Tagesarchiv für den 25. Oktober 2009

Dieses Spektakel kostete Nerven

25. Oktober 2009

Ich liege immer noch flach. Und ich weiß nicht, ob dieses rasante, mitreißende, abwechslungsreiche und nervenaufreibende 3:3 wirklich zu meiner Gesundung beitragen kann. In der Schlussphase hatte ich gelegentlich das Gefühl, dass mein Fieber immer wieder in die Höhe schnellen würde – aber das war wohl nur die Aufregung. Unterm Strich bewerte ich dieses Unentschieden als Fußball-Spektakel, das beim HSV angesichts des Spielverlaufs trotz einer 2:0- und 3:2-Führung aber keine negativen Schlussfolgerungen bringen sollte. Man darf ja nicht außer Acht lassen, dass dieser personell angeschlagene HSV die 90 Minuten von Celtic Glasgow in den Knochen hatte und sich trotz mehrerer Rückschläge immer wieder ins Spiel zurückgekämpft hat.

Die erste Hälfte hatte lange etwas von einem offenen Schlagabtausch. Die Schalker wollten die Hamburger Defensive permanent unter Druck setzen, zu Fehlern zwingen und das Geschehen hauptsächlich in die HSV-Hälfte verlagern, aber da hatten die „Königsblauen“ die Rechnung offenbar ohne den Gast gemacht. Ich war begeistert, wie schnell dieses HSV-Team von Abwehr auf Angriff umschaltete, wie sich Eljero Elia wieder erstarkt zeigte, wie sich auch der so oft gescholtene Piotr Trochowski mit ständigen Positionswechseln einbrachte.

Eigentlich hätte Labbadias Elf schon nach fünf Minuten in Führung gehen können, nein, müssen. Elias Flanke auf Marcus Berg war an Präzision nicht zu überbieten – der Kopfball des Schweden aus fünf Metern rechts vorbei war allerdings eher kläglich.

Von dem personellen Jammertal, das Trainer Labbadia vor dem Anpfiff noch angedeutet hatte (Jerome Boateng fehlte wegen seiner Knieprobleme, er hatte das morgendliche Training in Gelsenkirchen ebenso wie das Abschlusstraining abgebrochen; Guy Demel plagten akute Rückenprobleme), war auf dem Rasen in der Arena glücklicherweise nichts zu sehen. Die Raumaufteilung stimmte, die fußballerische Harmonie und vor allem die Bereitschaft eines jeden Einzelnen, Fehler des Nebenmannes auszubügeln, war erkennbar. Und in Sachen Ballsicherheit, auch in Bedrängnis, setzte die Mannschaft ein echtes Ausrufezeichen.

Dass Schalke alles andere als chancenlos war, dürfte kaum überraschen. Als Altintop Kuranyi bediente und dessen Kullerball in Frank Rosts Armen landete (7.), habe wohl nicht nur ich vorm Fernseher durchgepustet. Zu Frank Rost noch eine kleine Randbemerkung: Viele von Euch hatten „Fäustel“ ja in den vergangenen Spielen auch lobend erwähnt. Da möchte ich mich anschließen. Rost präsentiert sich als echte Führungsfigur. Er strahlte auch heute Ruhe aus, dirigierte seine Vorderleute und nahm so stabilisierende Einfluss auf seine Vorderleute. Und dass er nebenbei glänzend per Fuß gegen Farfan parierte (14.), war auch nicht zu verachten.

Dann folgte der große Auftritt Elias. Sein Solosprint links in den Strafraum und der folgende Pass auf den heran laufenden Berg war einfach weltklasse, der Abschluss ins Netz nur noch reine Formsache (26.). Dieses Tor dürfte auch Trainer Labbadia verzückt haben, denn solche Bewegungen der Offensivkräfte bedenkt er auch in Trainingsspielen immer wieder mit Sonderlob. Bei diesem Treffer muss ich aber auch den aus meiner Sicht sehr guten Schiedsrichter Manuel Gräfe erwähnen. Weil er die Schwalbe Rafinhas im Mittelfeld richtig erkannte und nicht pfiff, konnte Elia überhaupt erst im Strafraum brillieren.

Eigentlich hätte ich nun wütende, trotzige Angriffe der Schalker erwartet. Aber – und das spricht eben auch für den HSV im Herbst 2009 – stattdessen spielten die „Rothosen“ weiter konsequent nach vorne. Mit einem kleinen Schönheitsfehler. Joris Mathijsens Ballverlust zwei Minuten nach der HSV-Führung hätte zum Ausgleich führen müssen, wenn Kuranyi seine zwei freien Kollegen Farfan und Altintop bedient hätte. Tat er aber nicht, sondern versuchte es selbst – Rost bedankte sich.

Es folgten Szenen, die viele von Euch ja schon nach der Partie in Glasgow heraufbeschworen hatten. Trochowski setzte Akzente. Seinen ersten gefährlichen Torschuss nach Elia-Zuspiel entschärfte Schalkes Keeper Neuer noch (44.), aber kurz darauf zielte „Troche“ besser und setzte einen Freistoß aus mehr als 30 Metern ins Netz (45.). Wer Trochowskis Mienenspiel vor dem Freistoß genau beobachtet hat, der könnte wie ich zum Verdacht gelangen, dass der Torschuss pure Absicht war. Und ob er haltbar war oder nicht (weil Flatterball), war egal – denn der Ball war drin.

Nun folgte eigentlich die K.-o-Phase, in der der HSV den Sack hätte zumachen können, nein, schon wieder müssen. Jonathan Pitroipas Solo schloss der Mann aus Burkina Faso mit einem versuchten Querpass auf Berg ab anstatt selbst zu schießen (47.), da sträubten sich meine Nackenhaare. Und Bergs folgender Abschluss, den die Schalker nach einer Hereingabe von Guy Demel blocken konnten, war auch nicht ohne.

Der Rest des Spiels hatte für mich etwas von einer Achterbahnfahrt. Kuranyis Kopfballtreffer zum Anschlusstor nach einer Rafinha-Flanke (50.) war noch erträglich. Rafinha hatte zu viel Zeit und Platz zum Flanken, Demels Gegenwehr bei Kuranyis Kopfball war auch nicht die beste. Aber eigentlich war ja noch nichts passiert.

Der nächste Tiefschlag ließ aber nicht lange auf sich warten. Ze Robertos Rückpass wurde zum Traumpass für Kuranyi, weil David Rozehnal ein Opfer seiner eigenen Geschwindigkeitsprobleme wurde und den Schalker nur noch per Foul vorm Strafraum stoppen konnte (60.). Freistoß und Rot waren berechtigt. Aber hätte diese Strafe nicht gereicht? Den Freistoß von Bordon lenkte Rost noch mit einem sensationellen Reflex an die Latte, aber beim Abstauber-Kopfballtor von Schmitz waren alle machtlos (62.). Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich persönlich von den Zählern verabschiedet. Schalke hatte Rückenwind, einen Mann mehr und Magath als Trainer – da war der Siegtreffer für die Königsblauen doch nur noch eine Frage der Zeit, oder? Zumal mit David Jarolim auch noch einer der Köpfe des HSV ausgewechselt werden musste – akute Gelb-Rot-Gefahr (71.).

Doch dieser HSV ist mehr als eine Überraschung wert. Und das ist ein Qualitätsmerkmal. Ze Robertos Dribbling mit dem Traumpass auf Berg, der zum 3:2 für Hamburg vollendete, hat mich für einen Moment lang sprachlos gemacht (80.).

Schade nur, dass dieser Mut, dieser Wille, dieser grandiose Kampf des HSV letztlich keine Komplettbelohnung brachte. Weil Elia einen letzten HSV-Angriff etwas zu leichtfertig mit einem Ballverlust beendete, der eingewechselte Mickael Tavares im Mittelfeld naiv ins Leere lief, konnte Schalke eben doch diesen einen Konter setzen, der mit einer Flanke Westermanns auf Kuranyi endete – und fertig war das 3:3 (90.). In der Nachspielzeit und bei dem Asamoah-Kopfball in Rosts Arme habe ich fast nur noch gejapst. Und jetzt bin ich schweißgebadet und am Ende. Lasst uns das Remis als Werbung für den Fußball bewerten, als Duell auf Augenhöhe und als Spektakel mit einem Ausgang, mit dem der HSV in Unterzahl leben kann. Ich kann es jedenfalls. Naja, uns bleibt ja auch keine andere Wahl.

19:55 Uhr

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