Tagesarchiv für den 24. Oktober 2009

Angstgegner mit bester Laune

24. Oktober 2009

Ich traf gestern einen ganz, ganz alt verdienten HSVer und sprach mit ihm über die Lage des HSV. Er hat Bruno Labbadia in höchsten Tönen gelobt, aber nicht nur wegen dessen taktischer Maßnahmen in mehreren Spielen, sondern vor allem wegen seines Mutes und seiner Leidenschaft. Ich kann mich dem nur anschließen. Labbadia strotzt vor Leidenschaft und Tatendrang. Er will in Hamburg etwas bewegen und ist entgegen vieler seiner Vorgänger auch bereit, sich als Trainer, als Mensch und als Alt- und Neu-HSVer dafür voll einzubringen. Ich behaupte sogar: Labbadia verzichtet zum Wohle des HSV häufiger bewusst auf ein Stück Lebensqualität, weil er sich nie vorwerfen möchte, er hätte nicht wirklich zu 100 Prozent alles versucht, um den HSV auf Erfolgspfaden zu halten. Er betrachtet diesen Verein als das, was er auch meiner Meinung nach ist: als Traditionsklub und als Klub mit nach wie vor großem Potenzial (nach oben). Das gilt natürlich primär für den sportlichen Bereich. Den Weg unter die (gefühlten) Top 20 hat der HSV ja schon geschafft – und nun wird jeder kleine Treppenschritt höher in dieser Rangliste der Arsenals, Chelseas, Milans, Turins und Lyons umso schwieriger. Und reizvoller.

Was haltet Ihr eigentlich von Statistiken? Ich finde sie manchmal ganz aufschlussreich und „appetitanregend“. Nehmen wir doch das morgige Spiel in Gelsenkirchen. Dieser altgediente HSVer (den ich auf eigenen Wunsch namentlich nicht nenne) gestern hat über frühere Erfolge und Probleme geredet. Und plötzlich, als es um das anstehende Duell auf Schalke ging, strahlte er, als hätte er vor geistigem Auge gerade noch einmal Marcus Bergs Tor in Glasgow abgespielt.

Seine Begründung für die spontane Freude war jedoch eine andere: „Auf Schalke sehen wir doch immer ganz gut aus, für Königsblau sind wir so etwas wie ein Angstgegner.“ Bei diesem Stichwort wurde ich hellhörig. Angstgegner? Woran wird so ein Titel eigentlich festgemacht? Dafür gibt es wohl keine allgemein gültige Formel. Also bemühte ich mal die Bundesliga-Statistikdatenbank. Auf Schalke gab es für den HSV 22 Pleiten, sieben Remis und zwölf Siege. Das macht nicht unbedingt Mut für morgen; vor allem, wenn man weiß, dass Felix Magath jetzt Trainer der Königsblauen ist, und der ist gegen seinen Lieblingsverein immer besonders motiviert und lässt sich taktische Schachzüge einfallen.

Aber, das erklärte mir ein Praktikant aus der Redaktion, eine Statistik ist immer nur so interessant wie die Interpretation, mit der man ihr begegnet. Damit kann ich leben. Denn da offenbart die Bundesliga-Datenbank Erfreuliches. Von den letzten drei Spielen auf Schalke gewann der HSV zwei und spielte einmal unentschieden. Das klingt doch nach Angstgegner und ruft bei 04 hoffentlich negative Erinnerungen und Sorgen hervor.

Beim Stichwort Ängste fällt mir die Geschichte meines Kollegen Christian Pletz ein, der im vergangenen Jahr bei einem Junggesellenabschied auf Schalke dabei war. Sie waren mit acht Leuten in den Ruhrpott gefahren und hatten wegen einer kurzfristigen Absage ein Ticket zu viel an Bord. Was also tun? Als sie am Spieltag (Sonntag) morgens in Gelsenkirchens megagraue und trostlose Innenstadt fuhren, begegnete ihnen in Hauptbahnhofnähe ein einziger Mensch. Der sah etwas unheimlich aus, so um die 40 Jahre alt, und sprach die Gruppe an: „Ihr kommt doch bestimmt aus Hamburg!?“ Antwort: „Ja.“ Der Typ: „Habt ihr ein Ticket für nachher?“ Antwort: „Ja, wir brauchen keins!“ Er: „Nein, habt ihr eins zu verkaufen?“ Die Gruppe meines Kollegen warf sich skeptische Blicke zu, sagte dann zögernd: „Ja.“ Sie verkauften dem Mann, der ihnen nicht ganz geheuer war, die Karte und schlossen Wetten ab, ob sie ihn beim Spiel neben sich sitzen sehen würden.

In der Arena AufSchalke blieb der Platz des Mannes bis kurz vor dem Anpfiff leer, dann tauchte der Kartenkäufer tatsächlich auf – mit einem uralten HSV-Schal um den Hals. Bis zum Führungstor des HSV blieb der Typ stumm. Mein Kollege und seine Freunde erwarteten, dass es noch Ärger mit dem Mann geben würde. Irgendwie wirkte er eigenartig. Doch als dieses 1:0 für den HSV fiel, mutierte der „stumme Brocken“ im Eiltempo. Er sang voller Inbrunst HSV-Lieder, die er alle kannte. Er tanzte auf seinem Platz, er knuddelte seine Nachbarn und hatte Tränen in den Augen, als der Schiedsrichter den 2:1-Sieg mit dem Abpfiff besiegelte. Anschließend nahm er die Männergruppe in den Arm und bedankte sich „für ein unbeschreibliches Erlebnis“, an das er „schon gar nicht mehr geglaubt“ hatte.

Wie man sich doch in Menschen täuschen kann. Ob das auch für Fußballprofis gilt, wird sich morgen zeigen. Nimmt man die Erkenntnisse des heutigen Abschlusstrainings als Grundlage, dürfte es mindestens eine Umstellung geben. Ze Roberto fehlte. Bruno Labbadia hat aber schon Entwarnung gegeben. Der Brasilianer hat in Glasgow einen Tritt bekommen, darum durfte er heute eine Regenerationseinheit im Profitrakt des Stadions machen. Reine Vorsichtsmaßnahme. Glücklicherweise.

Ein Fragezeichen steht dagegen hinter Jerome Boateng. Beim Training mischte der Neu-Nationalspieler mit, als hätte er nie Knieprobleme gehabt. Boateng glänzte mit Volleyabnahmen, mit beherzten Zweikämpfen und geschickten Dribblings. Am Ende, als Trainer Labbadia das Abschlussspiel (ohne Hinweise auf die Startformation) gerade abpfeifen wollte, humpelte Boateng aber doch vom Rasen und kühlte sein lädiertes Knie. Jetzt wollen die Verantwortlichen und der Verteidiger abwarten, wie das Gelenk über Nacht reagiert. Vielleicht hilft es ihm ja, dass er dank der Zeitumstellung eine Stunde mehr bis zum Anpfiff hat.

Ich wünsche Bruno Labbadia, dass er Boateng bringen kann. Nicht weil ich David Rozehnal (Anmerkung: Danke, Dylan1941, hatte vorher Dennis geschrieben) den Job in der Innenverteidigung nicht zutraue, denn das tue ich, sondern weil ich glaube, dass Boateng gerade gegen Schalke neben Mathijsen besser passen würde. Boateng könnte dank seiner Geschwindigkeit auch die häufigen Eil-Vorstöße von Farfan ins Sturmzentrum leichter unterbinden, das dürfte mehr Stabilität bringen. Mein Gefühl sagt mir, dass Boateng morgen Mittag grünes Licht gibt.

Zum Abschluss noch mal ein Beweis dafür, welch Fingerspitzengefühl Bruno Labbadia in seiner Arbeit walten lässt. Zum Start des Trainings heute setzte der Trainer auf den Aspekt Atmosphäre. Zwei Mannschaften, die in verschiedenen Wettkampfdisziplinen (z.B. Kopfballtore nach einem zugeworfenen Ball aus etwa acht Metern, der Kopfballspieler muss dann sofort umschalten und ist Torwart) Punkte sammelten, schaukelten sich in Wettkampfmanier gegenseitig hoch. Die Teams feuerten sich gegenseitig an, sie johlten, sie fluchten, sie kämpften und ließen den Funken auf die mehr als 300 Zuschauer am Rand überspringen. Da gab es sogar Szenenapplaus, das machte Spaß. Labbadia schaute genüsslich zu. Er erkannte nicht nur ein harmonisches Miteinander, sondern auch einen unbedingten Siegeswillen, der sich in einigen hitzigen Diskussionen mit den Schiedsrichtern (Co-Trainer Sözer, Labbadia) zeigte. Rädelsführer bei der nicht immer unberechtigten Schiri-Schelte waren Joris Mathijsen, Frank Rost und David Jarolim. Wen wundert’s!?

16:25 Uhr