als HSV-Manager aufzuwärmen. Er war nicht pikiert.

Nur am Rande erwähnt: Ein Nationalspieler, der in jenen Tagen mit in der Bananenplantage gewesen ist, kam jeden Abend auf mein Zimmer und leerte meine Minibar. Gegen Bezahlung natürlich. Er hätte sich eventuell ja auch seiner eigenen bedienen können, aber die hatte Willi Reimann vorsichtshalber vom ersten Tag an vom Hotelpersonal räumen lassen. Sicher ist sicher. Oder eben auch nicht, denn: Spielernot macht erfinderisch.

Übrigens: Als der HSV nach zehn Tagen abreiste, blieb Bayer Leverkusen noch drei weitere Nächte auf Teneriffa. Und HSV-Präsident Ernst Naumann (mit seiner Frau) genoss die spanische Sonne ebenfalls noch etwas länger. Die Folge davon: In dieser Abgeschiedenheit kamen sich Naumann und Erich Ribbeck dann so nahe, dass der spätere Bundestrainer im folgenden Sommer prompt zum HSV wechselte. Er wurde Sportchef in Hamburg. Das aber ist ein weiteres unangenehmes Kapitel, zu dem ich zu einem späteren Zeitpunkt ganz sicher noch einmal aus dem Nähkästchen plaudern werde.

13.18 Uhr