Tagesarchiv für den 13. November 2009

Fußballtennis und Hoeneß-Rundumschlag

13. November 2009

Wenn Engel reisen, so sagt der Volksmund, scheint die Sonne. Hatten wir nun 14 Tage. Und beim ersten Training blieb es auf jeden Fall schon einmal absolut trocken, was schon ein Highlight dieser (Hamburger) Woche sein soll, denn ansonsten dürfte es ja ziemlich feucht gewesen sein. Immerhin, hier war es nun während der Freitags-Einheit trocken, und die Trainingskiebitze dürfte auch fußballerisch wieder auf ihre Kosten gekommen sein.

Zu Beginn hieß es an zwei Stationen „Sechs gegen Zwei“. Da ging es schon mal munter zur Sache. Am muntersten gab sich Torwarttrainer Claus Reitmaier, der – aus Versehen – Tomas Rincon umsenste. Aber wie. Es gab einen dumpfen Knall, der Venezuelaner lag sekundenlang am Boden – die umstehenden Kollegen und Zuschauer befürchteten schon Schlimmstes, aber dann stand Rincon wieder. Auch deshalb, weil ihm von Bruno Labbadia auf die Beine geholfen wurde. Toll, dass sich der Trainer mit einem Klaps auf Rincons Schulter für die Blutgrätsche seines Kollegen entschuldigte. Alle lachten plötzlich wieder, und natürlich kam auch Reitmaier noch persönlich, um sich per Händedruck zu entschuldigen. Tatsache war, dass der Torwarttrainer zwar zur Grätsche angesetzt hatte, aber unmittelbar zuvor mit dem Standbein weggerutscht war. Also ein höchst unglücklicher Zwischenfall.

Später gab es ein Fußballtennis-Turnier. Auf vier Spielfeldern standen sich jeweils zwei Teams – bestehend aus zwei Spielern – gegenüber. Und da ging es überaus ehrgeizig zu. Meine persönlichen Favoriten auf den Gesamtsieg war ja das Duo David Jarolim/Piotr Trochowski. Bei ihnen lief der Ball auch teilweise prächtig. Nach dem Trainingsende dann fragte ich beide HSV-Spieler: „Seid ihr Turniersieger geworden?“ Jarolim – immer noch heiß, winkte nur entnervt ab und murmelte: „Nein, zweiter Platz für uns . . .“ Nur.

Nebenan lachte Claus Reitmaier. Wieso? Der Trainer: „Dieses Turnier gewinnt immer nur ein Paar, und das heißt nicht Jarolim/Trochowski.“ Wer dann? Reitmaier: „Das gewinnen immer nur Frank Rost und Wolfgang Hesl.“ Wer hätte das gedacht? Die beiden Torhüter machen es den Feldspielern vor!

Rost war in der Tat der überragende Mann des Vormittags. Was der mit seinen Füßen, die eigentlich wohl mal Schaufeln werden sollten (oder für den Einsatz als kanadischer Waldbrandaustreter gedacht waren?), wieder in des Gegners Feld zurück brachte, war unfassbar und fast schon sensationell zu nennen. Rost wirkte wie eine Gummiwand, er schien allgegenwärtig, er schien auch seine Gegner zu entnerven. Und: Er kann sogar ausgezeichnet köpfen. Wie übrigens auch Hesl, der mehrfach gekonnt und waghalsig durch die Luft flog. Da hat sich ganz offenbar ein Paar gesucht und gefunden. Kommentar Reitmaier zu Frank Rost: „So wie er Fußballtennis spielt, so können das die meisten Spieler aus dem Osten der Republik. Ich glaube, Fußballtennis war das Spiel des Ostens.“

Die Stimmung beim HSV wirkte an diesem Freitag auf mich ganz entspannt – ganz normal. Natürlich ist Robert Enke nicht vergessen, natürlich denkt noch immer jeder Profi an den ehemaligen Nationalkeeper, aber jeder HSV-Spieler versucht nun, wieder seinem Beruf nachzugehen. Auch Piotr Trochowski war wieder dabei, der am Vortag – aus Gründen der Trauer – noch ausgesetzt hatte.

Apropos Trochowski: Ihn hatte Bayerns Manager Uli Hoeneß ja in einer Zeitung kräftig beleidigt. Ich vergleiche das mit einer versuchten Rettung eines Ertrinkenden: Hoeneß ist mit seinem Tabellenachten FCB in einen gefährlichen Strudel geraten, der ihn nun Richtung Meeresgrund zieht. Versucht einmal, einen solchen Mann zu retten, es wird Euch kaum gelingen. Der Ertrinkende wird mit Händen, Armen und Beinen um sich schlagen – an ihn kommt dann keiner ran. Und mehr hat Hoeneß im Fall Trochowski auch nicht getan. Der schwer angeschlagene Bayern-König hat blindlings um sich geschlagen, indem er dem HSV-Profi unterstellte, dass dieser „keine zwei Sätze geradeaus sprechen könne, nun aber über Sportpolitik rede“.
Das ist bitterböse. Und damit hat Hoeneß (in seiner ganzen und immer noch anhaltenden Wut über das Lahm-Interview) genau den Falschen getroffen. Ich sage ganz klar: So etwas macht man nicht, so etwas gehört sich nicht, so etwas ist auch im höchsten Maße niederträchtig. Jeder (Manager) kehre vor seiner eigenen Haustür, das ist in einem solchen Fall zu raten. Und wenn ich nun lese, wie der Herr Toni über den Herrn van Gaal spricht, dann gäbe es da für den Herrn Hoeneß ganz gewiss genug zu tun.

Prima fand ich übrigens, dass Bernd Hoffmann sofort zum Telefon griff, als er den Hoeneß-Rundumschlag gelesen hatte. Das nenne ich Fürsorge, da stellt sich ein Vorstandsvorsitzender vor seinen Spieler – Kompliment, Herr Hoffmann! Hoeneß verniedlichte in diesem Telefonat nichts, gab zu, in dieser unfeinen Art über Piotr Trochowski gesprochen zu haben – und dann war das Gespräch auch wieder beendet. Auf einen gemeinsamen Nenner kamen Hoeneß und Hoffmann auch vorher schon nicht, jetzt aber halte ich das für ausgeschlossen, dass das noch einmal etwas wird. Schade, eigentlich.

Aber: Ich bin gespannt, ob es in dieser Angelegenheit noch eines Tages eine Fortsetzung geben wird. Ich hoffe darauf, dass sich der Herr Hoeneß bei dem Herrn Trochowski entschuldigt. Ihr wisst – aus vergangenen Zeilen –, dass ich stets ein großer (und bekennender) Hoeneß-Fan bin, denn eigentlich ist er ein großartiger Mensch, deswegen bin ich jetzt umso entsetzter, dass er sich nun so zu einer solchen Aussage hinreißen ließ. Trotz allem: Ich glaube auch, dass Uli Hoeneß immer noch die Größe hat, sich zu einer Entschuldigung aufzuraffen.

Zum Schluss noch eine gute Nachricht für den HSV: Collin Benjamin hat seinen Vertrag um ein Jahr verlängert. Gratulation an den Klub, Gratulation auch an den Spieler. „Er hat es sich verdient“, sagt Trainer Labbadia zu Benjamins Verlängerung, und dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Collin Benjamin ist ein hervorragender Mensch, auf ihn ist immer Verlass gewesen, er ist universell, und er hat sich sogar, als es die Ausländersituation innerhalb der HSV-Bundesliga-Mannschaft erforderlich machte, auf vertraglos setzen lassen – er hat es sich schon lange verdient. Auf ein weiteres Jahr, „Collo“, dann aber bei bester Gesundheit!