Tagesarchiv für den 8. Oktober 2009

“Gänsehautmomente”

8. Oktober 2009

So, gejammert wird nicht mehr! Und aufgebaut auch nicht, alles wird gut – habe ich gerade bei „Matz ab“ gelesen. Und der Anfang ist ja auch gemacht. Jerome Boateng soll, so werden die Zeichen in Mainz gedeutet, am Sonnabend im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Moskau gegen Russland in der Startformation stehen. Wenn das nicht erfreulich ist! Obwohl? Ein ganz kleines mulmiges Gefühl habe ich schon dabei. Was ist, wenn er in seinem ersten Länderspiel nervös wird? Und daraus resultiert dann auch noch. . . Nein, ich weigere mich, diesen Satz zu Ende zu bringen. Alles wird gut. Und wenn nicht, dann trifft den Herrn Bundestrainer ganz sicher auch eine Mitschuld, denn die eventuelle Nervosität Boatengs hätte er in den jüngsten Länderspielen, fast alles Pille-palle-Partien, schon frühzeitig abbauen können. Aber gut Ding will eben auch beim DFB etwas Weile haben.

Gilt aber auch für „Matz ab“. Vor Wochen hatten wir einmal das Thema (kam aus Euren Reihen) „Gänsehautmomente“. Ich habe mal darüber nachgedacht, was ich seit über 50 Jahren mit dem HSV erlebt habe, wann ich solche Gefühle hatte. Die Liste ist ganz sicher nicht vollständig, aber es beginnt schon sehr früh. Nämlich in der Oberliga Nord, es muss 1961 oder 1962 gewesen sein: Der HSV traf am Rothenbaum auf Bergedorf 85, er gewann, so versuche ich mich zu erinnern, 4:1. Es war einer jener Tage, an dem es nicht hell wurde in Hamburg, und es schüttete ohne Ende. In der Südkurve (zur Kirche hin) standen nur einige Aufrechte. Und ich. Es mögen zwölf bis 15 Fans gewesen sein, wir waren schon alle nass wie die Katzen. Dazu der Sturm – man musste schon ein echt hartgesottener Anhänger sein, um das zu ertragen. Aber man hielt ja durch, auch als kleiner Knabe. Und irgendwann, es war wohl Mitte der ersten Halbzeit, kam das HSV-Unikum „Seppl“ Derkum zu uns. Er war das Mädchen für alles beim HSV, er hatte Narrenfreiheit am Rothenbaum, und er war so beliebt wie heute Hermann Rieger. „Seppl“ fluchte still vor sich, als er vor uns trat. „Bei diesem Wetter schickt man ja keinen Hund vor die Tür“, und so weiter. Und er sagte: „So, ihr krabbelt jetzt alle über die Barriere und kommt mit mir auf die Tribüne am Turmweg.“ Das war der erste Gänsehautmoment beim HSV für mich. Ich kleiner Schüler, keinen Pfennig auf der Naht, durfte auf die (Steh-)Tribüne, was für ein Glücks-Tag!

So richtig Gänsehaut hatte ich auch im Dezember 1961, als der HSV im Volksparkstadion auf die deutsche Nationalmannschaft traf. Tagsüber war es nicht unbedingt bitterkalt, und ich fuhr schon nachmittags mit der Bahn Richtung Stadion. Nur mit einem Pullover bekleidet. Als die Stadiontore geöffnet wurden, pfiff schon ein eisiger Wind durch das Oval, und ich stellte mich ganz unten in die erste Reihe der Westkurve. Ich gebe es ehrlich zu: Nie wieder habe ich in meinem Leben so gefroren, wie bei diesem Spiel. Es herrschte Orkan über Hamburg, und es waren inzwischen Minustemperaturen. Mit 0:3 lag der HSV vor 65 000 Zuschauen (3000 waren über die Zäune geklettert!) zur Pause zurück, der Orkan hatte alle Tore im Osten fallen lassen. Und in der zweiten Halbzeit schoss der HSV noch vier Tore gegen Hans Tilkowski, dreimal traf Uwe Seeler, dann erzielte Klaus Neisner den Siegtreffer. Alle sieben Tore waren im Osten gefallen – so ein Pech. Und ich hatte zweimal Gänsehaut. Einmal wegen der Kälte, dann auch wegen des Sieges, der stürmisch gefeiert wurde – im wahrsten Sinne des Wortes.

Und: Heute vor ungefähr 29 Jahren hatte ich ebenfalls Gänsehaut. Da stand ich vor meinem ersten Interview mit Uwe Seeler. Früher war er mein ganz großes Idol, mein Vorbild, ich bin auf dem Bolzplatz oft in seine Rolle geschlüpft – und dann durfte ich mit ihm in seiner Norderstedter Firma an der Ulzburger Straße an einem Tisch sitzen, er beantwortete meine Fragen. Das war ein unglaubliches Glücksgefühl.

Gänsehaut bekam ich auch im Herbst 1991. Ich sah dem HSV dienstlich beim Training zu (Ochsenzoll, ganz hinten links auf dem Platz), als es plötzlich einen lauten Knall gab. Und Schreie. Ich konnte erst gar nicht begreifen, was da vor sich gegangen war, denn es hatte keinen Zweikampf gegeben. Andreas Merkle aber lag am Boden und schrie vor Schmerzen laut auf. Ihm war die Achillessehne gerissen. Der laute Knall rührte daher. Unfassbar, wie laut das war. Und wie hilflos ein „Kerl wie ein Baum“ da lag und nicht weiter konnte.

Gänsehaut bei einem Spiel? Natürlich gab es das auch. Der 4:1-Sieg über den FC Burnley im März 1961 gehört natürlich dazu. Der 1:0-Erfolg im Mai 1983 in Athen im Europapokalfinale der Landesmeister gegen Juventus Turin, selbstverständlich. Und dann werde ich den 13. September 2000 nie vergessen. Dazu muss ich ein wenig ausholen: Das Hamburger Abendblatt wird (bis auf freitags, da noch früher) um 22 Uhr angedruckt. Ein Champions-League-Spiel aber ist erst gegen 23.35 Uhr beendet. Also muss in den Raum auf der Seite, in dem später der Spieltext stehen soll, vorher ein anderer Text einfließen, damit angedruckt werden kann. Andruck-Exemplar wird das genannt. An diesem Tag aber war alles anders beim Abendblatt, denn der HSV traf auf Juventus Turin.

Also entschieden die Chefs: Wir drucken nicht um 22 Uhr an, wir drucken mit dem Schlusspfiff an. Erstmalig und einmalig. Wir waren mit vier Kollegen im Stadion, damit wir auch mit dem Schlusspfiff fertig sein würden. Ich hatte die Aufgabe, den Spieltext zu schreiben. Es wurde der Horror! Der HSV lag 0:2 und 1:3 zurück – ich schrieb, logisch, von einer (bevorstehenden) Niederlage. Plötzlich hieß es 3:3. Im Stadion war der Teufel los, aber ich schrieb den ganzen Text wieder um – Unentschieden. Es hieß ja aus der Chefredaktion: Mit dem Schlusspfiff fertig sein! Dann führte der HSV. Wieder umschreiben, diesmal auf Sieg. Dann 4:4, kurz vor dem Schlusspfiff. Unglaublich. Der Wahnsinn! Wieder umschreiben. Es drehten sich mir die Sinne. Vom Spiel sah ich in der zweiten Halbzeit nichts, die Kollegen schilderten mir ihre Eindrücke, die ich in den Computer gab. Da macht sich kein Leser am nächsten Tag Gedanken, wie so etwas gelaufen ist. Auf jeden Fall schafften wir es, pünktlich vom Hof zum kommen. Mit Gänsehautfeeling total. Und nachts sah ich mir das Spiel dann im Fernsehen an.

Ja, es gibt sicher noch den einen oder anderen Moment mehr, bei dem meine Haut eine etwas andere Konsistenz hatte. Solltet Ihr nun Eure Gedanken aufschreiben, werde ich mich sicher dabei ertappt fühlen, dass es für mich noch wesentlich mehr Spiele und Situationen gab, in denen ich eine HSV-Gänsehaut hatte. Und wer weiß, vielleicht ist das ja auch nach dem Spiel in acht Tagen gegen Bayer Leverkusen wieder der Fall.

12.20 Uhr