Tagesarchiv für den 23. Oktober 2009

Pitroipas Defizite sind erträglich

23. Oktober 2009

Zunächst einmal möchte ich die Ungereimtheiten in den Einzelkritiken aufklären, die ja viele von Euch thematisiert haben. Warum es derartige Differenzen zwischen der Bewertung meines geschätzten Kollegen Marcus Scholz und meiner eigenen gibt, lässt sich einfach erläutern: Wir haben Szenen anders bewertet und sind bei einigen Situationen anderer Meinung. Er war im Celtic Park in Glasgow, ich habe das Spiel (wie die meisten von Euch) vor dem Fernseher verfolgt. Bevor jetzt der Aufschrei der Entrüstung entsteht: Ich bin bei jedem Heimspiel im Stadion, bestimmt auch bei dem einen oder anderen Auswärtsduell, aber nicht bei jedem. Außerdem solltet Ihr meine persönlichen Bewertungen nicht mit denen des Abendblattes abgleichen. Ich schreibe hier, was ich sehe und meine zu erkennen. Klar, ich gehöre zur Abendblatt-Redaktion und vertrete dieses Haus, aber dieser Blog ist trotzdem ein persönlicher. Und es liegt auch in Eurem Sinne, wenn ich meine Bewertungen nicht nach jedem Spiel erst einmal mit den Kollegen abstimme (was zeitlich gar nicht möglich wäre, weil Marcus Scholz gestern im Megastress mit dem Abpfiff fertig sein musste), denn sonst würde ja auch dieser Blog nur ein Onlinespiegelbild der Zeitungsartikel sein. So, das dazu.

Was die wieder einmal geballte Kritik an Piotr Trochowski betrifft, die ich in den meisten Kommentaren von Euch gelesen habe, muss ich mich für die knapp 15 Minuten nach seiner Einwechslung diesmal anschließen. Das war nichts, was „Troche“ in Glasgow zustande brachte. Als er bei McCourts Chance in der 80. Minute rechts hinten viel zu ungestüm auf den schottischen Spieler zulief, habe ich mir im Geiste gewünscht, dass bloß nicht Ex-Trainer Klaus Toppmöller zugucken möge. „Toppi“ ist damals immer verrückt geworden, wenn sich ein Spieler derartig „abhaken“ ließ wie Trochowski in diesem Fall. Immer und immer wieder hat er seinen Spielern, offensiven und defensiven, gesagt: „Geht mit Tempo drauf, übt Druck auf den Ballführenden aus, aber achtet darauf, dass Ihr Eure Geschwindigkeit reduziert und geschickt attackiert, wenn Euer Gegner Euch mit einem Haken ins Leere laufen lassen will. Das ist das Schlimmste und bringt immer riesige Chancen!“ Trochowskis überhastetes Verhalten war der beste Beweis.

Im Grunde genommen hat Trochowski gestern sogar Glück gehabt. Warum? Weil er Gelb-Rot hätte sehen müssen. Nach seiner Gelben Karte leistete er sich ebenfalls etwas unüberlegt in der Nachspielzeit ein taktisches Foul, ein Trikotzerren, dass der Unparteiische auch pfiff. Die Regel ist da eindeutig und hätte eine weitere Gelbe Karte nach sich gezogen, aber die Höchststrafe für den mit Sicherheit frustrierten, weil zum Reservisten degradierten Trochowski blieb aus. Trotz dieses Auftritts möchte ich mich an den Pauschalverurteilungen für den Nationalspieler nicht beteiligen. Er macht momentan eine schwierige Phase durch. Beim HSV schwankt er zwischen Stammelf und Bank, beim DFB ist er auch Nummer elf bis 13. Aus seinem aktuellen Formloch kann er sich nur selbst befreien, und ich bin nach wie vor überzeugt, dass ihm das auch gelingen wird. Und dann wird der HSV wieder viel Spaß an „Troche“ haben – und Ihr hoffentlich auch.

Der andere viel diskutierte Mann ist unser „Eichhörnchen“ Jonathan Pitroipa. Husch, schon ist er da. Wusch – schon ist er weg. Manchmal ist es wirklich witzig, wenn man die Nummer 21 über den Platz wieseln sieht. „Piet“ würde auch als Comicheld taugen.

Mal im Ernst: Ich glaube, dass einige von Euch und auch von den HSV-Experten meiner Zunft zu hart mit ihm ins Gericht gehen. Das gestrige Spiel war aus meiner Sicht ein Beweis dafür, dass Pitroipa für den HSV einen extrem hohen Stellenwert einnehmen kann. Er ist emsig, er ist kaum ausrechenbar – manchmal glaube ich, seine Beine wissen vor einem Laufweg selbst nicht, in welche Richtung sie sich bewegen -, und er ist aufgrund seiner hohen Geschwindigkeit in der Lage, Chancen wie die von Elia (51., Lattenschuss) herauszuarbeiten. Bruno Labbadia weiß, dass Spieler dieser Güteklassse Raritäten sind. Und auch wenn es Euch, ich gebe zu: mir auch, gelegentlich etwas schwer fällt, bunt gestreute Schüsse wie aus dem Schrotgewehr zu ertragen oder Stolperattacken oder Zweikämpfe mit der Intensität eines Luftzuges zu ertragen, so gehören sie doch leider noch zu Pitroipas Auftritten. Solange die Mischung aber wie in Glasgow ist, wo meines Erachtens positive Züge überwogen, wo deutlich bessere Ansätze als zuletzt erkennbar waren, nehme ich die negativen Randerscheinungen gerne in Kauf. Und das gilt für Bruno Labbadia offenbar auch. An der stetigen Verbesserung seines Mannes aus Burkina Faso ist der Trainer ohnehin dran – im Training.

Bevor dieser Beitrag zu lang wird, möchte ich noch ein paar grundsätzliche Worte zum HSV-Sieg in Glasgow finden. Ich habe hier und da gehört: „Ach, der Sieg war aber auch eine Pflicht – die Schotten sind so schwach!“ Richtig ist, dass dieses Celtic-Team wahrhaftig keine europäische Spitzenmannschaft ist. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass die Erwartungshaltung an diesen HSV auch schon wieder ins Bodenlose gewachsen ist. Ist denn gar kein Platz mehr für ein Lob im angemessenen Rahmen? In Glasgow zu gewinnen, ist nicht einfach, schon gar nicht mit einer ersatzgeschwächten Mannschaft. Und genauso muss man aus Sicht des HSV auch in die nächsten Wochen schauen. Wie wertvoll beispielsweise der Heimsieg gegen Tel Aviv war, lässt sich auch jetzt erst nach dem 5:1-Erfolg Hapoels gegen Rapid Wien einschätzen. In diesem Sinne hoffe ich, dass die Konzentration jetzt voll und ganz dem Duell auf Schalke gewidmet wird. Mit einem Auftritt wie in Glasgow ist in Gelsenkirchen auch ein Punkt drin – mindestens.

14:00 Uhr