Tagesarchiv für den 15. Oktober 2009

Berg kommt gestärkt zurück

15. Oktober 2009

Die Fußball-Welt hat mal wieder einen neuen Skandal – allerdings von einer altbekannten Skandalnudel: Diego Armando Maradona. Ich muss gestehen, dass ich etwas schmunzeln musste, nachdem ich von seinen verbalen Ausrastern nach dem 1:0-Sieg in Uruguay vor allem gegen die Medien gelesen habe. Maradona bediente sich komplett der Fäkalsprache. Wirklich überraschend ist das nicht, wie mir einige Maradona-Kenner berichtet haben. Demnach bedient sich Maradona schon seit jeher (auch zu Spielerzeiten) sehr gerne Kraftausdrücken und bepöbelt seine Kontrahenten, besonders die meiner Zunft, auch gerne mal. Dass Maradona in den vergangenen Jahren immer mal wieder wegen handgreiflicher Übergriffe auf Journalisten oder Fotografen aufgefallen ist, überrascht da kaum.

Was das mit dem HSV zu tun hat? Nicht viel. Ich kann in diesem Zusammenhang nur bestätigen, dass viele Spieler und Verantwortliche Medienleute mitunter als echte Feindbilder betrachten. In den vergangenen Jahrzehnten habe ich häufiger mal Beschimpfungen von Kollegen mitbekommen, hier und da hätte man (gerade in den Krisenzeiten des HSV in den 90er-Jahren) die Kommentare einiger Profis, die sich zu hart kritisiert fühlten oder ihrem sportlichen Frust mal anderweitig Luft machen wollten, auch als Drohung verstehen können. Es gab und gibt nur wenige Männer aus dem Profigeschäft, die sich cleverer für diverse Artikel ihrer „Lieblingsschreiber“ revanchiert haben.

Einer dieser Männer war der damalige HSV-Trainer Frank Pagelsdorf. Er hatte immer wieder Probleme mit einem bestimmten Kollegen der Hamburger Morgenpost (Mopo). Anfangs strafte er ihn mit einsilbigen Antworten auf Fragen, dann blaffte er ihn ein paar Mal an – das Verhältnis erinnerte an eine Kühlschrankatmosphäre. Mit kompletter Nichtachtung des jüngeren Kollegen wollte Pagelsdorf aber nicht reagieren, weil er genau wusste: Mit der Presse zu arbeiten ist immer schwer, gegen sie zu arbeiten macht den Alltag aber gerade in sportlichen Krisenzeiten unerträglich. Also machte er weiterhin gute Miene zum nervtötenden Spiel. Und dann kam der Jahresabschlusskick, draußen in Ochsenzoll. Hamburgs Presse (die HSV-Begleiter) gegen die Trainer und Verantwortlichen. Sogar Werner Hackmann lief damals für zehn Minuten auf, um sich anschließend am Spielfeldrand in Trikot und kurzer Hose einen Zigarillo anzustecken. Das Spiel lief keine drei Minuten, da hatte der filigrane Pagelsdorf den Ball in Höhe der Mittellinie am Fuß, und der bärengroße Mopo-Mann stand ihm drei Meter gegenüber und pirschte sich vorsichtig an. Pagelsdorf hätte nach links abspielen können, nach rechts, nach hinten. Doch der Trainer musterte seinen Gegner, holte dann aus und ballerte ihm den Ball mit der Pike (!) – die nutzte er sonst nie – zwischen Brust und Hals. Der Aufprall klatschte laut und tat schon beim Zusehen weh. Der Mopo-Mann torkelte kurz, wusste gar nicht, wie ihm geschah, trug einen roten Abdruck mit sich und überlegt wahrscheinlich heute noch, ob Pagelsdorf den Ball gen Pressetor flanken wollte. „Pagel“ zuckte nach dem Spiel, das die HSVer deutlich gewannen, auf Nachfrage die Schultern und klopfte dem Mopo-Mann schelmisch grinsend auf den Rücken: „Ich habe ihn wirklich nicht gesehen. Der Ball muss mir abgerutscht sein…“ Für Pagelsdorf war das ein echter Fortschritt. Kein Witz: In seiner Dortmunder Zeit hat er im Presseraum mal einem Journalisten eine Cola über den Kopf gegossen.

Bei einigen anderen Bundesligaklubs ist es in solchen Presse-Partien übrigens auch schon zu Ohrfeigen, verletzungsgefährdenden Fouls und ähnlichem gekommen. Darum verzichten einige Vereine auch ganz auf solche Matches – zum Schutz der Journalisten. Was meint Ihr, wie gerne mancher Profi in so einem Spiel mitwirken würde. Nur für fünf Minuten, das würde reichen.

Kommen wir zu etwas Wichtigerem: dem Topspiel des HSV am Sonnabend gegen Leverkusen. Heute ist neben der Nordbank-Arena ja erst einmal Inventur angesagt. Bruno Labbadia wird seine Länderspielreisen-Rückkehrer zählen und bei jedem einzelnen nachfragen, ob es neben der nachvollziehbaren Reise-Müdigkeit ernstzunehmende Zimperlein gibt. Nach aktuellem Kenntnisstand dürfte den Trainer keine Schreckensmeldung erreichen. Seine Profis sind fit und heiß und voller Tatendrang.

Ich habe mir Mittwochnacht die anderen Ergebnisse, Torschützen und Tabellenstände angeschaut und bin der festen Überzeugung, dass die HSV-Spieler mit einem positiven Schwung vom letzten Qualifikationstrip des Jahres 2009 zurückkehren. Das ist gut für das Topduell der Bundesliga.

Vor allem Marcus Berg erwarte ich in einer mentalen Topverfassung. Klar, werden nun einige sagen, sein Tor beim 4:1-Sieg gegen Albanien war nutzlos – die Schweden haben sich als Tabellendritter der Europa-Gruppe 1 ja gar nicht für die WM qualifiziert. Aber trotzdem hat sich der nun zum HSV-Stürmer Nummer 1 gemauserte Berg spielfreudig, abschlusssicher und mannschaftsdienlich präsentiert. Ein Treffer, eine Vorlage – gegen Bayer würde ich sogar auf einen Torerfolg des zuletzt oft Gescholtenen wetten.

Ich hoffe nur, dass sein neuer Nebenmann – ich rechne mit Eljero Elia – den Horrortrip mit dem Oranje-Team nach Australien gut verkraftet hat (über den Sinn solcher Reisen brauchen wir ja nicht mehr zu reden!). Elia könnte die Überraschung für Leverkusen werden, denn auf dieser Position konnte ihn Bayer ja noch gar nicht analysieren. Wenn Elia seinen Turbo wie gewohnt einschalten kann, wird er Bayers Hintermannschaft erhebliche Sorgen bereiten. Oftmals ist er ja nur per Foul zu stoppen. Und warum sollte der HSV nicht auch mal wieder einen Elfmeter zugesprochen bekommen?

Trotz der Verletzungsprobleme im HSV-Kader erwarte ich ein Duell auf Augenhöhe. Und ich bin mir sicher, dass gerade Leute wie Piotr Trochowski und auch Jerome Boateng vor Unternehmungslust nur so strotzen werden, nachdem sie am Mittwoch das Pfeifkonzert beim Deutschland-Spiel gehört haben. Ich habe es ja schon einmal gesagt: Zwei solche Partien in Hamburg hintereinander braucht kein Mensch.

14:25 Uhr