Tagesarchiv für den 20. Oktober 2009

Pitroipa zum Kontern

20. Oktober 2009

„Wir wollen unser aggressives Spiel führen, wir wollen Zweikämpfe suchen und annehmen, wir wollen präsent sein, wir wollen wach sein, wir wollen für die zweiten Bälle wach sein – und wir freuen uns auf dieses Spiel und die Stimmung im Stadion.“ Das sagt Eddy Sözer, der Co-Trainer des HSV vor dem Donnerstags-Spiel in der Europa League bei Celtic Glasgow – 21.05 Uhr, live bei SAT.1. Macht’s noch einmal, Jungs, möchte man sagen, denn am 10. September 1996 siegte der HSV schon einmal an gleicher Stelle – 2:0. Nach diesem überraschenden Erfolg stellte Trainer Felix Magath fest: „Diesen Sieg hatte uns keiner zugetraut, aber wir haben bewiesen, dass wir international mithalten können.“

Auch damals war es schon unheimlich laut im Celtic-Park, in dem sich 45 412 Zuschauer befanden, aber zur Pause krachte es wohl am lautesten in der HSV-Kabine. Magath faltete Neuzugang Jens Dowe total zusammen – und nahm ihn aus der Mannschaft. Der Anfang vom Ende der HSV-Karriere des Mittefeldmannes, der von 1860 München gekommen war. Felix Magath hatte aber offenbar alles richtig gemacht, auch in diesem Spiel. Er hatte auf eine Viererkette verzichtet, ließ wieder mit einem Ausputzer spielen – das war der entscheidende Schachzug für den Sieg.

Macht’s noch einmal, Jungs!

Die Vorzeichen sind diesmal ähnlich wie damals. Zwar ist der HSV nicht unbedingt der krasse Außenseiter, aber aufgrund der Stürmer-Misere dürfte es doch schwer fallen, in Glasgow ein offensives Feuerwerk abzubrennen. Was dem HSV aber entgegen kommen sollte: Celtic hat erst einen Punkt, muss also auf Sieg spielen, dadurch könnten sich für den HSV Räume zum Kontern ergeben.
„Wir erwarten ein aggressives, körperbetontes Spiel, wir wissen, dass Celtic mit dem Rücken zur Wand steht, die Schotten stehen unter Zugzwang“, weiß Sözer. Deswegen wurden beim letzten Training vor dem Abflug (Mittwoch, 11.20 Uhr) ganz intensiv Zweikämpfe geübt. Immer und immer wieder. Die Übung endete abschließend mit Torschüssen. Sözer: „Wir müssen in erster Linie kompakt stehen, dann aus einer sicheren Defensive heraus schnell nach vorne spielen. Wir werden mehr Räume als zum Beispiel zuletzt gegen Leverkusen bekommen.“

Gegen die Bayer-Elf hatte zuletzt ein Angreifer gefehlt, der einmal schnell in die Spitze geht, der auch mal steil in die Räume geschickt werden kann. Diesmal wird die Alternative von Beginn an auf dem rasen stehen: Jonathan Pitroipa. Am Montag hatte Bruno Labbadia ein zehnminütiges Vier-Augen-Gespräch mit dem Sprinter geführt, nach dem Training am Dienstag folgte Teil zwei der Therapie: Während die meisten Spieler in die Kabine gingen, forderte der Trainer sein „Sorgenkind“ durch ein spezielles Einzeltraining. Pitroipa musste (nach Labbadia-Zuspiel) immer wieder den Abschluss suchen, vornehmlich mit seinem schwächeren linken Fuß. Die Schüsse flogen auf ein leeres Tor, und sie sahen durchaus nicht immer so schlecht aus, wie sie zuletzt aussahen, wenn Pitroipa mal in einem Spiel zum Schuss ansetzte.

Ihr könnt aber an dieser Spezial-Einheit erkennen: Der Coach weiß genau, wo wem der Schuh drückt, und er versucht es so, ein solches Manko sofort zu bekämpfen, bestenfalls sogar abzustellen. Ganz ehrlich muss ich zugeben, dass ich ganz, ganz selten einen HSV-Trainer (und ich habe seit Branko Zebec alle erlebt) gesehen habe, der offensichtliche Schwächen seines Teams und seiner Spieler ganz gezielt und ohne es auf die lange Bank zu schieben zu beheben.

Das Trainergespann hat sich (offiziell) noch nicht entschieden, ob Pitroipa von Beginn an spielen wird, für mich aber scheint es festzustehen. Eddy Sözer tat dazu seine Gedanken (und die seines Chefs?) über „Piet“ kund: „Er ist in seiner Spielart unberechenbar, das hat man auch zuletzt gegen Leverkusen wieder gesehen. Aber er ist ein Thema für uns, denn der Gegner wird viele lange Bälle stehen, oft auch die zweiten Bälle spielt – da müssen wir schnell umschalten, und deswegen ist Pitroipa mit Sicherheit ein Thema für uns.“

Woran aber liegt es, dass Jonathan Pitroipa in dieser Saison nicht so konstant spielt, wie noch bei seinem HSV-Start vor einem Jahr? Damals war Trainer Martin Jol begeistert von seinem Schützling, aber letztlich stagnierte der schnelle Mann – oder er entwickelte sich sogar zurück. „Man muss einen solchen Spieler in der Mannschaft haben, das teilen wir mit Martin Jol, das ist sehr, sehr wichtig. Wir wissen um die Stärken von Jonathan, aber wir erwarten mehr von ihm. Er muss mehr arbeiten für die Mannschaft, er muss mehr taktisch gegen den Ball arbeiten – um dann bei Ballbesitz seine individuelle Klasse zum Einsatz zu bringen.“

Klingt theoretisch super. Ob das auch endlich einmal wieder auf dem Rasen klappt, diese Frage könnte am Donnerstag in Schottland eine Antwort finden. Für Jonathan Pitroipa wäre es wünschenswert, wenn er dort, auf internationalem Parkett, zeigen würde, dass er es doch kann. Oder viel besser kann, als er es in diesem Jahr bislang gezeigt hat. Er könnte es so auch allen seinen Kritikern, von denen es nicht wenige gibt, zeigen. Mach’s noch einmal, Jonathan!

18.40 Uhr

Entwarnung bei Boateng

20. Oktober 2009

Glück im Unglück hatte Jerome Boateng, er ist nicht ernsthaft verletzt! Der Abwehrspieler hatte sich beim Vormittagstraining eine Knie-Vereltzung zugezogen – es sah zunächst gar nicht gut aus. Der Nationalspieler war bei dem Versuch, gegen den dribbelnden Ze Roberto zur Grätsche anzusetzen, mit den Stollen im Rasen hängen geblieben. Das sah im ersten Moment nicht gut aus, es standen viele besorgte Spieler um den sich vor Schmerzen am Boden krümmenden Boateng herum. Von Physiotherapeut Uwe Eplinius wurde der Verletzte dann in die Kabine gefahren, dort fand dann die Erstversorgung statt. Am Nachmittag suchte Jerome Boateng dann den Arzt aus, eine Kernspintomographie brachte dann aber Klarheit: Boateng hat “nur ” eine Zerrung eines Bandes erlitten, das linke Knie ist ansonsten okay. Demnach wird der Abwehrmann auch morgen mit der Mannschaft zum Europa-League-Spiel bei Celtic Glasgow (am Donnerstag) fliegen. Aufatmen also beim HSV, bei den Trainern und den Mitspielern. Teamkollege Guy Demel stellte fest: “Hätte Jerome nun auch noch gefehlt, wäre es personell langsam ganz eng geworden. So viele Alternativen gibt es nämlich nicht mehr für die Viererkette.”

Auch Castelen fällt aus

20. Oktober 2009

Im Volkspark war wieder einmal der Teufel los. Ferien im Norden der Republik. Über 300 Fans sahen bei winterlichen Temperaturen dem Training zu. Zwei Stunden standen die Spieler auf dem Rasen, das heißt, sie bewegten sich genau so, wie es ihnen Bruno Labbadia verordnet hatte. Unter den Besuchern hinter der Nordbank-Arena auch „Dittsche“. Der Schauspieler Olli Dittrich war einen Tag nach seinem glänzenden „Dittsche„-Neustart mit seinem Sohn gekommen, um? Um? Um Autogramme zu sammeln, selbstverständlich. Da unterscheidet sich „Dittsche“ absolut nicht von anderen Vätern. Vielleicht aber dadurch, dass er nach dem Training zu Bruno Labbadia auf das Trainingsgelände durfte, um ein Einzelgespräch zu führen. Von Fußball-Fachmann zu Fußball-Experte. Übrigens: Olli Dittrich ist ein bekennender Fan der beiden Sturm-Talente Tolgay Arslan und Tunay Torun („Die sind richtig gut, an denen werden wir noch viel Spaß haben“). Das macht den großen HSV-Fan „Dittsche“ dann nur noch ein wenig mehr sympathischer.

Zu Arslan sei kurz gesagt: Seine Knieverletzung entpuppte sich doch nicht als so schwerwiegend, wie zunächst (auch durch den dicken Eisverband) befürchtet. Es handelt sich lediglich um eine Kapselreizung, nächste Woche trainiert er wieder, eventuell schon Ende dieser Woche. Am Donnerstag in Glasgow hätte Arslan ohnehin nicht spielen dürfen, denn er war zu Saisonbeginn vom Verein nicht für die Europa League gemeldet worden.

Arslan also mit Glück im Pech, nur Pech hat dagegen Romeo Castelen. Der Niederländer muss sich wieder unters Messer legen, sein Knie schmerzt und wird erneut operiert. Kommentar „Dittsche“: „Das tut mir Leid, denn Castelen ist, wenn er gesund ist, ein richtig guter Spieler, ich habe den immer sehr gerne gesehen. Und in der jetzigen Situation könnte er dem HSV durchaus helfen – wenn, ja wenn er nicht schon wieder verletzt wäre.“ Also noch ein weiterer Ausfall.

Fast hätte der HSV noch einen weiteren verletzten Spieler gehabt. Beim Trainingsspielchen ging es munter und engagiert zur Sache, und plötzlich legte Mickael Tavares den Kapitän um. Es knackste verdächtig, David Jarolim stöhnte laut auf und hielt sich die linke Rippenpartie, blieb auch einige Sekunden am Boden. Dann schleppte er sich zu Physiotherapeut Uwe Eplinius, um sich behandeln zu lassen, dann ging es weiter. Zwischendurch jedoch fasste sich „Jaro“ immer wieder mal an die Seite, ließ sich aber nicht hängen. Nach dem Training sprach ich kurz mit ihm, fragte nach der Verletzung. Jarolims Antwort: „Ich habe mich schon beim Spiel in Frankfurt auf der linken Seite verletzt, und heute bin ich genau auf diese Stelle gefallen. Das tat weh, das tut auch noch weh, ist aber nicht weiter schlimm. Ich werde am Donnerstag in Glasgow ganz sicher spielen können.“ Aufatmen.

Ein Gespräch der etwas anderen Art führten Bruno Labbadia und Jonathan Pitroipa nach dem Training. Noch auf dem Rasen. Das dauerte etwa zehn Minuten. Und das Thema blieb natürlich ein Geheimnis. Aber eventuell können wir uns ja auch den einen oder anderen Grund denken, oder?

Dann noch schnell zur Rubrik „Straßenfußball beim HSV“. Während des Trainer-Spieler-Gesprächs tobten sich einige Profis noch (freiwillig) mit Torschüssen aus: Robert Tesche, Piotr Trochowski, Marcell Jansen und David Jarolim stellten Frank Rost auf die Probe. Und alle, Mitspieler sowie Trainingskiebitze, hatten dabei ein Aha-Erlebnis der ganz besonderen Art: Jarolim trat einen liegenden Ball aus 20 Metern voller Wucht in den oberen linken Torwinkel. Unhaltbar. Und was für ein Hammer!? Von David Jarolim! Wo hatte er den denn hergeholt? Einige Mitspieler lachten vor lauter Staunen, der zusehende Joris Mathijsen stieß eine Art Jubelschrei aus, andere klatschten vor Vergnügen, einige schauten sich auch nur ungläubig an. Das war David Jarolim? Einen solchen Jarolim-Bumms hatte ich bis dahin noch nie gesehen – mehr davon, „Jaro“, bitte viel mehr davon.

Auf einem Nebenplatz, auch das ist erwähnenswert, übte Techniktrainer Ricardo Moniz mit Tunay Torun. Wie gesagt, nach dem offiziellen Training, das zwei Stunden gedauert hatte. Und die Zugabe dauerte noch einmal 30 Minuten: Der Coach spielte (Problem-)Bälle zur Mitte, Torun musste auf das leere Tor schießen – und das tat er in den meisten Fällen auch sehr gut. Und, davon bin ich ja restlos überzeugt, jede Ballberührung hilft. Nicht nur ihm. Aber ihm eben auch.

Und wo ich gerade bei Torschüssen war: Der beste HSV-Profi war in dieser Disziplin zweifellos – und einmal mehr – Piotr Trochowski. Wie er die Dinger versenkte, das hatte schon Klasse. Aber auch bei ihm kann es nur heißen: mehr davon, mehr davon. Vielleicht schon in Glasgow? Zum Schluss stellte sich „Troche“ übrigens noch ins Tor – und Tesche schoss. Hey, Torwart kann Trochowski auch, wirklich, ohne jede Übertreibung. Er ist ein wahres Sprungwunder, und er flog (kurz) zwischen den Pfosten hin und her, als hätte er es gelernt. Das war wirklich großartig. Und bitte nervt jetzt nicht an dieser Stelle damit, dass Trochowski in Zukunft nur noch ins Tor sollte, das wäre wirklich viel zu billig. Danke!

Da sich einige Spieler nach dem Zwei-Stunden-Programm schnell (und auf Umwegen) aus dem Staub gemacht hatten, mussten andere eben etwas länger Autogramme schreiben. Ganz eisern hielt dabei der neue Publikumsliebling Guy Demel durch. Der Abwehrspieler ist am Sonnabend Vater einer Tochter (die im UKE zur Welt kam) geworden und war natürlich bester Laune: „Mutter und Tochter sind wohlauf und schon wieder zu Hause.“

Unglaubliche Geduld beim Schreiben entwickelte auch Bruno Labbadia. Er schrieb, schrieb, schrieb und schrieb. Bis zum Dunkelwerden. Kein Wunsch blieb unerfüllt. Und zwischendurch immer noch für ein gemeinsames Foto posieren – Kompliment, Herr Labbadia, das ist wirklich vorbildlich! Ganz zu schweigen davon, dass der Trainer anschließend auch noch zehn Minuten für mich hatte – unter vier Augen. Dabei hatte er mit allen Kollegen schon vor dem Training ausführlich gesprochen, auch dafür vielen Dank, Bruno Labbadia, ich weiß es zu würdigen. Es war für den Hinterkopf, wichtig und gut. Und, hoffentlich darf ich das an dieser Stelle sagen: Bruno Labbadia im Original-Ton: „Ist ja immer fix was los bei deinem Blog Matz ab.“ Ich habe es als Lob verstanden, das ich Euch gerne weitergeben möchte,

Wobei ich auch an dieser Stelle betonen möchte – es sei mir ganz kurz erlaubt (ist kein versteckter Interview-Wunsch!): Der beste Bundesliga-Start des HSV ist einsame Klasse, ist vielleicht auch nicht von allen (HSV-Fans?) so gewürdigt worden, spricht jedoch für die gute Arbeit, die im Volkspark seit Monaten geleistet wurde. Auch das konnte Labbadia nur bestätigen: „Wie diese Mannschaft, die ja unter einigen Ausfälle zu leiden hat, mitzieht, das ist großartig, das ist nur zu loben – das passt ganz einfach, und es macht mir Spaß.“

Und bevor der Bundestrainer Joachim Löw jetzt wieder (wie vor dem Finnland-Spiel) sagen könnte, dass es ja nicht nur Spaß machen soll, sondern dass es auch ernsthaft zugehen muss, beende ich diese Trainingsgeschichte lieber sofort. Einen schönen Dienstag für alle.

Das heißt, schnell noch die neue Frage (nur die eine, die andere wird noch geklärt) von “Dylan 1941″: Wann werden Kommentare bei Matz ab freigegeben? Immer dann, wenn sie von uns entdeckt werden. Es gibt kaum eine Zensur, eigentlich keine, ganz im Ernst, nur dann wenn jemand beleidigt wird. So wie kürzlich ein aktueller Nationalspieler. Dann müssen wir- selbstverständlich –  reagieren, denn sonst werden wir vor Gericht gezerrt. Und das möchte ich mir ersparen, da bin ich stock-konservativ.

Also, wer hier etwas zur Sache (und zum HSV) schreiben will, ist immer herzlich willkommen, aber bitte keine Beleidigungen. Erst kürzlich sollten wir, das Hamburger Abendblatt, an anderer Stelle verklagt werden, und ich finde, das muss nicht sein. Und wenn es einer dann mit “Scheiß HSV” versucht, wird er auch scheitern – denn: was soll das?

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