Tagesarchiv für den 7. Oktober 2009

Nur Mut

7. Oktober 2009

Im Mittelalter wurde der Überbringer schlechter Nachrichten ja in der Regel ge. . .  So gesehen hätte ich eigentlich keine Chance mehr, beim nächsten Heimspiel gegen Bayer Leverkusen noch in den Volkspark zu reisen. Jetzt, wo Dennis Aogo auch noch verletzt ist. . . Vielleicht sollte Bruno Labbadia, der hier ja ohnehin nur de verbliebenen Rest seiner in aller Herren Länder zerstreuten Mannschaft bewegt, bis zum nächsten Donnerstag auf sämtliche Übungseinheiten verzichten. Damit sich jedenfalls in Hamburg niemand mehr verletzten kann. Und dann trudeln ja auch schon wieder die Nationalspieler ein – hoffentlich überwiegend gesund. Aber vielleicht stellt Bruno Labbadia – oder auch der Herr Bernd Hoffmann – ja bis dahin noch die eine oder andere Kerze in einer Kirche auf, damit die personelle Pechsträhne endlich ihr Ende findet.

Immerhin – und Kompliment: Der HSV hat auf die neue und schlimme Situation reagiert. Die geplanten Umbaumaßnahmen (Südtribüne) werden erst noch einmal verschoben, im Frühjahr 2010 soll nun die Entscheidung darüber fallen, wann mit der Umgestaltung der Arena begonnen wird. Es geht natürlich darum, Geld in der Kasse zu behalten, um eventuell in der Winterpause noch einmal personell reagieren zu können. Auch wenn sich der Klub jetzt nicht (mangels Angebote) verstärken kann, so gehen die Überlegungen doch – sicher ist sicher – Richtung Winter. Zumal sich bis zum Ende der Hinserie ja auch noch der eine oder andere Spieler mehr verletzen könnte – was natürlich kein HSV-Fan erleben möchte.

Doch auch wenn es zurzeit sehr negativ aussieht, ich möchte Euch auch wieder etwas Mut machen. Im Zusammenhang mit dem 20. September 1989. Das ist jener Tag, an dem Ditmar Jakobs in den Karabinerhaken gerutscht war. Die Karriere des Nationalspielers war auf diese tragische Art und Weise von einer Sekunde zur anderen beendet. Aber diesen schweren Unfall erwähne ich nur am Rande, er ist ohnehin negativ genug für die HSV-Geschichte. Es gibt aber im Zusammenhang mit diesem 20. September 1989 auch einige positive Aspekte:

Es ging an jenem Abend gegen Werder Bremen. Der „Erzfeind“ war in den Volkspark gekommen. Es war der zehnte Spieltag, und es sah absolut nicht gut aus für den HSV. Zwei Siege hatte es bis dahin erst für die Truppe von Trainer Willi Reimann gegeben, am Spieltag zuvor hatte sich der HSV im Volksparkstadion 0:0 vom FC St. Pauli getrennt. Und dann Werder! Was die meisten der nur 14 000 Zuschauer an diesem Abend besonders nervte, so sie denn ihre Sympathien den Hamburgern geschenkt hatten: Der HSV trat mit dem letzten Aufgebot an. Dietmar Beiersdorfer verletzt, John Jensen verletzt, Sascha Jusufi verletzt, Harald Spörl verletzt, Oliver Bierhoff verletzt, Marcus Marin verletzt und so mancher Ersatzmann mehr. Wie sollte es da gegen die Bremer einen Heimsieg geben? Wahrscheinlich waren genau deshalb auch nur so wenige Zuschauer gekommen. Die Daheimgebliebenen gaben dem HSV quasi null Chancen. Und auch ich kann mich noch genau erinnern, dass ich mit ganz schlechten Gefühlen Richtung Volksparkstadion losgefahren war. Motto: „Nein, wirklich nur nein, das kann diesmal absolut nichts werden.“

Willi Reimann hatte auf die Jugend setzen müssen, irgendwie musste er ja elf Spieler auf den Rasen bringen. Jörg Bode, der bislang nur zwei Kurzeinsätze in der Bundesliga auf seinem Konto hatte, kam zum Einsatz. Dazu Holger Ballwanz, der sein Bundesliga-Debüt gab. Und auf der Bank saß Jugend-Nationalspieler Ralph Jester – null Bundesliga-Minuten. Und dieser Jester musste sich dann in der 15. Minute seiner Trainingsklamotten entledigen, denn er war vom Trainer auserkoren, Ditmar Jakobs zu ersetzen. Die wenigsten im Stadion kannten den Namen Jester.

Noch Fragen? 0:0 hieß es zu diesem Zeitpunkt, nun waren zwar viele Talente für den HSV am Werk, aber auch kein Jakobs mehr. Wie sollte es mit dieser No-name-Mannschaft noch einen HSV-Sieg geben? Ach was, Sieg. Die meisten Hamburger hofften unter diesen Umständen auf wenigstens noch einen Punkt. Und auch der erschien schon utopisch.
Doch dann das: 1:0 Armin Eck (37.), 2:0 Holger Ballwanz (40.), 3:0 Thomas von Heesen (67.), 4:0 Jörg Bode (85.).

Ich habe das Volksparkstadion selten einmal als Tollhaus erlebt, ganz, ganz selten sogar nur in der Bundesliga – aber an diesem Abend kochte es. Das war der Wahnsinn. Diese junge HSV-Mannschaft, in der auch unser heutiger User „Master of Grätsche“ (Carsten Kober) 90 Minuten mit von der Partie war, wurde dermaßen nach vorne gepeitscht, dass es eine Freude war. Und nach dem Spiel drehten die jungen Spunde eine Ehrenrunde nach der anderen. Jörg Bode und Holger Ballwanz (der es bis zum Saisonende noch auf 21 Spiele brachte!) liefen und liefen mit nacktem Oberkörper und jubelten nur noch. Und von den Zuschauern mochte niemand nach Hause gehen – außer den Bremern natürlich. Dieser Sieg kam einem kleinen Fußball-Wunder gleich. Später sagte der eine oder andere Spieler: „Wir haben alle für Ditmar Jakobs gekämpft, für ihn haben wir alles gegeben.“ Wobei zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch keiner wusste, dass die großartige Karriere des eisenharten und vorbildlichen Stoppers an diesem Abend ihr abruptes Ende gefunden hatte.

Was ich mit dieser Geschichte sagen möchte: Selbst wenn es manchmal noch so hoffnungslos aussieht, es kann trotz allem positiv enden. Und um ein drittes Mal den HSV-Medien-Chef Jörn Wolf zu zitieren: „Wir müssen ab sofort alle enger zusammenrücken.“ Genau das, was jetzt erfolgen soll, war an jenem 20. September 1989 geschehen. Ohne dass dazu auch nur ein HSV-Mitarbeiter aufgerufen hatte. Die Situation schien ausweglos auf eine Niederlage zuzusteuern, aber als die Mannschaft trotz des Ausfalls ihres Führungsspielers ein erstes Lebenszeichen zu erkennen gab, brannte es in der alten und kalten Betonschüssel – wie kaum einmal zuvor und danach. Der Funke war von unten nach oben gesprungen.

Ob so etwas auch in acht Tagen wiederholbar ist? Gegen den Tabellenführer? Ihr könnt den Beweis antreten, dass ja!

Und es gibt ja noch einen Hoffnungsschimmer: Als Uwe Seeler am 20. Februar 1965 beim Spiel in Frankfurt wegen seines Achillessehnenrisses ausscheiden musste, schrie nicht nur „ganz Hamburg“ auf, sondern halb Deutschland stöhnte: „Jetzt steigt der HSV ab. Es lief schon mit Seeler nur mittelprächtig, aber ohne ihn kann es nur runter gehen.“ Es wurde am Ende zwar knapp, der HSV belegte zum Saisonschluss Platz elf, es waren auch nur zwei Punkte vor einem Abstiegsplatz – aber immerhin, gerettet. Und das ohne „Uns Uwe“.

Also, es gibt immer Licht am Ende des Tunnels, man muss nur seinen Optimismus bewahren. In diesem Sinne, rückt enger zusammen!

Und dazu vielleicht – ganz kurz – noch ein kleiner Tipp: Ihr wisst, dass einige Spieler bei „Matz ab“ mitlesen, ich behaupte sogar die meisten (denn fast alle schleppen Laptops mit ins Trainingslager!) – dann macht es dem einen oder anderen sensiblen Spieler nicht unbedingt Freude, wenn er hier sehen muss, wie er von „seinen“ Fans zerlegt wird.

Zu diesem Thema passt denn auch noch bestens, dass Bruno Labbadia darum bat (vor allem wohl die Medien?), die verbleibenden Stürmer (Marcus Berg. Tunay Torun) nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Und, was er nicht aussprach, aber wahrscheinlich meinte: Nach nicht so prickelnden Auftritten sollten sie auch nicht gleich vernichtet werden.

Es wird zu verfolgen sein, ob diese Bitte ungehört im Niemandsland verhallt.

23.30 Uhr

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