Tagesarchiv für den 2. Oktober 2009

Smolarek ist weg

2. Oktober 2009

Das Europa-League-Spiel gegen Tel Aviv ist kaum vorbei, da hagelt es schon wieder zahlreiche Nachrichten. Jerome Boateng wurde von Joachim Löw für die Nationalmannschaft berufen, zudem hatte Ebi Smolarek heute seinen letzten Tag beim HSV. Bruno Labbadia und der Verein haben sich gegen eine Verpflichtung des Polen entschieden.

Doch zunächst einmal zu Boateng. Der Junge hat sich seine Nominierung mehr als verdient. Ihm haben die diversen Einzelgespräche mit Trainer Labbadia, von denen ich Euch in den vergangenen Wochen ja auch immer wieder mal geschildert habe, offenbar sehr gut getan. Momentan, und da wirken die besonders starken Eindrücke des Sieges gegen die Bayern und gegen Tel Aviv besonders stark nach, ist der Abwehr-Allrounder in einer herausragenden Form. Er scheint begriffen zu haben, dass die Kritik der Trainer keine persönlichen Angriffe auf seine Person sind. Das war nicht immer so. Aus dem „Ja-aber-Typ“, der sich seine guten Ansätze oft mit übermotivierten Aktionen, mit Hitzköpfigkeit und mitunter auch Naivität zunichte machte, ist ein gestandener Vollprofi geworden. Boateng scheint seine gelegentlich vorhandene Wut (nach Fehlern oder ungeahndeten Gegnerattacken oder auch Kritiken) besser im Griff zu haben. Wenn er seine Leistungen nun stabilisiert, kann ich ihn mir bei der WM bestens in der Innenverteidigung, eventuell sogar als Rechtsverteidiger vorstellen. Das Zeug dazu hat er allemal.

Ob Piotr Trochowski in den bald anstehenden Länderspielen eine Rolle spielen wird, muss sich zeigen. Momentan plagt „Troche“ eine schwere Erkältung. Ich habe am Rande des Tel-Aviv-Spiels einige Stimmen gehört, die sein Fehlen gar nicht so schlecht fanden. Man habe es überhaupt nicht gemerkt, die Truppe spiele vielleicht sogar besser ohne ihn, war da aus Experten- und Fan-Mund zu hören. Da möchte ich einmal ganz deutlich widersprechen. Natürlich hat Trochowski in dieser Saison noch nicht so viele überragende Spiele gezeigt. Aber warum sind die Erwartungen so vieler Betrachter eigentlich dermaßen in die Höhe geschnellt? Das beziehe ich nicht nur auf „Troche“, sondern auch auf die Mannschaft allgemein. Ich habe mehr und mehr das Gefühl, dass die Erwartungshaltung nur noch auf Tricks, Zauberpässe, Zu-Null-Siege und chancenfreie Gegner abzielt. Dass der HSV aber regelmäßig viele Tore schießt, als Team (meistens) funktioniert und mitunter spektakulären Fußball bietet, scheinen viele schon als Selbstverständlichkeit anzusehen. Um auf Trochowski zurückzukommen: Er ist wichtig für die Mannschaft, ein begnadeter Fußballer mit einer außergewöhnlichen Schusstechnik, und von seiner Spielweise profitieren seine Mitspieler sehr. Ich halte daher wenig davon, seine schwächeren Leistungen aufs Übelste zu verdammen und ihn dahin zu wünschen, wo der Pfeffer wächst, seine stärkeren Auftritte im Gegenzug aber als selbstverständlich wahrzunehmen. Das heißt nicht, dass er in Watte gepackt werden soll. Trochowski, der auf jeden Fall bei der WM auflaufen will, weiß selbst, dass er sich in den kommenden Wochen steigern muss; und wer ehrlich ist und sich an seine stärksten Spiele erinnert, der weiß auch, dass er eine Menge Potenzial dafür hat.

Nun zu Ebi Smolarek, der seine letzte Trainingseinheit beim HSV absolviert hat. Nach dem Training hat sich Bruno Labbadia mit dem Testspieler zusammengesetzt und ihm erklärt, dass es nicht zu einer Verpflichtung kommen wird. Labbadia und seine Mitstreiter haben in den vergangenen Tagen viel überlegt und diskutiert, Smolarek hat im Training auf keinen Fall enttäuscht, aber vielleicht waren der Sieg gegen Tel Aviv und auch die Präsentation von Tunay Torun der letztendliche Beweis, dass der HSV eventuelle Sturmprobleme aus den eigenen Reihen lösen könnte. Den notwendigen Mut dazu hat Bruno Labbadia jedenfalls, das hat er ja schon gegen die Israelis mit seiner Torun-Aufstellung bewiesen.

Sorgen bereiten mir aus dem aktuellen Kader derzeit nur zwei Personen: Mickael Tavares und Mladen Petric. Erster, weil er nur noch ein Schatten des Spielers ist, der zum HSV wechselte und sich hier als passsicherer, eleganter und zugleich zweikampfstarker Mittelfeldmann zeigte. Angesichts der Trainingseindrücke lässt sich nachvollziehen, warum Tavares momentan überhaupt keine Rolle spielt. Dabei bin ich überzeugt, dass er eine ernsthafte Alternative für David Jarolim oder auch Ze Roberto sein könnte.

Bei Petric ist der Fall etwas anders gelagert. Der Kroate ist mit Sicherheit eine große Stütze des HSV, keine Frage. Dass er nun aber öffentlich jedem erzählt, dass ihn die derzeitige Vertragssituation belaste, ist fast abenteuerlich. Petric hat einen Vertrag bis 2012. Darum sieht Klubboss Bernd Hoffmann auch keinen Anlass zur Dringlichkeit, um schon jetzt (zur Erinnerung: Wir haben 2009) über eine vorzeitige Vertragsverlängerung zu reden. Das hat offenbar Petrics Berater auf den Plan gerufen, der seinem Schützling nun einen Floh ins Ohr gesetzt haben könnte. Die Äußerungen Petrics klangen jedenfalls ziemlich zielorientiert, um öffentlichen Druck aufzubauen, sich möglicherweise auch für andere Vereine interessant zu machen. Würde ein Vorstand oder Aufsichtsrat solche Kommentare abgeben, die so gar nicht zur jüngsten sportlichen Entwicklung passen, hätte ich schon längst von einem „Fehlerflüsterer“ geschrieben, dem Petric hier aufgesessen ist. So aber überlasse ich die Deutung jedem selbst. Bruno Labbadia täte aber gut daran, seinen Torjäger davon zu überzeugen, dass er sich lieber auf seine fußballerischen Aufgaben konzentrieren soll.

16:30 Uhr

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