Tagesarchiv für den 2. November 2009

Von Frust auf Lust umschalten

2. November 2009

Heute Morgen rief mich ein guter Freund aus Nordrhein-Westfalen an, der mit zwei „wichtige Dinge“ zu besprechen hatte. Er ist HSV-Fan, das muss ich vorweg erwähnen. Erstens sollte ich sofort meinen Urlaub beenden, zweitens sollte ich die mitunter deftigen Kritiken im Blog gegen den HSV-Trainer und auch gegen einige Spieler etwas bremsen. Ihn ziehe dieses ganze Leid, das dort durch die Beiträge fließt, jeden Tag auf der Arbeit runter, sagte er. Er wolle aber seine bevorzugte Informations- und Austauschquelle zum HSV weiter mit Lust und Leidenschaft lesen. Ich habe ein paar Minuten kommentarlos zugehört, was mir aufgrund seiner selbstmitleidigen Stimmlage wirklich schwer fiel, und dann habe ich ihm zwei klare Absagen zu seinen Anliegen erteilt. Erstens dauert mein Urlaub noch ein paar Tage an, und ich habe noch viele Dinge zu erledigen, die im Arbeitsalltag meist auf der Strecke bleiben. Und zweitens folgt auf die vielen Lobgesänge der vergangenen Wochen und Monate eben auch mal deftige Kritik, wenn sie angebracht ist. Und das war und ist sie nach den leichtfertig vergebenen Punkten gegen gute (aber nicht überragende) Gladbacher allemal.

Entscheidend ist doch, und das beruhigte meinen Freund dann etwas, dass jetzt der richtige Zeitpunkt zum Umschalten gefunden wird. Gladbach war gestern (ja, ich weiß: in Wirklichkeit vorgestern), morgen (in Wirklichkeit Donnerstag) ist Celtic Glasgow. Da bleibt keine Zeit zum Trübsal blasen, da ist nur wenig Raum für intensive Nachbetrachtungen und Aufarbeitungen. Da heißt es eigentlich schon ab heute wieder: nach vorne gucken und umschalten von Frust auf Lust.

Ich habe vor ein paar Jahren mal mit einem erfolgreichen und ambitionierten HSV-Profi zusammen gesessen, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte, weil er nach wie vor aktiv ist und seinerzeit im Vertrauen mit mir geredet hat. Wir haben über Spielsysteme, Trainer und Frusterlebnisse gesprochen. Er wirkte auf mich trotz seiner jungen Jahre erstaunlich reif. Dann habe ich ihn gefragt, wie er denn große sportliche Enttäuschungen, Frusterlebnisse und Pleiten verarbeite. Er schaute mich fast vorwurfsvoll an und sagte: „Na, Dieter, ist doch klar, dann trinke ich mal einen, genehmige mir anschließend Ruhe und fang wieder bei null an!“ So einfach ist das also…

Nein, bitte nicht missverstehen, ich möchte Bruno Labbadia und seinem Team schon aus gesundheitlichen Gründen keinesfalls raten, mit einem Frustbesäufnis auf Negativerlebnisse der Gladbacher Art zu reagieren. Ich hoffe nur, dass die Mannschaft und ihre Trainer sich nicht zu lange gedanklich an den Fehlern und Schwächen der ersten Ligaheimpleite festhalten. Von den vielen „Baustellen“, die ich in Euren Kommentaren gefunden habe und die manchmal wie grundsätzliche HSV-Probleme klangen, würde ich einige, nein, sogar mehrere in den Bereich der seltenen Auffälligkeiten verweisen. Eine kleine Anmerkung sei hier erlaubt, auch weil es die Nachfrage gab: Natürlich lese ich alle Kommentare (hat mich zuletzt einiges an Zeit gekostet…).

Ich glaube zum Beispiel nicht, dass wir ein grundsätzliches Problem auf der rechten Abwehrseite haben. Guy Demel, der nach dem Spiel gegen die Borussia zu Recht gescholten wurde, ist normalerweise eine feste Größe. Er macht momentan eben ein kleines Formtief durch, und angesichts der Innenverteidiger-Personalprobleme (Boateng, Rozehnal) gibt es auch keine Alternativen. Doch, werden jetzt wieder viele von Euch denken: Tomas Rincon. Dem möchte ich widersprechen. Ich habe ihn ja schon oft nach Trainingseindrücken gelobt, allerdings hat er diese Eindrücke in Trainingsspielen als Rechtsverteidiger selten bis nie bestätigt. Seine Vorzüge kommen eher auf der „Sechs“, also im defensiven Mittelfeld zur Geltung. Und dass er da nicht so ohne weiteres an Ze Roberto und David Jarolim vorbeiprescht, ist wohl keine Überraschung.

Ich hoffe für den HSV, dass Demel seine kleine Leistungskrise schnell überwinden kann. Bei Dennis Aogo habe ich trotz des eklatanten Abwehrfehlers gegen Gladbach (beim 1:1) das Gefühl, dass er seine echte Schwächephase schon hinter sich hat. Er gewinnt im Training wieder mehr und mehr an Sicherheit, spielt bessere Flanken, spielt genauere Pässe. Er muss aus meiner Sicht vor allem an seiner defensiven Konsequenz und den Laufwegen arbeiten, da offenbart er häufiger die größten Schwächen.

Zur Kritik an Bruno Labbadia möchte ich auch noch etwas loswerden, obwohl dazu ja eigentlich schon mehr als genug gesagt wurde. Unabhängig vom Fehler, Jerome Boateng nicht ausgewechselt zu haben, sollte man meines Erachtens nun nicht jedes Wort Labbadias auf die Goldwaage legen. Wenn ich mir manchen Kommentar zu diesem Thema durchlese (nicht nur in diesem Blog), könnte man meinen, der Trainer sei mit einem Werder-Trikot unter seinem Anzug erwischt worden…

Auch in diesem Fall gilt das zu Beginn beschriebene, magische Wort: Umschalten. Labbadia, der auch aus meiner Sicht eine 100-prozentige Identifikationsfigur darstellt, darf sich nun auch selbst nicht verrückt machen (lassen) und muss sich auf seine Stärken besinnen. Das heißt nach absolvierter Fehler- und Problemanalyse (die der Trainer längst hinter sich gebracht hat), dass er seine Spieler mit gezielten Trainingsinhalten und persönlichen Ansprachen optimal auf die nächsten Kontrahenten Celtic und Hannover 96 einstimmt.

Ich gehe fest davon aus, dass Labbadia diesen Schritt meistern wird, auch wenn ich mich nicht persönlich vor Ort davon überzeugen kann. Mein Freund aus Nordrhein-Westfalen rechnet in dieser Woche mit vier Punkten. Ich kann mir sogar zwei mehr vorstellen – sofern die jüngste Pleite keine tiefen (mentalen) Narben hinterlassen hat.

13:45 Uhr