Tagesarchiv für den 9. November 2009

Theatralik ist ein echtes Problem

9. November 2009

Oha. Da habe ich ja etwas angerichtet. Nur weil ich nach sechsmaliger Betrachtung dem insgesamt mehr als enttäuschenden Schiedsrichter Dr. Drees in seiner Strafstoßentscheidung Recht gegeben habe, erntete ich aus meinem privaten Umfeld einen Sturm der Entrüstung. „Matzinger, du hast sie nicht mehr alle“, war da noch eine der zurückhaltenden Reaktionen.

In unserem Blog geht es da wesentlich differenzierter zu. Von Regeldiskussionen über Zustimmung, Ablehnung, Kritik und Leidklagen ist da alles zu finden, was das zuletzt doch arg strapazierte HSV-Herz finden möchte. Und auch wenn der Elfmeterpfiff für mich nicht der Knackpunkt des Spiels war – wie gesagt: der HSV hätte längst das 3:1 machen müssen -, so möchte ich doch noch einmal etwas dazu sagen. Und zwar etwas Grundsätzliches.

Viele von Euch haben geschrieben, dass Stajner abhebt, dass er in Rincon reinläuft, dass er nie so hätte fallen müssen. Dem stimme ich bedingt zu. Wie gesagt: Rincons Arm ist bei meiner Strafstoßbewertung entscheidend. Dass es trotz aller Anti-Schwalben-Projekte nach wie vor üblich ist, dass zu jedem Sturz auch eine gehörige Portion Theatralik gehört, nervt mich aber auch. Ich behaupte: Es war ein Elfmeter gestern in Hannover, aber in der Premier League oder in der Champions League würde so eine Szene maximal in 20 Prozent der Fälle gepfiffen werden. Und das ist schlecht.

Ich begreife bis heute nicht, warum es diese extremen Unterschiede gibt. Unsere Bundesligaspieler sind doch nicht weicher als internationale Spieler. Und die Gangart in der Bundesliga ist ja nun auch auf keinen Fall rabiater als auf der Insel oder Vergleichen internationaler Topteams. Ich habe manchmal das Gefühl, der Showcharakter, der ja auch rund um die Spiele Überhand nimmt, hält auch auf dem Rasen Einzug. Und die Einzigen, die etwas dagegen tun könnten, die Schiedsrichter, machen dabei sogar manchmal mit. Beobachtet mal die Unparteiischen. Viele ihrer Zunft beschränken sich nicht auf eine ruhige, konzentrierte Leitung des Spiels, sondern setzen sich durch zum Teil arg überzogene Gesten und publikumswirksame Handlungen ins Rampenlicht.

Anders sieht es dann bei den Stürmern auch nicht aus. Bei einigen Remplern muss man das Gefühl haben, der berührte Spieler sei per Katapult durch die Gegend geschossen worden. Und warum macht er das? Weil er befürchtet, bei einem „einfachen“ Sturz keinen Freistoß zu bekommen. Halt, ich möchte mich noch einmal korrigieren. Die Schiedsrichter sind nicht die Einzigen, die diese Art der Schauspielerei bremsen können. Fans können das auch.

Doch da stellt sich natürlich die Frage: Wer ist sich selbst am nächsten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die manchmal echt nervtötende Theatralik aus den deutschen Stadien verschwinden würde, wenn die Anhänger der Klubs derartiges Verhalten mit Pfiffen abstrafen würden. Aber, und jetzt kommt das Problem, die Fans müssten halt auch das Fehlverhalten der eigenen Lieblinge sanktionieren. Stellt Euch mal vor: 90. Minute HSV – Werder Bremen, Stand 0:0, und dann fliegt David Jarolim im Werder-Strafraum trotz einer leichten Berührung theatralisch zu Boden. Wer von Euch wäre dann bereit, den Schiedsrichter für eine mal unterstellte Schwalben-Entscheidung zu beklatschen und Jarolim auszupfeifen?

Egal. Bruno Labbadia jetzt vorzuwerfen, er suche die Schuld für die verschenkten Punkte nur beim Schiedsrichter, halte ich auch für übertrieben. Überlegt doch mal, wie aufgebracht Ihr (und zugegebenermaßen auch ich) nach diesem 2:2 gewesen seid? Und nun versetzt Euch in Labbadias Lage, der das Ganze auch noch zu verantworten hat, was sich auf Seiten des HSV abspielt. Da rast der Puls, da schwillt der Kamm, da herrscht die totale Aufregung – und da kommt mitunter auch ein maximales Ungerechtigkeitsgefühl auf. Ich kann das nachvollziehen, ich habe in meiner Zeit als Trainer auch den einen oder anderen Wutausbruch gehabt, der auch manchem Schiedsrichter missfallen hat. Aber eines konnte man mir nie vorwerfen, und das gilt eben auch für den HSV-Trainer, dass ich nicht mit Leib und Seele bei der Sache gewesen sei.

So, jetzt bin ich mal gespannt, wie Ihr mit einem Tag Beruhigung auf das Unentschieden und die verschiedenen Randthemen reagiert.

Ach ja, und eines noch: Ich freue mich, dass hier jetzt wieder so munter und abwechslungsreich und emotional auch differenziert diskutiert wird.

12:25 Uhr