Tagesarchiv für den 6. November 2009

Der HSV ist irgendwie platt

6. November 2009

Diesmal möchte ich aus aktuellem Anlass zunächst nicht auf sportliche, sondern eher auf unsportliche Dinge eingehen, die diesen Blog betreffen. Heute Morgen habe ich mich froher Erwartung ins Netz geklickt und habe mehr als 100 Kommentare gesehen. Ich war freudig überrascht und habe mich auf sachliche Diskussionen, Anmerkungen, vielleicht sogar auf Lösungen und fachlich orientierte Kritik gefreut. Ich muss gestehen, dass ich mich eine knappe Stunde später ähnlich geärgert habe (und das im Urlaub!), wie gestern häufiger in der ersten Halbzeit. Allerdings lag es nicht am Gros der Kommentare beziehungsweise ihrer Verfasser, sondern eher an der One-Man-Show eines Kommentators.

Lieber HSV-Oliver, grundsätzlich habe ich nichts gegen konträre Meinungen, exklusive Auffassungen und längere Diskussionen, doch wenn diese Art des Blog-Lebens die Überhand nimmt – und das ist zuletzt leider einige Male der Fall gewesen -, dann solltest Du wirklich mal darüber nachdenken, ob dieser Blog die richtige Bühne für Scharmützel und Provokationen einer bestimmten Art ist. Vielleicht taugen diese Beiträge dann doch eher für ein Forum, von denen es zu HSV-Themen ja nun mehrere im Netz gibt.

Versteh mich bitte nicht falsch: Ich möchte Dich nicht aus diesem Blog vertreiben, denn ich habe auch schon viele sachliche und interessante Beiträge von Dir gelesen, aber wenn es zu einem Spiel „Einer gegen alle“ verkommt, bei dem nicht einmal mehr der eigentliche Anlass dieses Blogs (der HSV) im Mittelpunkt steht, dann ist das aus meiner Sicht doch ziemlich bedenklich.

Ich fühlte mich heute Morgen bei der Lektüre an einen ehemaligen Kollegen aus meiner Redaktion erinnert, mit dem ich mehrere Jahre zusammengearbeitet habe. Der hat seinerzeit bei jeder Meinungsfrage die Contra-Position eingenommen und zu alles und jedem seinen Senf abgegeben. Erst fanden das die meisten Kollegen amüsant, dann versuchten sie ihn argumentativ eines Besseren zu belehren – und schließlich haben ihn eigentlich alle ignoriert und seine Kommentare, auch wenn sie sinnvoll waren, gar nicht mehr wahrgenommen. Ich wünsche mir, dass der letztgenannte Zustand im Zusammenhang mit Deinen Beiträgen nicht erreicht wird. Denk doch einfach mal darüber nach (ich brauche, auch wenn ich Dich direkt angeschrieben habe, keine Antwort).

Nun aber zum Fußball. Ich habe wie die meisten von Euch eine Nacht über die Geschehnisse geschlafen, und ich habe eine neue Erkenntnis gewonnen. Ich glaube, dass der HSV platt ist.

Ja, ja, ich weiß, einige von Euch werden jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und auf den Kalender schielen. Wir haben Anfang November, da darf ein Bundesligateam doch noch nicht platt sein. Bis zur Winterpause ist es schließlich noch mehr als einen Monat hin. Ich meine aber gar keine körperliche Erschöpfung, denn da sehe ich Bruno Labbadias Mannschaft absolut auf Augenhöhe mit den Topmannschaften, sondern eher eine mentale.

Gegen Celtic und auch schon zuvor gegen Gladbach fehlten mir bei einigen Spielern gelegentlich die gedankliche Frische und eine entsprechende Handlungsgeschwindigkeit. Die Überraschungsmomente bei den Offensivbemühungen haben zuletzt stetig nachgelassen, und das liegt meines Erachtens nicht nur an den Verletzungen einzelner Spieler. Mein Kollege hat mir berichtet, dass Labbadia im Training bei einigen Übungen auch immer wieder seine Stürmer ermahnt, die Aufmerksamkeit bei Schüssen von Kollegen oder auch bei Paraden des Torwartes hoch zu halten, was von Woche zu Woche, von Spiel zu Spiel und Einheit zu Einheit schwerer wird. Sein Appell passt, denn der Trainer weiß, dass geistige Frische vor allem in engen Partien ein Qualitätsmerkmal sein kann, das den Unterschied ausmachen kann. Nur wer psychisch auf der Höhe ist, der riskiert in der Vorwärtsbewegung auch mal einen „tödlichen Pass“, der sprintet wie Marcell Jansen in einen schlecht temperierten Querpass oder nutzt einen unerwarteten Fehler in der gegnerischen Hintermannschaft.

Ich bin mir sicher, dass dieses kleine „Kopfloch“ nur eine vorübergehende Erscheinung ist. Vielleicht reicht die bald anstehende Länderspielpause schon aus, um die Köpfe der Profis wieder komplett frei zu bekommen und eine letzte fußballerische Begeisterungswelle bis zur Winterpause einzuläuten. Ein guter Impulsgeber für geistige Erholung wäre natürlich ein Erfolg im Nordderby bei Hannover 96. Und eines ist mal klar, ohne den Niedersachsen zu nahe treten zu wollen: Das ist trotz aller personellen Engpässe und jüngsten Kritik möglich. Wenn der große HSV beim kleinen HSV all seine vorhandenen Stärken einbringt, wird Labbadias Team im Vorteil sein.

Ob der oft gelobte Tomas Rincon in der AWD-Arena auflaufen wird, ist noch fraglich. Heute hat Jerome Boateng jedenfalls wieder voll trainiert, daher könnte der Trainer ihn auf der rechten Abwehrseite bringen und in der Innenverteidigung weiter mit Joris Mathijsen und David Rozehnal agieren. Andererseits sind dem Trainer Rincons gute Eindrücke aus der zweiten Hälfte gegen Celtic nicht verborgen geblieben, also könnte es auch eine Umbesetzung in der Zentrale geben – dann bliebe Rincon drin. Vielleicht gibt ja das morgige Training nähere Aufschlüsse.

Was Rincons Zukunft betrifft, so denke ich, dass er trotz einiger positiver Auffälligkeiten (vor allem sein monatelanges Durchhalten ohne Einsatzzeiten) keinen neuen Vertrag über Dezember hinaus erhalten wird. Eine definitive Entscheidung ist diesbezüglich meines Wissens nach aber nicht gefallen.

So, das war es eigentlich. Eine kleine Anmerkung noch. Ein netter Kollege hat mich kürzlich angerufen, der die leidenschaftlichen Kommentare von Euch jeden Tag verfolgt, obwohl er gar kein HSV-Fan ist. Der Kollege heißt Oliver Wurm und arbeitet derzeit an einem Buch von Fans für Fans. Nun hat er auch unseren zwischenzeitlichen Abstecher zu persönlichen Erinnerungen und Anekdoten gelesen („Mein Gänsehauterlebnis“) und bat mich, Euch ruhig auch mal auf die Buchseite (www.mein-hsv-moment.de) zu schicken und Eure wirklich tollen Erlebnisse dort einzustellen. Ich bin mir sicher, dass einige davon es echt ins Buch schaffen können. Aber Ihr müsst Euch sputen, nächste oder übernächste Woche ist schon Redaktionsschluss.

15:45 Uhr