Tagesarchiv für den 1. November 2009

Defensive heißt nicht nur Abwehr

1. November 2009

So viel Leid, so viel Frust, so viel Wut und Enttäuschung auf unserer Blogbühne. Dieses 2:3 hätte sich der HSV ruhig ersparen können – und mir auch. Ich habe mich (trotz Urlaubs) so geärgert über diese Heimpleite, vor allem in Anbetracht der anderen Resultate. Andererseits kann man den aktuellen Spieltag auch als „Glück im Unglück“ bezeichnen, denn keiner der direkten Konkurrenten im Spitzenkampf der Bundesliga konnte entscheidende Punkte sammeln, um sich nach oben abzusetzen.

Mit einer Nacht Abstand zum Spiel gestern hat sich an meiner Meinung zu den kniffligen und möglicherweise spielentscheidenden Szenen nicht viel geändert. Mit einer Ausnahme vielleicht: Ich habe noch einmal Jerome Boatengs Verhalten auf dem Rasen gesehen, auch nach der Verabreichung seiner Schmerzmittel in der 59. Minute. Bruno Labbadia hätte ihn vom Platz nehmen oder zumindest das persönliche Gespräch mit ihm suchen müssen. Dann hätte er Klarheit gehabt, und Boateng hätte sein Humpel-Lauf-Wechselspiel (es war nämlich nicht so, dass Boateng die ganze Zeit nach Arangos Foulspiel gehumpelt ist) entweder auf eigene und Trainer-Verantwortung fortsetzen können oder aber vom Platz gemusst.

Dieser Fehler des Trainers hätte aber trotz allem nicht spielentscheidend sein müssen. Sicher, die Abwehr hat nach Boatengs Verletzung alles andere als stabil gewirkt, ja, sie war sogar extrem verunsichert, sie aber als Pauschalbegründung für die Gegentore zwei und drei zu nehmen, halte ich dann doch für etwas übertrieben. Wer dermaßen unaufmerksam ist wie die gesamte Hamburger Hintermannschaft beim schnell ausgeführten Gladbacher Eckball vor Dantes 2:2, der hat den fünften Heimsieg eben auch nicht verdient. Und wer sich die Raumaufteilung des HSV vorm 2:3 anschaut, die Friends Siegtreffer ja überhaupt erst ermöglichte, der wird in Spitzenmannschaften kaum vergleichbar gruseliges Verhalten feststellen können.

Ich möchte mich vielen von Euch anschließen, die diese Heimniederlage als alarmierendes und dennoch nicht zu überbewertendes Spiel betrachten. Trainer Bruno Labbadia ist meiner Meinung nach nun aufgefordert, die richtigen Schlüsse aus der Partie zu ziehen. Denn so spektakulär die HSV-Offensive in den meisten Partien (Gladbach-Spiel eher ausgenommen) auch vorging, so hat diese Spielweise eben auch immer eine Kehrseite. Und die lässt sich in der aktuellen Tabelle am besten an den Gegentoren ablesen.14 Gegentreffer kommen nicht von ungefähr und sind drei bis vier zu viel für ein Team, das mit den Ambitionen eines HSV an den Start geht.

Marcell Jansen hat es nach dem Spiel gegen Gladbach ganz treffend formuliert: „Wir müssen eine Führung wie das 2:1 besser halten, und dafür ist nicht nur die Abwehrreihe zuständig, sondern die gesamte Mannschaft.“ Und genau da hapert es manchmal wie jetzt gegen Mönchengladbach ganz offensichtlich: am gesamten Defensivverhalten der Mannschaft. Da wird den gegnerischen Spielern zu viel Freiraum gelassen, da fehlt der letzte Schuss Entschlossenheit, und die Harmonie und Abstände zwischen der Abwehr und den defensiven Mittelfeldspielern stimmen auch nicht.

Ich will da jetzt gar keine neue Baustelle eröffnen, aber viele Beobachter und auch einige Experten beschränken defensive Probleme immer auf die Abwehrreihen und kritisieren entsprechend. Natürlich will ich den Stellenwert von David Jarolim und Ze Roberto für das HSV-Spiel nicht in Frage stellen, denn der ist unbestritten groß. Sehr groß sogar. Aber hin und wieder könnte die Abstimmung zwischen dem Abwehrzentrum und den beiden „Sechsern“ noch besser werden, denn in diesem Bereich entsteht meist die größte Gefahr. 20-30 Meter vor dem eigenen Tor findet im Zentrum das Umschalten statt, von hier aus geben Jarolim und Ze Roberto der eigenen Offensive Impulse, in der Rückwärtsbewegung muss in dieser Zone aber auch die größte Ordnung herrschen.

Labbadia hat zudem einen Großauftrag in Sachen Kopfballhoheit im eigenen Strafraum. Die Anfälligkeit in diesem Bereich ist so offensichtlich, dass immer mehr Vereine mit hohen Bällen in den Hamburger Strafraum vorgehen und große Gefahr entfachen. In diesem Bereich sind jetzt Spieler wie David Rozehnal, Joris Mathijsen und auch Guy Demel gefordert. Letztgenannter überwindet sein akutes Formtief hoffentlich bald. Seinen Körper würde ich mir wünschen, der Ivorer müsste eigentlich der Felsbrocken im Strafraum sein. Er muss seine physischen Vorteile gerade bei Kopfballduellen im HSV-Strafraum viel mehr zum Einsatz bringen.

So, genug der Kritik. Noch ist in der Bundesliga nichts passiert, und die Dauerschwarzmaler mit dem Motto „Die Titelchancen sind schon futsch!“ sollten nicht alles und jeden verdammen, der gegen Gladbach – zugegebenermaßen – eine erbärmliche Figur abgegeben hat. Gegen Celtic hat das Team am Donnerstag die Chance zur Wiedergutmachung – und kann dann im kleinen Derby bei den „Roten“ am Sonntag nachlegen.

18:20 Uhr