Monatsarchiv für Oktober 2009

Völlig von der Rolle

31. Oktober 2009

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Wirklich nicht. Vielleicht liegt das an der ersten Bundesliganiederlage in dieser Saison. Vielleicht liegt es aber noch mehr an der Art und Weise, wie dieses 2:3 gegen Mönchengladbach zustande gekommen ist. Das war ein echter Rückschlag im Kampf um die Spitzenpositionen in der Liga. Das war aber auch ein selbst verschuldetes Erlebnis der verzichtbaren Sorte, über das es noch sehr, sehr viel zu reden geben wird. Auch intern, wie ich denke. Dazu später mehr.

Eigentlich hatte das Spiel gegen die Borussen doch recht verheißungsvoll begonnen. Obwohl das Hamburger Offensivspiel nicht überragend flüssig lief, ging Bruno Labbadias Mannschaft nach 13 Minuten in Führung. Wie im Training flankte Dennis Aogo von links, den hohen Ball köpfte Marcus Berg von der Strafraumgrenze zu Jonathan Pitroipa, und der Mann mit der Rückennummer 21 legte gezielt auf Piotr Trochowski zurück, der gnadenlos aus 14 Metern ins kurze Eck zielte und traf.

Ich muss gestehen, dass ich diesen Treffer als eine Art Weckruf verstanden hatte. Denn bis zu diesem Tor hatte ich beim Spiel des HSV immer das leichte Gefühl einer etwas zu lässigen Art. Da wurden ein paar Bälle leichtfertig vergeben, immer mal wieder ein Laufweg oder Zweikampf nicht mit letzter Konsequenz durchgesetzt. Von Harmonie war da wenig zu sehen, die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen passten nicht. Dass Labbadia schon nach zwei Minuten Berg ein Zeichen gab, er solle die Bälle doch erst einmal sichern und nicht voreilige Direktpässe in den Raum versuchen, passte ins Bild. Irgendwie passte nichts so richtig.

Dass es neben der Führung auch positive Aspekte gab, ist klar. Bester Mann der ersten Hälfte beim HSV war für mich Jonathan Pitroipa. Beweglich, immer anspielbar und in gewohnter Art und Weise unberechenbar wuselte er über den Rasen. „Piet“ ließ sich auch hier und da ins Mittelfeld fallen, um Räume für seinen Sturmkollegen Marcus Berg zu reißen. Dabei muss man allerdings anmerken, dass Berg mit Ausnahme der ersten zehn Minuten von Gladbachs überragendem Innenverteidiger Dante sehr gut an die Kette gelegt wurde und im Strafraum wenige bis keine echten Torchancen verzeichnete.

Gladbach mauerte sich auch nicht wie von vielen befürchtet komplett ein, sondern agierte aus einer kompakten Defensive heraus zielsicher und schnell im Konterspiel, präsentierte sich dabei aus meiner Sicht spielerisch erstaunlich gut und wirkte bestens organisiert. Michael Frontzecks Mannschaft suchte auch aus der Bedrängnis heraus immer wieder passgenaue Lösungen. Nur der „letzte Pass“ fehlte den Borussen bei ihren meist rasant vorgetragenen Kontern, um Frank Rosts ernsthaft zu gefährden. Aus Hamburger Sicht muss ich allerdings auch anmerken, dass die Borussen-Profis viel zu viele Freiräume hatten. Wie oft ich es in Hälfte eins und zwei gesehen habe, dass ein Gladbacher Offensivspieler zwischen HSV-Abwehr und defensivem Mittelfeld einen Ball annehmen und sich weitgehend unbedrängt in Richtung Tor drehen konnte, konnte ich am Ende gar nicht mehr zählen. Da hat erstmals in dieser Saison auch die Abstimmung zwischen Abwehrkette und „Sechsern“ (Jarolim, Ze Roberto) nicht funktioniert.

Apropos Jarolim. Der Kapitän konnte in seinem 250. Bundesligaspiel froh sein, dass er vom insgesamt schwachen Schiedsrichter Dennis Aytekin nach 37 Minuten nicht vom Platz gestellt wurde. Als er nach einem armbetonten Zweikampf gegen Levels als letzter HSV-Mann (bei einem Gladbacher Konter natürlich) zu Boden ging und einen Freistoß zugesprochen bekam, stürmten die Borussen verständlicherweise erbost auf den Schiedsrichter zu und protestierten. Jarolim hätte das Laufduell gegen Levels möglicherweise verloren und hatte den Gladbacher mit einem hohen Arm gegen dessen Hals gestoppt – das hätte auch als Notbremse interpretiert werden können.
Es war aber auch wieder ein Zeichen für Hamburger Fehlorganisation. Die Strafe folgte auf dem Fuße. Schneller Konter von Gladbach über drei, vier Stationen, dann ein langer Pass auf den sehr agilen Marco Reus, der Rost keine Chance ließ – das 1:1 (39.). Anschließend faltete Joris Mathijsen Dennis Aogo dermaßen zusammen, dass er mit seinen entgleisenden Gesichtszügen bei jedem Halloween-Rummeln mit Süßigkeiten wahrscheinlich überhäuft worden wäre. Aogos Abwehrverhalten in dieser Szene war aber auch gruselig. Anstatt Tempo mit dem Gladbacher aufzunehmen, reduzierte sich Aogo auf staunend zuschauendes Begleitjogging – und versuchte anschließend auch noch eine Entschuldigung zu finden. Nach dem Motto: Ja, aber…

Hälfte zwei begann wieder mit einer positiven Überraschung. Ze Robertos Freistoßtor (48.) versöhnte für viele Defizite des bisherigen Spielverlaufs, aber eine wirklich deutlich erkennbare Besserung im Gesamtauftritt war auch nach diesem Tor nicht auszumachen. Piotr Trochowski (der zu meiner Überraschung den Vorzug vor Marcell Jansen in der Startelf bekommen hatte) trat kaum in Erscheinung, Berg war weiter abgemeldet, und vom Rest kam auch nicht viel.

Eljero Elia, von dem ich ja eigentlich große Dinge und viele Impulse erwartet hatte, war zwar oft in Aktion, aber im Gegensatz zu Pitroipa traf er fast immer im letzten Schritt die falsche Entscheidung, spielte einen Fehlpass, wurde geblockt oder verhaspelte sich. Gelegentlich fand ich seine Vorstöße mit Ball am Fuß auch zu umständlich, wobei er die meisten seiner Ballverluste durch seine extreme Laufstärke und auch sehr viele Wege zurück in die eigene Hälfte wenigstens ausglich. Von einer möglichen Bestform war er aber meilenweit entfernt.

Arangos Kopfball aufs Tornetz (62.) deutete schon an, wie die Gladbacher die HSV-Defensive aus den Angeln heben wollten: mit hohen Bällen. Zwar hätte Schiedsrichter Aytekin nach Bradleys Foul an Pitroipa einen Elfmeter geben müssen (74.), doch er pfiff eben nicht – und auf der gegenüberliegenden Seite nutzte Dante die Hamburger Schlafmützigkeit nach einem schnell ausgeführten Gladbacher Eckball und köpfte, nein: wuchtete den Ball aus kurzer Distanz zum Ausgleich ins Netz.

Zu diesem Zeitpunkt humpelte der in dieser Szene ebenfalls beteiligte Jerome Boateng bereits seit knapp 20 Minuten (nach einem unglücklichen Arango-Foul) über das Feld. Die Diskussion des morgigen Tages ist doch klar: Ist Trainer Labbadia ein unnötiges Sicherheitsrisiko eingegangen, weil er den Nationalspieler nicht vom Platz genommen hat? Ich persönlich bin da geteilter Meinung: Einerseits war schon fünf Minuten nach Boatengs Verletzung deutlich erkennbar, dass der Innenverteidiger in seinem Wirken gehemmt war, dass er unrund lief und sein Verhaltensmuster auf dem Rasen veränderte (er nahm fast eine Libero-Rolle ein und mied harte Zweikämpfe mit Tempo). Demnach hätte Labbadia eingreifen müssen, den ebenfalls enttäuschenden (weil schwächelnden) Guy Demel in die Mitte und einen anderen Akteur (Rincon?) nach rechts hinten beordern müssen. Andererseits können Trainer und auch Mannschaftsärzte nicht in die Spieler hineingucken, jedenfalls nicht während des Spiels. Und da gilt ein ungeschriebenes Gesetz zwischen Trainern aller Spielklassen und Aktiven: Geht es körperlich nicht mehr, müssen Spieler ein entsprechendes Zeichen geben, und dann folgt der Wechsel. Sind es „nur“ Schmerzen, die das Spiel erschweren, kann auch mal auf die Zähne gebissen werden.

Bei Boateng klappte die Einschätzung aller Beteiligten offensichtlich nicht. Und darüber werden sie intern bestimmt noch mehrfach reden. Symptomatisch war Boatengs folgender Rückpass auf Frank Rost, der zur Direktvorlage für Gladbach wurde, aber noch unbestraft blieb (78.). Die komplette Hamburger Hintermannschaft wirkte aufgescheucht, total verunsichert. Und Gladbach nutzte das eiskalt. Arangos traumhaftes Zuspiel nutzte der eingewechselte Rob Friend vor dem herangrätschenden Mathijsen zum 3:2-Siegtor (82.). Ob Frank Rost den Ball hätte halten können, kann ich beim besten Willen selbst nach zwei Zeitlupen nicht sagen. Es sah fast so aus, als habe ihn die Rollrichtung des Balles total überrascht.

Letztlich ist es auch egal, denn diese angesichts des Spielverlaufs nicht unverdiente Niederlage ist das Produkt vieler Fehlerketten, Defizite und Nachlässigkeiten. Ich möchte jetzt keine Grundsatz- oder Pauschalkritiken und –Urteile fällen, denn das ist angesichts des bisherigen Saisonverlaufs nicht angebracht. Ich bewerte dieses 2:3 als gehörigen Schuss vor den Bug. Als neuerliche Warnung, dass nur ein HSV mit 100 Prozent Leistungsfähigkeit, -Bereitschaft und Kampfkraft in der Lage sein wird, sich auf Dauer ganz oben unter den Top drei oder Top fünf der Bundesliga zu behaupten. Jetzt kommt es darauf an, welche Schlüsse die Spieler und Trainer aus diesem Spiel ziehen. Und vor allem, wie das Team psychisch damit umgeht.

Ach ja, einen Hamburger Gewinner gibt es heute doch noch: Wicht hat sich das van-der-Vaart-Trikot als 5000. Kommentarschreiber gesichert. Herzlichen Glückwunsch. Mein Kollege Christian Pletz wird sich bei Dir melden.

19:04 Uhr

Elias Turbo läuft auf Hochtouren

30. Oktober 2009

Einige wenige von Euch scheinen mich missverstanden zu haben, was Joris Mathijsens eindeutige Fortschritte in Sachen Aufbauspiel betrifft. Natürlich liegt die deutlich erkennbare Verbesserung nicht an ihm allein, sondern an der gesamten Mannschaft. Wenn sich keine Anspielstationen bieten, wird Mathijsen auch in Zukunft lange Bälle über die Außenbahn spielen – aber in den meisten Fällen und auch dank der Trainingsschwerpunkte in diesem Bereich zeigen sich ja mindestens zwei, manchmal sogar drei bis fünf Spieler zur Fortsetzung des Spielaufbaus. Der Anmerkung, Mathijsen tauche fast nie in der gegnerischen Hälfte auf, kann ich nur hinzufügen: glücklicherweise. Denn jede Ordnung und jedes Spielsystem benötigt Akteure für bestimmte Bereiche. Und ich glaube, dass Mathijsen seine Vorzüge (Timing, Stellungsspiel, Zweikämpfe) sehr gut selbst einschätzen kann und sich daher auch auf sein Spiel konzentriert und reduziert. Das ist für einen Trainer zehnmal besser als Spieler, die sich und ihre eigenen Fähigkeiten maßlos überschätzen und plötzlich Dinge tun, mit denen sie auf sich aufmerksam machen wollen. Stellt Euch mal vor, David Jarolim würde in Ballbesitz plötzlich Eins-gegen-eins-Laufduelle gegen die schnellsten Verteidiger der Liga wagen und sich von seiner grandiosen Stärke, der Ballsicherung und fast fehlerfreien Weiterleitung, verabschieden. Bruno Labbadia würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Ihr auch. Und ich erst…

Eigentlich wollte ich aber heute ein ganz anderes Thema angehen. Ich wollte mal wieder über Eljero Elia schreiben. Nicht weil meine Kollegen Kai Schiller und Marcus Scholz gestern mit ihm ein Interview geführt haben, sondern weil mir mehrere Trainingskiebitze in den vergangenen Tagen bestätigt haben, dass der „Roadrunner“ (kennt Ihr diese Comic-Vögel aus „Mein Name ist Hase“?) nach einem kleinen Minitief wieder auf der Überholspur ist. Sein Tempo und sein Spielwitz sind wahrlich eine Augenweide. Und wenn ich ganz ehrlich bin, treiben mir seine megastarken Auftritte auch immer gleich ein paar Sorgenfalten auf die Stirn.

Das ist eben das bittere Los eines Vereins wie dem HSV. Ich male mal folgendes Szenario auf. Bleiben Elias Leistungen in etwa so konstant wie im bisherigen Saisonverlauf und hängt der Senkrechtstarter im kommenden Sommer auch noch eine einigermaßen gute WM an, dann stehen im Juli die reichen englischen Topvereine Schlange. Und dann wird es der HSV verdammt schwer haben, „Eli“ (so rufen ihn ja die Teamkollegen) an der Elbe zu halten.

Keine Sorgen, ich will den Teufel nicht an die Wand malen. Eigentlich bin ich nur auf Elia gekommen, weil ich auch glaube, dass er gegen Mönchengladbach einer der entscheidenden Spieler werden wird. Wenn sein Turbo von Beginn an zündet, wird die in dieser Saison meist anfällige Hintermannschaft der Borussen vor zahlreiche Probleme (hoffentlich unlösbare) gestellt werden. Für mich zählt Elia jedenfalls schon jetzt zu den größten fußballerischen und spektakulären Bereicherungen der Bundesliga. Und das bleibt, da machen wir uns nichts vor, eben auch leider den reicheren Vereinen in Europa nicht verborgen.

Umso wichtiger wäre es, dass der HSV am Saisonende unter den Top drei landet. Die Champions League, so bitter ist nun mal die Realität, heiligt derzeit fast alle Mittel. Das heißt: Wer in der Königsklasse mitmischt, kann kurzfristig mit den Großen Europas finanziell mithalten und natürlich auch gefragten Spielern eine interessante Perspektive bieten.

Beim Stichwort „mitmischen“ möchte ich mich an dieser Stelle auch einmal bei Euch bedanken. Dieser Blog ist für mich mittlerweile so etwas wie ein Treffpunkt für echte Fußball-Liebhaber. Heutzutage, da vielerorts mehr über das Drumherum eines Spiels geredet wird als über das Geschehen auf dem Rasen, findet man immer seltener Leute, die das Spiel an sich lieben und sachlich-fundiert über Themen diskutieren. Wenn ich mir die Kommentare und Ideen, die Kritiken und Analysereaktionen in den einzelnen Beiträgen durchlese, finde ich mehr fachkundige und leidenschaftliche Antworten, als ich es je erwartet hätte. Macht weiter so. Ich melde mich morgen nach Spielende wieder.

Einen kleinen Nachtrag noch: David Jarolim gebührt für das morgige Spiel natürlich ein ganz besonderer Empfang. Der Kapitän absolviert sein 250. Bundesligaspiel, das ist wirklich beachtlich. Und ich weiß sogar ein gutes Geschenk für seine Jubiläumspartie, das er sich selbst schenken könnte – wie wäre es mit dem 18. Bundesligator?!

Zum Abschluss noch die Sieger unseres Gewinnspiels: Das Trikot von Änis Ben Hatira bekommt Sven Schütt. Die zwei Eintrittkarten hat sich Marco Gerdes gesichert. Die richtigen Antworten auf die beiden Fragen lauteten: 1. Günter Netzer wollte die Stadionzeitung verlegen. 2. Bernd Dörfel schoss das erste Tor.

12:44 Uhr

Mathijsens Spielweise ist ein Beweis

29. Oktober 2009

Zum Thema Torhüterdiskussion wurde eigentlich genug geschrieben. Ich möchte in diesem Zusammenhang nur eines noch klarstellen, damit keine Missverständnisse aufkommen. Ich habe nicht an Robert Enkes Qualitäten gezweifelt. Mir geht es in diesem Fall nur eben so wie offenbar auch einigen von Euch – mein Bauchgefühl wehrt sich irgendwie gegen die Vorstellung, dass Enke hier der optimale Nachfolger für Frank Rost wäre. Ob es so kommen wird, steht ja noch in den Sternen. Und ich habe im Fußballgeschäft ohnehin längst aufgegeben, nur auf mein Bauchgefühl zu hören und zu vertrauen. Da gilt doch eher das Motto: Nichts ist unmöglich. Gar nichts – und darum habe ich mich auch in Sachen Rafael van der Vaart wie ein Politiker geäußert. Ich möchte mich zu dem „kleinen Engel“ aber erst wieder inhaltlich und mit Bewertungen äußern, wenn es tatsächlich einen Kontakt zwischen seinen Beratern und dem HSV gibt und sich die ernsthafte Chance anbahnt, dass er zurück zum HSV kommt. Inklusive Finanzierung.

Was mich momentan viel mehr beschäftigt, sind die anstehenden Duelle gegen die vermeintlich „Kleinen“. Dass Bruno Labbadia in den letzten Trainingseinheiten viele Standardvarianten hat üben lassen, spricht für seine Einschätzung, dass der HSV ab Sonnabend und dem Duell gegen Mönchengladbach auf wesentlich defensiver ausgerichtete Mannschaften treffen wird als zuletzt. Wobei anzumerken ist, dass Bayer Leverkusen in Hamburg auch nicht gerade stürmisch angetreten ist.

Falls jemand von Euch das Pokalspiel der Bayern in Frankfurt gesehen hat und die Münchener Taktik und Umsetzung genauer betrachtet hat, der kennt das Optimalrezept gegen „Kleine“ (zu denen zählt die Eintracht in ihrer aktuellen Verfassung auf jeden Fall): aggressives Pressing, ein frühes Tor, extreme Passsicherheit und Coolness. Was Louis van Gaals Mannschaft gegen die komplett überforderten Hessen auf dem Rasen gezeigt hat, war aller Ehren wert. Und für den Fall, dass es mit dem frühen Treffer gegen Abwehrbeton nicht klappen sollte, müssen eben auch Standardsituationen herhalten.

Heute Morgen, so hat mir Kollege Pletz übermittelt, haben Jonathan Pitroipa und Dennis Aogo im Training gefehlt. Wieder Verletzte? Kranke? Ausfälle? Bruno Labbadia konnte glücklicherweise sofort Entwarnung geben. Sie hatten abgestimmte wichtige Termine und sind heute Nachmittag wieder dabei – und ich erwarte sie eigentlich auch beide in der Anfangself gegen die Borussia.

Ist Euch eigentlich aufgefallen, an wem sich die spielerische Steigerung des gesamten HSV-Teams besonders erkennen lässt? An Joris Mathijsen. Wahrscheinlich ging es in den vergangenen Monaten, besonders in der letzten Saison, vielen von Euch wie mir: Wenn Mathijsen den Ball bekam und nach zwei bis fünf Sekunden keine unmittelbare Anspielstation sah, zudem noch angegriffen wurde, holte er einen Ball der Marke „hoch und weit bringt Sicherheit“ heraus – meist Bälle in die Tiefe ohne konkreten Adressaten. Mich haben solche vermeidbaren Ballverluste immer geärgert. Wer David Rozehnal in seinen ersten Trainingseinheiten in Hamburg betrachtet hat, sah ähnliche Szenen. Keine sofortige Anspielstation, langer Schlag – Gegner im Ballbesitz.

Und jetzt? Mathijsen spielt nur noch äußerst selten diese Art Verlegenheitsbälle. Das liegt zum einen an Trainer Bruno Labbadia, der diesen Mangel sofort thematisiert hat und die gesamte Mannschaft auffordert, am gezielten Spielaufbau teilzunehmen. Für Mathijsen heißt das: Bekommt er den Ball, sind mindestens vier Spieler gefordert, ihm eine Anspielmöglichkeit zu bieten. Und Mathijsen selbst hat sich in diesem Zusammenhang auch deutlich gesteigert. Er sucht nicht mehr nur den Weg über die linke Seite, er öffnet sich mehr und mehr auch für Spieleröffnungen über die „Sechser“ oder sogar über die offensiven Mittelfeldleute. Lange Bälle setzt der HSV wirklich nur noch in höchster Not oder ganz gezielt ein.

Damit wären wir wieder bei den so genannten „Kleinen“, gegen die lange Bälle nämlich durchaus ein gutes Mittel sein können. Schafft man es, die Abwehrreihen des Gegners möglichst weit vom Strafraum zu locken, kann man mit schnellen Offensivspielern (Elia, Pitroipa) in die Räume stoßen – sofern man Leute im Team hat, die so gezielte Pässe spielen können. Ich denke da beim HSV vor allem an Ze Roberto und David Jarolim, bei größeren Distanzen aber auch an Jerome Boateng, Dennis Aogo oder eben Mathijsen.

Und dann wäre da ja noch Frank Rost. Das Spiel der Torhüter hat sich in den vergangenen Jahren ziemlich verändert. Reichte es früher noch, Bälle zu halten und Ruhe auf die Vorderleute auszustrahlen, sind die Torleute heutzutage die Initialzündungen für das Aufbauspiel. So ist es zu erklären, warum Rost manchmal nach einem abgefangenen Ball wie von einem Bienenschwarm verfolgt in Richtung Strafraumgrenze stürmt und nach einer Kontermöglichkeit per Abwurf oder Abschlag sucht. Denn gerade gegen die defensiv ausgerichteten Klubs bekommt man in solchen Situationen eher mal die Chance, eine Eins-gegen-eins-Szene zu erzwingen, was im normalen Abwehr/Angriff-Spiel selten vorkommt.

Ich bin wirklich schon jetzt gespannt, was sich Mönchengladbach für das Spiel in Hamburg ausdenkt. Der HSV ist jedenfalls motiviert genug. Schließlich kann Bruno Labbadias Team zurück an die Tabellenspitze stoßen – und ganz nebenbei noch zur besten (alleinigen) Heimmannschaft der Bundesliga werden.

14:05 Uhr

Frank Rost steht außer Frage

28. Oktober 2009

Rost oder Enke? Van der Vaart oder nicht? Unglaublich, wie viele Kommentare es zu den besagten Diskussionen gibt. Man könnte fast den Eindruck bekommen, der HSV stecke mitten in einer längeren Spielpause, denn sonst bliebe ja gar nicht so viel Zeit für so ausführliche Personalthemen. Na, das ist eben auch eine Folge des Pokalausscheidens und der ersten Nicht-Englischen Woche seit einiger Zeit. Während in Dortmund, Stuttgart und Duisburg Frust über das Ausscheiden den Mittwoch bestimmt, werden in Hamburg potenzielle Kaderveränderungen besprochen, kommentiert und aufgezeigt. Ich vermeide bewusst den Begriff Verstärkungen, weil ich gar nicht weiß, ob eine Verpflichtung beispielsweise eines Robert Enke eine personelle Verbesserung im Vergleich zu Frank Rost darstellen würde.

Wobei ich zum aktuellen Stand ganz eindeutig sagen kann: Besser als Rost momentan kann Enke gar nicht sein. In seiner aktuellen Form verkörpert der Schlussmann des HSV all das, was ein Trainer von einem Führungsspieler erwartet: Rost zeigt gute, stabile Leistungen, er strahlt Ruhe auf seine Vorderleute aus, er ist um eine stetige Verbesserung des gesamten Defensivverhaltens bemüht, er dirigiert, er organisiert, er kritisiert. Daher halte ich den jetzigen Zeitpunkt auch für mehr als unangebracht, um über die Torwartposition ernsthafte öffentliche Diskussionen anzustellen.

Denn eines ist ja auch klar: Sollte der HSV Robert Enke zur kommenden Saison holen, dann wird es bestimmt keine Konstellation Enke Nr. 1/Rost Nr. 2 geben. Dafür sind beide Torhüter zu alt, zu erfahren, zu ambitioniert. In Sachen Torhüter müsste beim HSV doch eigentlich folgendes angestrebt werden: Ein junger, talentierter Keeper wird für den Tag aufgebaut, an dem er Frank Rost als Nummer eins beerben kann. Das hat beispielsweise bei Bayer Leverkusen, wo Rene Adler für Jörg Butt zwischen den Pfosten ging, doch gut geklappt.

Ob Wolfgang Hesl das Zeug hat, Rosts Nachfolger zu werden, mag ich nicht einschätzen. Bei seinen bisherigen Einsätzen hat er trotz eines Aussetzers in Guingamp einen soliden Eindruck hinterlassen. Ich hätte jedenfalls keine Sorge, wenn Hesl Rost mal für eine oder zwei Partien ersetzen müsste. Aber ob es eben für eine ganze Saison reicht, auch um in großen Drucksituationen zu bestehen, das müssen und können nur die verantwortlichen Trainer, allen voran Claus Reitmaier, entscheiden. Und die werden es nur intern und ganz im Vertrauen tun, denn nichts ist schlimmer als ein verunsicherter oder auch übermotivierter Ersatztorwart, wenn er dann doch plötzlich ins Rampenlicht rückt. Eines ist jedenfalls klar: Hesl hat ein paar entscheidende Nachteile, die seine Position in Hamburg sicherlich nicht stärken. In der vergangenen Saison wurde er von Trainer Martin Jol eher mit Skepsis als Vertrauen bedacht, und der HSV durchforstete den Markt offenkundig nach zweiten Torhütern mit „Aufstiegspotenzial“. Das hat das Selbstvertrauen Hesls mit Sicherheit nicht gefördert, vielleicht aber eine Trotzreaktion hervorgerufen.

Wer Frank Rost regelmäßig im Training und auch in den Spielen beobachtet, der kann sicher sein, dass „Fäustel“ das Gegenteil eines Nervenbündels ist. Auch wenn ich ihn in der Vergangenheit nicht immer als DEN souveränsten Rückhalt betrachtet habe, so hat er meine Zweifel an seinen Qualitäten mittlerweile längst ausradiert. Mit guten Leistungen. Frank Rost ist mit Sicherheit kein Schmusetyp – auch oder gerade für die jungen Mitspieler nicht, gelegentlich auch für Claus Reitmaier nicht (dem er gelegentlich deutlich sagt, wenn er Übungen für sinnlos hält) -, aber er ist eine Größe, die Verantwortung übernimmt. Er entschuldigt sich für deplatzierte Abwürfe oder Abschläge, er stellt hohe Ansprüche an sein eigenes Agieren und fordert entsprechend viel von seinen Teamkollegen.

Allerdings – und darum existiert die Torwartdiskussion meines Wissens überhaupt – wird Frank Rost auch nicht jünger. Mit 36 Jahren ist er zwar noch nicht der älteste Bundesligaschlussmann, aber er gehört zum „älteren Eisen“. Aus Managementsicht wäre es fahrlässig, wenn sich die HSV-Verantwortlichen keine Gedanken um eine Torhüter-Nachfolge machen würden. Ob Enke, 32 Jahre alt, da das richtige Zeichen ist? Ich weiß ja nicht.

Das Thema van der Vaart möchte ich eigentlich gar nicht großartig kommentieren. Ich vertraue da voll und ganz den Informationen, die ich aus berufenem Munde erfahren habe. Demnach spielt der Niederländer in den aktuellen und mittelfristigen Planungen von Bruno Labbadia gar keine Rolle. Und trotzdem kann sich so etwas natürlich auch sehr schnell ändern. Der Fußballmarkt ist ja mittlerweile fast stündlich in Bewegung. Und warum sollte sich der HSV in der Winterpause nicht mal interessante Angebote anhören, sofern es denn welche gibt? Zuhören kann nie falsch sein.

Foto: RöhrbeinBelohnung für den 5000. Kommentar!
Mein Kollege Christian Pletz hat es noch in der Hand: das Hamburger Original-Trikot von Rafael van der Vaart mit der Rückennummer 23. Die Besonderheit an dem Dress: Auf der Vorderseite sind die Originalunterschriften von van der Vaart und seinen letztjährigen Teamkollegen. Der 5000. Kommentar in diesem Blog wird mit dem Trikot belohnt. Ein kleiner Tipp: Momentan liegen wir bei knapp 4700 Kommentaren (Foto: Röhrbein).

16:15 Uhr

Viel Freistoß-Luft nach oben

27. Oktober 2009

Das ist wirklich kurios. Heute wollte ich mich dem Thema Standards annehmen, das ich bei der Zwischenbilanz tatsächlich vergessen habe – und meine Abendblatt-Kollegen haben es ebenso wie einige von Euch in ihren Kommentaren auch schon angesprochen. Auch wenn Mickael Tavares’ Freistoß ins Nirgendwo in der Schlussphase auf Schalke bestimmt kein typischer HSV-Feistoß war, so war er dennoch symptomatisch für viele ruhende Bälle des Teams im bisherigen Saisonverlauf.

Wenn man bedenkt, dass bei den mitunter engen und engsten Partien Standardsituationen Spiele entscheiden können, dann kann der HSV in diesem Bereich mit Sicherheit noch nach- und zulegen.

Falls jetzt jemand auf die Idee kommen sollte, dem HSV vorwurfsvoll zu begegnen, nach dem Motto: Na, Freistöße muss man doch üben, dann sollte das immer im Rahmen bleiben. Es ist ja nicht so, dass Bruno Labbadia seine Profis in den vergangenen Wochen nicht auch mal Standards hätte proben lassen. Ich habe es ja gelegentlich selbst geschildert, dass Dennis Aogo, Tunay Torun und Piotr Trochowski Freistöße aus unterschiedlichen Positionen gefährlich vors Tor bringen mussten. Aber mangels Zeit waren das eben nur Standard-Häppchen und keine neuen Varianten, Überraschungsszenen oder komplette Standard-Einheiten.

Viele Fans, die die Begründung „fehlende Zeit“ hören, springen im Quadrat und schütteln verständnislos den Kopf. Kann ich verstehen. Es hört sich ja nun auch wirklich eigenartig an, wenn man als normaler Arbeitnehmer einen Fußballer von hoher Belastung oder gar Stress sprechen hört. Und dennoch stellt der Zeitfaktor ein Problem dar. Nehmt doch mal die bisherige Saison. Da gab es entweder Englische Wochen oder Länderspielpausen. In beiden Phasen hatte der HSV keinen normalen Trainingsbetrieb. Es geht fast immer nur um aktive Erholung, um Vor- oder Nachbereitung eines Spiels. Bruno Labbadia konnte froh sein, wenn er mit den verbliebenen Spielern während der Länderspielreisen wenigstens mal die Zügel anziehen konnte, Auffrischungen des physischen Vorbereitungsprogramms absolvieren konnte. Wenn man dann noch akute Personalprobleme hat, Ausfälle, Angeschlagene, dann gibt es in der Prioritätenliste für das Trainingsprogramm wichtigere Punkte als Standards. Eckbälle und Freistöße sind dann eher die Kür.

Ich habe beim Lesen einiger Kommentare manchmal das Gefühl, als warteten einige Fans nur darauf, dass es einen leistungstechnischen Einbruch und einen Absturz in der Tabelle gibt. Weil es den in den vergangenen Jahren ja eigentlich immer gegeben hat. Ich weiß, das prägt und bedeutet immer eine gehörige Portion Skepsis. Wenn ich von Abwehrproblemen, offensiven Defiziten oder Schwächen bei den Standardsituationen schreibe, dann ist das – und das muss betont werden – Jammern auf sehr hohem Niveau.

Und dabei ist anzumerken, dass die Spieler selbst ja häufig noch Extraschichten nach den normalen Trainingseinheiten einlegen, um an solchen Details, dem Feinschliff, zu arbeiten. Da diskutieren Joris Mathijsen und Dennis Aogo dann miteinander, wo Bälle von der linken Seiten landen müssen, um maximale Torgefahr auszustrahlen. Da gibt auch Torwart Frank Rost Tipps, der ja selbst am besten weiß, welche Freistöße einem Keeper die meisten Probleme bereiten. Da versucht sich Piotr Trochowski immer wieder an der Justierung seines Schussfußes, und Tunay Torun verbessert das Verhältnis gute Hereingaben/Grottenbälle regelmäßig.

Ich betrachte es sogar als extrem positiv, dass der HSV in Sachen Freistöße und Eckbälle noch alles andere als meisterlich ist. Warum? Weil das bedeutet, dass da noch Luft nach oben ist. Weil das heißt, dass Bruno Labbadia mit seinem Team auch noch Überraschungsmomente setzen kann in den kommenden Wochen und Monaten. Und das ist mir lieber, als wenn ich wüsste, dass sich der HSV schon oberhalb seines eigentlichen Limits aufhält.

Ich muss noch etwas in eigener Sache loswerden. Ich werde in den kommenden zwei Wochen nicht beim Training und auch nicht bei allen Spielen des HSV auftauchen. Keine Sorge, es hat nichts mit meinem Gesundheitszustand zu tun (der sich nur langsam bessert). Ich habe Urlaub. Das heißt aber nicht, dass dieser Blog in der besagten Zeit zur Matz-freien Zone werden soll. Ich habe mit meinem Kollegen Christian Pletz folgendes vereinbart: Er besucht die Trainingseinheiten und schaut sich die Spiele an, berichtet mir dann per Telefon von allem (ich schaue natürlich auch alles im Fernsehen), und ich werde dann weiterhin meine Einschätzungen abgeben. Mit Christian Pletz habe ich in den vergangenen zehn Jahren so viele Spiele und Trainingseinheiten verfolgt, dass ich weiß, dass wir eine sehr ähnliche Fußballphilosophie haben und in Sachen Bewertung absolut auf einer Wellenlänge liegen.

Und da meine Frau auch einverstanden ist, ist mein Laptop ständig bei mir. Ich hoffe, dass ich weiterhin so viele Erfolgserlebnisse kommentieren darf. Und vielleicht fällt ja schon gegen Gladbach das eine oder andere Tor nach einer Standardsituation.

11:50 Uhr

Eine erste Zwischenbilanz

26. Oktober 2009

Zuerst einmal möchte ich Euch allen ein riesengroßes Dankeschön aussprechen. Im Eifer des gestrigen Gefechts und im Schwindelgefühl der 3:3-Achterbahnfahrt habe ich gestern völlig vergessen, mich für die zahlreichen und herzlichen Genesungswünsche zu bedanken. Das ist mir echt unangenehm. Ich war und bin überwältigt (und von meiner ebenfalls begeisterten Frau soll ich auch Grüße ausrichten). Und auch wenn es mit meiner kompletten Genesung wohl noch etwas dauern wird (ich war beim Arzt und muss Antibiotika schlucken), so bin ich doch schon wieder so weit aufm Damm, dass ich mich der aktuellen HSV-Lage widmen kann.

Wenn die Trainer und Spieler und Manager in der Bundesliga nach ein paar Spieltagen zur Tabellenlage befragt werden, reagieren die meisten gleich: „Fragen Sie mich doch nach zehn Spieltagen noch einmal, dann hat die Tabelle wenigstens schon ein bisschen mehr Aussagekraft.“

Jetzt, da zehn Spieltage vorüber sind, ist also der perfekte Zeitpunkt für eine ernsthafte Zwischenbilanz. Die fällt angesichts des zweiten Tabellenplatzes in der Liga und Platz 1 in der Europa League Gruppe C extrem positiv aus – vor allem in Anbetracht der personellen Probleme, die für Trainer Bruno Labbadia in den vergangenen Wochen so etwas gewesen sein dürften wie dicke Holzknüppel, die einem 100-Meter-Sprinter permanent zwischen die Beine geworfen werden. Und der „HSV-Läufer“ ist noch immer nicht gestürzt.

Da sich so eine Zwischenbilanz am besten in Einzelaspekten abarbeiten lässt, würde ich fünf Einzelbereiche betrachten:

1. Aktuelle Lage in den Wettbewerben
2. Situation des Kaders
3. Der neue Trainer
4. Sportliche Entwicklung
5. Problemzonen

1. Platz zwei in der Bundesliga ist mehr als beachtlich. Der HSV ist neben Tabellenführer Leverkusen das einzige Team ohne Niederlage und mit 13 Punkten (von möglichen 15) neben Mainz (ebenfalls 13) der heimstärkste Verein. Mit 23 erzielten Toren hat Bruno Labbadias Mannschaft die meisten Treffer erzielt, elf Gegentreffer sind allerdings auch die meisten aller Top-Mannschaften (Vergleich: Leverkusen hat sechs, Werder sieben, die Bayern, Schalke und Hoffenheim neun).

Im DFB-Pokal hat der HSV in dieser Saison enttäuscht. Dem Weiterkommen im Elfmeterschießen bei Fortuna Düsseldorf folgte das Aus beim Drittligaklub VfL Osnabrück im Elfmeterschießen.

In der Europa League steht der HSV nach drei Spielen mit sechs Punkten auf Rang eins und hat von den verbliebenen drei Spielen noch zwei Heimauftritte. Die Mannschaft liegt im Soll und hat trotz eines Aussetzers bei Rapid Wien (0:3) die Fassung bewahrt. In der aktuellen Form steuert die Mannschaft auf den Gruppensieg zu.

2. Die personellen Hiobsbotschaften rissen in den vergangenen Wochen nicht ab. Erst verletzte sich Alex Silva schwer (Kreuzbandriss), dann legte Collin Benjamin nach, es folgten Paolo Guerrero und Mladen Petric. Marcell Jansen plagten immer wieder neue Probleme, von denen er sich jetzt erst erholt hat. Zwischendurch kamen immer wieder schmerzliche Einzelausfälle hinzu: Guy Demel, Jerome Boateng. Trotz der Engpässe jammerten die Profis nie, ebenso wenig ihr Trainer, sondern gingen selbstbewusst und angriffslustig in die Spiele. Auch Nachwuchskräfte wie Tunay Torun und Tolgay Arslan erhielten Bewährungschancen und zeigten im Training und auch in den Spielen Fortschritte.

3. Bruno Labbadia benötigte keine große Eingewöhnungszeit. Er stand von der ersten Sekunde beim HSV unter Strom, unter Vollspannung. Er arbeitet akribisch, prägt die Trainingseinheiten mit taktischem Feinschliff und verpasst der Mannschaft so seine Handschrift. Er führt viele Einzelgespräche und hat stets ein Gehör für die Sorgen und Ansichten seiner Spieler. Er lässt den Offensivkräften kreative Freiräume und fördert stets offensives Denken. Ihm ist ein 4:3 offenbar lieber als ein 1:0. Labbadia „lebt“ sein HSV-Engagement, was ihm nach Rückschlägen nicht zugute kommt, denn dann leidet er eben auch wie ein Hund. Labbadia wirkt so, als habe er bei seinem gescheiterten Engagement in Leverkusen viel gelernt. Er achtet sorgsam auf atmosphärische Störungen, hält den Spaß- und Wettkampfcharakter in den meist eingeschränkten Übungseinheiten hoch und lässt sich auch durch personelle Rückschläge nicht von seiner Linie abbringen. Labbadia ist ein Gewinn für den HSV und identifiziert sich total mit seiner Aufgabe.

4. Im Vergleich zur Vorsaison macht der HSV erkennbare taktische Fortschritte, was vor allem auf Bruno Labbadias Eingriffe und trainingstechnische Maßnahmen zurückzuführen ist. Raumaufteilung und Ballbehauptung in Bedrängnis sind bislang in den meisten Fällen auffällig gut. Die Mannschaft funktioniert als Einheit und ist sich der Notwendigkeit ihrer gemeinschaftlichen Arbeit auch in der Rückwärtsbewegung bewusst. Sie wirkt gelegentlich etwas anfällig bei Kopfballduellen (das war vor allem auf Schalke der Fall). Die individuellen Vorzüge einzelner Spieler (Elia, Ze Roberto, Jarolim) kommen im 4-4-2-System bestens zur Geltung. Die Mannschaft wirkt nach den Rückschlägen in der Endphase der vergangenen Saison reifer. Alte Führungskräfte wie Frank Rost, Joris Mathijsen und David Jarolim haben mit Ze Roberto Verstärkung erhalten. Neulinge wie Marcus Berg und Eljero Elia haben die Vielseitigkeit erhöht, im Angriff wächst Berg nach den Ausfällen von Guerrero und Petric immer mehr in seine neue Stammspielerrolle hinein. Potenzielle deutsche WM-Teilnehmer wie Marcell Jansen und Piotr Trochowski liegen insgesamt noch hinter den Erwartungen, von ihnen erwartet auch Labbadia noch erhebliche Leistungsschübe.

5. Der Konkurrenzkampf hält sich derzeit arg in Grenzen, weil der Kader aufgrund der Verletzungsprobleme arg geschrumpft ist. Im Angriff hängt derzeit viel von der aktuell guten Form Bergs ab, zumal es nach den Verletzungen von Petric und Guerrero an echten Alternativen fehlt. Auch in der Abwehrreihe mangelt es mehr und mehr an Ersatzbesetzungen. Für David Rozehnal dürfte Boateng in die Anfangself gegen Gladbach rutschen, aber Alternativen für die Innenverteidigung und für die Position des Rechtsverteidigers Demel (hat Rückenprobleme) gibt es nicht. Einige Spieler aus der zweiten Reihe (Mickael Tavares, Robert Tesche, Tomas Rincon) bedeuten derzeit noch einen erheblichen Qualitätsverlust. Abseits des Fußballplatzes dürfte die Besetzung des Sportchefpostens die heikelste Personalfrage sein. Seit Wochen ist es diesbezüglich ruhig geworden. Ich werde mich in den nächsten Wochen mal umhören, ob schon neue Namen kursieren.

Das war es vorerst. Habe ich etwas vergessen?

15:50 Uhr

Dieses Spektakel kostete Nerven

25. Oktober 2009

Ich liege immer noch flach. Und ich weiß nicht, ob dieses rasante, mitreißende, abwechslungsreiche und nervenaufreibende 3:3 wirklich zu meiner Gesundung beitragen kann. In der Schlussphase hatte ich gelegentlich das Gefühl, dass mein Fieber immer wieder in die Höhe schnellen würde – aber das war wohl nur die Aufregung. Unterm Strich bewerte ich dieses Unentschieden als Fußball-Spektakel, das beim HSV angesichts des Spielverlaufs trotz einer 2:0- und 3:2-Führung aber keine negativen Schlussfolgerungen bringen sollte. Man darf ja nicht außer Acht lassen, dass dieser personell angeschlagene HSV die 90 Minuten von Celtic Glasgow in den Knochen hatte und sich trotz mehrerer Rückschläge immer wieder ins Spiel zurückgekämpft hat.

Die erste Hälfte hatte lange etwas von einem offenen Schlagabtausch. Die Schalker wollten die Hamburger Defensive permanent unter Druck setzen, zu Fehlern zwingen und das Geschehen hauptsächlich in die HSV-Hälfte verlagern, aber da hatten die „Königsblauen“ die Rechnung offenbar ohne den Gast gemacht. Ich war begeistert, wie schnell dieses HSV-Team von Abwehr auf Angriff umschaltete, wie sich Eljero Elia wieder erstarkt zeigte, wie sich auch der so oft gescholtene Piotr Trochowski mit ständigen Positionswechseln einbrachte.

Eigentlich hätte Labbadias Elf schon nach fünf Minuten in Führung gehen können, nein, müssen. Elias Flanke auf Marcus Berg war an Präzision nicht zu überbieten – der Kopfball des Schweden aus fünf Metern rechts vorbei war allerdings eher kläglich.

Von dem personellen Jammertal, das Trainer Labbadia vor dem Anpfiff noch angedeutet hatte (Jerome Boateng fehlte wegen seiner Knieprobleme, er hatte das morgendliche Training in Gelsenkirchen ebenso wie das Abschlusstraining abgebrochen; Guy Demel plagten akute Rückenprobleme), war auf dem Rasen in der Arena glücklicherweise nichts zu sehen. Die Raumaufteilung stimmte, die fußballerische Harmonie und vor allem die Bereitschaft eines jeden Einzelnen, Fehler des Nebenmannes auszubügeln, war erkennbar. Und in Sachen Ballsicherheit, auch in Bedrängnis, setzte die Mannschaft ein echtes Ausrufezeichen.

Dass Schalke alles andere als chancenlos war, dürfte kaum überraschen. Als Altintop Kuranyi bediente und dessen Kullerball in Frank Rosts Armen landete (7.), habe wohl nicht nur ich vorm Fernseher durchgepustet. Zu Frank Rost noch eine kleine Randbemerkung: Viele von Euch hatten „Fäustel“ ja in den vergangenen Spielen auch lobend erwähnt. Da möchte ich mich anschließen. Rost präsentiert sich als echte Führungsfigur. Er strahlte auch heute Ruhe aus, dirigierte seine Vorderleute und nahm so stabilisierende Einfluss auf seine Vorderleute. Und dass er nebenbei glänzend per Fuß gegen Farfan parierte (14.), war auch nicht zu verachten.

Dann folgte der große Auftritt Elias. Sein Solosprint links in den Strafraum und der folgende Pass auf den heran laufenden Berg war einfach weltklasse, der Abschluss ins Netz nur noch reine Formsache (26.). Dieses Tor dürfte auch Trainer Labbadia verzückt haben, denn solche Bewegungen der Offensivkräfte bedenkt er auch in Trainingsspielen immer wieder mit Sonderlob. Bei diesem Treffer muss ich aber auch den aus meiner Sicht sehr guten Schiedsrichter Manuel Gräfe erwähnen. Weil er die Schwalbe Rafinhas im Mittelfeld richtig erkannte und nicht pfiff, konnte Elia überhaupt erst im Strafraum brillieren.

Eigentlich hätte ich nun wütende, trotzige Angriffe der Schalker erwartet. Aber – und das spricht eben auch für den HSV im Herbst 2009 – stattdessen spielten die „Rothosen“ weiter konsequent nach vorne. Mit einem kleinen Schönheitsfehler. Joris Mathijsens Ballverlust zwei Minuten nach der HSV-Führung hätte zum Ausgleich führen müssen, wenn Kuranyi seine zwei freien Kollegen Farfan und Altintop bedient hätte. Tat er aber nicht, sondern versuchte es selbst – Rost bedankte sich.

Es folgten Szenen, die viele von Euch ja schon nach der Partie in Glasgow heraufbeschworen hatten. Trochowski setzte Akzente. Seinen ersten gefährlichen Torschuss nach Elia-Zuspiel entschärfte Schalkes Keeper Neuer noch (44.), aber kurz darauf zielte „Troche“ besser und setzte einen Freistoß aus mehr als 30 Metern ins Netz (45.). Wer Trochowskis Mienenspiel vor dem Freistoß genau beobachtet hat, der könnte wie ich zum Verdacht gelangen, dass der Torschuss pure Absicht war. Und ob er haltbar war oder nicht (weil Flatterball), war egal – denn der Ball war drin.

Nun folgte eigentlich die K.-o-Phase, in der der HSV den Sack hätte zumachen können, nein, schon wieder müssen. Jonathan Pitroipas Solo schloss der Mann aus Burkina Faso mit einem versuchten Querpass auf Berg ab anstatt selbst zu schießen (47.), da sträubten sich meine Nackenhaare. Und Bergs folgender Abschluss, den die Schalker nach einer Hereingabe von Guy Demel blocken konnten, war auch nicht ohne.

Der Rest des Spiels hatte für mich etwas von einer Achterbahnfahrt. Kuranyis Kopfballtreffer zum Anschlusstor nach einer Rafinha-Flanke (50.) war noch erträglich. Rafinha hatte zu viel Zeit und Platz zum Flanken, Demels Gegenwehr bei Kuranyis Kopfball war auch nicht die beste. Aber eigentlich war ja noch nichts passiert.

Der nächste Tiefschlag ließ aber nicht lange auf sich warten. Ze Robertos Rückpass wurde zum Traumpass für Kuranyi, weil David Rozehnal ein Opfer seiner eigenen Geschwindigkeitsprobleme wurde und den Schalker nur noch per Foul vorm Strafraum stoppen konnte (60.). Freistoß und Rot waren berechtigt. Aber hätte diese Strafe nicht gereicht? Den Freistoß von Bordon lenkte Rost noch mit einem sensationellen Reflex an die Latte, aber beim Abstauber-Kopfballtor von Schmitz waren alle machtlos (62.). Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich persönlich von den Zählern verabschiedet. Schalke hatte Rückenwind, einen Mann mehr und Magath als Trainer – da war der Siegtreffer für die Königsblauen doch nur noch eine Frage der Zeit, oder? Zumal mit David Jarolim auch noch einer der Köpfe des HSV ausgewechselt werden musste – akute Gelb-Rot-Gefahr (71.).

Doch dieser HSV ist mehr als eine Überraschung wert. Und das ist ein Qualitätsmerkmal. Ze Robertos Dribbling mit dem Traumpass auf Berg, der zum 3:2 für Hamburg vollendete, hat mich für einen Moment lang sprachlos gemacht (80.).

Schade nur, dass dieser Mut, dieser Wille, dieser grandiose Kampf des HSV letztlich keine Komplettbelohnung brachte. Weil Elia einen letzten HSV-Angriff etwas zu leichtfertig mit einem Ballverlust beendete, der eingewechselte Mickael Tavares im Mittelfeld naiv ins Leere lief, konnte Schalke eben doch diesen einen Konter setzen, der mit einer Flanke Westermanns auf Kuranyi endete – und fertig war das 3:3 (90.). In der Nachspielzeit und bei dem Asamoah-Kopfball in Rosts Arme habe ich fast nur noch gejapst. Und jetzt bin ich schweißgebadet und am Ende. Lasst uns das Remis als Werbung für den Fußball bewerten, als Duell auf Augenhöhe und als Spektakel mit einem Ausgang, mit dem der HSV in Unterzahl leben kann. Ich kann es jedenfalls. Naja, uns bleibt ja auch keine andere Wahl.

19:55 Uhr

Sprechstunde verschiebt sich

25. Oktober 2009

Die Vorfreude auf das heutige Spiel des HSV auf Schalke hat bei mir offenbar Lampenfieber ausgelöst. Nein, Scherz beiseite, ich liege mit Fieber und starker Erkältung flach. Was für eine grässliche Nacht. Daher bitte ich Euch um Nachsicht, dass die eigentlich obligatorische Sprechstunde verschoben wird. Ich werde noch ein bisschen schlafen und versuchen, meine Kraft für das Duell nachher zu bündeln um dann wieder eine Sofortanalyse vom Spiel bei den Königsblauen zu liefern.

Dass es auf Schalke derartig hoch her geht, habe ich in diesem Ausmaß vorhin beim Durchlesen Eurer Kommentare gelesen. Ich bin mal gespannt, ob sich die heftigen Vorwürfe und eventuell auch folgenschweren Sachverhalte auf die Stimmung in der “Halle” auswirken werden.

Bis später.

10:33 Uhr

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