Tagesarchiv für den 3. Oktober 2009

Trochowski oder Torun?

3. Oktober 2009

Betritt am Sonnabend ein junger Mann mit seiner jungen Frau den Trainingsplatz des HSV. Er sagt ihr: „So wie das jetzt aussieht, es das ja wenig spektakulär, was sie uns hier zu sehen geben.“ So war es. Absolut unspektakulär. Halbe Stunde Aufwärmphase, dann einige Sprints, es folgte ein Spielchen drei Mannschaften, an dem auch immer ein am Rande wartende viertes Team teilnahm, danach wurden Eckstöße und Standards sowie ganz Ende Torschüsse trainiert. Feuer war da diesmal aber nicht drin, eher war das Gegenteil der Fall, es ging relativ gemütlich zu. Dennoch – oder gerade deswegen – muss festgehalten werden, dass die Stimmung im Team sehr locker und dadurch ausgesprochen gut war. Beim Kreisspiel zum Beispiel wurde gescherzt und gelacht.
Alle Mann waren an Bord, auch der zuletzt mit einer Grippe schwächelnde Piotr Trochowski. Die einzige offene Frage beschäftigte sich dann auch mit ihm: Trochowski oder Torun? Wer spielt am Sonntag gegen Hertha? „Über diese Frage“, sagte Trainer Bruno Labbadia und ergänzte: „Wir haben Troche auf jeden Fall wieder in den Kader genommen und werden am Abend in Berlin darüber befinden, wie es weitergeht.“ Trochowski selbst wurde unmittelbar beim Verlassen des Trainingsplatzes von einem polnischen Fan angesprochen. Die Frage lautete offenbar: „Na, wie geht es? Wird es was mit dir?“ Und Piotr Trochowski antwortete im Vorbeilaufen mit einer Handbewegung, die ich so deutete: „Es geht so lala, mal abwarten.“ Deswegen wäre ich nicht überrascht, wenn noch einmal Tunay Torun den Platz, wie schon gegen Hapel Tel Aviv, von Trochowski einnehmen würde. Zumal der türkische U-21-Nationalspieler bei den Standards Seite an Seite mit Trochowski stand, um die Bälle abwechselnd zur Mitte zu schlagen. Das war schon etwas überraschend zu sehen. Und ich glaube an der Miene Trochowskis erkannt zu haben, dass auch ihn das überrascht hatte. Oder war es sogar mehr? War es so, dass es ihm nicht sonderlich gefiel? Labbadia wollte sich auf jeden nichts über Torun entlocken lassen. Der Coach hält nichts vom Hochjubeln eines jungen Spielers, deswegen sagte Labbadia nur so viel: „Torun hat gegen Tel Aviv ordentlich gespielt.“ Ja, das kann man dem jungen Mann auf jeden Fall attestieren, vielleicht war es sogar mehr als nur ordentlich.

Apropos Trochowski: Nach wie vor bin ich wirklich enorm erstaunt, wie sehr die HSV-Fan-Gemeinde über einen (ihren) deutschen Nationalspieler her fällt. Das ist sogar unfassbar für mich. Und als ich morgens unter der Dusche stand, dachte ich so bei mir: „Was ist dieser Jogi Löw, der Bundestrainer, doch für ein schlechter Fachmann!? Bei dem hat es doch der Trochowski sogar schon auf 25 Länderspiele gebracht. Warum? Weil Löw ein absolut Ahnungsloser ist? Und weil er auch keine Erfolg in seinem Job haben will? Weil er es braucht, weil er es liebt, wenn er von der ganzen Nation nach Niederlagen wie ein Trottel durch das Dorf getrieben wird?“ Nein, nein, ich nerve Euch nicht, ich will hier nicht schon wieder eine Lanze für Trochowski brechen, weil ich das Gefühl habe, gegen Windmühlenflügel ankämpfen zu müssen. Er (Troche) muss nur gute Leistungen bringen, und Ihr müsst sehen, wie Ihr dann mit ihm klarkommt, so einfach ist das.

Einer vom HSV, der seit Wochen gut und überragend spielt, wird nun ja auch Nationalspieler: Jerome Boateng. Ich habe schon vor Monaten gefordert, dass er in die Nationalmannschaft gehört, jetzt sage ich – keine große Kunst – vorher, dass er ganz sicher auch mit zur WM nach Südafrika fliegt. Wer ist besser? Es gibt derzeit keinen, auch Per Mertesacker ist nicht besser. Ähnlich sieht es Labbadia, der über seinen Schützling sagt: „Ich hatte es schon vor dem Spiel gegen Tel Aviv vom Bundestrainer Jogi Löw erfahren, aber ich habe es Jerome dann erst nach dem Spiel verraten.“ Und zwar Sekunden danach, noch auf dem Spielfeld. Da nahm Labbadia seinen Abwehrspieler zur Seite und sagte es ihm – für mich wunderbar von den Sky-Kameras eingefangen, ohne dass man es von den Lippen des Trainers ablesen konnte. Ich habe Bruno Labbadia am Sonnabend danach gefragt, er bestätigte es lächelnd. Über Boateng sagte er noch: „Er hat sich diese Berufung verdient, er hat hart gearbeitet dafür. Und nun muss er, wenn er ständig dabei bleiben will, weiter durch permanent gute Leistungen bestätigen, dass er dazu gehört. Ich freue mich auf jeden Fall für ihn – und ich glaube, dass sich der ganze HSV mit ihm freut.“ Unklar ist allerdings noch, auf welcher Position ihn Löw dann spielen lassen wird? Außen oder innen? Labbadia zu diesem Thema: „Ich sehe das ganz klar als Vorteil und nicht als Nachteil an, dass Jerome auf verschiedenen Positionen spielen kann. Für mich als Trainer ist es erfreulich, dass er es vom Kopf her abgenommen hat, dass er auf verschiedenen Positionen spielt – er weiß, dass er damit seiner Mannschaft hilft.“

Dass Testspieler Ebi Smolarek dem HSV nicht helfen wird, weil er keinen Vertrag in Hamburg erhielt, ist seit Freitag beschlossene Sache. Der HSV tat sich mit dieser Entscheidung offenbar schwer, letztlich gab wohl die Tatsache, dass Tunay Torun seine Sache im Europa-Leage-Spiel sehr gut gemacht hatte, den Ausschlag. Und nun kann der HSV das Geld, was Smolarek gekostet hätte, im Winter dafür ausgeben, wo der Schuh dann tatsächlich noch drücken sollte. Labbadia aber lobte Smolarek noch im Nachhinein: „Es verdient großen Respekt, dass ein aktueller Nationalspieler hier zum Testtraining antrat, das macht bestimmt nicht jeder.“

Vielleicht wechselt Smolarek ja aber doch noch in die Bundesliga? Eventuell zu Hertha BSC? Hängt ein wenig wohl auch vom Ausgang des Spiels der Berliner gegen den HSV ab. Die Hertha wird nun von Fredhelm Funkel trainiert, ein Bundesliga-Urgestein. „Er hat unbestritten große Qualitäten. Wer sich als Spieler und als Trainer so lange in diesem Bundesliga-Geschäft hält, der ist schon jemand“, sagt Labbadia über den Kollegen.

Die Frage ist jetzt: „Was wird Funkel bei der Hertha schon ändern? Schon ändern können?“ Funkel sagte bei seiner Vorstellung in Berlin: „Ich habe eine Gänsehaut bekommen, als Manager Michael Preetz mich angerufen und gefragt hat, ob ich zur Hertha kommen wolle.“ Davon muss sich Funkel nun frei machen. Ich bin gespannt, ob er in seinem ersten Spiel, das ja eigentlich wie ein Kopfsprung in einen Swimmingpool ohne Wasser ist, mehr Glück hat, als seinerzeit Huub Stevens mit dem HSV an gleicher Stelle. Bruno Labbadia sah sich auf jeden Fall noch auf der Bahnfahrt von Hamburg nach Berlin Videos der Hertha an und befand schon vor der Abfahrt: „Im Euro-League-Spiel in Lissabon traten die Berliner schon mit einer Mannschaft an, die auf sechs Positionen verändert war.“ Ganz klar, leicht wird es nicht, im Gegenteil, nach dem Trainerwechsel wird es ungleich schwerer. Und der letzte Sieg des HSV im Olympiastadion liegt bereits zwölf Jahre zurück. . . Labbadia weiß zudem: „Die Berliner sind viel stärker als alle glauben, die stehen zu Unrecht auf dem letzten Platz, die haben ein sehr gutes Potenzial in der Mannschaft.“

Möge der Bessere gewinnen, wenn der Spitzenklub gegen das Schlusslicht spielt.

Der HSV ist nach den Sonnabend-Spielen nur noch auf Rang zwei, denn Leverkusen schickte den Aufsteiger Nürnberg mit einer schönen 0:4-Packung nach Hause. Die Bayern, die einen Trainer haben, der einen Körper wie Gott hat (Selbstauskunft), schaffen ein 0:0 gegen den 1. FC Köln – alle Achtung! Weil sie in München trotz Klose, Gomez, Müller, Olic, Toni  und Robben (verletzt) keine Stürmer haben?
Für mich war dieser Spieltag insgesamt irgendwie langweilig (bis auf Mainz gegen Hoffenheim 2:1 und das sensationelle 1:0 von Ivanschitz), deswegen habe ich mir um 17 Uhr die Dritte Liga im Dritten angesehen. Und siehe da: Beim Spiel VfL Osnabrück (da war doch was!?) gegen Sandhausen fiel das 3:0 (beim 3:1-Sieg) genau so, wie ich es mir immer vom HSV erträume: Eckstoß von rechts mit dem linken Fuß zur Mitte. Am kurzen Pfosten verlängert der lange Heidrich per Kopf, und am zweiten Pfosten köpft der lange Bencik das Tor. Bilderbuchartig. Und so einfach. Man muss es nur versuchen. Und natürlich auch ein bisschen können.
PS: Dritte Liga! Ich liebe es ja, wenn Trainer ihre beiden Hände in den Hosentaschen vergraben und dabei ihre 0:1 zurück liegende Mannschaft lautstark motivieren (oder auch anbrüllen). Kommt sehr gut. So wie Braunschweigs Torsten Lieberknecht. War ja aber auch enorm kalt. . .

Ganz zum Schluss möchte ich hier noch meine Trauer um einen großartigen Fußballer und einen ganz, ganz netten Menschen kundtun: Rolf Rüssmann starb nun im Alter von 59 Jahren. Der ehemalige Schalker war einst auch als HSV-Sportchef ins Gespräch gebracht worden, er kannte sich in diesem Geschäft aus. Ich habe ihn einst durch einen Doppelpass kennen gelernt, er war ein großartiger Mann, mit dem man Pferde stehlen konnte. Der deutsche Fußball hat mit dem Tode von Rolf Rüssmann einen großen Mann verloren.

17.46 Uhr

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