Tagesarchiv für den 27. Oktober 2009

Viel Freistoß-Luft nach oben

27. Oktober 2009

Das ist wirklich kurios. Heute wollte ich mich dem Thema Standards annehmen, das ich bei der Zwischenbilanz tatsächlich vergessen habe – und meine Abendblatt-Kollegen haben es ebenso wie einige von Euch in ihren Kommentaren auch schon angesprochen. Auch wenn Mickael Tavares’ Freistoß ins Nirgendwo in der Schlussphase auf Schalke bestimmt kein typischer HSV-Feistoß war, so war er dennoch symptomatisch für viele ruhende Bälle des Teams im bisherigen Saisonverlauf.

Wenn man bedenkt, dass bei den mitunter engen und engsten Partien Standardsituationen Spiele entscheiden können, dann kann der HSV in diesem Bereich mit Sicherheit noch nach- und zulegen.

Falls jetzt jemand auf die Idee kommen sollte, dem HSV vorwurfsvoll zu begegnen, nach dem Motto: Na, Freistöße muss man doch üben, dann sollte das immer im Rahmen bleiben. Es ist ja nicht so, dass Bruno Labbadia seine Profis in den vergangenen Wochen nicht auch mal Standards hätte proben lassen. Ich habe es ja gelegentlich selbst geschildert, dass Dennis Aogo, Tunay Torun und Piotr Trochowski Freistöße aus unterschiedlichen Positionen gefährlich vors Tor bringen mussten. Aber mangels Zeit waren das eben nur Standard-Häppchen und keine neuen Varianten, Überraschungsszenen oder komplette Standard-Einheiten.

Viele Fans, die die Begründung „fehlende Zeit“ hören, springen im Quadrat und schütteln verständnislos den Kopf. Kann ich verstehen. Es hört sich ja nun auch wirklich eigenartig an, wenn man als normaler Arbeitnehmer einen Fußballer von hoher Belastung oder gar Stress sprechen hört. Und dennoch stellt der Zeitfaktor ein Problem dar. Nehmt doch mal die bisherige Saison. Da gab es entweder Englische Wochen oder Länderspielpausen. In beiden Phasen hatte der HSV keinen normalen Trainingsbetrieb. Es geht fast immer nur um aktive Erholung, um Vor- oder Nachbereitung eines Spiels. Bruno Labbadia konnte froh sein, wenn er mit den verbliebenen Spielern während der Länderspielreisen wenigstens mal die Zügel anziehen konnte, Auffrischungen des physischen Vorbereitungsprogramms absolvieren konnte. Wenn man dann noch akute Personalprobleme hat, Ausfälle, Angeschlagene, dann gibt es in der Prioritätenliste für das Trainingsprogramm wichtigere Punkte als Standards. Eckbälle und Freistöße sind dann eher die Kür.

Ich habe beim Lesen einiger Kommentare manchmal das Gefühl, als warteten einige Fans nur darauf, dass es einen leistungstechnischen Einbruch und einen Absturz in der Tabelle gibt. Weil es den in den vergangenen Jahren ja eigentlich immer gegeben hat. Ich weiß, das prägt und bedeutet immer eine gehörige Portion Skepsis. Wenn ich von Abwehrproblemen, offensiven Defiziten oder Schwächen bei den Standardsituationen schreibe, dann ist das – und das muss betont werden – Jammern auf sehr hohem Niveau.

Und dabei ist anzumerken, dass die Spieler selbst ja häufig noch Extraschichten nach den normalen Trainingseinheiten einlegen, um an solchen Details, dem Feinschliff, zu arbeiten. Da diskutieren Joris Mathijsen und Dennis Aogo dann miteinander, wo Bälle von der linken Seiten landen müssen, um maximale Torgefahr auszustrahlen. Da gibt auch Torwart Frank Rost Tipps, der ja selbst am besten weiß, welche Freistöße einem Keeper die meisten Probleme bereiten. Da versucht sich Piotr Trochowski immer wieder an der Justierung seines Schussfußes, und Tunay Torun verbessert das Verhältnis gute Hereingaben/Grottenbälle regelmäßig.

Ich betrachte es sogar als extrem positiv, dass der HSV in Sachen Freistöße und Eckbälle noch alles andere als meisterlich ist. Warum? Weil das bedeutet, dass da noch Luft nach oben ist. Weil das heißt, dass Bruno Labbadia mit seinem Team auch noch Überraschungsmomente setzen kann in den kommenden Wochen und Monaten. Und das ist mir lieber, als wenn ich wüsste, dass sich der HSV schon oberhalb seines eigentlichen Limits aufhält.

Ich muss noch etwas in eigener Sache loswerden. Ich werde in den kommenden zwei Wochen nicht beim Training und auch nicht bei allen Spielen des HSV auftauchen. Keine Sorge, es hat nichts mit meinem Gesundheitszustand zu tun (der sich nur langsam bessert). Ich habe Urlaub. Das heißt aber nicht, dass dieser Blog in der besagten Zeit zur Matz-freien Zone werden soll. Ich habe mit meinem Kollegen Christian Pletz folgendes vereinbart: Er besucht die Trainingseinheiten und schaut sich die Spiele an, berichtet mir dann per Telefon von allem (ich schaue natürlich auch alles im Fernsehen), und ich werde dann weiterhin meine Einschätzungen abgeben. Mit Christian Pletz habe ich in den vergangenen zehn Jahren so viele Spiele und Trainingseinheiten verfolgt, dass ich weiß, dass wir eine sehr ähnliche Fußballphilosophie haben und in Sachen Bewertung absolut auf einer Wellenlänge liegen.

Und da meine Frau auch einverstanden ist, ist mein Laptop ständig bei mir. Ich hoffe, dass ich weiterhin so viele Erfolgserlebnisse kommentieren darf. Und vielleicht fällt ja schon gegen Gladbach das eine oder andere Tor nach einer Standardsituation.

11:50 Uhr