Tagesarchiv für den 26. Oktober 2009

Eine erste Zwischenbilanz

26. Oktober 2009

Zuerst einmal möchte ich Euch allen ein riesengroßes Dankeschön aussprechen. Im Eifer des gestrigen Gefechts und im Schwindelgefühl der 3:3-Achterbahnfahrt habe ich gestern völlig vergessen, mich für die zahlreichen und herzlichen Genesungswünsche zu bedanken. Das ist mir echt unangenehm. Ich war und bin überwältigt (und von meiner ebenfalls begeisterten Frau soll ich auch Grüße ausrichten). Und auch wenn es mit meiner kompletten Genesung wohl noch etwas dauern wird (ich war beim Arzt und muss Antibiotika schlucken), so bin ich doch schon wieder so weit aufm Damm, dass ich mich der aktuellen HSV-Lage widmen kann.

Wenn die Trainer und Spieler und Manager in der Bundesliga nach ein paar Spieltagen zur Tabellenlage befragt werden, reagieren die meisten gleich: „Fragen Sie mich doch nach zehn Spieltagen noch einmal, dann hat die Tabelle wenigstens schon ein bisschen mehr Aussagekraft.“

Jetzt, da zehn Spieltage vorüber sind, ist also der perfekte Zeitpunkt für eine ernsthafte Zwischenbilanz. Die fällt angesichts des zweiten Tabellenplatzes in der Liga und Platz 1 in der Europa League Gruppe C extrem positiv aus – vor allem in Anbetracht der personellen Probleme, die für Trainer Bruno Labbadia in den vergangenen Wochen so etwas gewesen sein dürften wie dicke Holzknüppel, die einem 100-Meter-Sprinter permanent zwischen die Beine geworfen werden. Und der „HSV-Läufer“ ist noch immer nicht gestürzt.

Da sich so eine Zwischenbilanz am besten in Einzelaspekten abarbeiten lässt, würde ich fünf Einzelbereiche betrachten:

1. Aktuelle Lage in den Wettbewerben
2. Situation des Kaders
3. Der neue Trainer
4. Sportliche Entwicklung
5. Problemzonen

1. Platz zwei in der Bundesliga ist mehr als beachtlich. Der HSV ist neben Tabellenführer Leverkusen das einzige Team ohne Niederlage und mit 13 Punkten (von möglichen 15) neben Mainz (ebenfalls 13) der heimstärkste Verein. Mit 23 erzielten Toren hat Bruno Labbadias Mannschaft die meisten Treffer erzielt, elf Gegentreffer sind allerdings auch die meisten aller Top-Mannschaften (Vergleich: Leverkusen hat sechs, Werder sieben, die Bayern, Schalke und Hoffenheim neun).

Im DFB-Pokal hat der HSV in dieser Saison enttäuscht. Dem Weiterkommen im Elfmeterschießen bei Fortuna Düsseldorf folgte das Aus beim Drittligaklub VfL Osnabrück im Elfmeterschießen.

In der Europa League steht der HSV nach drei Spielen mit sechs Punkten auf Rang eins und hat von den verbliebenen drei Spielen noch zwei Heimauftritte. Die Mannschaft liegt im Soll und hat trotz eines Aussetzers bei Rapid Wien (0:3) die Fassung bewahrt. In der aktuellen Form steuert die Mannschaft auf den Gruppensieg zu.

2. Die personellen Hiobsbotschaften rissen in den vergangenen Wochen nicht ab. Erst verletzte sich Alex Silva schwer (Kreuzbandriss), dann legte Collin Benjamin nach, es folgten Paolo Guerrero und Mladen Petric. Marcell Jansen plagten immer wieder neue Probleme, von denen er sich jetzt erst erholt hat. Zwischendurch kamen immer wieder schmerzliche Einzelausfälle hinzu: Guy Demel, Jerome Boateng. Trotz der Engpässe jammerten die Profis nie, ebenso wenig ihr Trainer, sondern gingen selbstbewusst und angriffslustig in die Spiele. Auch Nachwuchskräfte wie Tunay Torun und Tolgay Arslan erhielten Bewährungschancen und zeigten im Training und auch in den Spielen Fortschritte.

3. Bruno Labbadia benötigte keine große Eingewöhnungszeit. Er stand von der ersten Sekunde beim HSV unter Strom, unter Vollspannung. Er arbeitet akribisch, prägt die Trainingseinheiten mit taktischem Feinschliff und verpasst der Mannschaft so seine Handschrift. Er führt viele Einzelgespräche und hat stets ein Gehör für die Sorgen und Ansichten seiner Spieler. Er lässt den Offensivkräften kreative Freiräume und fördert stets offensives Denken. Ihm ist ein 4:3 offenbar lieber als ein 1:0. Labbadia „lebt“ sein HSV-Engagement, was ihm nach Rückschlägen nicht zugute kommt, denn dann leidet er eben auch wie ein Hund. Labbadia wirkt so, als habe er bei seinem gescheiterten Engagement in Leverkusen viel gelernt. Er achtet sorgsam auf atmosphärische Störungen, hält den Spaß- und Wettkampfcharakter in den meist eingeschränkten Übungseinheiten hoch und lässt sich auch durch personelle Rückschläge nicht von seiner Linie abbringen. Labbadia ist ein Gewinn für den HSV und identifiziert sich total mit seiner Aufgabe.

4. Im Vergleich zur Vorsaison macht der HSV erkennbare taktische Fortschritte, was vor allem auf Bruno Labbadias Eingriffe und trainingstechnische Maßnahmen zurückzuführen ist. Raumaufteilung und Ballbehauptung in Bedrängnis sind bislang in den meisten Fällen auffällig gut. Die Mannschaft funktioniert als Einheit und ist sich der Notwendigkeit ihrer gemeinschaftlichen Arbeit auch in der Rückwärtsbewegung bewusst. Sie wirkt gelegentlich etwas anfällig bei Kopfballduellen (das war vor allem auf Schalke der Fall). Die individuellen Vorzüge einzelner Spieler (Elia, Ze Roberto, Jarolim) kommen im 4-4-2-System bestens zur Geltung. Die Mannschaft wirkt nach den Rückschlägen in der Endphase der vergangenen Saison reifer. Alte Führungskräfte wie Frank Rost, Joris Mathijsen und David Jarolim haben mit Ze Roberto Verstärkung erhalten. Neulinge wie Marcus Berg und Eljero Elia haben die Vielseitigkeit erhöht, im Angriff wächst Berg nach den Ausfällen von Guerrero und Petric immer mehr in seine neue Stammspielerrolle hinein. Potenzielle deutsche WM-Teilnehmer wie Marcell Jansen und Piotr Trochowski liegen insgesamt noch hinter den Erwartungen, von ihnen erwartet auch Labbadia noch erhebliche Leistungsschübe.

5. Der Konkurrenzkampf hält sich derzeit arg in Grenzen, weil der Kader aufgrund der Verletzungsprobleme arg geschrumpft ist. Im Angriff hängt derzeit viel von der aktuell guten Form Bergs ab, zumal es nach den Verletzungen von Petric und Guerrero an echten Alternativen fehlt. Auch in der Abwehrreihe mangelt es mehr und mehr an Ersatzbesetzungen. Für David Rozehnal dürfte Boateng in die Anfangself gegen Gladbach rutschen, aber Alternativen für die Innenverteidigung und für die Position des Rechtsverteidigers Demel (hat Rückenprobleme) gibt es nicht. Einige Spieler aus der zweiten Reihe (Mickael Tavares, Robert Tesche, Tomas Rincon) bedeuten derzeit noch einen erheblichen Qualitätsverlust. Abseits des Fußballplatzes dürfte die Besetzung des Sportchefpostens die heikelste Personalfrage sein. Seit Wochen ist es diesbezüglich ruhig geworden. Ich werde mich in den nächsten Wochen mal umhören, ob schon neue Namen kursieren.

Das war es vorerst. Habe ich etwas vergessen?

15:50 Uhr