Monatsarchiv für November 2009

Mentale Fitness wieder herstellen

30. November 2009

Die Nachricht aus der Presseabteilung des HSV habe ich erst einmal abgespeichert. Eljero Elia hat nur eine schwere Knöchelprellung in Mainz davongetragen. Ich kann es kaum glauben. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich mich bei neu aufgeploppten Mails schon zweimal dabei erwischt, dass ich sie gedanklich schon vorempfunden habe. „Alles doch viel schlimmer“, stand dann da. Oder: „Elia muss doch zwei Monate pausieren!“ So weit ist es schon gekommen. Die „Seuche“ und dauerhafte Lazarett-Befüllung beim HSV hat sich schon nachhaltig auf die Gedankenwelt der ständigen Begleiter ausgewirkt. In meinem Umfeld gibt es mittlerweile nicht wenige HSV-Fans, die bei jedem schmerzverzerrten Gesicht eines Hamburger Profis einen Bänderriss vermuten. Und manche rufen mich nach dem Training an und fragen nur: „Na, wer fällt diesmal aus?“

Damit muss Schluss sein. Ich handhabe es da wie in einem der Kommentare auf die „Sprechstunde“: Der November-Blues findet mit dem Monat sein heutiges Ende, jetzt soll die Feiertagszeit eingeläutet werden. Am Mittwoch gegen Wien könnte mit dem Einzug in die nächste Europapokalrunde der erste Schritt in diese Richtung getan werden. Und die Personalmisere wird auch nicht dadurch besser, dass man sie sich täglich vor Augen hält. Es hilft nichts. Abhaken. Durchbeißen. An sich glauben. Nur so kann es bis Weihnachten funktionieren.

Heute möchte ich mich nicht so sehr mit den immer wieder angesprochenen David Rozehnal und Marcus Berg beschäftigen, sondern mit den Stichwörtern „Glück“ und „Pech“. Im Zusammenhang mit HSV-Spielen und vor allem Gegentoren oder nicht gegebenen Treffern lese ich immer häufiger etwas von „Pech mit Schiedsrichtern“, „Pech im Abschluss“ und ähnliches, dafür haben nun wieder Klubs wie Werder Bremen mit dem Tor in letzter Sekunde Glück oder auch der Mainzer Noveski, dass er für sein Foul an Elia nicht Rot gesehen hat.

Zumindest was den ersten Teil betrifft, nämlich dem so oft zitierten (auch von mir!!!) Pech, möchte ich doch eine kleine Korrektur vornehmen. Wenn man nämlich sieht, wie viele Punkte der HSV in der Endphase schon verschenkt hat (ich meine da in den vergangenen Tagen auch eine Rechnung in einem der Kommentare gelesen zu haben), dann kann man das kaum unter die Rubrik „Pech gehabt“ setzen.

Viel eher stellen sich andere Fragen zu so einer Durchlässigkeit im Defensivverbund: Ist die Mannschaft möglicherweise nicht fit genug, um 90 Minuten plus Nachspielzeit durchzuhalten? Stimmt die taktische Ausrichtung nicht? Wechselt Bruno Labbadia falsch?

Ich habe mir da so meine Gedanken gemacht und bin zu folgendem Schluss gekommen. Meines Erachtens liegt es nicht an der physischen Fitness, da ist sich die Mannschaft auch nach den immer wieder vorgenommenen Überprüfungsmaßnahmen gut in Schuss. Taktisch sehe ich auch keinen großen Haken. Selbst nach einer Defensivstärkung des Mittelfeldes mit Jerome Boateng gab es in Mainz noch das 1:1, ich habe insgesamt genug HSV-Profis in der Rückwärtsbewegung gesehen. Und über Wechsel lässt sich immer streiten, da sehe ich aber auch kein grundsätzliches Problem.

Wie ist die Schmach der vielen späten Gegentore dann zu erklären? Meine These: mit zunehmender mentaler Müdigkeit – und letztlich auch mit fehlender Qualität.

Ich habe Euch in den vergangenen Wochen ja schon mehrfach geschildert, dass Trainer Bruno Labbadia beim Training immer mal wieder verbal dazwischen geht. Ich habe mich noch einmal erinnert, dass es diesbezüglich eine Entwicklung in der bisherigen Saison gegeben hat. Anfangs hat der Trainer Spielzüge und Spielformen unterbrochen, weil die Akteure seine Vorstellungen nicht umgesetzt haben. Dann war es hier und da mal ein Verhaltensmuster eines Profis, das dem Trainer nicht gefiel und das er schonungslos ansprach.

In jüngster Vergangenheit waren es allerdings meist Konzentrationsschwächen, nicht abgeschlossene Aktionen, Leichtfertigkeiten und Abstimmungsprobleme, die den Coach zum Abbruch einzelner Übungen oder zu intensiven Einzelgesprächen im Anschluss veranlassten. Da regte sich hier mal ein Jerome Boateng lang und breit über ein im Trainingsspiel nicht geahndetes Handspiel auf, da brach Tunay Torun einen Vorstoß ab, weil die gegnerische Mannschaft „Abseits“ rief – was aber gar nicht gepfiffen wurde. Diese mentale Fitness muss jeder Einzelne nun versuchen wieder herzustellen.

Wie das geht, wissen Labbadia und die Spieler selbst bestens: durch Erfolgserlebnisse. Die Mannschaft darf sich nicht im Jammertal (Pech, Schiedsrichterfehler, Verletzungen, Negativserien) einnisten, sondern muss wieder in die aktive, gestaltende Rolle schlüpfen. Wie kann man späte Ausgleichstore verhindern? Ganz einfach: indem man vorher ein zweites eigenes Tor markiert. Es wird allerhöchste Zeit, dass sich der HSV mal wieder selbst beschert – inklusive des eigenen Publikums.

13:25 Uhr

Eine kleine Sprechstunde

29. November 2009

Natürlich, es ist alles ziemlich schlimm. Dennoch behaupte ich: Das Schlimmste an diesem 1:1 in Mainz war nicht der Verlust zweier Punkte, auch nicht das Spiel an sich, auch die Fehlentscheidungen des Schiedsrichters Manuel Gräfe nicht, der Torun zurückpfiff und dann vor dem 1:1 auf Eckball entschied und nicht auf Abstoß, nein, es war dieser üble Tritt von Noveski gegen Eljero Elia in der 14. Minute. Dieses Foul bringt mich immer noch auf die Palme, das war ganz, ganz fies, das war unglaublich – und glatt Rot. Aber auch ich werde diese Entscheidung nicht mehr zurück drehen, es bleibt bei nur „Gelb“. Zum Glück für den HSV und Elia besteht aber die Hoffnung, dass doch kein Band gerissen ist. Noch in Mainz sprach Elia davon, dass er glaube, dass nichts gerissen ist, sondern nur geprellt. Das wäre natürlich schön – und das wiederum für Elia und den HSV.

Morgen soll die Untersuchung des Knöchels erfolgen, dann sehen wir klarer, bis dahin bleibt uns allen die Hoffnung. Übrigens: Beim DSF-Doppelpass sprachen alle Teilnehmer – wie ich – von einer glatten Roten Karte für Noveski. Immerhin waren sich da einmal alle einig. Und am nächsten Sonntag sprechen sie dann alle wieder vom FC Bayern, denn die gesamte Bundesliga hat ja an diesem Wochenende für Uli Hoeneß gespielt – eben schießt Müller das Führungstor gegen Hannover 96. Kleine Frage am Rande: Habt Ihr Schulz bei diesem Tor gesehen, den Hannoveraner? Nur weil der ja auch hin und wieder als „Verstärkung“ beim HSV auftauchte. Bitte nicht, kann ich da nur sagen, bitte nicht.

So, kommen wir zur Sprechstunde. „Ralf“ fragte, nachdem ich über Manuel Gräfe als einer der „drei besten deutschen Schiedsrichter“ geschrieben hatte, wer denn die besten seien? Florian Meyer (Burgdorf) und Dr. Felix Brych (München) sehe ich gemeinsam mit Gräfe vorne, Wolfgang Stark, Babak Rafati und Thorsten Kinhöfer sehe ich dann auch noch gut. Und, das wurde ich auch gefragt, wie mein Verhältnis zu den Unparteiischen ist? Eigentlich ganz gut, aber es war mal besser. Mit Hellmut Krug (Gelsenkirchen) war (und bin ich noch?) befreundet, zu Dr. Markus Merk hatte ich immer ein sehr gutes Verhältnis, durfte zu ihm auch öfter in die Kabine (vorher), ja und dann sind Kinhöfer, Rafati, Gräfe, Gagelmann und Brych allesamt nette Kerle, die in die Welt passen – das weiß ich aus eigener Erfahrung. Und noch eines weiß ich: Mit Günter Perl werde ich nie ein Bier trinken.

Aber mit Euch, das sage ich mal schnell bei dieser Gelegenheit, werde ich ein Bier trinken. Wahrscheinlich, wenn Ihr mitmacht, im Januar. Abendblatt-Chefredakteur Claus Strunz, der Erfinder von „Matz ab“ (so die Frage von „Tante Käthe“), hat einem Treffen der „Matz-abber“ zugestimmt und versprochen, dass die erste Runde auf uns (HA) geht. Claus Strunz, das auch eine Frage, ist übrigens montags als Talkmaster bei N24 zu sehen, seine Sendung heißt: „Was erlauben Strunz?“.

Bei dieser Gelegenheit kann ich auch sagen, dass wir uns nach technischen Möglichkeiten für diesen Blog umsehen, kann es aber nicht versprechen, ob wir etwas finden werden, was dann auch in Eurem (?) Sinne wäre. Aber es gibt Überlegungen, und das dürfte besonders „HK Hans“, der wirklich sehr lesenswerte Beiträge hier abliefert, und auch „Thommy HSV“ interessieren. Und noch zu einem brisanten Thema, nämlich das der Wildpinkler. Ich habe mit Katja Kraus vom HSV gesprochen, die Vorstandsfrau wird dieser Thematik nachgehen und mich am Montag anrufen, ob eine bessere Lösung gefunden werden kann.

Mehrfach wurde nach den „Fehleinkäufen“ Marcus Berg und vor allem David Rozehnal gefragt (. . . gerade köpft der gute alte „Ivi“ Olic das 2:0 für Bayern). Ich habe kürzlich, ungefähr vor fünf Wochen – in vertrauter Zweierrunde – mit Dietmar Beiersdorfer gefrühstückt. Dabei habe ich ihn auch nach diesen beiden Herren gefragt. Danach war das so, dass Rozehnal  ungefähr zehnmal beobachtet wurde und dann  nicht genommen werden sollte. Und bei Berg war es ähnlich: Auch öfter beobachtet, dann stand fest, dass er keiner für den HSV ist. Auf jeden weiteren Kommentar verzichte ich lieber.

Zu Rozehnal fragte „Ed van der Matt“, warum ich ihn nicht mehr oder häufiger während des Kommentars zum Mainz-Spiel erwähnt habe. Der Grund: Vor einer oder zwei Wochen hatte ich bereits geschrieben, dass ich bei Rozehnal die Hoffnung aufgegeben habe, dass er sich noch einmal zu einer Stütze entwickelt. Mainz bestärkte mich in diesem Gefühl nur noch.

Dann schrieb „teanett“ davon, dass Ronaldo oder auch Beckham bei ManU nie umgetreten wurden, weil sich sonst einige Abwehrrecken böse gerächt hätten. Das vermisst er – und nicht nur er. Ja, ich auch. Es gibt keinen „Rächer“ mehr in dieser Mannschaft. Bei der Gelegenheit: Felix Magath verriet mir, ich glaube, dass ich dies schon einmal schrieb, mal, dass „Jimmy“ Hartwig nicht unbedingt viele Freunde in der damaligen HSV-Mannschaft hatte, aber wenn er gefoult worden war, dann fand sich immer ein „Rächer“, der dem Übeltäter mal gehörig auf die Füße trat – um es einmal salopp zu umschreiben.
„Randnotiz“ hat errechnet, dass der HSV schon elf Punkte hat liegen lassen. Ich sage: Und das fast mit einer B-Mannschaft. Das sollte jedem zu denken geben, der über den Trainer her fällt, denn so viele Punkte mehr waren ja immerhin trotz der riesigen personellen Misere möglich.

„HSV 1988“ fragte, warum im Mainz-Spiel wieder einmal die HSV-Standards so schlecht waren? Ich kann nur sagen, dass Standards trainiert werden, häufig sogar. Aber es muss eben noch mehr geübt werden. Allerdings: Gegen Bochum köpfte Joris Mathijsen bekanntlich das 1:0 (nur Herr Perl sah das anders), und dann köpfte Robert Tesche nach einem Eckstoß fast das 1:1, aber es wurde auf der Torlinie gerettet.

„Warum“, so fragte „Jogi“, „holt der HSV immer wieder teure Abwehrspieler aus dem Ausland (wie Silva, Rozehnal), die dann aber für die Bundesliga untauglich sind? Und warum holte man vor einigen Jahren nicht den jungen Per Mertesacker? Die erste Frage kann ich nicht beantworten, vielleicht so: Ist eventuell leicht, einfacher – und auch billiger? Und zu Mertesacker: Da kam ja keiner ran, auch der FC Bayern nicht. Weil der Hannoveraner von den eigenen Amateuren kam, auf Anhieb einschlug und sofort, quasi von null auf 100, Stammspieler wurde. Dass dann die Bremer schneller waren, lag vielleicht auch daran, dass dort noch ein wenig „internationaler“ gespielt wird (wurde).

„Mario“ will wissen, warum Marcell Jansen noch immer nicht bei 100 Prozent sei? Weil das einfach nicht so schnell geht, wie vielleicht bei einem Amateurspieler. In der Bundesliga gehört mehr dazu, und da hat Jansen eben noch einen gewissen Nachholbedarf. Leider. Er muss eben mal eine gewisse Zeit ohne Verletzung und ohne Erkrankung trainieren können, dann wird es auch was. Sogar noch mit der Nationalmannschaft und der WM in Südafrika. „Sandra“ fragte, ob Tomas Rincon im Training wirklich so schlecht ist, um Jerome Boateng auf der „Sechs“ spielen zu lassen? Schlecht ist Rincon gewiss nicht, nicht schlechter als andere jedenfalls, aber immer noch zu wild, zu ungestüm. Ich habe bereits geschrieben, dass ich fest davon überzeugt bin, dass Rincon den HSV Ende des Jahres verlassen muss. Ist nur ein Bauchgefühl, aber es ist eben da.

„Zorro“ fragte nach der Sprache, die während des HSV-Trainings gesprochen wird. Deutsch. So gut es eben geht. Mich stört nur daran, dass bei jedem Ausländer, der verpflichtet wird, gesagt wird, dass er ab sofort an einem Deutsch-Unterricht teilnehmen werde. Das ist wohl wörtlich zu nehmen: an einem. Alles was danach kommen soll, wird offenbar nicht mehr kontrolliert.

Und nun schießt der FC Bayern sogar das 3:0 – und steht erstmals wieder vor dem HSV. Bitter.
„Mighty Mouse“ fragt nach der Meinung (im HSV) über Thomas von Heesen, der ja in der Bundesliga gute Arbeit abgeliefert hat. Sehe ich genauso, aber ich glaube nicht, dass das die Herren des Aufsichtsrates auch so sehen – oder überhaupt wissen. Der gute „Thommy“ arbeitet zurzeit als Trainer auf Zypern, wäre aber für die Bundesliga sofort frei. Aber er spielt keine Rolle bei der HSV-Suche nach einem Sportchef.

So, zum Schluss möchte ich noch auf eine Besonderheit aufmerksam machen: Die Nummer 003 der auf 1000 Stück limitierten Sonderausgabe des HSV-Buches („Nur der HSV“, 89 Euro) wurde jetzt von den HSV-Profis signiert. Es ist ab sofort unter „www.abendblatt.de“ zu ersteigern, der Erlös geht an „Kinder helfen Kindern e. V.“

19.40 Uhr

Mehr Pech geht nicht

28. November 2009

Alles gegeben, mit dem letzten Aufgebot super gefightet, aber dennoch wieder nicht gewonnen. Diesmal erneut mit viel Pech. Lange führten die Hamburger beim FSV Mainz 05 mit 1:0, doch in der Schlussphase führte einer der wenigen Fehler der HSV-Defensive, den der Tscheche David Rozehnal beging, doch noch zum 1:1-Endstand. Trotz der Tatsache, dass der HSV auch im sechsten Spiel in Folge sieglos blieb bleibt festzuhalten, dass die Labbadia-Mannschaft lange Zeit ein sehr gutes Spiel gemacht hat, dass sie sich besser als von mir erwartet am Bruchweg behauptet hatte. Der HSV stand lange Zeit vor einem Auswärtssieg, aber es hat auch diesmal nicht sollen sein. Zumal schon wieder einmal ein HSV-Profi schwer verletzt aus dem Spiel genommen werden musste, denn Eljero Elia wurde schon in der Anfangsphase ganz böse gefoult und quasi aus dem Spiel getreten. Quintessenz: Mehr Pech geht nicht.

Einmal vorab gesagt: Schiedsrichter Manuel Gräfe hat eine starke Leistung abgeliefert, der Berliner ist für mich im Moment einer der besten drei deutschen Schiedsrichter. Dennoch: Auch ihm fehlte der Mut, dem Mainzer Noveski die glatte Rote Karte zu zeigen, als dieser Eljero Elia einfach so mir nichts dir nichts „umgenietet“ hatte. Das war glatt Rot, dieses Foul war ein Skandal, da wünschte ich mir, dass so etwas auch einmal hart bestraft wird. Elia musste schwer verletzt vom Platz, Noveski hätte eigentlich hinterher traben müssen. Müssen.

Aber im Gegenteil. Als der Mainzer Heller wenig später auf der Linksaußen-Position David Rozehnal umtrat und Gräfe auf Freistoß entschied (22.), da tobte am Rande ein kleines Männlein namens Thomas Tuchel. Der 05-Coach rastete richtig aus, tobte, schrie, reklamierte. Von seinen Lippe war abzulesen: „Da war nichts, das war fair!“ Der junge Mann muss noch lernen, viel lernen. Vor allen Dingen viel ruhiger zu werden. Denn: Wenn ich als Trainer sehe, dass ein Spieler meiner Mannschaft einen Akteur des Gegners krankenhausreif tritt, dann halte ich erst einmal den Rand, verdammt noch einmal, aber wie! Tuchel hätte eigentlich bis zum Schlusspfiff betreten schweigen müssen, dass er sich überhaupt noch traute, so aufzubegehren, ist ebenfalls unerträglich.

Wobei ich auch an Bruno Labbadia gedacht habe. Der steht am Rande, sieht sich das alles an, aber er behält die Ruhe. Das war zuletzt in Hannover (beim Elfmeter in der 87. Minute gegen den HSV) anders, da musste er auf die Tribüne und später 6000 Euro als Strafe zahlen. Labbbadia ist eigentlich genau so stoisch wie sein Vorgänger Martin Jol. Ich weiß nicht, was besser ist, aber wenn ein Thomas Tuchel so ausflippt, dann beeinflusst er eventuell auch einmal den Schiedsrichter (Gräfe nicht!), aber er beeinflusst auf jeden Fall die Zuschauer, die dann nur noch mehr auf die Palme gehen. Ein Frechheit, dass Tuchel dann auch noch mit dem Halbzeitpfiff verbal auf den vierten Mann losging. Ist das nun Sitte, im neuen Freudenhaus der Liga?

Dazu passt natürlich auch das dusselige Fehlverhalten der HSV-Fans, die zu Beginn des Wiederanpfiffs auf der Tribüne in Mainz ein kleines (Freuden-)Feuer entfachten. Muss das wirklich sein? Das wird dem HSV wieder eine hübsche Summe kosten, und dann fragen diese „netten Fans“, warum denn kein Geld mehr für Verstärkungen da ist. Dazu passen denn auch die Zwischenfälle, die sich auf der Anfahrt auf der Raststätte Bielefeld ereignet haben sollen (Handgreiflichkeiten mit anderen Fans). Schade, schade.

Kommen wir zu den erfreulichen Dingen. Und da gibt es einige. Jerome Boateng im Mittelfeld – super. Diese taktische Maßnahme ging voll auf. Großartig, wie sich der deutsche Nationalspieler immer dann weiter rasch hinten orientierte, fast auf Höhe Innenverteidigung erschien, um dort abzuräumen. Erstklassig.

Eine gute Note verdienten sich auch davor David Jarolim und Piotr Trochowski, die oft sehr klug den Ball hielten und verteilten. Mir ist dabei nicht entgangen, dass „Troche“ diverse Fehlpässe produzierte, aber er spielte dennoch eine sehr wichtige Rolle. Weil er den Ball auch gegen zwei, drei Mainzer verteidigte, weil er immer anspielbar war, wenn seine Mitspieler in Not waren und den Ball loswerden mussten. Trochowski war in den meisten Szenen souverän. Das sieht zwar nicht immer spektakulär aus, aber es hilft dem gesamten Team – und leider entgeht eine solche Geschichte stets auch einigen Fans, die solche Feinheiten gar nicht registrieren. Außerdem rettete Trochowski, (der später doch sehr abbaute und kaum noch in Erscheinung trat!) einmal nach einem Bance-Kopfball auf der Torlinie, erst danach wurde die Situation durch den Pfiff des Unparteiischen unterbrochen.
Immer besser macht sich auch Marcell Jansen, der in dieser schlimmen personellen Situation des HSV mehr und mehr Verantwortung übernimmt, es allmählich auch schafft, länger auf diesem hohen Niveau zu spielen. Denn dass der Nationalspieler nach seinen Verletzungen und Erkrankungen noch immer nicht bei 100 Prozent ist, dürfte klar sein, aber er kommt stetig besser.

Einer, der immer voll da ist, ist Frank Rost, der Keeper war erneut in Bestform und ein erstklassiger Rückhalt.

Und dann komme ich zu Tunay Torun. Am Freitag, beim Abschlusstraining, führte Bruno Labbadia – bei Regen und Sturm – nur ein einziges Einzelgespräch. Mit Torun. Ein Inhalt dieser Unterhaltung: Der junge Türke solle seine Aktionen nicht zu früh abbrechen, er soll sie bis zum Ende, bis zu dem Zeitpunkt, wenn der Ball im Aus ist, durchziehen. Das tat der Stürmer dann auch in der dritten Minute. Abstoß Rost (mit Wind!), Torun springt in der Mainzer Hälfte zum Ball, verfehlt ihn knapp, die Kugel kommt zu Elia, der bedient Torun – und der Türke behält trotz dreier Gegenspieler die Ruhe und schließt eiskalt aus 16 Metern ab – sein erstes Bundesliga-Tor! Prima, dieser junge Mann.

Der fast noch ein zweites Tor erzielt hätte. Nach einem weiten Pass von Dennis Aogo lief Torun allein, wirklich mutterseelenallein auf das Mainzer Tor zu, aber die Assistent hatte die Fahne oben: abseits! Eine glatte Fehlentscheidung, unglaublich. Wahrscheinlich deshalb, weil der Ball weit aus der HSV-Hälfte heraus geschlagen worden und lange unterwegs war. Pech für Tunay Torun, dessen Trikot ja in dieser Woche bei „Matz ab“ der Hauptpreis ist, in der 68. Minute leicht angeschlagen vom Platz humpelte (für ihn kam Tolgay Arslan).

Und noch ein Pluspunkt im HSV-Team: Joris Mathijsen. Wie er die „Kante“ Bance bearbeitete und im Griff hatte (ganz ausschalten kann man den Mainzer nie), das war schon sehenswert.
Die Schlussphase war dann eine einzige Zitterei. Natürlich. Viele Hamburger waren schließlich in jüngster Zeit krank und konnten dadurch nicht immer am Training teilnehmen, zudem fehlt natürlich auch ein wenig Qualität, wenn ich das einmal so salopp bemerken darf.

Dass ausgerechnet David Rozehnal beim Ausgleich eine höchst unglückliche Figur abgab, als er den Ball mustergültig und einschussbereit vorlegte, ist nicht untypisch. Im Gegenteil, es passt ins Bild der letzten Wochen. Pech kam vorher noch dazu, denn der voraus gehende Eckstoß für die Mainzer hätte nicht gegeben werden dürfen, weil ein Mainzer zuletzt am Ball gewesen ist. Aber irgendwann liegt dann eben auch ein Schiedsrichter mal daneben. Bitter nur, dass dadurch der Sieg doch noch futsch war.

Ein Wort noch zu Marcus Berg, der für Elia gekommen war. Der Schwede ist zwar kein Ivica Olic, aber gerade in der Schlussphase störte Berg den Mainzer Spielaufbau mitunter effektiv, er ging weite Wege. Natürlich, Torgefahr strahlte er kaum einmal aus, aber seine Arbeit für das Team war dennoch enorm wertvoll. Dass es letztlich nur zu einem Unentschieden reichte, ist wirklich Schicksal. Der Fußball-Gott ist im Moment eben nicht auf der Seite der Hamburger.

17.39 Uhr

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