Tagesarchiv für den 29. Oktober 2009

Mathijsens Spielweise ist ein Beweis

29. Oktober 2009

Zum Thema Torhüterdiskussion wurde eigentlich genug geschrieben. Ich möchte in diesem Zusammenhang nur eines noch klarstellen, damit keine Missverständnisse aufkommen. Ich habe nicht an Robert Enkes Qualitäten gezweifelt. Mir geht es in diesem Fall nur eben so wie offenbar auch einigen von Euch – mein Bauchgefühl wehrt sich irgendwie gegen die Vorstellung, dass Enke hier der optimale Nachfolger für Frank Rost wäre. Ob es so kommen wird, steht ja noch in den Sternen. Und ich habe im Fußballgeschäft ohnehin längst aufgegeben, nur auf mein Bauchgefühl zu hören und zu vertrauen. Da gilt doch eher das Motto: Nichts ist unmöglich. Gar nichts – und darum habe ich mich auch in Sachen Rafael van der Vaart wie ein Politiker geäußert. Ich möchte mich zu dem „kleinen Engel“ aber erst wieder inhaltlich und mit Bewertungen äußern, wenn es tatsächlich einen Kontakt zwischen seinen Beratern und dem HSV gibt und sich die ernsthafte Chance anbahnt, dass er zurück zum HSV kommt. Inklusive Finanzierung.

Was mich momentan viel mehr beschäftigt, sind die anstehenden Duelle gegen die vermeintlich „Kleinen“. Dass Bruno Labbadia in den letzten Trainingseinheiten viele Standardvarianten hat üben lassen, spricht für seine Einschätzung, dass der HSV ab Sonnabend und dem Duell gegen Mönchengladbach auf wesentlich defensiver ausgerichtete Mannschaften treffen wird als zuletzt. Wobei anzumerken ist, dass Bayer Leverkusen in Hamburg auch nicht gerade stürmisch angetreten ist.

Falls jemand von Euch das Pokalspiel der Bayern in Frankfurt gesehen hat und die Münchener Taktik und Umsetzung genauer betrachtet hat, der kennt das Optimalrezept gegen „Kleine“ (zu denen zählt die Eintracht in ihrer aktuellen Verfassung auf jeden Fall): aggressives Pressing, ein frühes Tor, extreme Passsicherheit und Coolness. Was Louis van Gaals Mannschaft gegen die komplett überforderten Hessen auf dem Rasen gezeigt hat, war aller Ehren wert. Und für den Fall, dass es mit dem frühen Treffer gegen Abwehrbeton nicht klappen sollte, müssen eben auch Standardsituationen herhalten.

Heute Morgen, so hat mir Kollege Pletz übermittelt, haben Jonathan Pitroipa und Dennis Aogo im Training gefehlt. Wieder Verletzte? Kranke? Ausfälle? Bruno Labbadia konnte glücklicherweise sofort Entwarnung geben. Sie hatten abgestimmte wichtige Termine und sind heute Nachmittag wieder dabei – und ich erwarte sie eigentlich auch beide in der Anfangself gegen die Borussia.

Ist Euch eigentlich aufgefallen, an wem sich die spielerische Steigerung des gesamten HSV-Teams besonders erkennen lässt? An Joris Mathijsen. Wahrscheinlich ging es in den vergangenen Monaten, besonders in der letzten Saison, vielen von Euch wie mir: Wenn Mathijsen den Ball bekam und nach zwei bis fünf Sekunden keine unmittelbare Anspielstation sah, zudem noch angegriffen wurde, holte er einen Ball der Marke „hoch und weit bringt Sicherheit“ heraus – meist Bälle in die Tiefe ohne konkreten Adressaten. Mich haben solche vermeidbaren Ballverluste immer geärgert. Wer David Rozehnal in seinen ersten Trainingseinheiten in Hamburg betrachtet hat, sah ähnliche Szenen. Keine sofortige Anspielstation, langer Schlag – Gegner im Ballbesitz.

Und jetzt? Mathijsen spielt nur noch äußerst selten diese Art Verlegenheitsbälle. Das liegt zum einen an Trainer Bruno Labbadia, der diesen Mangel sofort thematisiert hat und die gesamte Mannschaft auffordert, am gezielten Spielaufbau teilzunehmen. Für Mathijsen heißt das: Bekommt er den Ball, sind mindestens vier Spieler gefordert, ihm eine Anspielmöglichkeit zu bieten. Und Mathijsen selbst hat sich in diesem Zusammenhang auch deutlich gesteigert. Er sucht nicht mehr nur den Weg über die linke Seite, er öffnet sich mehr und mehr auch für Spieleröffnungen über die „Sechser“ oder sogar über die offensiven Mittelfeldleute. Lange Bälle setzt der HSV wirklich nur noch in höchster Not oder ganz gezielt ein.

Damit wären wir wieder bei den so genannten „Kleinen“, gegen die lange Bälle nämlich durchaus ein gutes Mittel sein können. Schafft man es, die Abwehrreihen des Gegners möglichst weit vom Strafraum zu locken, kann man mit schnellen Offensivspielern (Elia, Pitroipa) in die Räume stoßen – sofern man Leute im Team hat, die so gezielte Pässe spielen können. Ich denke da beim HSV vor allem an Ze Roberto und David Jarolim, bei größeren Distanzen aber auch an Jerome Boateng, Dennis Aogo oder eben Mathijsen.

Und dann wäre da ja noch Frank Rost. Das Spiel der Torhüter hat sich in den vergangenen Jahren ziemlich verändert. Reichte es früher noch, Bälle zu halten und Ruhe auf die Vorderleute auszustrahlen, sind die Torleute heutzutage die Initialzündungen für das Aufbauspiel. So ist es zu erklären, warum Rost manchmal nach einem abgefangenen Ball wie von einem Bienenschwarm verfolgt in Richtung Strafraumgrenze stürmt und nach einer Kontermöglichkeit per Abwurf oder Abschlag sucht. Denn gerade gegen die defensiv ausgerichteten Klubs bekommt man in solchen Situationen eher mal die Chance, eine Eins-gegen-eins-Szene zu erzwingen, was im normalen Abwehr/Angriff-Spiel selten vorkommt.

Ich bin wirklich schon jetzt gespannt, was sich Mönchengladbach für das Spiel in Hamburg ausdenkt. Der HSV ist jedenfalls motiviert genug. Schließlich kann Bruno Labbadias Team zurück an die Tabellenspitze stoßen – und ganz nebenbei noch zur besten (alleinigen) Heimmannschaft der Bundesliga werden.

14:05 Uhr