Tagesarchiv für den 21. Oktober 2009

Kaufhaus-Bummel in Turin

21. Oktober 2009

Die Stunden bis zum Anpfiff in Glasgow sollen nun mit einigen Europapokal-Erinnerungen überbrückt werden. Sicher habt auch Ihr die eine oder andere Anekdote zu berichten, die Ihr im Ausland erlebt habt. Mit mir blickt auch erneut der frühere HSV-Profi Carsten Kober zurück, der hier ja schon über sein größtes Spiel, das gegen den FC Porto und Rabah Madjer, berichtet hat. Das Spiel lief im November 1989, in der folgenden Runde traf der HSV auf Juventus Turin. In Hamburg gab es zunächst eine 0:2-Niederlage, in Turin folgte ein 2:1-Erfolg des HSV – also leider ausgeschieden.

Kober erinnert sich: „Im Stadion war beim Spiel die Hölle los, es war so laut, dass wir uns untereinander kaum verstanden. Wir traten mit dem legendären Sturm Andreas Merkle und Jan Furtok an, hatten dann kurz vor Spielschluss die große Chance zum 3:1, aber der Schuss von Marcus Marin stieg leider in den Turiner Abendhimmel.“ Den Ball suchten die Italiener wahrscheinlich noch tagelang. Übrigens, Kober weiß noch von einem Novum zu berichten: “Obwohl wir ausgeschieden waren, erhielten wir vom HSV die vereinbarte Siegprämie. Weil wir so gut gespielt hatten. Das war nobel und einzigartig vom Klub, das gab es auch nie wieder.”

Doch nicht nur Carsten Kober hatte ein ganz besonderes Erlebnis, auch ich hatte einen ganz besonderen Tag in Turin, den werde ich  niemals vergessen: Am Tag vor dem Spiel bummelte ich durch die Stadt, betrat auch ein großes Kaufhaus (wie hier Karstadt Mönckenbergstraße). Als ich in die Elektro-Abteilung im vierten oder fünften Stock kam, traute ich meinen Augen nicht: Das Schiedsrichter-Gespann um den Franzosen Vautrot stand da vor vielen, vielen Fernsehern. Bei den Unparteiischen ein Offizieller von Juventus Turin. Sicher wollten sich die Herren nur über die Preise in Italien informieren, das kann ja auch nicht schaden. Ich erkannte plötzlich den legendären Unparteiischen Robert Wurtz. Das war der kleine und schnelle Mann, der immer auf Ballhöhe war – eine absolute Ausnahme-Erscheinung unter den Schwarzkitteln. Der kam mir damals stets wie das tapfere Schneiderlein vor. Ich wusste, dass Wurtz der deutschen Sprache mächtig war, deswegen sprach ich ihn ohne zu zögern an: „Was machen Sie denn, hier, Herr Wurtz? Sie haben doch Ihre Karriere schon seit einiger Zeit beendet, oder doch nicht?“

Ich bekam keine Antwort. Ihr glaubt es nicht, aber es ist Tatsache, und ich habe diese Szene schon unzählige Male (meinen Schreiberling-Kollegen) vorgespielt, wirklich vorgespielt: Der kleine Herr Wurtz blickte mich total verwirrt an. Er blickte mir nur eine Sekunde in die Augen, genau so, als käme ich gerade vom Mond – und dann gab er Gas. Aber wie! Blitzschnell lief er zum Ausgang der Elektro-Abteilung, wie ein Wiesel. Und weg war er. Man sah wirklich nur noch die Hacken von ihm – und ab! Zurück blieb der Rest des Gespanns um Vautrot – und der ratlose Schiedsrichter-Betreuer von Juventus. Ich versuchte den Herrn Wurtz noch zu erreichen, „ging“ ihm nach, aber er war spurlos verschwunden. Wahrscheinlich wollte er seiner Frau die Preise der italienischen Fernseher durchrufen.

Erst am Tag darauf sah ich Wurtz dann wieder. Diesmal im Stadion: als Linienrichter bei Vautrot. Wie konnte das angehen? Wurtz war eigentlich schon lange nicht mehr international tätig, und doch tauchte er plötzlich wieder als Linienrichter auf. Das war schon kurios.

Noch kurioser aber der Tag des Artikels über diese Kaufhaus-Erlebnisse. Die Verantwortlichen von Juventus Turin, die ja jeden Tag ganz aufmerksam alle Hamburger Zeitungen lesen (natürlich!!??), warteten wissbegierig darauf, etwas darüber zu lesen. Ich enttäuschte sie nicht, und der italienische Klub protestierte schriftlich. Es wurde mit Klage gedroht, wenn ich etwas in diese Geschichte hinein interpretieren würde, was da nicht hinein gehörte. Aber das hatte ich nicht getan, natürlich nicht. Das hätte doch die deutsch-italienische Freundschaft dann doch etwas schwerer belastet. Und weil ich nur die Wahrheit schrieb, verlief dieser Zwischenfall auch ohne Gericht, ohne Anwälte. Es wuchs dann irgendwann Gras über diese mysteriöse Sache – an die ich aber immer wieder denken muss, wenn es gen Italien geht (und ging).

Carsten Kober hat etwas allerdings etwas andere Erinnerungen an Vautrot: „Wir hätten das 3:1 erzielen können, das zum Weiterkommen gereicht hätte, aber der Schiedsrichter übersah ein klares Handspiel eines Italieners im Strafraum. Das war ganz bitter, aber in Porto waren wir ja nur deswegen weitergekommen, weil der Unparteiische ein Handspiel von John Jensen übersehen hatte.“

Es gleicht sich eben immer wieder aus, oder?
Eher nicht. Ich habe da jedenfalls meine leichten Zweifel.

1992 musste der HSV bei ZSKA Sofia antreten. Ich war in Begleitung unseres HA-Chefs vom Dienst, der als Fan mit nach Bulgarien gereist war. Wir wussten, dass wir kein Geld auf der Straße umtauschen durften, es war verboten, aber was machten wir? Genau. Erst kam ein Mann an einem großen Kaufhaus auf uns zu und ermahnte uns: „Kein Geld privat tauschen.“ Natürlich nicht. Zwei, drei Minuten kam ein weiterer Mann zu uns und bot uns einen sensationellen Kurs für die D-Mark an. Da musste Mann doch zugreifen. Und wir griffen. Voll daneben. Gerade eben hatte der Kerl uns noch den Stapel Geld vorgezählt, als ein anderer Mann vorbei kam – natürlich rein zufällig – und sagte: „Polizei, hey, da kommt Polizei.“ Wir blickten uns um. Und genau das war der Zeitpunkt, in dem das Geldpaket getauscht wurde. Und wir „Blinden“ haben nichts gemerkt. Alles musste blitzschnell gehen. Der Gauner erhielt die D-Mark, wir „Blinden„ nur ein Bündel Papier. Und dann trat Sekunden danach noch ein vierter Mann in Erscheinung. Der warnte uns quasi im Vorübergehen: „Geht nicht zur Polizei, denn sonst seid auch ihr dran. Ihr kommt ins Gefängnis“ Natürlich. Wir gingen nicht. 100 Mark waren weg. Und wir waren fassungslos, wie dumm wir gewesen sind. Fassungslos. Bis heute hält dieser Zustand eigentlich noch an.

Und dazu ein weiteres Erlebnis in Sofia. Da sprach mich auf der Stadion-Toilette ein Mann an. Ob ich Uwe Seeler kennen würde? Natürlich. Dann sollte ich ihn grüßen, denn er war einst, bei einem Länderspiel Deutschland gegen Bulgarien, sein Gegenspieler. Ich erkannte diesen Mann sogar wieder, er war es tatsächlich, der Gegenspieler von Seeler. Und dieser Bulgare war dann auch kein Krimineller. Er war nur arm. Ein ganz armer und etwas heruntergekommener Mann. Er bot mir eine Ikone an. Zu einem Preis, den er mir zuflüsterte. Dabei blickte er sich immer ängstlich um, wir durften nicht erwischt werden. Der ehemalige Nationalspieler brauchte Geld, aber er wusste genau, dass ich diese Ikone eigentlich nicht hätte kaufen dürfen. Ich kaufte aber trotzdem – und hatte diesmal das Glück auf meiner Seite, denn ich wurde mit meinem Schmuggelgut nicht entdeckt. So, das war mein Glück und Pech in Sofia, der HSV war locker weitergekommen. Und Uwe Seeler habe ich dann später auch noch gegrüßt.

Ganz kurz noch einige kleine Abstecher zu anderen Ausflügen. In der Saison 1997/98 ging es auf die Insel Island, Gegner war Leiftur Olafsfjördur. In der Nacht vor dem Spiel saßen wir in einer urigen Kneipe, in der zwei Männer live Musik machten – sie spielten nur Beatles-Songs. Das war schon mal traumhaft. Und dann ging um Mitternacht hinter den Bergen tatsächlich die Sonne auf. Eine unvergessene Nacht, damals in Akureyri.

1999/00 war auch Montpellier eine Europapokal-Station. Wir landeten mit dem HSV-Flieger in einer benachbarten Stadt – und standen plötzlich wie die Weihnachtsmänner da. Kein Taxi mehr am Flughafen. Wir mussten warten, bis eines zurückgegeben wurde, und das dauerte. Inzwischen trainierte der HSV schon. Als wir kurz vor Ende des Trainings im Stadion erschienen, gab es eine heftige Auseinandersetzung mit Manager Bernd Wehmeyer. Ich hatte ihm gesagt: „Der HSV sollte mal beim FC Bayern in die Lehre gehen, da wäre so etwas nicht passiert, da wäre der Weitertransport der Journalisten vorher allerbest organisiert gewesen.“ Da hatte ich was gesagt. Der leise „Herr Fummel“ explodierte förmlich, er ging in die Luft und schrie mich vor versammelter Kollegenschar an: „Bayern! Bayern? Dann geh doch zu deinen Scheiß-Bayern, wir sind hier beim HSV.“ Wusste ich dann auch. Nein, das wusste ich schon vorher. Am Flughafen.

Keine ganz so guten Erinnerungen habe ich an das Champions-League-Spiel bei Panathinaikos Athen (Oktober 2000). Am Tag des Spiels hatte ich plötzlich hohes Fieber bekommen – ich schwächelte, und zwar ganz doll. Unter solchen Umständen hätte ich nie ins Olympiastadion gehen können, doch die Hilfe kam – vom HSV. Wir waren ja auch beim HSV. Mannschaftsarzt Dr. Oliver Dierk erfuhr von meiner Krankheit, kam zu mir aufs Zimmer und legte mir über die Badezimmertür einen Tropf an den Arm. Diese Crash-Kur verfehlte ihre Wirkung nicht, am Abend war ich munter wie ein Fisch.

Und schnell noch einen Blick darauf, was dann nach dem 0:0 passierte: Bild-Kollege Babak Milani sprach einen Polizisten an, der gerade einen Mannschaftswagen bestieg: „Haben Sie noch Platz für fünf Hamburger Journalisten?“ Natürlich. Da saßen wir inmitten der Athener Polizei, wir fuhren mit Blaulicht zurück in die Innenstadt – aber nur im Schneckentempo. Blaulicht auf einem Polizei-Lkw wird in Griechenland grundsätzlich missachtet, oder auf jeden Fall nicht ganz für voll genommen. Wir schlichen im Athener Stau stundenlang über die überfüllten Straßen, aber irgendwie war die griechische Polizei doch ein ganz netter Freund und Helfer, eben nur ein bisschen sehr langsam.

Nun bin ich am Ende. Und mal gespannt, was mein HA-Kollege Marcus Scholz von seinem Europa-League-Ausritt nach Schottland berichten kann. Ich drücke ihm die Daumen, dass er auf jeden Fall über einen HSV-Sieg schreiben darf. Und das hätte ja auch was. Sehr viel sogar. Fast schon die nächste Runde.

23.55 Uhr

Zittern um Boateng

21. Oktober 2009

Alle HSV-Spieler betraten den Rasen des Celtic Parks mit „Buffern“, nur Jerome Boateng nicht, der kam in weißen Turnschuhen. Der angeschlagene HSV-Abwehrspieler drehte einige Runden, brach aber dann nach zehn Minuten das Training ab. Fortsetzung folgt morgen, am Vormittag vor dem Spiel bei Celtic Glasgow. Boateng hat, logischerweise, noch Schmerzen in seinem linken Knie, es wird ganz eng mit seinem Einsatz. So, wie es mein Kollege Marcus Scholz schilderte, sieht es so aus, als müsse Boateng doch eher passen. Es darf, nein, es muss gezittert werden.

So, ein anderes Thema. Der HSV in Sachen Europapokal unterwegs, da gab es ja schon einige legendäre Auftritte. Ich habe mich einmal mit dem „Master of Grätsche“ ausgetaucht, für Carsten Kober war jeder internationale Auftritt ein Highlight. Besonders die Großzügigkeit der Schiedsrichter blieb ihm im Gedächtnis: „Da konnte man schon wesentlich härter zur Sache gehen, als in der Bundesliga, international wird öfter mal ein Auge zugedrückt.“

Das größte Ereignis für Kober aber war in der Saison 1989/90 das Aufeinandertreffen mit dem FC Porto: „Ich spielte gegen den legendären Rabah Madjer. Das war der, der einst den Bayern ein Tor mit der Hacke ins Nest gelegt hatte. Für mich war das mein härtester Gegner, auf den habe ich mich vorher schon tagelang konzentriert.“ Der HSV hatte im November 1:0 in Hamburg gewonnen, im Rückspiel gab es eine 1:2-Niederlage. Kober erinnert sich: „Ich denke, wir haben in diesem Spiel nur einmal auf das Tor geschossen, das war Armin Eck, und der traf.“ Ansonsten spielte nur der FC Porto. „Der Druck, den die machten, war Wahnsinn, es lief ein Angriff mach dem anderen auf unser Tor. Einmal rettete John Jensen per Hand auf der Torlinie, aber der Schiedsrichter sah es nicht.“ Die 1:2-Niederlage wurde wie ein Sieg gefeiert, doch die Spieler hatten zu leiden, wie Carsten Kober weiß: „Wir wurden nach dem Schlusspfiff mit Urinbeuteln beschmissen, das war lecker.“

Und ich hatte auch zu leiden. Im überfüllten Presseraum saß Porto-Trainer Arthur Jorge, der gerade mit seinem Statement beginnen wollte, als Horst Becker (damals Vizepräsident) und Ernst-Otto Rieckhoff den Raum betraten. Ich stand fast neben Jorge, der obergenervt war, als Rieckhoff mich entdeckte. Der Schazumeister schrien plötzlich laut auf: „Jaaaaaa, Dieter, jaaaaa, wir haben es geschafft, jaaa.“ Jorge sackte in sich zusammen, er war kurz davor, in die Luft zu gehen. Dann befahl er den Ordnern: „Der Mann muss raus, sonst rede ich hier nicht.“ Gemeint war nicht Rieckhoff, sondern ich. Ich hatte nichts getan, aber da er Rieckhoff als Offizieller des HSV nicht vor die Tür setzen konnte, musste ich gehe. Erst nach langem Zureden der Kollegen ging ich, sonst wäre die Pressekonferenz geplatzt. Rieckhoff tröstete mich: „Ich erzähle dir alles, was er gesagt hat.“ So geschah es.

So, um schnell vom Hof zu kommen, ist jetzt erst einmal Ende hier. Die Europapokal-Erinnerungen werden aber noch fortgesetzt.

20.28 Uhr

Kleiner Ausflug zum kleinen Nachbarn

21. Oktober 2009

Ja, „lo-king-kai“, da hast Du einen losgelassen! Der HSV und St. Pauli, das ist ein Thema. Auch bei mir in der Familie. Da gibt es eher Leute, die sind wie „Eiche Nogly“. Ich selbst, wo Du (“Lo-king-kai”) mich so fragst,  bin wie „Benno Hafas“, ich bin tolerant. Kurios ist: Für das Abendblatt habe ich über viele, viele Jahre St. Pauli und den HSV betreut. Immer abwechselnd: Mal ein HSV-Spiel, mal eines von St. Pauli. Das ging. Das ging sogar gut. Bei St. Pauli haben sie immer „Rothose“ zu mir gesagt, und beim HSV – das ist interessant – „Braunhose“.

Also, um klar Stellung zu beziehen: Ich mag beide Klubs, doch den HSV trage ich seit meinem zehnten Lebensjahr im Herzen. Bei den Supporters bin ich kürzlich gefragt worden, ob ich St.-Pauli-Mitglied sei? War ich nie, werde ich (wohl) auch nie. Aber bei St. Pauli habe ich mit den Jahren so viele nette Menschen kennengelernt (denn die gibt es auch dort!) – das und die möchte ich nicht missen.

Einer von ihnen heißt Holger Stanislawski. Von ihm habe ich das Trikot zu Hause, ihn schätze und achte ich, er ist ein großartiger Sportler und ein feiner Mensch (bis auf die Tatsache, dass er fast nie zurückruft!). Für das Stadionheft beim Länderspiel Deutschland gegen Finnland habe ich eine Geschichte mit ihm gemacht. Ich gebe Euch nun einmal ein kleines Beispiel, wie Stanislawski (einst auch HSV-Spieler) tickt:

„Das Schönste für mich wäre, wenn St. Pauli in der Ersten Liga immer die Klasse halten würde, und wenn der HSV dazu immer international spielen würde. Das wäre der Ideal-Zustand für mich – und für die Stadt Hamburg wirklich das Beste.“ Und ich schreibe nun noch eines: Holger Stanislawski wurde kürzlich von meinem HA-Kollegen Lutz Wöckener zu einem HSV-Spiel in der Europa League befragt. Der St.-Pauli-Coach antwortete – auch für mich etwas überraschend – offen: „Ich wünsche dem HSV den Sieg.“ Warum: „Ich bin Hamburger.“

Noch Fragen?

Mir geht es ebenso. Man muss auch gönnen können. Für mich wäre es schön, wenn St. Pauli aufsteigen würde – weil ich Holger Stanislawski diesen Erfolg (und den Triumph) gönne.

So, lieber “Peter”, das war der kleine Ausflug zum kleinen Nachbarn (muss doch auch mal erlaubt sein!?), jetzt geht es aber doch noch zwei Etagen höher, in den Europapokal. Der HSV ist in Glasgow gelandet, um 18 Uhr gibt es das Abschlusstraining. Es muss, wie ich schon heute Nacht befürchtet habe, noch um den Einsatz von Jerome Boateng gebangt werden, erst nach dem Training wird entschieden, ob er gegen Celtic mitspielen kann. Er hat sich beim Dienstag-Training zwar „nur“ eine kleine Zerrung eines Bandes im Knie zugezogen, aber auch das ist eben eine Verletzung. Und Vorsicht ist selbst in diesem Falle geboten, denn: Was nützt es dem HSV, wenn er in Glasgow zwar beginnt, dann aber am Sonntag auf Schalke fehlt? Felix Magath würde sicher nichts dagegen haben, aber für den HSV wäre es jetzt, in dieser personell schwierigen Situation,  eine mittlere Katastrophe.

Nun melde ich mich wieder, sobald das Training in Schottland gelaufen ist. Dann nicht nur mit der (hoffentlich guten) Nachricht zu Boateng, sondern auch mit einigen besonderen Europapokal-Erinnerungen von mir – und vom „Master of Grätsche“. Der gute Carsten Kober hatte sich zuletzt ein wenig rar gemacht bei „Matz ab“, aber ihm hat offenbar auch nicht ganz so gut gefallen, was es hier in der vergangenen Wochen alles so an „Kleinkrieg“ abgegangen war. Er sagte mir: „Das fand ich nicht so lustig, aber offenbar hast du das wieder in den Griff bekommen – und die Leute haben es begriffen, worum es hier in erster Linie gehen sollte: nur der HSV.“
So ist es.

15.57 Uhr

Eine Lanze für Berg

21. Oktober 2009

So könnte es doch international weitergehen mit den schottischen Vereinen. Glasgow Rangers gegen Urziceni 1:4. Der HSV müsste gegen den Konkurrenzklub der Rangers ja nur 3:1 gewinnen. . . Mit dem einen oder anderen Tor von Marcus Berg? Im Training am Dienstag sah, das muss ich zugeben, nicht gerade danach aus. Der Schwede schoss viele Fahrkarten, gewann einmal sogar den „Hoch-und-Weit-Preis“ des Tages, als er elf Meter vor dem Tor von Frank Rost zwölf Meter überweg und weit in die Botanik des Volksparks schoss. Auffällig dabei: Berg lässt nach solchen – natürlich wenig erfreulichen – Aktionen meistens den Kopf hängen. Fehlt ihm ein Erfolgserlebnis? Eigentlich hatte er doch eines, zuletzt bei seinem Länderspiel-Einsatz in der Heimat. Das kann es meiner Ansicht nicht sein. Was ist es aber dann?

„Ich muss mal eine Lanze für den Marcus brechen“, sagt Co-Trainer Eddy Sözer und begründet es wie folgt: „Trotz der Kritik, die er ja erhält, ist er sehr positiv. Und er arbeitet emsig, er macht nach dem Training Sondereinheiten, um gewisse Defizite aufzuarbeiten.“ Sözer lobt weiter: „Der Marcus ist sich bewusst, das er viel arbeiten muss, er weiß, dass noch stabiler werden muss – und wir warten, dass er einfach die nächsten Schritte macht.“

Im Spiel am vergangenen Sonnabend gegen Leverkusen aber trat eine Schwäche Bergs einmal mehr deutlich zu Tage. Der 23-jährigen Stürmer kann weder so richtig steil gehen, noch kann er die Bälle vorne halten, um sie den nachrückenden Mitspielern abzulegen. Daran wird Berg arbeiten müssen, hart arbeiten müssen, wenn er das abstellen will. Sözer aber sieht Licht am Ende des Tunnels: „Er weiß, dass er agiler werden muss, aber er geht damit positiv um. Der Marcus geht schon sehr selbstkritisch mit sich um, das ist der erste Schritt, um wieder erfolgreich zu werden.“

Kam Marcus Berg zu Saisonbeginn als Joker in die Mannschaft, war er erfolgreich. Weil er nicht den Druck verspürte, den er nun hat, von er von Beginn an spielt. „Genau das war ja auch unser Bestreben, Marcus sollte neben stabilen Leuten wie Paolo Guerrero und Mladen Petric wachsen“, sagt Eddy Sözer. Es kam anders. Nun spielen Berg, Tolgay Arslan und Tunay Torun vorne – und der HSV muss hoffen, dass sich die Talente entwickeln. Sözer spricht für das Trainer-Team: „Wir haben das Vertrauen zu den Spielern, und wir haben auch die Geduld mit ihnen.“ Müsste nur noch die Öffentlichkeit mitspielen, und da habe ich doch so meine Zweifel.

Und wobei wir gerade bei den personellen Sorgen im Sturm sind: Ze Roberto hatte kürzlich ja schon laut neue Spieler gefordert, nun „begradigte“ er seine Aussage: „Ich wäre für neue Spieler, aber der Vorstand des Klubs weiß das sicher besser.“ Zu diesem Thema äußerten sich noch weitere Mitspieler. Frank Rost befand, als noch ein Ausfall des angeschlagenen Jerome Boatengs drohte: „Wir dürfen nicht jammern, wir werden auch gegen Celtic mit elf Spielern auflaufen.“ Guy Demel lag auf der gleichen Welle wie der Torwart: „Wir sollten nicht lamentieren, denn das hilft nicht, wir müssen da jetzt durch.“ Und Kapitän David Jarolim, der sich auch laut über das Thema Verstärkungen gemacht hatte, sagt nun: „Wir müssen jetzt versuchen, das Beste aus dieser Situation zu machen, wir müssen noch so viele Punkte wie möglich bis zur Winterpause holen.“

Mehr bleibt offenbar tatsächlich nicht. Aber was passiert im Winter? Hat der HSV noch Geld, um nicht nur Masse zu kaufen, sondern auch Klasse? Wir sollten uns alle an die letzte Winterpause erinnern: Der HSV kaufte und lieh sich Spieler, aber es war kein „Kracher“ dabei. Kein Spieler hat dem HSV so geholfen, dass alle von ihm begeistert waren: Trainer, Kollegen und Fans. Und warum war das so? Erstens hatte der HSV nicht so viel Geld, um bessere Leute einzukaufen, zweitens waren kaum bessere Spieler auf dem Markt. Und was ist daraus zu schließen? Es wird im kommenden Winter nicht anders sein, und zwar ganz sicher nicht. Welcher Klub gibt denn einen so guten Stürmer (zum Beispiel) ab, von dem er weiß, dass er den HSV an die Spitze schießt? Den will doch eher jeder Klub behalten. Und sollten Stürmer dabei sein, deren Verträge im Sommer 2010 auslaufen, dann will der abgebende Verein auch ordentlich Kohle über den Tisch gehen sehen.

Und wenn ich dazu höre, dass der HSV ja jetzt einiges an Geld (Gehälter der verletzten Spieler, die zurzeit von der Berufsgenossenschaft bezahlt werden) einspart, dann ist das für mich nur der Tropfen auf den heißen Stein. Mehr ist das wirklich nicht. Denn soviel steht auch fest: Der HSV hat zum Saisonbeginn super und teuer eingekauft, viel mehr ausgegeben, als eigentlich geplant – und in der Kasse war? Wie das alles ging? Das fragen sich in der Tat immer noch viele Außenstehende, aber es ging sicher auch deshalb, weil das eine oder andere Geschäft aus „Pump“ lief. „Dittsche“ würde sagen: „Ratenzahlung, das ist jetzt das Stichwort.“ Und diese Raten sind zu berappen, und zwar gnadenlos, ganz egal, ob es nun viele Langzeitverletzte gibt oder nicht.

Übrigens: Am Jahresende läuft der Vertrag von Tomas Rincon aus. Bei Venezuela half der „Büffel“ zuletzt mit, ein 0:0 gegen Brasilien zu sichern, beim HSV aber sitzt er gelegentlich sogar auf der Tribüne. „Wir haben mit Ze Roberto und David Jarolim ebenfalls Nationalspieler auf den Positionen, die Tomas Rincon spielt, dazu spielt Guy Demel auf der rechten Seite. Mit diesen Spielern sind wir sehr gut besetzt, wir haben mit ihnen Stabilität in der Mannschaft, diese Spieler kann man nicht so leicht verdrängen“, sagt Eddy Sözer. Der Co-Trainer nennt zugleich die Anforderungen, die ein Spieler haben müsste, um in das Team zu kommen: „Wir erwarten noch mehr Genauigkeit, Gradlinigkeit in der Spielform, taktische Aufmerksamkeit, taktisches Verständnis, taktische Disziplin.“ Sözer begründet diese Anforderungen auch: „Da wir auch sehr agierend spielen, ist das große Merkmal dabei, auch bei Ballverlust wieder in die taktische Formation zu kommen, das ist enorm wichtig.“ Und daran scheint es Tomas Rincon (noch immer) zu hapern, obwohl er im Training immer engagiert bei der Sache ist. Zur Vertragssituation Rincons befand Eddy Sözer: „Ob Tomas am Ende des Jahres weg ist oder nicht weg ist, das haben wir noch nicht thematisiert. Er ist ein wichtiger Spieler für uns – und am Donnerstag wird er beim Celtic-Spiel im Kader sein.“

Apropos Celtic: Es ist tatsächlich wahr, dass Jens Dowe, der in der Halbzeit des Uefa-Cup-Spiels 1996 vom damaligen HSV-Trainer Felix Magath unheimlich hart „zusammengefaltet“ und danach ausgewechselt worden war, dem Coach noch einige Drohungen an den Kopf geworfen hatte. Es soll sich dabei auch im Handgreiflichkeiten gehandelt haben. Wie aber bereits gesagt, es war Dowes unrühmliches Ende beim HSV.

Noch ein Wort an den (leicht?) angeschlagenen Jerome Boateng. Nachdem sich der schon von einigen (Medien) befürchtete Kreuzbandriss nicht bewahrheitete, weil „nur“ eine kleine Zerrung eines Bandes im Knie festgestellt wurde, bleibt zu hoffen, dass der Abwehrspieler heute tatsächlich fit genug ist, um mit nach Schottland zu fliegen. Oft genug entpuppt sich auch eine an sich harmlose Verletzung am Tag danach, wenn das Bein „kalt“ geworden ist, doch als etwas hartnäckiger als von allen tags zuvor noch erhofft. Muss nicht sein, könnte aber. Deswegen: abwarten. Und hoffen, dass alles gut läuft. Wir werden es heute aus Glasgow erfahren, wenn am Abend das Abschlusstraining gelaufen ist.

o.21 Uhr