Tagesarchiv für den 14. Oktober 2009

Das war grausam!

14. Oktober 2009

Was für ein schönes Bild: Die Zuschauern in Hamburg wedelten so um die 70. Minute freudig und erregt mit ihren Deutschland-Fahnen, einige Fans sangen voller Euphorie: „Deutschland, Deutschland, Deutschland, Deutschland.“ Super, diese Stimmung, nur schade, dass der Spielstand nicht so ganz zu diesem würdigen Rahmen passte, denn die Finnen führten in diesem letzten WM-Qualifikationsspiel mit 1:0. Es war grausam, erbärmlich, kümmerlich, enttäuschend, blamabel, ätzend – und einfach nur Fußball zum Abgewöhnen. Dazu passte so herrlich das Tor zum 1:1-Endstand: Lukas Podolski würgte den Ball mit rechts über die Torlinie.

Das war er also, der mit großer Vorfreude erwartete Auftritt der deutschen B-Nationalmannschaft. Es sollte ja nicht nur spaßig werden, so hatte es der Bundestrainer vorher versprochen, sondern es sollte schon auch Ernst dabei sein. Den allerdings habe ich nicht gesehen. Hat der mitgespielt? Zu Beginn der Partie stand Joachim Löw noch an der Seitenlinie, schick sah er aus, in seinem Grauen, und er fuchtelte manchmal wie wild in der Gegend herum. Gerade so, als würde er ein Lasso werfen. Half alles nichts. Was er auch schon bald einsah, er setzte sich. Und die Zuschauer pfiffen dafür nach Leibeskräften. Ich habe dabei gedacht: Hoffentlich sind viele Hamburger dabei. Die können sich im Pfeifen ruhig verausgaben, denn am Sonnabend brennt im Volkspark die Hütte. Da wird keine solche Beerdigungsstimmung herrschen, so rund um den HSV-Friedhof, da geht es ab hier. Aber fragt nicht nach Sonnenschein, oder?

Nach diesem Kick bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass Jerome Boateng im Sommer 2010 in Südafrika weilen wird. Wenn ich mir so den Hoffenheimer Andreas Beck, Wegbegleiter des 1:0 für die Finnen, besehe, dann kommen mir nicht nur arge Zweifel, ob er tatsächlich Nationalspieler sein sollte? Ich glaube, dass ihm Joachim Löw vor Augen führen wollte, dass er es nicht kann. Motto: „Mach’ dir erst keine großen und kleinen Hoffnungen auf die WM, du bekommst schon von den Finnen deine Grenzen aufgezeigt.“

Wenn Beck flankte, dann fühlte ich mich ans HSV-Training erinnert. Wenn Bruno Labbadia seine Stürmer um sich versammelt, dann übt er das Flanken – der besonderen Art. Er spielt die Bälle unmöglich zu, schießt sie in den Rücken, als Aufsetzer, und, und, und. „Problembälle“ habe ich das einmal genannt, und darauf hat sich auch Beck spezialisiert. Für den Hoffenheimer, der gegen Ende des Spiels ein wenig auftaute, dürfte im nächsten Sommer Urlaub auf Teneriffa angesagt sein, oder Mallorca.

Wobei ich nicht nur auf den Rechtsverteidiger „einprügeln“ möchte. Philipp Lahm hatte im Spiel nach vorn keinen guten Tag erwischt, verlor er den Ball, trottete er nur hinter dem Finnen her. Piotr Trochowski, der gut begonnen hatte, verabschiedete sich nach der Anfangsphase bis zum Halbzeitpfiff von diesem Spiel, um später wieder (dann etwas besser) dran teilzunehmen. Lukas Podolski spielte genau so wie sein 1. FC Köln in der Bundesliga, das muss als Kommentar genügen. Cacau startete schwungvoll, vergeudete seine Kräfte dann aber dadurch, dass er viel nach hinten tun musste. Und Mario Gomez stellte eindrucksvoll unter Beweis, warum er beim FC Bayern derzeit meistens nur auf der Ersatzbank sitzt – und ein Mann namens Müller zu Einsatz kommt.

Das waren einfach zu viele Spieler, die abtauchten, so etwas verkraftet kaum eine Mannschaft. Und deswegen gab es ein solches kümmerliches Spielchen.

„Der Präsident hat mir ein Klassespiel und viele wunderschöne Tore versprochen“, hatte vorher noch Uwe Seeler, der Präsident des „Clubs der Nationalspieler“, gesagt. „Uns Uwe“ hatte Freude und Euphorie in der Stimme, aber davon war etwas später auf dem Rasen nichts, aber auch wirklich nichts mehr zu erkennen. Die Finnen wurden einmal mehr ihrem Ruf gerecht, ein unangenehmer und höchst unbequemer Gegner zu sein. Eine Spitze, der Rest hielt sich bei deutschem Ballbesitz in der eigenen Hälfte auf – mauern nennt man eine solche Taktik. Und der DFB-Elf fiel nichts dazu ein. Da war enorm viel Brotloses dabei, was den Zuschauern bei fast schon winterartigen Temperaturen geboten wurde.

Ich sehe ihn noch immer vor mir, den hilflosen Blick des Kapitäns. Michael Ballack hob teilweise die Hände, wenn er die Kickerei seiner Mitspieler betrachtete. Seine Miene schien zu sagen: „Mein Gott, wo bin ich hier nur hinein geraten?“ Der Londoner wurde dann ja auch nach 45 Minuten erlöst, das war ja oft nur unterste Schublade, was da als WM-Qualifikationsspiel verkauft wurde.

Deutsche Torgefahr? Null! Spiel nach vorne? Ein Witz! Spielwitz? Nicht vorhanden! Tempo? Das wäre wohl, drei Tage vor dem nächsten Bundesliga-Spieltag, auch etwas zuviel verlangt!

In der 59. Minute hatte Deutschland eine gute, na ja, eine viel versprechende Tormöglichkeit: Freistoß von rechts, den sollte Lukas Podolski zur Mitte bringen (was er kurz darauf auch tat). Und dann passierte wieder einmal das, was mich auch trotz der arktischen Temperaturen schnell zum Kochen bringt: In der Mitte steht Mario Gomez, bevor Podolski zum Schuss ansetzt, deutlich im Abseits. Und er steht – natürlich – auch dann noch im Abseits, als der Ball bei ihm landet. Mann gönnt sich ja sonst nichts. Und dann, welch ein Hohn, trifft er den Ball nicht mit dem Kopf, sondern nur mit der Schulter, die Kugel fliegt ins Aus. Das allein ist schon katastrophal. Dass der Linienrichter wie selbstverständlich seine Fahne hebt, gehört wohl zu diesem Szenario dazu. Ich frage mich nun, warum steht ein Angreifer (in diesem Falle Gomez) so deutlich im Abseits, ohne es dann rechtzeitig genug aufzuheben? Was hat das für einen technischen Nährwert, wenn man da so herum steht in der Gegend? Und: Warum greift da kein Trainer (auch in der Bundesliga) ein, um solche Abseitsstellungen zu vermeiden. Das aber nur mal am Rande, das brannte mir schon seit langer, langer Zeit auf der Seele.

Mein Trost nach diesem 1:1-Kick: Hamburg kann nicht in Folge zwei solche beschämenden Auftritte erleben. Also: Am Sonnabend wird alles gut. Dann spielt ja auch der HSV.

19.54 Uhr

Einen Nationalspieler “gemacht”

14. Oktober 2009

Die Reihen füllen sich: Joris Mathijsen und Eljero Elia nahmen schon wieder am Mittwoch-Training teil, es geht personell also bergauf. Und der abgemagerte Reiner Calmund sah beim Training zu, sprach später lange mit Ze Roberto, den er einst für Bayer Leverkusen in Brasilien entdeckt hatte, und danach auch unter vier Augen mit Bruno Labbadia. Ich hatte das Vergnügen, mit ihm über zehn, 15 Metern zu schnacken – weil ein Zaun und zwei Ordner dazwischen waren. Er: „Ich bin der neue Mittelstürmer.“ Ich: „Du bist doch wohl eher der neue Test-Manager – oder Test-Sportchef.“ Er tippte sich an die Stirn und sagte: „Bist du bekloppt?“ Hätte doch was, oder? Calmund hat den Namen, den der Aufsichtsrat angeblich immer gesucht hat. Calmund hat auch Ahnung, viel Ahnung sogar, und er wirkt fit, denn er hat schon an (oder über9 die 30 Kilo abgenommen. Naja, vielleicht wird ihn der Aufsichtsrat ja doch noch einmal attackieren – falls er es noch nicht getan hat.

So, nur noch wenige Stunden bis zum Länderspiel, da passt eigentlich so bestens eine Geschichte, die unglaublich klingen mag, die aber wahr ist – wie alle Storys, die Ihr hier bei „Matz ab“ lesen könnt. Wären sie nicht wahr, hätte es sicher schon die eine oder andere Korrektur oder auch Beschwerde gegeben, aber die gab es eben nicht. Weil alles stimmt. So wie diese Geschichte hier.

Das Motto der nun folgenden Zeilen könnte lauten: Matz macht Nationalspieler. Naja, wenigstens einen. Es war Anfang September im Jahre 1997. Deutschland stand vor zwei wichtigen WM-Qualifikationsspielen. In Berlin sollte es gegen Portugal gehen, in Dortmund gegen Armenien. Als Bundestrainer Berti Vogts den Kader bekannt gab, waren zwei Namen dabei, die ich nicht glauben konnte Mir schwoll der Kamm: Hagner und Haber. Das war für mich unfassbar. Die hatte ich beide erst kürzlich kicken sehen, und da waren sie erschütternd schwach. Noch nie hatte ich es gemacht, und auch danach nie wieder, aber diesmal musste es sein: Ich rief nur Minuten nach der Kader-Nominierung beim DFB in Frankfurt an. Dort sprach ich mit einem Herrn (in verantwortungsvoller Position), von dem ich wusste, dass er gut mit Berti Vogts kann. Ich sagte am Telefon: „Ich kann es nicht glauben, dass Hagner und Haber dabei sein sollen, aber kein Sven Kmetsch vom HSV. Der ist inzwischen Kapitän in Hamburg und spielt hier in der Form seines Lebens.“

Gesagt, einige Minuten nett geplaudert – das war es dann.

In Berlin, zwei Tage vor dem ersten Spiel, stand die erste Pressekonferenz auf dem Plan. Der DFB-Mitarbeiter sah mich, rief mich zu sich und sagte: „Berti Vogts hat es zur Kenntnis genommen. Er wusste offenbar nicht, dass Sven Kmetsch im Mittelfeld alle Positionen spielen kann, er hat ihn immer nur rechts gesehen.“ Ich entgegnete: „Der Kmetsch spielt dir den Dieter Eilts, nur spielt er ihn besser. Weil er nicht nur kämpfen und grätschen kann, sondern auch Fußball spielen. Und vor allem schießen. Der schießt wie ein Wilddieb.“ Der DFB-Mitarbeiter: „Warte mal ab, was passiert . . .“

Deutschland spielte gegen Portugal nur 1:1, hatte viel Glück, nicht verloren zu haben. Und auf der Pressekonferenz nach dem Spiel fiel Berti Vogts zum ersten Mal über zwei Spieler her, von denen er sehr enttäuscht gewesen war: Thomas Helmer und Mario Basler. Das war total untypisch für Vogts, er hatte sich sonst immer vor seine Spieler gestellt. Zum Schluss sagte Vogts noch: „Ich werde zum Armenien-Spiel nachnominieren.“

Hey, da war es doch. Auf diesen Satz sollte ich offenbar warten. Neben mir saßen die Nationalmannschafts-Experten Hartmut Scherzer (Frankfurt) und Martin Hägele (Stuttgart). Beiden flüsterte ich zu: „Ich weiß, wen der Berti nachnominieren wird: Olaf Thon und Sven Kmetsch.“ Beide lachten mich nur aus, und Hägele bot mir spontan eine Wette an: „Wenn das stimmt, lade ich dich in Dortmund zum Essen ein.“

Als ich am Montag mit dem Auto Richtung Dortmund fuhr, hörte ich im Radio plötzlich die Meldung: Bundestrainer Vogts hat für das Armenien-Spiel den Schalker Thon und den Hamburger Kmetsch nachnominiert.“ In Dortmund angekommen, ging es sofort zu Pressekonferenz der Nationalmannschaft. Dort traf ich den DFB-Mitarbeiter wieder. Er rief mich zu sich. Unterwegs dachte ich bei mir: „Ob Kmetsch wohl von Beginn spielen wird?“ Angekommen, fragte ich das sofort. Der DFB-Mann legte den Finger auf die Lippen und sagte: „Leise. Ja, Sven Kmetsch wird sein Debüt geben.“

Ich war innerlich aufgewühlt. Was ein Telefonat (nach Bekanntgabe des Kaders) doch ausgemacht hatte.
Nachmittags traf ich den Kollegen Oliver Hartmann (heute Kicker) in der Dortmunder Innenstadt. Ich wettete auch mit ihm, denn er sagte: „Kmetsch wird nicht von Beginn an spielen, auf keinen Fall. Das hat Vogts noch nie gemacht, einen nachnominierten Spieler sofort einzusetzen.“ Wir wetteten um ein weiteres Essen – ich habe beide Essen aber nie erleben (oder genießen) dürfen.

Am Mittwoch spielte Sven Kmetsch von Beginn an. „Mein Nationalspieler“. Er spielte großartig, aber nur bis zur 43. Minute. Dann grätschte er an der Mittellinie, blieb mit den Stollen im Rasen hängen – und verletzte sich schwer. Zur Pause wurde er ausgetauscht. Und er erholte sich von dieser Verletzung eigentlich nie wieder so richtig. Er ging zu Schalke 04, machte nur noch ein Länderspiel (45 Minuten beim 2:0 gegen Oman), fand aber nie zu seiner Bestform zurück.

Was mich persönlich enttäuschte: Ich erzählte Sven Kmetsch irgendwann einmal in Hamburg von dieser Geschichte, ich glaube aber, er hat sie mir nie so richtig abgenommen. Ich gebe natürlich auch zu, sie klingt total abwegig, aber wie eingangs bereits gesagt: wahr. Als Kmetsch mit Schalke mal in den Volkspark gekommen war, bat ich ihn um sein Trikot (ein Tick von mir – siehe das Gewinnspiel), aber ich bat vergeblich. Kmetsch ignorierte die Bitte. Und auch der Kontakt zu ihm war damit erledigt. Dankbarkeit im Profi-Sport zu erwarten, das ist wohl ein wenig zu verwegen.

So, zwei Anmerkungen zum Schluss. Wenn ich hier etwas schreibe, steht mein Name dafür. Ich schreibe nicht anonym. Zu 90 Prozent aber gibt es für mich anonym etwas um die Ohren, wenn Euch das, was ich hier absondere, nicht passt. Darauf bin ich gefasst, mein Fell wird von Tag zu Tag dicker. Wenn ich aber etwas gutheiße, was der Bundestrainer auch für gut befindet, dann sollte sich die Pöbelei doch etwas in Grenzen halten. Ihr habt dann Eure Meinung, ich die meine. Beide miteinander auszutauschen, das ist der Sinn von „Matz ab“, aber ich finde auch, was einige hier schon äußerten: Der Ton macht die Musik.
Gilt auch im Falle von „Rothosenfan No 1“, der mich beschuldigte, ihn in die Nähe von Anwalt und Gericht gebracht zu haben. Tut mir Leid, aber so hatte ich es eben aufgefasst – als kleine versteckte Drohung. Und das finde ich, gelinde gesagt, total abwegig, denn es soll hier ja lediglich und nur um Fußball – und den HSV gehen.

Zum Schluss noch ein Abstecher in Richtung Videos: Bei der „Charly-Dörfel-Barkassenfahrt“ sind zu sehen: Bernd Hoffmann, Horst Becker, Bernd Dörfel (mit Glatze), Helmut Sandmann und Willi Giesemann, dazu der ehemalige HSV-Trainer Martin Wilke und viele Dörfel-Freunde. Und als Kapitän verkleidet natürlich die Hauptperson, der Charly.

15 Uhr

In eigener Sache
Pfeil
0  00 : 00 : 00
Tage  Std.  Min.  Sek.