Tagesarchiv für den 8. November 2009

Zu inkonsequent nach dem 2:1

8. November 2009

Schon wieder so ein Hin und her, schon wieder so ein Gegentor in der Endphase. Nach diesem 2:2 im Nordderby dürfte unter Spielern, Verantwortlichen und Fans die große Frustration ausgebrochen sein. Stichwort: verschenkte Zähler. Ich bin jedenfalls froh, dass ich das nächste Spiel des HSV wieder live im Stadion verfolgen werde. Diese „Urlaubsspiele“ machen ja krank…

Erst einmal soll ich aber liebe Grüße von meiner Frau ausrichten. Sie hat mich nach dem 1:1-Tor der Hannoveraner in die Seite geknufft und gesagt, dass mein „Bauchgefühl“ auch nicht mehr das sei, was es einmal war. Tja, was sollte ich sagen!? Ich konnte ihr nicht widersprechen. Die defensive Null stand entgegen meiner Erwartung wieder nicht. Allerdings konnte mein Bauch ja auch nun wirklich nicht erahnen, wie sich Tunay Torun beim Eckball Djakpas in der 26. Minute verhalten würde. Der Mini-Angreifer Ya Konan konnte sich in seinem Rücken wegstehlen und problemlos zum Ausgleich einnicken. Da hatte ich wirklich Bauchgrummeln.

Aber lasst mich beim Start anfangen. Bruno Labbadia hat schon etwas mehr als Hütchenspielertricks parat, wenn es darum geht, einen Gegner zu überraschen. Da zaubert er plötzlich Eljero Elia und Tunay Torun als Sturmduo aus dem Hut – und verwirrt damit die gesamte Defensivabteilung der Gastgeber.

Ich hatte bei den niedersächsischen Abwehrbemühungen jedenfalls oft das Gefühl, als sei die Abwehrreihe der 96er überhaupt nicht auf diese taktische Finesse vorbereitet gewesen. Vor allem Haggui hatte ständig Probleme, den laufstarken Elia in den Griff zu bekommen. Mit Torun taten sich Andreas Bergmanns Abwehrkräfte deutlich leichter.

Dass Labbadia auf Nationalspieler wie Jonathan Pitroipa und Marcus Berg zunächst verzichtet, dafür einen „Nobody“ wie Torun in die Stammformation beordert, hat mich begeistert. Vielleicht ist das aber auch so etwas wie ein Magath-Syndrom, das in der Bundesliga derzeit Einzug hält. Ich glaube, dass der Mut des Schalker Trainers, auf unbekannte, junge Leute aus dem Nachwuchs und der eigenen Amateurmannschaft zu setzen, vielen Trainerkollegen und Vereinsbossen imponiert. Und es zeigt eben auch, dass in der „zweiten Reihe“ der Bundesliga noch jede Menge Spieler lauern, die auch das Zeug haben, auf Augenhöhe mit den ganz Großen mitzumischen. Man muss sie nur mal bringen.

Und Magath weiß ebenso wie Labbadia, dass man solchen Spielern als Trainer eben auch mal einen Fehler der Kategorie „geht gar nicht“ zugestehen muss. Dazu zählt mit Sicherheit Toruns Abwehrverhalten beim 1:1. Also: Nicht so hart mit dem Jungen ins Gericht gehen. Das Tor war seines, abgehakt. Ansonsten hat er sich meiner Meinung nach aber zufriedenstellend eingebracht. Er hat gearbeitet, hat viele Laufwege gemacht und sich voll in den Dienst der Mannschaft gestellt. Hier und da muss er sicherlich noch etwas cleverer werden. Aber er ist auf einem guten Weg.

Das Spiel war insgesamt ein Nordderby der durchwachsenen Art, fußballerisch jedenfalls. Der HSV wirkte auf mich lange Zeit etwas reifer in seiner Spielanlage, zudem hatte die Offensive dank Elia auch mehr Überraschungsmomente als die der Hannoveraner parat. Marcell Jansens Führungstor nach feinem Zuspiel von Elia (15.) war ein Genuss, und eigentlich war der anschließende Druck der 96er anschließend auch nicht so groß, dass sich die fast 10.000 HSV-Anhänger in der AWD-Arena ernsthafte Sorgen hätten machen müssen – bis zum Ausgleich.

Der Rest des Spiels ist schnell erzählt. Hannover versuchte sich leidenschaftlich und gelegentlich sogar mit Tempo in der Offensive, allerdings waren die Bergmänner in ihren Mitteln doch arg beschränkt, und die HSV-Verteidigungsreihe überzeugte diesmal vor allem in der Gefahrenzone durch gutes Stellungsspiel. Der Einzige, der mir regelmäßig Sorgenfalten auf die Stirn trieb, war Stajner, was sich ja leider noch nachhaltig bemerkbar machen sollte.

Aber bevor ich zum Foulelfmeter komme, muss ich natürlich erwähnen, dass der HSV zwei Punkte wegen der nicht konsequent zu Ende gespielten Vorstöße verlor. Torun (33.) hätte schon vor Elias Kopfballtor nach Piotr Trochowskis Freistoß (44.) treffen können, vielleicht sogar müssen, noch einmal Torun (53., an den Pfosten) und der diesmal nicht so präsente Ze Roberto (77.) hätten mit dem Treffer zum 3:1 alles klar machen können.

Und das wäre auch dringend nötig gewesen, denn die Mannschaft wirkte in Einzelteilen (Trochowski, Jansen, Jarolim, Ze Roberto) gerade in der Schlussphase doch etwas erschöpft und matt. Da war es diesmal nicht die mangelnde geistige Frische, sondern eher eine physische, die sich bemerkbar machte.

Die Strafe folgte wieder einmal in der letzten Viertelstunde, diesmal sogar in den letzten fünf Minuten. Unnötiger Ballverlust des HSV in Hannovers Hälfte, langer Ball auf Stajner, der links am Strafraumeck per Ballmitnahme einen Haken gegen die Laufrichtung des für Jerome Boateng eingewechselten Tomas Rincon macht. Rincon blockiert Stajners Laufweg, anfangs sogar mit einem Arm als „Sperre“, Stajner fällt. Ich habe mir die Szene jetzt sechsmal angeschaut, und auch wenn Dr. Drees als Schiedsrichter meines Erachtens einen insgesamt schwachen Auftritt hingelegt hat, so lag er bei dieser Elfmeterentscheidung total richtig. Stajners cooler Strafstoß rechts hoch war dann der Schlusspunkt.

17:45 Uhr