Tagesarchiv für den 10. Oktober 2009

Boateng zahlt Lehrgeld

10. Oktober 2009

Die Südafrika-Reisen können gebucht werden. Die deutsche Nationalmannschaft hat sich dank des beachtlichen 1:0-Erfolgs in Moskau schon vor den letzten Gruppenspielen qualifiziert. Das Spiel war nichts für schwache (Fan-)Herzen.

Aus Hamburger Sicht müssen wir natürlich etwas länger über Jerome Boateng reden. Sein A-Team-Debüt endete vorzeitig mit Gelb-Roter Karte, und nun werden sich einige Leute (auch dank des ZDF-Kommentars von Bela Rethy) fragen, ob der Verteidiger wegen seines Platzverweises mit Löwschen Sanktionen rechnen muss. Ich behaupte: Er muss es nicht. Außer der Spielsperre wird Boateng aber eine intensive Analyse seines Auftritts erwarten. Und da wird der Bundestrainer wohl auch zur Erkenntnis gelangen, dass sein Neuling gegen die offensiv megastarken Russen noch einiges an Lehrgeld zahlen musste. Dazu zähle ich auch diesen Platzverweis.

Das Positive mal vorweg: Boateng wirkte von Beginn an konzentriert, war gut auf die spiel- und sprintstarken Spitzen der Russen ausgerichtet und rechtfertigte mit seinen schnellen Aktionen in der Defensive seine Nominierung. Auch in der Vorwärtsbewegung war er meines Erachtens lange Zeit der aktivere Außenverteidiger, auch wenn seine Flanken nicht sonderlich gefährlich in den russischen Strafraum segelten.

Leicht hatte es Boateng rechts hinten nicht. Immer wieder versuchten die Russen mit Doppelspitzen über ihre linke Offensivseite in die Gefahrenzone vorzudringen, und angesichts des schnellen und präzisen Passspiels wurde jeder noch so kleine Stellungs- und Verteidigungsfehler der deutschen Abwehrkette deutlich sichtbar. Da fiel Boateng in Hälfte eins zweimal auf: einmal bei seiner Gelben Karte – wobei dem HSV-Verteidiger zugute gehalten werden muss, dass er seine Grätsche deutlich vorm Strafraum ansetzte (ganz im Gegensatz zu Berlins Arne Friedrich in der Endphase: Wie man als Schiedsrichter diesen Strafstoß übersehen kann, ist mir schleierhaft) – und einmal bei der größten Chance der Russen, als Boateng viel zu naiv aus der Abwehr ins Mittelfeld vorpreschte um den Russenangriff frühzeitig zu stoppen, dann aber einfach dank der Klasse Arshavins ins Leere zu laufen und ein riesiges Loch zu hinterlassen. Dass in dieser Szene kein Tor fiel, war sehr glücklich für den DFB.

Ich muss gestehen, dass ich mit der Gelben Karte für Boateng fest damit gerechnet habe, dass er das Ende des Spiels nicht erleben würde. Und leider wurde meine Vorahnung bestätigt. Wer Boatengs Gesichtszüge nach dem Platzverweis genau betrachtet hat, der weiß, was in ihm vorging. Frust, Angst und Selbstkritik in einem zeichnete sich da ab. Man stelle sich vor, die Nationalelf hätte das Spiel noch verloren, dann wäre der Hamburger Profi möglicherweise zum Sündenbock abgestempelt worden – und Bruno Labbadia hätte in der kommenden Woche ein ziemlich großes Häufchen Elend in Empfang nehmen können.

Aber es wurde ja alles gut. Boateng wird weitere Chancen erhalten, da bin ich mir sicher. Mit Glück, Fleiß und jeder Menge defensiver Disziplin reichte es zum 1:0-Sieg, den ja ein „Fast-Hamburger“ sichergestellt hat. Nicht wundern: Miroslav Klose hat noch keinerlei Kontakt zum HSV, aber in den vergangenen Tagen wurde der Bayern-Edelreservist ja immer wieder mit einem möglichen Transfer nach Hamburg in Verbindung gebracht. Nur: Wenn sich Bayern-Coach Louis van Gaal die erste Hälfte des heutigen Spiels genau angeschaut haben sollte, dann wird er in den kommenden Spielen bestimmt nicht auf Klose verzichten. Mit dieser Leistung hat er gezeigt, dass seine Zeit vielleicht noch nicht abgelaufen ist, er extrem wertvoll für eine Mannschaft sein kann. Das bedeutet Preissteigerung, das bedeutet sinkende Chancen für einen HSV (sofern dieser überhaupt Interesse hätte).

Ein letztes Wort noch zu Eurem „Lieblingsspieler“: Piotr Trochowski. „Troche“ wurde zwar erst in der 86. Minute eingewechselt, aber diese Maßnahme von Joachim Löw zeigt doch, welch große Stücke der Bundestrainer auf den zweiten Hamburger in seiner Mannschaft hält. Wenn es um alles geht, wenn klitzekleine Fehler eine WM-Teilnahme in Gefahr bringen können, wenn die Stimmung aufgeheizt ist und die russischen Angriffswellen im 20-Sekunden-Rhythmus gen deutsches Tor rollen, dann braucht man einen reifen, cleveren und ballsicheren Mann, sofern man überhaupt noch einwechselt. Und das ist Trochowski eben, das hat er auch bewiesen. Zur Belohnung wird er jetzt bestimmt im Heimspiel gegen Finnland über 90 Minuten auflaufen dürfen. Das könnte ein echtes Fest in Hamburg werden. Und eine optimale Aufwärmphase für „Troche“, um sich auf das Bundesligatopspiel am kommenden Sonnabend gegen Leverkusen einzustimmen. Ich freue mich darauf.

Allgemein fand ich übrigens, dass sich Michael Ballack nach den großspurigen Ankündigungen der Vortage etwas zu zaghaft eingebracht hat – vielleicht hat ihn seine Prellung in Hälfte eins doch stärker behindert. Rene Adler hat sich meines Erachtens als klare Nummer eins für das WM-Tor empfohlen, und mit Simon Rolfes Berücksichtigung in der Startelf statt Thomas Hitzlsperger hat Löw eine komplett richtige Entscheidung getroffen – und mir im Vorwege viele Sorgen genommen. Danke dafür.

Einen Nachtrag habe ich noch vergessen: Horst Hrubesch, noch ein HSVer in Diensten des DFB, hat die nächste Sensation leider verpasst. Seine U-20-Auswahl (mit mehr als 20 Ersatzleuten) verlor im WM-Viertelfinale in Ägypten gegen Brasilien mit 1:2 nach Verlängerung. Trotzdem bleibt Hrubesch für mich einer der großen Gewinner des DFB in diesem Jahr.

19:45 Uhr

Kunstrasen als Gefahr

10. Oktober 2009

Beim Blick aus dem Fenster habe ich heute Morgen breit gegrinst. Kaum haben wir über den grau-nassen Herbst gesprochen, ist er auch schon da. Und die Gänsehautmomentschilderungen haben mich auch heute wieder begeistert. Es ist schon toll, wenn man sieht, wie viele unterschiedliche Szenen – vom sensationellen Tor bis zum Blick in das Volksparkstadion, vom kollektiven Torjubel bis zum Streicheln über das Gesicht – so einen Moment herbeiführen und ihn unvergessbar machen. Auch wenn der eine oder andere mich jetzt vielleicht für einen altbackenen Romantiker halten mag: Ich glaube, dass in solchen Erlebnissen und gemeinsamen Erinnerungen die echte Seele des HSV steckt.

Heute rückt der Klub für ein paar Stunden in den Hintergrund. Naja, so richtig ja auch nicht, weil um 17 Uhr mindestens ein Profi aus dem Kader von Bruno Labbadia ganz vorne im Rampenlicht stehen wird: Jerome Boateng. Ich kann mir sogar gut vorstellen, dass er und Piotr Trochowski gemeinsam in der Startelf in Moskau stehen werden. Ich bin gespannt, wie die DFB-Auswahl mit dem ungewohnten Untergrund zurechtkommen wird.

Kunstrasen – viele Leute jetzt wieder sagen, dass diese hoch bezahlten Profis nicht jammern und sich nicht anstellen sollen. Wer viel verdient, der muss sich eben auch mal auf andere Gegebenheiten einstellen. Doch Euch Fußballspezis brauche ich ja nicht zu sagen, dass die Umstellung von einem normalen auf einen Kunstrasen nicht zu unterschätzen ist. Stellt Euch mal vor, Ihr hättet zwei Jahre lang jeden Tag auf gepflegtem Naturrasen trainiert und gespielt, und dann müsstet Ihr plötzlich zum Punktspiel auf dem Reinmüller-Grandplatz beim HEBC in Hamburg-Eimsbüttel antreten. Eins kann ich Euch sagen: Der Vorteil für das Heimteam ist in so einem Fall groß, extrem groß sogar.

Klar, ein Grandplatz, vielen vielleicht bekannt als roter Ascheplatz, ist mit einem Kunstrasenplatz nicht zu vergleichen. Aber von der Umstellung her ist es ähnlich. Auch wenn die Kunstrasenplätze heutzutage High-Tech-Untergründe sind, die nicht einmal mehr Verbrennungen bei Grätschen verursachen (vor zehn Jahren echt gefürchtet!), so haben sie doch ein ganz anderes Rutsch- und Prallverhalten. Und nicht nur Bundestrainer Joachim Löw weiß: Eigentlich bedarf es da einer längeren Vorbereitungsphase, um wirklich vertraut mit den Eigenarten zu sein.

Da fällt mir eine Kleinigkeit ein, die das Ganze untermauert. 1983 machte der HSV mit seinem Spitzen- und Meisterteam eine Reise in die USA zum Freundschaftsspiel bei Cosmos New York. Erstmals setzte das Hamburger Starensemble einen Fuß auf einen Kunstrasen. Die Spieler wussten überhaupt nicht, welche Schuhe sie auf diesem Geläuf wählen sollten und bekamen nach Peles Anstoß vor 80.000 Zuschauern eine Kunstrasen-Lehrstunde verpasst, was sich in sieben (!) Gegentoren niederschlug.

Keine Sorge: Eine solche „Packung“ wird es heute in Moskau nicht geben. Joachim Löws Mannschaft ist meiner Meinung nach bestens gewappnet für ein solches Spiel. Wenn der Druck wächst, wenn Qualitäten abgerufen werden müssen, dann zeigen sich der Charakter und die Mentalität des Teams, natürlich auch die geforderten Fähigkeiten. Und sollte Löw auf Boateng setzen, nutzt er zudem noch den formbedingten Höhenflug des HSV-Verteidigers. Sollte die Nationalmannschaft die erste halbe Stunde defensiv überstehen und auf dem Platz zueinander finden, steigen die Siegchancen von Minute zu Minute. Denn eines ist klar: Russland steht unter viel größerem Erfolgsdruck. Mit einem Unentschieden könnten Löw und Co. ja schon gut leben.

Ich hoffe nur, dass sich die in vielen Zeitungen beschriebene Startelf-Nominierung für Thomas Hitzlsperger nicht bewahrheitet. Nicht, dass ich den Stuttgarter für untauglich halten würde. Ganz und gar nicht. Aber heutzutage zählt auch immer mehr die Form. Und wenn ich mir da den Trend des VfB-Spielers anschaue und mich an seinen Auftritt beim HSV erinnere (war das gruselig!), dann schleichen sich bei mir ungute Bauchgefühle ein. Und manchmal höre ich ganz gerne auf meinen Bauch. Ich lasse mich natürlich gerne eines Besseren belehren, falls Hitzslperger mit einem seiner gefürchteten 25-Meter-Schüsse Deutschland zur WM schießt. Aber zuletzt war der „Hammer“ eben nur ein kümmerliches Hämmerchen.

In Bruno Labbadias Haut möchte ich heute nicht stecken. Die zwei trainingsfreien Tage hat sich der HSV-Trainer verdient (seine Assistenten natürlich auch), aber seine nervliche Belastung dürfte heute nicht sinken. Wie viele seiner Kollegen hofft Labbadia, dass sein Handy im Laufe des Tages nicht mit der Nummer eines seiner Profis aufleuchtet, um wieder eine Verletzung mitgeteilt zu bekommen. Aber Länderspiele können für Trainer auch Fortschritte bringen. Sollte nämlich „Troche“ treffen, Boateng sehr gut einschlagen oder einer der anderen Weltreisenden positiv auffallen, dann bringen sie diesen „Schub“ mit zurück nach Hamburg und dann natürlich auch den HSV nach vorne.

12:50 Uhr

In eigener Sache
Pfeil
0  00 : 00 : 00
Tage  Std.  Min.  Sek.