Tagesarchiv für den 13. Oktober 2009

Löw lobt Boateng

13. Oktober 2009

Erst der HSV, dann die Nationalmannschaft. So lief das am Dienstag mit dem Training im Volkspark ab. Bei Bruno Labbadia tobten immerhin schon wieder zwölf Spieler über den Rasen, mit von der Partei Jerome Boateng. Beim abschließenden Spielchen über drei Drittel ging es mit Feuer zur Sache, das war schön anzusehen – auch wenn die Gruppe nur klein war. Und was mir besonders imponierte: Die Torhüter waren bei jedem Gegentor mächtig „auf Zinne“. Frank Rost schrie mehrfach laut auf und stauchte seine Vorderleute zusammen (besonders Robert Tesche), und auf der Gegenseite fuhr auch Wolfgang Hesl mächtig aus der Haut, wenn er bezwungen worden war – und das war zum Schluss nicht ganz so selten. Mir gefällt es aber, wenn alle voller Ehrgeiz bei der Sache sind, sich auch in einem eigentlich unbedeutenden Trainingskick nicht nur nicht hängen lassen, sondern alles geben. So soll es sein, das ist profihaft und vorbildlich.

Nach dem HSV-Training fuhr ich noch zur Pressekonferenz der Nationalmannschaft. Dort stellte sich Bundestrainer Joachim Löw den Fragen der Medienvertreter aus Deutschland. Löw antwortete auch auf die Frage, was für einen Stellenwert Piotr Trochowski im DFB-Team hat: „Einen sehr hohen.“ Er schätzt den Hamburger vor allem wegen seiner Ballfertigkeit. Nach diesem Pauschal-Lob kann ich mir nicht vorstellen, dass die Weltmeisterschaft in Südafrika im nächsten Jahr ohne Trochowski stattfinden wird – der HSV-Spieler ist dabei.

Das gilt auch für Jerome Boateng. Der Abwehrspieler wäre ganz sicher etwas ins Schwitzen geraten, hätte er die Lobeshymne, die der Bundestrainer auf ihn hielt, live mitgehört. Keine Frage: Löw ist in den letzten Wochen zum absoluten Boateng-Fan geworden, der Coach trug den ehemaligen Hertha-Spieler nun bei der Pressekonferenz, die im Hause Beiersdorf (der Pflaster-Hersteller) stattfand, geradezu auf Händen. Nach diesen Löwschen Worten bin mir absolut sicher: Der 21-jährige Hamburger Profi wird auf jeden Fall mit nach Südafrika fliegen, da beißt die Maus keinen Faden mehr ab.

Was mir während der Pressekonferenz ein Kollege aus dem Westen der Republik flüsterte, wird Euch sicher auch sehr interessieren: Bei einem Geheimtraining der Nati-Kicker im Volkspark wurden Standards geübt, und bei dieser Einheit, die eigentlich niemand sehen sollte (bei denen aber immer doch der eine oder andere Kollege noch ein Schlupfloch findet), war Piotr Trochowski mit Abstand der beste Spieler. Er soll unglaublich viele Freistöße direkt verwandelt haben, und er soll auch jene Freistöße, die als Vorlagen in den Strafraum segeln sollten, mit einer unwahrscheinlichen Präzision und in überragender Manier zur Mitte geschlagen haben. Hey, was ist da los? Wieso geht es bei Löw mit einem Male?

Aber es wäre doch schön, wenn „Troche“ diese Form mit hinüber in die Bundesliga retten würde. Vielleicht zeigt er es schon am Sonnabend gegen Leverkusen, dass er es kann, dass er es wieder kann.
Übrigens: Bei der PK in Eimsbüttel flüsterte mir auch ein ranghoher DFB-Mitarbeiter zu, dass sie alle von Jerome Boateng begeistert sind. Nicht nur als Spieler, aber auch („Er hat in Moskau bis zu seinem Platzverweis absolut überzeugend und stark gespielt“) – und dazu als Mensch, der sich ohne Probleme in die für ihn neue Gemeinschaft eingefügt hat. Wörtlich hieß es: „Boateng ist ein großer Gewinn für die Nationalmannschaft, er wird seinen Weg hier gehen.“

Ich war und bin davon ja schon seit Monaten überzeugt. Und irgendwie ist das Risiko, das Joachim Löw mit dem Debüt von Jerome Boateng im Russland-Spiel einging, ja auch mit der Qualifikation zur WM belohnt worden. Wenn das allerdings schief gegangen wäre, dann hätte ich nicht in der Haut des Bundestrainers stecken mögen, denn dann wäre der „Jogi“ fein säuberlich und in aller Öffentlichkeit zerlegt worden. Deswegen: Kompliment, Herr Bundestrainer!

Auch zu Marcell Jansen bezog Löw in Hamburg Stellung. Zwar ein wenig vorsichtig, aber immerhin, der Trainer hat ihn noch auf dem Zettel. Allerdings führte er auch die Verletzungen an, die den HSV-Spieler immer wieder mal zurückwerfen, die ihn jedes Mal wieder dazu zwingen, sich kraftraubend an das Team heranzukämpfen. Ob sich da positiv auf eine Turnier-Nominierung auswirken wird? Eher wohl nicht, obwohl Joachim Löw dazu – natürlich – nichts sagte.

Dafür gab er Auskunft über jenen jungen Spieler, der schon demnächst, in den Länderspielen gegen Chile und wahrscheinlich gegen Ägypten (beide im November), eine Chance erhalten wird: Thomas Müller. Löw ist von der Blitzkarriere des Bayern-Torjägers sehr angetan – und wenn man ehrlich ist, muss das auch jedem neutralen Beobachter so gehen. Deswegen kann ich es nicht so richtig verstehen, wie man hier gegen Müller – oder zum Beispiel auch Holger Badstuber (Bayern) – meckert. Jeder junge Mann, der helfen könnte den WM-Titel zu holen, ist mir hoch willkommen. Und da ist es egal, von welchem Verein auch immer kommt. Deswegen würde ich es auch begrüßen, wenn Stefan Kießling bald schon wieder für Deutschland stürmen würde, denn den Bayer-Angreifer fand ich schon stark, als er einst beim 1. FC Nürnberg seine ersten Gehversuche im Profi-Fußball (mit Erfolg) unternahm.

Ich hätte mich damals zum Beispiel gefreut, wenn der HSV auch einmal ein solches Talent frühzeitig entdeckt – und nach Hamburg geholt hätte. Das hätte doch was, einen jungen deutschen Nationalstürmer hier zu haben, und dazu auch noch etwas preiswerter als einen Mann, der für viele Millionen (mehr) von einem anderen (ausländischen) Klub losgeeist werden muss. Wobei das in Zukunft wohl nur noch eine Ausnahme darstellen wird, denn der HSV hat zu dieser Saison doch zu sehr über seine (finanziellen) Verhältnisse gelebt. Das gab nun –ganz nebenbei – der Boss des Aufsichtsrates, Horst Becker, in der „Bild“ zu: „Klar ist, dass wir im Sommer mehr ausgegeben haben, als wir wollten.“

Oha! Das war doch mal Butter bei die Fische. Und irgendwie werte ich das auch als ein kleines Alarmzeichen. Dazu passt es, dass mir Martin Jol damals, als er noch einige wenige Tage HSV-Trainer war, verriet, dass es weit weniger Geld für Neueinkäufe geben wird (soll), als noch zur Saison 2008/2009. Ähnliches hatte mir auch Dietmar Beiersdorfer (nach seinem Rücktritt) angedeutet. Ich bin deshalb wirklich sehr, sehr gespannt, wie sich die HSV-Finanzen bis zur nächsten Einkaufsperiode im Winter entwickeln werden. Was ja auch keine ganz so unwichtige Frage ist, denn immerhin forderten (und fordern) auch schon HSV-Profis, dass ihre durch Verletzungen arg geschwächte Mannschaft verstärkt werden muss.

Übrigens: Das Finnland-Länderspiel wird in der ARD von meinem Hamburger Kollegen Gerd Gottlob kommentiert. Ich sagte an dieser Stelle bereits, dass der ehemalige Morgenpost-Redakteur Ahnung vom Fußball hat, er hat auch einst selbst gespielt (TuS Hoisdorf). Ich schätze Gottlob als kompetenten und netten Kollegen, und nach der harschen Kritik an Bela Rethy (im Moskau-Spiel) bin ich sehr gespannt, wie Ihr nun den ARD-Mann beurteilen werdet. Um ihm schon mal einige Vorschusslorbeeren mit ins Spiel zu geben: Mich hat Gerd Gottlob noch nie enttäuscht, der Mann weiß wovon er spricht. Und ich drücke ihm die Daumen, dass er kein langweiliges 0:0 kommentieren muss.

17.04 Uhr