Tagesarchiv für den 21. Oktober 2009

Kaufhaus-Bummel in Turin

21. Oktober 2009

Die Stunden bis zum Anpfiff in Glasgow sollen nun mit einigen Europapokal-Erinnerungen überbrückt werden. Sicher habt auch Ihr die eine oder andere Anekdote zu berichten, die Ihr im Ausland erlebt habt. Mit mir blickt auch erneut der frühere HSV-Profi Carsten Kober zurück, der hier ja schon über sein größtes Spiel, das gegen den FC Porto und Rabah Madjer, berichtet hat. Das Spiel lief im November 1989, in der folgenden Runde traf der HSV auf Juventus Turin. In Hamburg gab es zunächst eine 0:2-Niederlage, in Turin folgte ein 2:1-Erfolg des HSV – also leider ausgeschieden.

Kober erinnert sich: „Im Stadion war beim Spiel die Hölle los, es war so laut, dass wir uns untereinander kaum verstanden. Wir traten mit dem legendären Sturm Andreas Merkle und Jan Furtok an, hatten dann kurz vor Spielschluss die große Chance zum 3:1, aber der Schuss von Marcus Marin stieg leider in den Turiner Abendhimmel.“ Den Ball suchten die Italiener wahrscheinlich noch tagelang. Übrigens, Kober weiß noch von einem Novum zu berichten: “Obwohl wir ausgeschieden waren, erhielten wir vom HSV die vereinbarte Siegprämie. Weil wir so gut gespielt hatten. Das war nobel und einzigartig vom Klub, das gab es auch nie wieder.”

Doch nicht nur Carsten Kober hatte ein ganz besonderes Erlebnis, auch ich hatte einen ganz besonderen Tag in Turin, den werde ich  niemals vergessen: Am Tag vor dem Spiel bummelte ich durch die Stadt, betrat auch ein großes Kaufhaus (wie hier Karstadt Mönckenbergstraße). Als ich in die Elektro-Abteilung im vierten oder fünften Stock kam, traute ich meinen Augen nicht: Das Schiedsrichter-Gespann um den Franzosen Vautrot stand da vor vielen, vielen Fernsehern. Bei den Unparteiischen ein Offizieller von Juventus Turin. Sicher wollten sich die Herren nur über die Preise in Italien informieren, das kann ja auch nicht schaden. Ich erkannte plötzlich den legendären Unparteiischen Robert Wurtz. Das war der kleine und schnelle Mann, der immer auf Ballhöhe war – eine absolute Ausnahme-Erscheinung unter den Schwarzkitteln. Der kam mir damals stets wie das tapfere Schneiderlein vor. Ich wusste, dass Wurtz der deutschen Sprache mächtig war, deswegen sprach ich ihn ohne zu zögern an: „Was machen Sie denn, hier, Herr Wurtz? Sie haben doch Ihre Karriere schon seit einiger Zeit beendet, oder doch nicht?“

Ich bekam keine Antwort. Ihr glaubt es nicht, aber es ist Tatsache, und ich habe diese Szene schon unzählige Male (meinen Schreiberling-Kollegen) vorgespielt, wirklich vorgespielt: Der kleine Herr Wurtz blickte mich total verwirrt an. Er blickte mir nur eine Sekunde in die Augen, genau so, als käme ich gerade vom Mond – und dann gab er Gas. Aber wie! Blitzschnell lief er zum Ausgang der Elektro-Abteilung, wie ein Wiesel. Und weg war er. Man sah wirklich nur noch die Hacken von ihm – und ab! Zurück blieb der Rest des Gespanns um Vautrot – und der ratlose Schiedsrichter-Betreuer von Juventus. Ich versuchte den Herrn Wurtz noch zu erreichen, „ging“ ihm nach, aber er war spurlos verschwunden. Wahrscheinlich wollte er seiner Frau die Preise der italienischen Fernseher durchrufen.

Erst am Tag darauf sah ich Wurtz dann wieder. Diesmal im Stadion: als Linienrichter bei Vautrot. Wie konnte das angehen? Wurtz war eigentlich schon lange nicht mehr international tätig, und doch tauchte er plötzlich wieder als Linienrichter auf. Das war schon kurios.

Noch kurioser aber der Tag des Artikels über diese Kaufhaus-Erlebnisse. Die Verantwortlichen von Juventus Turin, die ja jeden Tag ganz aufmerksam alle Hamburger Zeitungen lesen (natürlich!!??), warteten wissbegierig darauf, etwas darüber zu lesen. Ich enttäuschte sie nicht, und der italienische Klub protestierte schriftlich. Es wurde mit Klage gedroht, wenn ich etwas in diese Geschichte hinein interpretieren würde, was da nicht hinein gehörte. Aber das hatte ich nicht getan, natürlich nicht. Das hätte doch die deutsch-italienische Freundschaft dann doch etwas schwerer belastet. Und weil ich nur die Wahrheit schrieb, verlief dieser Zwischenfall auch ohne Gericht, ohne Anwälte. Es wuchs dann irgendwann Gras über diese mysteriöse Sache – an die ich aber immer wieder denken muss, wenn es gen Italien geht (und ging).

Carsten Kober hat etwas allerdings etwas andere Erinnerungen an Vautrot: „Wir hätten das 3:1 erzielen können, das zum Weiterkommen gereicht hätte, aber der Schiedsrichter übersah ein klares Handspiel eines Italieners im Strafraum. Das war ganz bitter, aber in Porto waren wir ja nur deswegen weitergekommen, weil der Unparteiische ein Handspiel von John Jensen übersehen hatte.“

Es gleicht sich eben immer wieder aus, oder?
Eher nicht. Ich habe da jedenfalls meine leichten Zweifel.

1992 musste der HSV bei ZSKA Sofia antreten. Ich war in Begleitung unseres HA-Chefs vom Dienst, der als Fan mit nach Bulgarien gereist war. Wir wussten, dass wir kein Geld auf der Straße umtauschen durften, es war verboten, aber was machten wir? Genau. Erst kam ein Mann an einem großen Kaufhaus auf uns zu und ermahnte uns: „Kein Geld privat tauschen.“ Natürlich nicht. Zwei, drei Minuten kam ein weiterer Mann zu uns und bot uns einen sensationellen Kurs für die D-Mark an. Da musste Mann doch zugreifen. Und wir griffen. Voll daneben. Gerade eben hatte der Kerl uns noch den Stapel Geld vorgezählt, als ein anderer Mann vorbei kam – natürlich rein zufällig – und sagte: „Polizei, hey, da kommt Polizei.“ Wir blickten uns um. Und genau das war der Zeitpunkt, in dem das Geldpaket getauscht wurde. Und wir „Blinden“ haben nichts gemerkt. Alles musste blitzschnell gehen. Der Gauner erhielt die D-Mark, wir „Blinden„ nur ein Bündel Papier. Und dann trat Sekunden danach noch ein vierter Mann in Erscheinung. Der warnte uns quasi im Vorübergehen: „Geht nicht zur Polizei, denn sonst seid auch ihr dran. Ihr kommt ins Gefängnis“ Natürlich. Wir gingen nicht. 100 Mark waren weg. Und wir waren fassungslos, wie dumm wir gewesen sind. Fassungslos. Bis heute hält dieser Zustand eigentlich noch an.

Und dazu ein weiteres Erlebnis in Sofia. Da sprach mich auf der Stadion-Toilette ein Mann an. Ob ich Uwe Seeler kennen würde? Natürlich. Dann sollte ich ihn grüßen, denn er war einst, bei einem Länderspiel Deutschland gegen Bulgarien, sein Gegenspieler. Ich erkannte diesen Mann sogar wieder, er war es tatsächlich, der Gegenspieler von Seeler. Und dieser Bulgare war dann auch kein Krimineller. Er war nur arm. Ein ganz armer und etwas heruntergekommener Mann. Er bot mir eine Ikone an. Zu einem Preis, den er mir zuflüsterte. Dabei blickte er sich immer ängstlich um, wir durften nicht erwischt werden. Der ehemalige Nationalspieler brauchte Geld, aber er wusste genau, dass ich diese Ikone eigentlich nicht hätte kaufen dürfen. Ich kaufte aber trotzdem – und hatte diesmal das Glück auf meiner Seite, denn ich wurde mit meinem Schmuggelgut nicht entdeckt. So, das war mein Glück und Pech in Sofia, der HSV war locker weitergekommen. Und Uwe Seeler habe ich dann später auch noch gegrüßt.

Ganz kurz noch einige kleine Abstecher zu anderen Ausflügen. In der Saison 1997/98 ging es auf die Insel Island, Gegner war Leiftur Olafsfjördur. In der Nacht vor dem Spiel saßen wir in einer urigen Kneipe, in der zwei Männer live Musik machten – sie spielten nur Beatles-Songs. Das war schon mal traumhaft. Und dann ging um Mitternacht hinter den Bergen tatsächlich die Sonne auf. Eine unvergessene Nacht, damals in Akureyri.

1999/00 war auch Montpellier eine Europapokal-Station. Wir landeten mit dem HSV-Flieger in einer benachbarten Stadt – und standen plötzlich wie die Weihnachtsmänner da. Kein Taxi mehr am Flughafen. Wir mussten warten, bis eines zurückgegeben wurde, und das dauerte. Inzwischen trainierte der HSV schon. Als wir kurz vor Ende des Trainings im Stadion erschienen, gab es eine heftige Auseinandersetzung mit Manager Bernd Wehmeyer. Ich hatte ihm gesagt: „Der HSV sollte mal beim FC Bayern in die Lehre gehen, da wäre so etwas nicht passiert, da wäre der Weitertransport der Journalisten vorher allerbest organisiert gewesen.“ Da hatte ich was gesagt. Der leise „Herr Fummel“ explodierte förmlich, er ging in die Luft und schrie mich vor versammelter Kollegenschar an: „Bayern! Bayern? Dann geh doch zu deinen Scheiß-Bayern, wir sind hier beim HSV.“ Wusste ich dann auch. Nein, das wusste ich schon vorher. Am Flughafen.

Keine ganz so guten Erinnerungen habe ich an das Champions-League-Spiel bei Panathinaikos Athen (Oktober 2000). Am Tag des Spiels hatte ich plötzlich hohes Fieber bekommen – ich schwächelte, und zwar ganz doll. Unter solchen Umständen hätte ich nie ins Olympiastadion gehen können, doch die Hilfe kam – vom HSV. Wir waren ja auch beim HSV. Mannschaftsarzt Dr. Oliver Dierk erfuhr von meiner Krankheit, kam zu mir aufs Zimmer und legte mir über die Badezimmertür einen Tropf an den Arm. Diese Crash-Kur verfehlte ihre Wirkung nicht, am Abend war ich munter wie ein Fisch.

Und schnell noch einen Blick darauf, was dann nach dem 0:0 passierte: Bild-Kollege Babak Milani sprach einen Polizisten an, der gerade einen Mannschaftswagen bestieg: „Haben Sie noch Platz für fünf Hamburger Journalisten?“ Natürlich. Da saßen wir inmitten der Athener Polizei, wir fuhren mit Blaulicht zurück in die Innenstadt – aber nur im Schneckentempo. Blaulicht auf einem Polizei-Lkw wird in Griechenland grundsätzlich missachtet, oder auf jeden Fall nicht ganz für voll genommen. Wir schlichen im Athener Stau stundenlang über die überfüllten Straßen, aber irgendwie war die griechische Polizei doch ein ganz netter Freund und Helfer, eben nur ein bisschen sehr langsam.

Nun bin ich am Ende. Und mal gespannt, was mein HA-Kollege Marcus Scholz von seinem Europa-League-Ausritt nach Schottland berichten kann. Ich drücke ihm die Daumen, dass er auf jeden Fall über einen HSV-Sieg schreiben darf. Und das hätte ja auch was. Sehr viel sogar. Fast schon die nächste Runde.

23.55 Uhr

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