Tagesarchiv für den 18. Oktober 2009

Vierte Sprechstunde

18. Oktober 2009

Versprechen wieder nicht gehalten – fällt mir gerade ein. Als ich am Sonnabend den Boulevard las, versprach Bruno Labbadia den Lesern: „Wir sind nach dem Spiel gegen Leverkusen Erster.“ Und in einem anderen Blatt stand zu lesen, dass das auch David Jarolim den Lesern versprach. Eines versprachen diese Versprechen auf jeden Fall: Vorfreude. Aber so richtig viel brachte es den Lesern dennoch nicht, denn wer ist Bundesliga-Erster? Ich verspreche nun und hier, dass es jetzt die vierte Sprechstunde geben wird.

Was macht eigentlich Frank „Wuschi“ Rohde wollte „HSVJan“ wissen. Ja, der gute „Wuschi“ ist Trainer in Oranienburg (bei Berlin), seine Mannschaft krabbelt im Mittelfeld der Brandenburg-Liga umher, das ist eine Klasse unter der Oberliga.

„Alfred E. Neumann“ fragte danach, wie ich die „mangelnde Live-Berichterstattung des NDR“ sehe“. Muss ich ganz ehrlich gestehen, dass ich die so nicht sehe. Im Gegenteil, wenn ich mal an einem Spieltag unterwegs bin, dann höre ich nur den NDR, denn das ist für mich großartig. Ich finde Rolf-Rainer Gecks super, Michael Augustin, Jörg Tegelhütter und Jens Kluttig, aber auch das gesamte Team von Alexander Bleick. Ist mein Ernst, und ich will kein Interview vom NDR, auch keine Einladung zu irgendeiner Sendung.

Wobei mir der Gedanke kommt, dass mit der Frage auch gemeint sein könnte, wie es um die Radio-Übertragung von Wochentags-Spielen steht? Da muss ich allerdings zugeben, das ist mir denn doch zu wenig. Auch auf NDR 90,3, wo Lars Pegelow ein erstklassiger Reporter ist. Die Zeiten, die er auf Sendung sein darf, die bestimmt aber auch der so sehr geschätzte Kollege nicht, das legen die Leute fest, die Regie bei den Sendungen führen. Und da habt Ihr recht, das könnte mehr sein, was da an Sendezeit von HSV-Spielen geopfert wird. Ich denke dann auch immer daran: Warum muss jetzt Rex Gildo oder auch Renate Kern singen, obwohl die Reise, die Pegelow mit dem HSV antrat, sicher einige Dollars mehr gekostet hat. Warum steht dann nicht der Fußball im Mittelpunkt, warum ist der Sender so unflexibel, mal auf die Aktualität zu reagieren. Also, in diesem Punkt bin ich sicher auf Eurer Seite, aber sonnabends, bei der Bundesliga, ist beim NDR für mich alles in Ordnung, in bester Ordnung sogar.

„Letche“ wollte wissen, was der TV-Kommentator Alexander Jacob heute macht, der 2000 das legendäre 4:4 zwischen dem HSV und Juventus Turin übertrug. Da muss ich leider (noch) passen, aber ich werde mich weiter schlau machen. Mir ist dieser Kollege niemals über den Weg gelaufen, das weiß ich, aber andere Kollegen werden mir da sicher weiterhelfen können. Also: Fortsetzung folgt.

„Peppino“ fragt, ob der HSV am Österreicher Pelivahn (Rapid Wien) dran ist. Gehört habe ich auch einmal etwas davon, aber es sagt natürlich keiner, dass es so ist. Da nun aber Dietmar Beiersdorfer bei Red Bull Salzburg unter Vertrag steht, so denke ich, dass er wohl einen Österreicher im Lande halten wird – bevor er ihn nach Hamburg ziehen lässt. Aber im Moment hält sich Beiersdorfer in Amerika auf, so dass es schwer ist, ihn danach zu fragen. Werde ich jedoch noch tun.“ Alfred E. Neumann“ wollte noch einmal wissen, was Manfred Kaltz heute macht. So viel ich weiß, ist der „Bananenkönig“ heute in Sachen Geldanlage unterwegs. Und er hat diverse Fußballschulen, die er zu betreuen hat. So hatte er (oder hat noch) eine Schule bei Hannover 96, dort bringt er dem Nachwuchssicher auch das korrekte Flanken bei. Manfred Kaltz wohnt inzwischen nicht mehr in Hamburg, sondern in der Nähe von Lüneburg.

„Kallimero“ fragt, warum es der HSV nicht schafft, über oder mit gestaffelter Prämienregelung zu motivieren? Und er fragt nach dem Leistungsprinzip. Ja, ein wahrlich großes und schweres Thema. Prämien sind ja auch beim HSV an der Tagesordnung, gemeint ist ja wohl, warum die Spieler nicht danach bezahlt werden? Würde das der HSV tatsächlich machen, und alle anderen Vereine nicht, dann liegt auf der Hand, was passieren würde. Dann gehen die Spieler zu jenem Klub, der ihnen das Geld auf die Hand gibt, beziehungsweise das Gehalt ohne auf zuvor abgelieferte Leistungen zu pochen auf das Konto überweist. Wenn sich alle Vereine aber daran halten würden, dann wären die Fußballer wahrscheinlich gerechter bezahlt.

„Junger Schwede“ fragte schon vor einer Woche, ob Joris Mathijsen einen Sehfehler auf dem linken Auge hat? Das hatte ich ignoriert, weil es mir peinlich gewesen wäre, danach zu fragen. Und er hat es gesehen, Ihr habt es gesehen: Die langen Dinger über 80 bis 140 Meter hat er inzwischen schon (fast) abgestellt.

„PS“ fragte, warum Rudi Brückner einst als Moderator des Doppelpasses vom DSF geschasst wurde. Ein heißes Thema. Ein ganz heißes sogar. Immer noch. Ich weiß, dass es absolut nichts mit Jörg Wontorra zu tun hatte. Als Brückner einst noch beim ZDF Reporter war, hatte er schon Ärger mit einem gewissen Vorgesetzten. Brückner wurde Chefredakteur beim DSF, dann Chefreporter, dann Moderator – und eines Tages war der ehemalige ZDF-Vorgesetzte wieder sein Vorgesetzter beim DSF. Als das geschah, sagte Rudi Brückner zu mir: „Du kannst die Uhr danach stellen, am Ende des Jahres werde ich nicht mehr beim DSF sein. Garantiert, denn zwischen uns stimmt die Chemie einfach nicht.“ Genauso kam es. Was aber genau zwischen diesen beiden Herren stand, weiß ich auch nicht. Für Rudi Brückner tut es mir Leid, gebe ich zu, denn er fand keinen Anschluss-Job im Sport-Journalismus. Kurzfristig war er bei Eurosport tätig, aber das war, um es mit “Mini Me” zu sagen, dann tatsächlich nichts Halbes und nichts Ganzes mehr. Heute arbeitet der Rudi wieder in seinem ursprünglichen Beruf, er ist in München als Lehrer tätig. Kurios: Als im Winter Doppelpässe aus seiner DSF-Zeit wiederholt wurden, erkannten ihn einige seiner Schüler – sie wussten bis dahin nicht, wer da vor ihnen stand.

So, um auch diese Sprechstunde nicht zu überfrachten, beende ich nun den ersten Teil. Im Laufe des Montags wird diese Sprechstunde aber noch fortgesetzt. Und außerdem gibt es auch noch eine weitere, höchst interessante Geschichte.

23.10 Uhr

Meinungsverschiedenheiten

18. Oktober 2009

Selten gingen die Meinungen so auseinander, wie bei und nach diesem 0:0 zwischen dem HSV und Bayer Leverkusen. Schon während des Spiels waren sich auf der Pressetribüne einige Kollegen uneins: Grottenkick oder taktisches Geplänkel? Auch nach dem Spiel waren sich Experten und Fans nicht einig. Die einen sagten: „Schlechtes Spiel.“ Die anderen: „Das war okay.“ Und auch bei „Matz ab“ gingen die Meinungen auseinander. „Mini Me“ befand: „Nichts Halbes und nichts ganzes.“ Bei „Mario“ ganz ähnlich: „Weder Fisch noch Fleisch.“ Ich tendiere allerdings eindeutig zu „Cappi“, der festgestellt hat: „Wer sagt, dass das Spiel heute schlecht war, der hat keine Ahnung.“ Damit lege ich mich ebenfalls fest: schlecht war das gewiss nicht.

Bruno Labbadia hatte ganz offensichtlich die Marschroute ausgegeben: „So viel Ballbesitz wie möglich, denn wenn wir den Ball haben, kann der Gegner keine Tore schießen. Und dann eine der wenigen Torchancen, die sich für uns aus einem solchen Spiel heraus ergeben, eiskalt nutzen.“ Warum könnte Labbadia so gedacht haben? Weil er wusste, dass er mit dem B-Angriff gegen den Tabellenführer anzutreten hatte. Und wer kann denn schon erwarten, dass der HSV mit Marcus Berg und Tolgay Arslan Leverkusen in Grund und Boden wirbelt? Dass sie so wirbeln, als wäre das Fehlen der verletzten Mladen Petric und Paolo Guerrero nie ein Thema gewesen? Die Antwort habt Ihr Euch selbst schon unzählige Male auch an dieser Stelle gegeben. In Sachen Berg, in Sachen der Sturm-Talente.

Der HSV in dieser personellen Besetzung muss sich danach richten, was er kann – und das ist im Moment ganz sicher nicht, dass Angriff die beste Verteidigung ist. Die kommenden Spiele bis zur Winterpause dürften ähnlich aussehen, wie dieses 0:0 gegen Leverkusen.

Das Bayer-Team hat auf mich, abgesehen von der Tatsache, dass es zu wenig riskiert hat, fußballerisch einen ganz ausgezeichneten Eindruck gemacht. Allen voran dieser „Klotz“ Samy Hyypiä. Im Ball muss ein Chip gewesen sein, im Schuh des Finnen ein Magnet. Und im Kopf wohl auch. Der 36-jährige war der Mann dieses Spiels. Wobei ich mich daran erinnert fühlte, was ich in Sachen Testspieler Smolarek schon geschrieben hatte: Da kommt ein „alter Mann“ aus England, der zehn Jahre für den FC Liverpool gespielt hat, der dann aber den Klub verließ – oder aus Altersgründen verlassen musste? Weil Liverpool andere Ansprüche hat? Und dann kommt die Bundesliga ins Spiel. Deutschland ist das ideale Auffangbecken für in England (oder in Spanien) gestrandete Profi-Fußballer. Hier kann auch ein 36-Jähriger noch zwei, drei Jahre mitkicken, ohne groß aufzufallen. Oder um gerade aufzufallen, durch überragende Leistungen – wie in diesem Falle.

Und wo ich gerade bei Leverkusen bin: Wer nicht gesehen hat, dass diese Mannschaft vornehmlich in Halbzeit eins) Forechecking gespielt hat, dem möchte ich empfehlen, sich das Spiel noch einmal auf Konserve anzusehen.. Nur so viel: Warum gab es in diesem Spiel so viele Rückpässe zu Frank Rost?

Und wenn ich geschrieben habe, dass diese Bayer-Elf großartig verschoben hat, dann fühlte ich mich in den Stunden nach dem Spiel von vielen Kollegen, Experten und Trainern bestätigt. Das war sogar super anzusehen, wie da ein Leverkusen-Rädchen ins andere griff. Das wusste jeder Spieler, was er zu tun und zu lassen hatte. Ich wollte eine Handschrift des Trainers (Jupp Heynckes) erkannt haben.

Und wer nicht weiß, was „verschiebe“ ist, dem sei es schnell erklärt: Die Mannschaft rückt auf der Seite, auf der sich der Ball befindet (oder wo der Angriff des Gegners läuft) eng zusammen, stellt die Räume dicht – und vernachlässigt so dann auch ein wenig die (entblößte) andere Seite. Wechselt der Ball bei gegnerischem Ballbesitz aber plötzlich die Seite (das kann beim HSV vor allem Jerome Boateng sehr gut), dann wird verschoben. Nämlich von einer Seite zur anderen, dorthin, wo sich der Ball befindet.
Und weil dass das laufstarke Leverkusen nahezu perfekt beherrschte, hatte der HSV erstens weniger Tormöglichkeiten, und zweitens konnte sich Leverkusen dann erlauben, früh, schon tief in der Hälfte des HSV, zu attackieren – weil man ja hinten bestens stand und alles was nach HSV-Offensive aussah auch im Griff hatte.

Übrigens: Dass der HSV heute trainingsfrei hat, ist absolut okay. Die Nationalspieler waren in der vergangenen Woche nur auf Achse, die mussten diesen Tag ganz einfach haben. Zu Eurem Trost sei gesagt: Bruno Labbadia ist ganz sicher kein Trainer, der sich auf die faule Haut legt, der auch zusieht, wenn sich seine Spieler auf die faule Haut legen. Labbadia gibt Gas, davon geht bitte verstärkt aus. Bei ihm gibt es kein 90-Minuten-Training mehr, hier geht kaum ein Spieler mal vor der Zwei-Stunden-Marke vom Rasen. Nein, nein, keiner muss sich ärgern, der HSV trainiert viel und gut.

Und, was ich auch festgestellt habe: Bruno Labbadia erkennt genau, wo seine Mannschaft Schwächen hat, und er reagiert darauf absolut prompt, indem diese Dingen trainieren lässt, um sie sofort zu verbessern. Er geht gezielt vor, das ist kein Alibi-Training, das ist zielorientiert. Und ich kann das nur loben.

Wobei ich jetzt kein Exklusiv-Interview mit Herrn Labbadia führen möchte, was mir schon wieder im Fall Trochowski unterstellt wurde. Wenn ich mit Piotr Trochowski sprechen möchte, um mal zu sagen, wie das läuft, dann rufe ich ihn an, oder ich gehe nach dem Training auf ihn zu. Und entweder er spricht mit mir, oder er vertagt es – oder er lässt es bleiben. Dafür muss ich aber ganz sicher nicht positiv über ihn schreiben. Da verkennt Ihr ihn und mich.

Und wo wir gerade bei verkennen sind: In Sachen Jonathan Pitroipa muss ich eindeutig sagen: Als er gegen Leverkusen kam, gab es deutlich mehr Leben in der Hamburger Offensive. Sein Verdienst. Und ich schließe mich „Friedrich Hebbel“ an, der schrieb: „Er kann eines besser, als alle anderen HSV-Stürmer: laufen, schnell laufen.“ Das ist es. Und gegen Leverkusen ließ er sich auch durch die Kompromisslosigkeit eines Hyypiä aufhalten, „Piet“ versuchte es immer wieder. Mal mit Erfolg, mal ohne. Auf jeden Fall hatte der HSV, als Pitroipa (den ich auch schon als hoffnungslosen Fall abgebucht hatte) auf dem Rasen war, eine Alternative mehr – nämlich die, auch mal steil spielen zu können. Das ist mit Marcus Berg, Tolgay Arslan (geht Montag wegen der Knieverletzung zur Kernspintomographie) oder auch Tunay Torun (er wird immer sicherer und damit besser!) nicht zu machen. Mangels fehlender Sprintschnelligkeit. Sie haben eben andere Stärken.

Apropos Stärken: Marcel Reif hat Euch also wieder einmal nicht überzeugen können (ich sah ihn nur in der Arena, hörte ihn aber nicht). Was ich in einem solchen Fall immer zu tun pflege: Ton aus. Kein Flachs. Und wenn ich richtig sauer bin, lege ich mir sogar eine nette CD auf. Und dann höre ich Musik, sehe gleichzeitig Fußball im TV. Geht wunderbar. Seid ehrlich, wozu braucht Ihr denn einen Kommentar? Den HSV kennt Ihr wie kein anderer, und vom Gegner lernt man die entscheidenden Leute – so man sie denn noch nicht kennt – während der 90 Minuten kennen.

So, zum Schluss möchte ich mich der Bitte von „Matthias“ anschließen: „Bitte keine bloginternen Scharmützel und keine Provokationen mehr. Das nervt.“

Treffer!

15.45 Uhr