Tagesarchiv für den 9. Oktober 2009

Eine Frage des Umgangstons

9. Oktober 2009

Ich bin echt schwer beeindruckt. Selten habe ich eine Ansammlung so vieler emotionaler Momente gelesen. In vielen geschilderten Erlebnissen steckte so viel Gänsehaut, dass ich selbst eine bekommen habe. Das war Gedankenkino. Bitte mehr davon. Ich möchte alle HSV-Fans ermutigen, weitere Gänsehautmomente zu mailen. Eine bessere Lektüre für grau-verregnete Herbsttage – und davon sind ja einige für die kommenden Wochen angesagt – gibt es nicht.

Zum viel diskutierten Vertragsthema Guerrero möchte ich auch noch einmal etwas anmerken. Meines Erachtens handelt es sich dabei gerade in diesen Tagen um eine Art Mini-Länderspielpausen-Lochfüller. Denn jetzt schon von einem Managementfehler zu sprechen, weil Guerrero möglicherweise zum Saisonende den Klub verlassen könnte, halte ich doch etwas für übertrieben. Nehmen wir doch nur mal die Fakten: Guerrero wollte bleiben, in den ersten Verhandlungen wurde keine Einigung erzielt. Jetzt hat sich der Peruaner schwer verletzt. Er hat sich das hintere (!) Kreuzband gerissen und soll einen Teilriss des vorderen erlitten haben. Operiert wurde er von Richard Steadman in den USA – allerdings nicht am Kreuzband, sondern am Meniskus.

Nun fragt sich jeder Laie: Warum wurde Guerrero nicht das Kreuzband geflickt? Ich habe mich mal bei verschiedenen Medizinern umgehört, und deren Kommentare klangen alle ähnlich. Offenbar wird bei Profisportlern fast immer nur dann das hintere Kreuzband operiert, wenn das vordere auch dermaßen kaputt ist, dass eine OP unumgänglich ist. Ansonsten wird nach Möglichkeit der konservative Heilungsweg gewählt, weil dann die Comebackchancen des Sportlers größer sind als nach einer wesentlich komplizierteren OP des hinteren Bandes. Zurück zur Vertragsverhandlung: Durch die wirklich schwere Verletzung – ein bekannter Sportarzt sagte mir, dass nur ein Mittelfußbruch und ein Achillessehnenriss ähnlich schlimm sind – hat sich die Sachlage doch grundlegend geändert. Für Guerrero sollte die optimale Genesung im Vordergrund stehen, für seinen Berater auch, und der HSV muss sich trotz aller Wertschätzung für Guerrero auch um einen Plan B mit einer Alternative für den Peruaner kümmern. Würden Bernd Hoffmann und Co. das nicht machen, wäre das wirklich ein schwerer Managementfehler.

Die einzige Frage, die sich mir im Zusammenhang mit Paolo Guerrero wirklich stellt, ist diese: Warum wurde nicht die Meniskus-Operation offiziell mitgeteilt, sondern eine gar nicht stattgefundene Hintere-Kreuzband-OP?

Genau das Gegenteil, nämlich sehr mitteilsam, sind Fußballprofis auf dem Trainingsplatz. Das war auch heute wieder der Fall. Trainer Bruno Labbadia hatte wegen der Länderspielreisen eine extrem überschaubare Gruppe mit vielen Talenten und Amateurspielern beisammen. Rafael Kazior dürfte sich bei den Abschlussübungen übrigens in Bruno Labbadias Gedächtnis geschossen haben. 70 Prozent betrug seine Trefferquote und lag damit mehr als 30 Prozent über dem Schnitt. Die Führungskraft aus dem Kader von Rodolfo Cardoso brachte sich wirklich gut ein.

Aber ich will ja auf die Mitteilsamkeit der Spieler hinaus. Eine Mutter von zwei Kindern wirkte etwas empört, als einer der Spieler beim Warmmachen in einem rasanten Handballspiel zweimal kurz hintereinander lautere Flüche ausstieß. „Leck mich doch…“, blaffte er nach einem verdaddelten Ball, dann machte er auch noch einen Kollegen an. „Sch…, streng dich mal an!“ Die Frau zog die Augenbrauen hoch und sagte zu ihrem Mann: „Muss das denn sein? Das sollen doch auch Vorbilder für die Jugend sein.“

Ich fühlte mich sofort an die Schilderung meines Kollegen Christian Pletz erinnert, der vergangene Woche eine Schimpftirade von Techniktrainer Ricardo Moniz gegen Tolgay Arslan während eines Trainingsspiels miterlebt hatte. Auch da hatte die Mutter eines jüngeren Zuschauers voller Unverständnis die Nase gerümpft und sich über die Wortwahl des Trainers mehr als gewundert.

Ich selbst bin zwiegespalten, was dieses Thema betrifft. Einerseits ist Fußball kein Halma (ich zahle jetzt trotzdem nicht ins Phrasenschwein), und der Umgangston muss und darf schon mal etwas rüder sein. Die Profis und Trainer sind auch nur Menschen, und gelegentlich muss aufgestaute Wut mal raus. Verbale Ausbrüche sind mir lieber als unkontrollierte oder überhitzte Frustfouls (auch die kommen gelegentlich vor). Und wenn wir, die Medien, jetzt auch noch eine ernsthafte Diskussion über manierliches Benehmen auf dem Trainingsplatz (auf den Platz spucken verboten, keine Flüche, keine Verbalattacken…) anschieben – da gehen mir manchmal schon die übertriebenen Moraldiskussionen nach Bundesligaspielen im Fernsehen auf die Nerven -, dann werden wir im Nu das erleben, was in einigen europäischen Ligen schon Standard ist: dauerhafte Trainingseinheiten unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und das kann nicht das Ziel sein.

Eine Grenze gibt es meiner Meinung nach trotzdem, und auch diese wird regelmäßig überschritten. Ich erinnere mich da an ein Testspiel vor Jahren. Glashütte spielte gegen die HSV-Amateure, deren Trainer Ralf Schehr (ehemaliger Verbandstrainer, bei dem ich meine Trainer-B-Lizenz erwarb) von der Seitenlinie permanent seine Spieler mit Schimpfworten antrieb, ermahnte oder auszählte. Ich habe innerlich den Kopf geschüttelt und ihn einen Tag später darauf angesprochen. Er verstand meine Kritik nicht, sondern sagte, dass das Profigeschäft noch viel härter sei als seine Ausdrücke, er die Jungs mit dieser Art der Anstachelung nur auf das vorbereiten wolle, was sie allesamt anstrebten.

Überzeugen konnte er mich damit nicht. Flüche, Wut, Frustration und auch Motivationsansprachen sind okay, man darf aber gerade als Person des öffentlichen Interesses und damit auch in einer Vorbildfunktion nicht permanent in Fäkalsprache verfallen. Das wirft ein schlechtes Licht auf die eigene Person, auf das Team und auch auf den Verein. In diesem Sinne wünsche ich einen harmonischen und fluchfreien Wochenendbeginn.

14:40 Uhr