Tagesarchiv für den 5. November 2009

Nullnummer mit einigen Steigerungen

5. November 2009

Es sollte ein großer Schritt in Richtung Europa-League-Endrunde werden, doch es endete als eher trostlose Nullnummer. Dieses 0:0 des HSV gegen Celtic Glasgow war weder Fisch noch Fleisch. Für die Tabelle war das Unentschieden kein Beinbruch, im Gegenteil, aber nach dem 2:3 in der Bundesliga gegen Mönchengladbach war es auch kein richtiger Fortschritt. Ob der HSV seine Personalprobleme und sein kleines Formtief überwunden hat, wird man also erst am Sonntag nach dem Nordderby bei Hannover 96 wissen. Aber lasst mich erst einmal das heutige Duell abhandeln.

Die erste Hälfte war enttäuschend. Das lag vor allem daran, dass der HSV kein Mittel fand, die gut postierte Innenverteidigung der Schotten zu überwinden. Marcus Berg erinnerte in seinem gesamten Wirken seiner Anfangszeit als HSV-Stürmer. Ich weiß gar nicht, wie viele hohe Bälle auf ihn gespielt wurden, von denen er nicht einen einzigen behauptet hat. Als er das dritte Mal halbherzig zum Kopfballduell abgesprungen ist, habe ich laut geflucht. So kann man keine Bälle festmachen – und schon gar nicht weiterleiten.

Und wenn man auch noch so ein „Geschenk“ vergibt wie in der 2. Minute, als Berg in der engagierten und leidenschaftlichen Anfangsdruckphase des HSV aus sehr guter Position frei zum Schuss kam und eher kläglich scheiterte, dann kann man nur hoffen, dass dieser Auftritt ein einmaliger Rückfall in alte Zeiten war.

Positiv ist mir Marcell Jansen aufgefallen. Zwar seltener aus eigenen Spielzügen heraus, dafür umso mehr in Ballbesitz der Schotten. Wenn die ihre Querpassstafetten im Mittelfeld starteten, war der diesmal statt Piotr Trochowski in der Startelf aufgebotene Linksallrounder hellwach und leitete auf diese Weise drei viel versprechende Konter ein. Nur seinen Abschlüssen fehlte noch die Genauigkeit.

Und wisst Ihr, an wen mich Tomas Rincon in den ersten 30 Minuten erinnerte? An Ailton. Nicht vom Laufstil, nicht von der Chancenverwertung, sondern von seinen Gesichtszügen. Ach ja, und eine Parallele gibt es womöglich doch noch: Ailton war oder ist eben auch kein Außenverteidiger. Rincon, der als letzte Alternative für die verletzten Guy Demel (Wadenprobleme) und Jerome Boateng aufgeboten wurde, merkte man die fehlende Spielpraxis und die ungewohnte Position – eigentlich ist er ein „Sechser“, also ein defensiver Mittelfeldspieler – deutlich an. Zudem wirkte er gelegentlich etwas ungestüm.

Joris Mathijsen machte auf mich auch einige Male nicht den souveränsten Eindruck. Vor allem dann nicht, wenn Celtic den Abwehrchef aus dem Zentrum locken konnte und ihn in Sprintduelle verwickelte. Da ließen sich einige Schwächen des Holländers erkennen.

Dass die Gäste aus den Hamburger Defensivmängeln, die natürlich auch mit den Umstellungen und der Eingewöhnungszeit der neuen Leute zu tun haben, keinen Profit schlagen konnten, lag vor allem an einem Mann: Frank Rost. Seine Parade gegen McDonald (17.) war außergewöhnlich gut. Außerdem war er stets um positive Ordnung seiner neu formierten Viererkette bemüht.

In Sachen Standardsituationen hat der HSV diesmal keine großen Fortschritte gemacht. Als Eckballschützen durften sich Dennis Aogo, Eljero Elia und Ze Roberto versuchen – wobei die Variante des Brasilianers eher einem Befreiungsschlag glich. Aogos Ausführungen waren eindeutig die besten und hätten in der zweiten Halbzeit ja auch fast Treffer gebracht, als Mathijsens Kopfball auf der Latte landete (48.) und Rozehnal per Kopf an Celtic-Torwart Zaluska scheiterte (73.).

Prinzipiell machte der HSV in den zweiten 45 Minuten defensiv einen stabileren Eindruck. Das lag an nicht nur an Rincons extrem verbesserten Laufwegen und Aktionen (er gehörte plötzlich zu den Besten!), sondern auch am deutlich verbesserten Verhalten der Defensivkräfte (primär Rozehnal) gegen Celtics unbequemen Topstürmer Samaras. Der arbeitet, der keilt aus, der geht dahin, wo es weh tut und kämpft, und hat immer eine klare Zielrichtung – das Tor.

Im Vorwärtsgang waren die Hamburger aber doch eher berechenbar und insgesamt auch zu fehlerhaft. Rincons Vorstöße waren ansehnlich, Jansens und Aogos Flügelläufe auch, unterm Strich brachten die Hereingaben von den Seiten aber zu wenig Gefahr für Glasgows Tor. Und die Fernschussversuche aus dem Zentrum, ob durch Elia, den eingewechselten Trochowski oder auch Jarolim, waren – zurückhaltend formuliert – nicht so doll. Nein, bleiben wir ehrlich, sie waren kümmerlich. Da lagen zwischen den jüngsten Trainingseindrücken und dem Spiel offenbar Welten. Und dann war auch schon Ende.

Eine Anmerkung noch: Diese fünften und sechsten Offiziellen, die den Strafraum überwachen sollen und gelegentlich auch darin umher laufen, sind wirklich ein Graus. Gibt es in Europa zu viele Schiedsrichter ohne Tätigkeit? Ich möchte nicht wissen, was die Neueinführung dieser „Strafraumclowns“ kostet. Aber eines weiß ich sicher: Dem internationalen Fußball wäre mehr gedient, wenn das dafür ausgegebene Geld einer Gemeinschaftsreise aller Teilnehmer an diesem Blog zufließen würde. Außerdem möchte ich mal wissen, was diese Strafraumgeher im eisigen Winter bei Minustemperaturen machen. Laufen die dann mit Schneeanzug und eingebauten Heizlüftern auf?

21:03 Uhr

Lobenswerte Sonderschichten

5. November 2009

Heute ist ein besonderer Tag. Heute ist nämlich Uwe Seelers 73. Geburtstag. So wie ich „Uns Uwe“ kenne, wird er heute vor allem gespannt auf das Europa-League-Spiel gegen Celtic Glasgow schauen. Und ich werde es auch tun. Nach den Champions-League-Auftritten der deutschen Mannschaften, von denen mich nur der Auftritt des VfL Wolfsburg überzeugt hat, wird es wieder höchste Zeit, dass ein Bundesligaverein Zählbares für die Fünfjahreswertung der UEFA erarbeitet. Ich bin guter Dinge, dass der HSV das heute Abend machen wird.

Zu Uwe Seeler fällt mir ein, dass es in den vergangenen Blog-Wochen und –Monaten immer mal wieder ein paar schöne Anekdoten und Erinnerungen an Begegnungen mit dem HSV-Idol in Euren Kommentaren gegeben hat. Wie wäre es in Anbetracht seines heutigen Festtags, wenn Ihr alle ein bisschen was zu Seeler schreiben würdet. Ich habe Christian Pletz mal nach seiner ersten Begegnung mit ihm befragt. Damals war mein Kollege noch minderjährig und für das „Sport Mikrofon“, einer kleinen Hamburger Sportzeitung, unterwegs. Da stand nun also ein großer Pulk von Journalisten um Seeler herum, anlässlich einer Preisverleihung, und mein Kollege kam aus der zweiten Reihe nicht zum Fragen. Irgendwann unterbrach Seeler die Frage- und Antwort-Nummer und sagte: „So, mien Jung, jetzt bist du aber mal dran, was willst du wissen?“ So ist Seeler immer gewesen.

Dazu passt auch, dass Seeler die Sonderauflage des Abendblatt-Buches „Nur der HSV“ komplett mir Autogrammen versehen hat. 1000 Mal hat er unterschrieben und nicht gemurrt. Als Dankeschön überweist das Abendblatt für jedes verkaufte Buch dieser Limited Edition fünf Euro an die Uwe-Seeler-Stiftung. „Das ist eine gute Sache“, hat „Uns Uwe“ gesagt.

Lasst mich noch kurz etwas zum heutigen Spiel sagen. Nach dem Erfolg in Glasgow ist die Ausgangslage für den HSV ähnlich wie vor dem Heimspiel gegen Gladbach. Fast alle glauben, dass das Heimspiel gegen die Schotten eine Art Selbstgänger wird. Und wer dann Bruno Labbadias Warnung hört, dass das „ein ganz schweres Duell“ werde, der neigt zum müden Lächeln. Nach dem Motto: Ja, ja, das ist wieder der berühmte Tritt auf die Erwartungsbremse.

Ich glaube auch, dass der HSV es heute viel schwerer haben wird als in Glasgow. Und darum bin ich auch froh, dass mir von einer erheblichen Formverbesserung des Innenverteidigers David Rozehnal berichtet wurde. Der Tscheche überzeugt in den Trainingseinheiten, macht separates Schuss- und Passtraining, wirkt stabiler – er scheint sich endgültig eingelebt zu haben in seiner neuen Wahlheimat und in seinem neuen Team.

Die Sonderschichten nach den normalen Trainingseinheiten scheinen ohnehin extrem beliebt zu sein. Torschussübungen mit verschiedenen Varianten sind ja nicht neu, aber offenbar haben die Spieler eine von vielen Fans und Experten oft thematisierte Schwäche auch erkannt: Kopfbälle. Darum hat Technik-Trainer Ricardo Moniz mit fünf, sechs Profis gezielte Kopfbälle geübt. Trainer Labbadia registrierte das mit Wohlwollen. Und Jonathan Pitroipa, unser zuletzt mehrfach gelobtes „Eichhörnchen“, absolviert mit Moniz pro Woche zwei bis drei Extraschichten, die seine Abschlussschwäche beheben sollen. Vielleicht sehen wir ja schon gegen Celtic erste Fortschritte. Ich hätte nichts dagegen.

14:28 Uhr