Monatsarchiv für Oktober 2009

Völlig von der Rolle

31. Oktober 2009

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Wirklich nicht. Vielleicht liegt das an der ersten Bundesliganiederlage in dieser Saison. Vielleicht liegt es aber noch mehr an der Art und Weise, wie dieses 2:3 gegen Mönchengladbach zustande gekommen ist. Das war ein echter Rückschlag im Kampf um die Spitzenpositionen in der Liga. Das war aber auch ein selbst verschuldetes Erlebnis der verzichtbaren Sorte, über das es noch sehr, sehr viel zu reden geben wird. Auch intern, wie ich denke. Dazu später mehr.

Eigentlich hatte das Spiel gegen die Borussen doch recht verheißungsvoll begonnen. Obwohl das Hamburger Offensivspiel nicht überragend flüssig lief, ging Bruno Labbadias Mannschaft nach 13 Minuten in Führung. Wie im Training flankte Dennis Aogo von links, den hohen Ball köpfte Marcus Berg von der Strafraumgrenze zu Jonathan Pitroipa, und der Mann mit der Rückennummer 21 legte gezielt auf Piotr Trochowski zurück, der gnadenlos aus 14 Metern ins kurze Eck zielte und traf.

Ich muss gestehen, dass ich diesen Treffer als eine Art Weckruf verstanden hatte. Denn bis zu diesem Tor hatte ich beim Spiel des HSV immer das leichte Gefühl einer etwas zu lässigen Art. Da wurden ein paar Bälle leichtfertig vergeben, immer mal wieder ein Laufweg oder Zweikampf nicht mit letzter Konsequenz durchgesetzt. Von Harmonie war da wenig zu sehen, die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen passten nicht. Dass Labbadia schon nach zwei Minuten Berg ein Zeichen gab, er solle die Bälle doch erst einmal sichern und nicht voreilige Direktpässe in den Raum versuchen, passte ins Bild. Irgendwie passte nichts so richtig.

Dass es neben der Führung auch positive Aspekte gab, ist klar. Bester Mann der ersten Hälfte beim HSV war für mich Jonathan Pitroipa. Beweglich, immer anspielbar und in gewohnter Art und Weise unberechenbar wuselte er über den Rasen. „Piet“ ließ sich auch hier und da ins Mittelfeld fallen, um Räume für seinen Sturmkollegen Marcus Berg zu reißen. Dabei muss man allerdings anmerken, dass Berg mit Ausnahme der ersten zehn Minuten von Gladbachs überragendem Innenverteidiger Dante sehr gut an die Kette gelegt wurde und im Strafraum wenige bis keine echten Torchancen verzeichnete.

Gladbach mauerte sich auch nicht wie von vielen befürchtet komplett ein, sondern agierte aus einer kompakten Defensive heraus zielsicher und schnell im Konterspiel, präsentierte sich dabei aus meiner Sicht spielerisch erstaunlich gut und wirkte bestens organisiert. Michael Frontzecks Mannschaft suchte auch aus der Bedrängnis heraus immer wieder passgenaue Lösungen. Nur der „letzte Pass“ fehlte den Borussen bei ihren meist rasant vorgetragenen Kontern, um Frank Rosts ernsthaft zu gefährden. Aus Hamburger Sicht muss ich allerdings auch anmerken, dass die Borussen-Profis viel zu viele Freiräume hatten. Wie oft ich es in Hälfte eins und zwei gesehen habe, dass ein Gladbacher Offensivspieler zwischen HSV-Abwehr und defensivem Mittelfeld einen Ball annehmen und sich weitgehend unbedrängt in Richtung Tor drehen konnte, konnte ich am Ende gar nicht mehr zählen. Da hat erstmals in dieser Saison auch die Abstimmung zwischen Abwehrkette und „Sechsern“ (Jarolim, Ze Roberto) nicht funktioniert.

Apropos Jarolim. Der Kapitän konnte in seinem 250. Bundesligaspiel froh sein, dass er vom insgesamt schwachen Schiedsrichter Dennis Aytekin nach 37 Minuten nicht vom Platz gestellt wurde. Als er nach einem armbetonten Zweikampf gegen Levels als letzter HSV-Mann (bei einem Gladbacher Konter natürlich) zu Boden ging und einen Freistoß zugesprochen bekam, stürmten die Borussen verständlicherweise erbost auf den Schiedsrichter zu und protestierten. Jarolim hätte das Laufduell gegen Levels möglicherweise verloren und hatte den Gladbacher mit einem hohen Arm gegen dessen Hals gestoppt – das hätte auch als Notbremse interpretiert werden können.
Es war aber auch wieder ein Zeichen für Hamburger Fehlorganisation. Die Strafe folgte auf dem Fuße. Schneller Konter von Gladbach über drei, vier Stationen, dann ein langer Pass auf den sehr agilen Marco Reus, der Rost keine Chance ließ – das 1:1 (39.). Anschließend faltete Joris Mathijsen Dennis Aogo dermaßen zusammen, dass er mit seinen entgleisenden Gesichtszügen bei jedem Halloween-Rummeln mit Süßigkeiten wahrscheinlich überhäuft worden wäre. Aogos Abwehrverhalten in dieser Szene war aber auch gruselig. Anstatt Tempo mit dem Gladbacher aufzunehmen, reduzierte sich Aogo auf staunend zuschauendes Begleitjogging – und versuchte anschließend auch noch eine Entschuldigung zu finden. Nach dem Motto: Ja, aber…

Hälfte zwei begann wieder mit einer positiven Überraschung. Ze Robertos Freistoßtor (48.) versöhnte für viele Defizite des bisherigen Spielverlaufs, aber eine wirklich deutlich erkennbare Besserung im Gesamtauftritt war auch nach diesem Tor nicht auszumachen. Piotr Trochowski (der zu meiner Überraschung den Vorzug vor Marcell Jansen in der Startelf bekommen hatte) trat kaum in Erscheinung, Berg war weiter abgemeldet, und vom Rest kam auch nicht viel.

Eljero Elia, von dem ich ja eigentlich große Dinge und viele Impulse erwartet hatte, war zwar oft in Aktion, aber im Gegensatz zu Pitroipa traf er fast immer im letzten Schritt die falsche Entscheidung, spielte einen Fehlpass, wurde geblockt oder verhaspelte sich. Gelegentlich fand ich seine Vorstöße mit Ball am Fuß auch zu umständlich, wobei er die meisten seiner Ballverluste durch seine extreme Laufstärke und auch sehr viele Wege zurück in die eigene Hälfte wenigstens ausglich. Von einer möglichen Bestform war er aber meilenweit entfernt.

Arangos Kopfball aufs Tornetz (62.) deutete schon an, wie die Gladbacher die HSV-Defensive aus den Angeln heben wollten: mit hohen Bällen. Zwar hätte Schiedsrichter Aytekin nach Bradleys Foul an Pitroipa einen Elfmeter geben müssen (74.), doch er pfiff eben nicht – und auf der gegenüberliegenden Seite nutzte Dante die Hamburger Schlafmützigkeit nach einem schnell ausgeführten Gladbacher Eckball und köpfte, nein: wuchtete den Ball aus kurzer Distanz zum Ausgleich ins Netz.

Zu diesem Zeitpunkt humpelte der in dieser Szene ebenfalls beteiligte Jerome Boateng bereits seit knapp 20 Minuten (nach einem unglücklichen Arango-Foul) über das Feld. Die Diskussion des morgigen Tages ist doch klar: Ist Trainer Labbadia ein unnötiges Sicherheitsrisiko eingegangen, weil er den Nationalspieler nicht vom Platz genommen hat? Ich persönlich bin da geteilter Meinung: Einerseits war schon fünf Minuten nach Boatengs Verletzung deutlich erkennbar, dass der Innenverteidiger in seinem Wirken gehemmt war, dass er unrund lief und sein Verhaltensmuster auf dem Rasen veränderte (er nahm fast eine Libero-Rolle ein und mied harte Zweikämpfe mit Tempo). Demnach hätte Labbadia eingreifen müssen, den ebenfalls enttäuschenden (weil schwächelnden) Guy Demel in die Mitte und einen anderen Akteur (Rincon?) nach rechts hinten beordern müssen. Andererseits können Trainer und auch Mannschaftsärzte nicht in die Spieler hineingucken, jedenfalls nicht während des Spiels. Und da gilt ein ungeschriebenes Gesetz zwischen Trainern aller Spielklassen und Aktiven: Geht es körperlich nicht mehr, müssen Spieler ein entsprechendes Zeichen geben, und dann folgt der Wechsel. Sind es „nur“ Schmerzen, die das Spiel erschweren, kann auch mal auf die Zähne gebissen werden.

Bei Boateng klappte die Einschätzung aller Beteiligten offensichtlich nicht. Und darüber werden sie intern bestimmt noch mehrfach reden. Symptomatisch war Boatengs folgender Rückpass auf Frank Rost, der zur Direktvorlage für Gladbach wurde, aber noch unbestraft blieb (78.). Die komplette Hamburger Hintermannschaft wirkte aufgescheucht, total verunsichert. Und Gladbach nutzte das eiskalt. Arangos traumhaftes Zuspiel nutzte der eingewechselte Rob Friend vor dem herangrätschenden Mathijsen zum 3:2-Siegtor (82.). Ob Frank Rost den Ball hätte halten können, kann ich beim besten Willen selbst nach zwei Zeitlupen nicht sagen. Es sah fast so aus, als habe ihn die Rollrichtung des Balles total überrascht.

Letztlich ist es auch egal, denn diese angesichts des Spielverlaufs nicht unverdiente Niederlage ist das Produkt vieler Fehlerketten, Defizite und Nachlässigkeiten. Ich möchte jetzt keine Grundsatz- oder Pauschalkritiken und –Urteile fällen, denn das ist angesichts des bisherigen Saisonverlaufs nicht angebracht. Ich bewerte dieses 2:3 als gehörigen Schuss vor den Bug. Als neuerliche Warnung, dass nur ein HSV mit 100 Prozent Leistungsfähigkeit, -Bereitschaft und Kampfkraft in der Lage sein wird, sich auf Dauer ganz oben unter den Top drei oder Top fünf der Bundesliga zu behaupten. Jetzt kommt es darauf an, welche Schlüsse die Spieler und Trainer aus diesem Spiel ziehen. Und vor allem, wie das Team psychisch damit umgeht.

Ach ja, einen Hamburger Gewinner gibt es heute doch noch: Wicht hat sich das van-der-Vaart-Trikot als 5000. Kommentarschreiber gesichert. Herzlichen Glückwunsch. Mein Kollege Christian Pletz wird sich bei Dir melden.

19:04 Uhr

Elias Turbo läuft auf Hochtouren

30. Oktober 2009

Einige wenige von Euch scheinen mich missverstanden zu haben, was Joris Mathijsens eindeutige Fortschritte in Sachen Aufbauspiel betrifft. Natürlich liegt die deutlich erkennbare Verbesserung nicht an ihm allein, sondern an der gesamten Mannschaft. Wenn sich keine Anspielstationen bieten, wird Mathijsen auch in Zukunft lange Bälle über die Außenbahn spielen – aber in den meisten Fällen und auch dank der Trainingsschwerpunkte in diesem Bereich zeigen sich ja mindestens zwei, manchmal sogar drei bis fünf Spieler zur Fortsetzung des Spielaufbaus. Der Anmerkung, Mathijsen tauche fast nie in der gegnerischen Hälfte auf, kann ich nur hinzufügen: glücklicherweise. Denn jede Ordnung und jedes Spielsystem benötigt Akteure für bestimmte Bereiche. Und ich glaube, dass Mathijsen seine Vorzüge (Timing, Stellungsspiel, Zweikämpfe) sehr gut selbst einschätzen kann und sich daher auch auf sein Spiel konzentriert und reduziert. Das ist für einen Trainer zehnmal besser als Spieler, die sich und ihre eigenen Fähigkeiten maßlos überschätzen und plötzlich Dinge tun, mit denen sie auf sich aufmerksam machen wollen. Stellt Euch mal vor, David Jarolim würde in Ballbesitz plötzlich Eins-gegen-eins-Laufduelle gegen die schnellsten Verteidiger der Liga wagen und sich von seiner grandiosen Stärke, der Ballsicherung und fast fehlerfreien Weiterleitung, verabschieden. Bruno Labbadia würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Ihr auch. Und ich erst…

Eigentlich wollte ich aber heute ein ganz anderes Thema angehen. Ich wollte mal wieder über Eljero Elia schreiben. Nicht weil meine Kollegen Kai Schiller und Marcus Scholz gestern mit ihm ein Interview geführt haben, sondern weil mir mehrere Trainingskiebitze in den vergangenen Tagen bestätigt haben, dass der „Roadrunner“ (kennt Ihr diese Comic-Vögel aus „Mein Name ist Hase“?) nach einem kleinen Minitief wieder auf der Überholspur ist. Sein Tempo und sein Spielwitz sind wahrlich eine Augenweide. Und wenn ich ganz ehrlich bin, treiben mir seine megastarken Auftritte auch immer gleich ein paar Sorgenfalten auf die Stirn.

Das ist eben das bittere Los eines Vereins wie dem HSV. Ich male mal folgendes Szenario auf. Bleiben Elias Leistungen in etwa so konstant wie im bisherigen Saisonverlauf und hängt der Senkrechtstarter im kommenden Sommer auch noch eine einigermaßen gute WM an, dann stehen im Juli die reichen englischen Topvereine Schlange. Und dann wird es der HSV verdammt schwer haben, „Eli“ (so rufen ihn ja die Teamkollegen) an der Elbe zu halten.

Keine Sorgen, ich will den Teufel nicht an die Wand malen. Eigentlich bin ich nur auf Elia gekommen, weil ich auch glaube, dass er gegen Mönchengladbach einer der entscheidenden Spieler werden wird. Wenn sein Turbo von Beginn an zündet, wird die in dieser Saison meist anfällige Hintermannschaft der Borussen vor zahlreiche Probleme (hoffentlich unlösbare) gestellt werden. Für mich zählt Elia jedenfalls schon jetzt zu den größten fußballerischen und spektakulären Bereicherungen der Bundesliga. Und das bleibt, da machen wir uns nichts vor, eben auch leider den reicheren Vereinen in Europa nicht verborgen.

Umso wichtiger wäre es, dass der HSV am Saisonende unter den Top drei landet. Die Champions League, so bitter ist nun mal die Realität, heiligt derzeit fast alle Mittel. Das heißt: Wer in der Königsklasse mitmischt, kann kurzfristig mit den Großen Europas finanziell mithalten und natürlich auch gefragten Spielern eine interessante Perspektive bieten.

Beim Stichwort „mitmischen“ möchte ich mich an dieser Stelle auch einmal bei Euch bedanken. Dieser Blog ist für mich mittlerweile so etwas wie ein Treffpunkt für echte Fußball-Liebhaber. Heutzutage, da vielerorts mehr über das Drumherum eines Spiels geredet wird als über das Geschehen auf dem Rasen, findet man immer seltener Leute, die das Spiel an sich lieben und sachlich-fundiert über Themen diskutieren. Wenn ich mir die Kommentare und Ideen, die Kritiken und Analysereaktionen in den einzelnen Beiträgen durchlese, finde ich mehr fachkundige und leidenschaftliche Antworten, als ich es je erwartet hätte. Macht weiter so. Ich melde mich morgen nach Spielende wieder.

Einen kleinen Nachtrag noch: David Jarolim gebührt für das morgige Spiel natürlich ein ganz besonderer Empfang. Der Kapitän absolviert sein 250. Bundesligaspiel, das ist wirklich beachtlich. Und ich weiß sogar ein gutes Geschenk für seine Jubiläumspartie, das er sich selbst schenken könnte – wie wäre es mit dem 18. Bundesligator?!

Zum Abschluss noch die Sieger unseres Gewinnspiels: Das Trikot von Änis Ben Hatira bekommt Sven Schütt. Die zwei Eintrittkarten hat sich Marco Gerdes gesichert. Die richtigen Antworten auf die beiden Fragen lauteten: 1. Günter Netzer wollte die Stadionzeitung verlegen. 2. Bernd Dörfel schoss das erste Tor.

12:44 Uhr

Mathijsens Spielweise ist ein Beweis

29. Oktober 2009

Zum Thema Torhüterdiskussion wurde eigentlich genug geschrieben. Ich möchte in diesem Zusammenhang nur eines noch klarstellen, damit keine Missverständnisse aufkommen. Ich habe nicht an Robert Enkes Qualitäten gezweifelt. Mir geht es in diesem Fall nur eben so wie offenbar auch einigen von Euch – mein Bauchgefühl wehrt sich irgendwie gegen die Vorstellung, dass Enke hier der optimale Nachfolger für Frank Rost wäre. Ob es so kommen wird, steht ja noch in den Sternen. Und ich habe im Fußballgeschäft ohnehin längst aufgegeben, nur auf mein Bauchgefühl zu hören und zu vertrauen. Da gilt doch eher das Motto: Nichts ist unmöglich. Gar nichts – und darum habe ich mich auch in Sachen Rafael van der Vaart wie ein Politiker geäußert. Ich möchte mich zu dem „kleinen Engel“ aber erst wieder inhaltlich und mit Bewertungen äußern, wenn es tatsächlich einen Kontakt zwischen seinen Beratern und dem HSV gibt und sich die ernsthafte Chance anbahnt, dass er zurück zum HSV kommt. Inklusive Finanzierung.

Was mich momentan viel mehr beschäftigt, sind die anstehenden Duelle gegen die vermeintlich „Kleinen“. Dass Bruno Labbadia in den letzten Trainingseinheiten viele Standardvarianten hat üben lassen, spricht für seine Einschätzung, dass der HSV ab Sonnabend und dem Duell gegen Mönchengladbach auf wesentlich defensiver ausgerichtete Mannschaften treffen wird als zuletzt. Wobei anzumerken ist, dass Bayer Leverkusen in Hamburg auch nicht gerade stürmisch angetreten ist.

Falls jemand von Euch das Pokalspiel der Bayern in Frankfurt gesehen hat und die Münchener Taktik und Umsetzung genauer betrachtet hat, der kennt das Optimalrezept gegen „Kleine“ (zu denen zählt die Eintracht in ihrer aktuellen Verfassung auf jeden Fall): aggressives Pressing, ein frühes Tor, extreme Passsicherheit und Coolness. Was Louis van Gaals Mannschaft gegen die komplett überforderten Hessen auf dem Rasen gezeigt hat, war aller Ehren wert. Und für den Fall, dass es mit dem frühen Treffer gegen Abwehrbeton nicht klappen sollte, müssen eben auch Standardsituationen herhalten.

Heute Morgen, so hat mir Kollege Pletz übermittelt, haben Jonathan Pitroipa und Dennis Aogo im Training gefehlt. Wieder Verletzte? Kranke? Ausfälle? Bruno Labbadia konnte glücklicherweise sofort Entwarnung geben. Sie hatten abgestimmte wichtige Termine und sind heute Nachmittag wieder dabei – und ich erwarte sie eigentlich auch beide in der Anfangself gegen die Borussia.

Ist Euch eigentlich aufgefallen, an wem sich die spielerische Steigerung des gesamten HSV-Teams besonders erkennen lässt? An Joris Mathijsen. Wahrscheinlich ging es in den vergangenen Monaten, besonders in der letzten Saison, vielen von Euch wie mir: Wenn Mathijsen den Ball bekam und nach zwei bis fünf Sekunden keine unmittelbare Anspielstation sah, zudem noch angegriffen wurde, holte er einen Ball der Marke „hoch und weit bringt Sicherheit“ heraus – meist Bälle in die Tiefe ohne konkreten Adressaten. Mich haben solche vermeidbaren Ballverluste immer geärgert. Wer David Rozehnal in seinen ersten Trainingseinheiten in Hamburg betrachtet hat, sah ähnliche Szenen. Keine sofortige Anspielstation, langer Schlag – Gegner im Ballbesitz.

Und jetzt? Mathijsen spielt nur noch äußerst selten diese Art Verlegenheitsbälle. Das liegt zum einen an Trainer Bruno Labbadia, der diesen Mangel sofort thematisiert hat und die gesamte Mannschaft auffordert, am gezielten Spielaufbau teilzunehmen. Für Mathijsen heißt das: Bekommt er den Ball, sind mindestens vier Spieler gefordert, ihm eine Anspielmöglichkeit zu bieten. Und Mathijsen selbst hat sich in diesem Zusammenhang auch deutlich gesteigert. Er sucht nicht mehr nur den Weg über die linke Seite, er öffnet sich mehr und mehr auch für Spieleröffnungen über die „Sechser“ oder sogar über die offensiven Mittelfeldleute. Lange Bälle setzt der HSV wirklich nur noch in höchster Not oder ganz gezielt ein.

Damit wären wir wieder bei den so genannten „Kleinen“, gegen die lange Bälle nämlich durchaus ein gutes Mittel sein können. Schafft man es, die Abwehrreihen des Gegners möglichst weit vom Strafraum zu locken, kann man mit schnellen Offensivspielern (Elia, Pitroipa) in die Räume stoßen – sofern man Leute im Team hat, die so gezielte Pässe spielen können. Ich denke da beim HSV vor allem an Ze Roberto und David Jarolim, bei größeren Distanzen aber auch an Jerome Boateng, Dennis Aogo oder eben Mathijsen.

Und dann wäre da ja noch Frank Rost. Das Spiel der Torhüter hat sich in den vergangenen Jahren ziemlich verändert. Reichte es früher noch, Bälle zu halten und Ruhe auf die Vorderleute auszustrahlen, sind die Torleute heutzutage die Initialzündungen für das Aufbauspiel. So ist es zu erklären, warum Rost manchmal nach einem abgefangenen Ball wie von einem Bienenschwarm verfolgt in Richtung Strafraumgrenze stürmt und nach einer Kontermöglichkeit per Abwurf oder Abschlag sucht. Denn gerade gegen die defensiv ausgerichteten Klubs bekommt man in solchen Situationen eher mal die Chance, eine Eins-gegen-eins-Szene zu erzwingen, was im normalen Abwehr/Angriff-Spiel selten vorkommt.

Ich bin wirklich schon jetzt gespannt, was sich Mönchengladbach für das Spiel in Hamburg ausdenkt. Der HSV ist jedenfalls motiviert genug. Schließlich kann Bruno Labbadias Team zurück an die Tabellenspitze stoßen – und ganz nebenbei noch zur besten (alleinigen) Heimmannschaft der Bundesliga werden.

14:05 Uhr

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