Tagesarchiv für den 30. September 2009

Die Super-Anstoßzeit

30. September 2009

Selbst wenn die Hertha-Profis bei „Matz ab“ mitlesen würden, hätte ich keine Bange. Durch dieses Mitlesen würden sie auch nicht mehr Qualität in ihr Team bekommen, denn die Qualität fehlt ganz einfach. Und wenn sie jetzt damit beginnen würden, zu kratzen, zu beißen, zu treten, dann wäre da ja immer noch ein Schiedsrichter auf dem Platz. Was mich allerdings bedenklich stimmt ist die Tatsache, dass Trainer Lucien Favre wohl deshalb gehen musste, weil die Chemie zwischen ihm und dem Team nicht mehr stimmte. Mit anderen Worten: Die Spieler hatten keinen Bock mehr auf den unbeliebten Coach. Deshalb stünden – und stehen – sie natürlich jetzt, gegenüber ihrem Präsidium und den Fans, in der Pflicht, ab sofort alles und noch mehr zu geben. Aber das würde ja auch schon in der Europa League am Donnerstag bei Sporting Lissabon beginnen – warten wir also mal ab. Übrigens: In der TV-Zeitschrift „Hör zu“ von diesem Wochenende hat Jerome Boateng das Ergebnis zwischen Hertha und dem HSV auf 0:3 getippt. Hoffentlich lesen die Berliner Profis nicht gerade die „Hör zu“. . .

Wobei ich doch sehr erstaunt bin, dass sowohl die Berliner als auch der HSV ihre EL-Spiele jeweils um 21.05 Uhr anstoßen werden (oder lassen). 21.05 Uhr? Warum nicht 21.07 Uhr? Oder 21.11 Uhr? Oder warum nicht gleich um 23.46 Uhr? Es ist wahrlich ein Jammer, was inzwischen mit den Anstoßzeiten geschehen ist. Ich kann mich noch erinnern, als Gerhard Mayer-Vorfelder DFB-Präsident war (bitte jetzt keine gehässigen Kommentare!). Bei jedem Länderspiel, dass zwischen 20.30 Uhr und 20.45 Uhr Anstoß hatte, versprach er stets vollmundig: „Ich werden mich dafür einsetzen, dass die nächsten Spiele wieder früher beginnen, denn die Jugend will doch auch etwas davon sehen. Es blieb aber beim Vorhaben. Heute ist es unmöglich, die Spiele wieder vorzuverlegen. Es sei denn, das Fernsehen bittet aus Kollisionsgründen mit anderen EL-Spielen darum und überzeugt den jeweiligen Klub mit einer Handvoll Dollar mehr. . .

Aber noch einmal zurück zu 21.05 Uhr? Das Spiel ist also gegen 23 Uhr beendet. Dann wird der Heimweg angetreten. Geht es nach außerhalb, fährt eventuell schon kein öffentliches Verkehrsmittel mehr, wenn man erst kurz nach Mitternacht am Hauptbahnhof eingetrudelt ist. Dann sollte ein solches Spiel vielleicht doch lieber erst (oder schon?) um 3.49 Uhr angepfiffen werden, denn wenn es dann beendet wäre, beginnt gerade ein neuer Tag. Jeder Fan, der mit der Bahn in die Arena gekommen ist, könnte bequem den Morgen-Zug in die Firma besteigen – und den lieben Kollegen, die während des Spiels noch selig geschlafen haben, aus erster Hand erzählen, wie und warum es so gelaufen ist. Und wenn um 3.49 Uhr doch nicht die passende Zeit für den Anstoß sein sollte, weil dann gerade noch dringend ein Werbeblock Millionen einspielen und deshalb gezeigt werden muss, dann eben um 4.03 Uhr. Irgendwas geht immer, ganz sicher.

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich auf „21.05 Uhr“ einen wirklich ganz dicken Hals habe. Kinder und Jugendliche müssen eventuell nicht nur früh ins Bett, sondern können schon gar nicht mehr ins Stadion kommen. Aber wie heißt es so schön in dieser Welt? Schwund ist überall.

Wie komme ich nun von Schwund auf die harten und die weichen Bundesliga-Trainer? Auf den Schleifer und den Kumpel? Weiß ich auch nicht genau, aber jetzt bin ich schon da. Ihr habt das Thema ja leicht vorangetrieben. Zu Ernst Happel muss ich Euch sagen, dass ich mich eher der Meinung von „Eiche Nogly“ anschließe. Ich glaube auch – ist natürlich hypothetisch und nie beweisbar -, dass der „gute Ernst“ heute große, große Schwierigkeiten hätte, eine Mannschaft (wie damals den HSV) zu stolzen Erfolgen und zu vielen Titeln zu führen. Natürlich war er ein großer Fachmann, natürlich hat jeder Spieler beim ihm pariert, aber er hatte auch genügend Ecken und Kanten, die heute in der Medienlandschaft natürlich ihr (nicht immer positives) Echo gefunden hätten.

Happel nannte Stürmer Jürgen Milewski einst „einen Parasiten“. Er stellte Manfred Kaltz frei, weil der private Probleme hatte („Komm’ erst wieder, wenn du die geregelt hast“), und er behandelte Peter Lux eben mal wie Peter Lux und Wolfram Wuttke wie Wolfram Wuttke. So war er, der Happel Ernst. Er sprach ja auch das letzte halbe Jahr in Hamburg nicht mehr mit den Zeitungen – mit keiner! Weil er sich verraten gefühlt hat. Bei einem Hallenturnier in Berlin saß nämlich im HSV-Bus ganz vorn nicht nur Happel, sondern plötzlich auch die „rote Zora“. Jetzt darf man es ja schreiben. Happel merkte, dass das auch die Hamburger Journalisten bemerkt hatten, er stieg aus dem Bus und bat kurz und grantelnd darum, keine Zeile über die Dame zu verbreiten. Daran hielten sich aber nicht alle, und schon war der Bruch zwischen Trainer und Medien da. Weil bei Happel daheim in Norderstedt seine Freundin wartete. Und ganz daheim in Wien brachte seine Ehefrau auch nur wenig Verständnis für die Dame aus Berlin auf.

Also schwieg Ernst Happel nach diesem Vorfall beharrlich: “I geb koan Kommentar!” Könnte er sich das heute noch erlauben? Ich behaupte nein. Auch wenn Ihr (oder einige von Euch) ganz offensichtlich nicht die beste Meinung von uns „Pressefuzzis“ habt. Sie – oder wir – sind in der heutigen Landschaft aber unentbehrlich. Auch wenn Ihr es nicht so richtig wahrhaben wollt.

Aber, und da wären wir wieder bei den unmöglichen Anstoßzeiten: Warum beginnen heute die Spiele um 21.05 Uhr? Genau, weil es die Medien so bestimmen. Und die Vereine bekommen dafür einiges an Geld in die oft leere Kasse. Die Zeichen der Zeit stehen so, da lässt sich auch nichts mehr zurückdrehen, denn die Spieler benötigen vor allem eines: Geld, Geld und nochmals Geld. Und das kommt eben nicht mehr (nur) von den Zuschauern, sondern aus anderen Quellen. Wie zum Beispiel die Medien. Mit ihren oft so ungeliebten Pressefuzzis.

Und noch ein Wort zu User „Lars“. Natürlich zählt auch bei einem 1:0-Sieg über die Bayern die Mannschaft und der Teamgeist, aber was wollt Ihr lesen: Die Mannschaft hat sich zerrissen, sie hat alles gegeben, sie hat gegrätscht, hervorragend gepasst, großartig geflankt, super geschossen, die Mannschaft wirkte 90 Minuten konzentriert, sie hat diszipliniert gespielt, ging geschlossen zu Werke, und zwar von vorne bis hinten, und sie hat ordentlich dagegen gehalten. Spannend, was?

Ich weiß, ich weiß, auch ich kann es  in diesem Punkt ganz sicher niemandem recht machen, aber warum darf ich nicht schreiben, dass Ze Roberto hervorragend war, dass Mladen Petric in der Form seines Lebens ist? Wenn Ihr dann anderer Meinung seid, schreibt Ihr es mir und beweist das Gegenteil. Ist doch ganz einfach.

Mein alter (und erster) Chefredakteur „Kuddl“ Dwinger hat mir einst bei Dienstantritt gesagt: „Denken Sie dran, Herr Matz, in die Zeitung gehören Namen, Namen, Namen.“ Weil der Nachbar diesen Namen kennt, weil die Freunde und auch die Familie diesen Namen lesen – und es dadurch einen Wiedererkennungswert gibt. Darüber wird dann gesprochen. Und, auch das sagte mir der Chef noch, wer will denn wissen, ob der Ball vom Winde verweht wurde, dass gegen die Strömung schwer zu spielen war, dass es eine falsche Wende an der 25-Meter-Marke gegeben hat? Wer?

Aber wer war es? Genau das ist doch die entscheidende Frage, und dann auch wie und warum? Deswegen lobe ich mir hier die Geschichtchen um Ze Roberto und Mladen Petric. Oder zum Beispiel auch die Labbadia-Story. Obwohl der zum Beispiel gegen die Bayern ja gar nicht gespielt und demzufolge nicht gewonnen hat – sondern das ganze Team des HSV.

Ich wünsche Euch einen schönen Europa-League-Abend – und einen erfolgreichen.

22.25 Uhr

Labbadia akribisch

30. September 2009

Bruno Labbadia sah – und zögerte. Er sah noch einmal genau hin, dann marschierte er los. 20 Meter, vielleicht 25 Meter hatte er zurückzulegen, er schritt sie entschlossen ab. Er ging auf dem Trainingsplatz dorthin, wo keiner seiner Spieler stand. Es war niemand dort, wo Labbadia hin wollte. Es stand nur ein Spieler aus rotem Metall auf dem Rasen, der einen Gegenspieler für die HSV-Profis simulieren sollte. Diesen „Mann“ hob Bruno Labbadia nur ganz kurz an, denn versetzte er ihn. Um höchstens fünfzehn Zentimeter. Die aber mussten es dann doch sein. Dann ging er wieder. Die Flucht zum Trainingstor hatte für ihn ganz exakt zu stimmen. Später allerdings „griff“ der Metallkamerad kein einziges Mal in das Spiel ein, egal ob fünf Zentimeter nach links oder nach rechts. Aber der Trainer wollte es eben ganz genau haben, er ging jedenfalls zufrieden von dannen. So ist er.
Diese Szene spielte sich am Montag ab. Am Dienstag folgte Teil zwei: Labbadia flankte seinen Stürmern von rechts die Bälle zu r Mitte, und dort standen auch zwei rote Metall-Abwehrspieler in Treue fest vor Torwart Tom Mickel. Als Co-Trainer Eddy Sözer einen Metallkameraden anpackte und wieder in den Rasen rammte, bat Bruno Labbadia darum, ihn noch zehn Zentimeter weiter nach vorn zu versetzen. Und dann noch einmal fünf Zentimeter oben drauf. Ganz genau eben wollt er es haben, der HSV-Coach. Was er macht, macht er gründlich. Und akribisch. Zufälle scheint es im Trainer-Leben des Bruno L. nicht zu geben, er möchte sie wohl ganz ausschließen. Er prüft genau, er beobachtet genau, er ordnet an und will es ganz genau verfolgt wissen.

Der HSV hatte in der Vergangenheit so manchen Trainer, der wenig bis kaum einmal mit seinen Spielern sprach. Willi Reimann sagte nicht wirklich viel, und auch Felix Magath war kein großer Redner – wie Ernst Happel auch. Oder Branko Zebec. Da Felix und ich gut miteinander konnten (und können), durfte ich ihm so etwas auch gelegentlich sagen – er reagierte auch nicht böse drauf. Er sagte aber stets – und das wurde in geflügeltes Wort zwischen uns: „Matz, du bist ein Amateur, und du bleibst auch ein Amateur. Profis haben zu funktionieren, sonst sollen sie gar nicht erst Profi werden.“

Bruno Labbadia ist da anders. Er redet viel mit seinen Spielern. Und oft. Er trommelt sie auf dem Rasen zusammen, dann hält er seine Rede. Sogar mehrmals während einer Trainingseinheit, wenn es denn sein muss. Und es muss durchaus öfter mal sein.

Zudem führt Labbadia immer mal wieder Einzelgespräche. Vornehmlich nach dem Training. Gibt es in seinen Augen etwas zu sagen, dann spricht er es noch auf dem Rasen an. Das ist stark. Und ganz sicher nicht bei jedem Bundesliga-Trainer Standard. Die meisten denken eher so, wie Felix Magath: „Nicht lange reden, nicht groß erklären, sonst verzettelt man sich.“ Und man könnte auch leicht mal von seinen eigenen Worten überholt werden, das ist die Gefahr dabei.

Gut für Bruno Labbadia zu wissen, dass er einen absolut loyalen Mann an seiner Seite weiß. Auch mit Eddy Sözer unterhält sich Labbadia oft, auch noch auf dem Platz. Jeder Trainingskiebitz kann dabei nur den Eindruck gewinnen, dass zwischen diesen beiden Männern kein Blatt Papier mehr passt. Labbadia und Sözer sind sich absolut einig, funken auf einer Wellenlänge, sind sich auch mal nur durch einen kurzen Blickkontakt einig.
Auch in taktischen Dingen. Wie beim Spiel gegen den FC Bayern. Guy Demel rechts, Jerome Boateng links in der Viererkette, Dennis Aogo ins Mittelfeld, Eljero Elia neben Mladen Petric in die Spitze – das waren durchaus mutige Maßnahmen. Wären sie schief gegangen, dann hätte es eventuell den einen oder anderen Kritiker gegeben, der es (danach natürlich) besser gewusst hätte. Es ging aber nicht schief, wie der 1:0-Erfolg eindrucksvoll bestätigte. Obwohl es bis zur Pause nur 0:0 hieß. Doch auch in der Halbzeit blieb Labbadia seiner mutigen Linie treu. Für den verletzten Abwehrspieler Guy Demel brachte er den seit Wochen glücklosen Stürmer Marcus Berg. Das war nicht nur mutig, das war fast schon Harakiri. Aber auch diese Maßnahme ging voll auf. Viel gewagt, alles gewonnen. So kann es für Bruno Labbadia weitergehen. Und für die HSV-Fans sicher auch.

Ich hatte ja an dieser Stelle gewarnt, laut von der Meisterschaft zu sprechen. Weil es in meinen Augen nichts bringt. Es weckt nur Begehrlichkeiten, die dann, wenn sie nicht erfüllt werden, in Ärger umschlagen könnten. Natürlich spricht beim FC Bayern jeder, selbst der Busfahrer oder auch die Klo-Frau, von der Meisterschaft und von anderen Titeln. Natürlich deswegen, weil das jedes Jahr der Anspruch des FC Bayern ist, sein muss. Aber, die Frage sei mir gestattet: Wie viele Jahre hat der HSV eigentlich keinen Titel mehr gewonnen? Zehn, 20 Jahre? Oder auch schon mehr? Ich will da keine alte Wunde aufreißen, ich glaube aber, es ist schon länger her. Und Ihr wisst es alle, Ihr kennt die schmerzvolle Antwort auf diese Frage. Es ist doch schon dramatisch genug mit dieser fatalen Titeljagd, aber deswegen gleich bei jedem noch so kleinen Aufschwung von der deutschen Meisterschaft zu reden, halte ich für völlig, aber wirklich für völlig falsch. Der HSV muss erst einmal Konstanz in (s)eine Saison bekommen. Wer hat denn nach dem Pokal-Drama von Osnabrück davon gesprochen, dass der HSV jetzt deutscher Fußball-Meister wird? Wer? Kein einer! Und nun auf einmal? Nur weil es einen – zugegeben wichtigen und schönen – Erfolg über den Rekordmeister gegeben hat? Das macht in meinen Augen wenig Sinn.

Und Ihr erinnert doch auch noch eines: In der vergangenen Saison drohten dem HSV gleich drei Titel. Und? Welchen hat es dann tatsächlich gegeben? Null! Aber geredet hatte ganz Hamburg ein Jahr lang davon.
Auch andere Klubs träumen vom Titel, aber auch sie schweigen lieber. Wer mit Worten hoch hinaus will und dann fällt, der erntet schnell mal Hohn und Spott. Einige von Euch werden sich zudem erinnern: Am Sonntag vor dem Saisonstart 2009/10 war ich Gast im DSF-Doppelpass. Neben mir saß Horst Heldt, Manager des VfB Stuttgart. Der sagte mir in einer Werbepause, ich schrieb es bereits einmal: „Wir Schwaben sind ganz froh, dass in Deutschland wieder alle nur vom FC Bayern als Meister sprechen. Alle Experten haben nur die Münchner auf dem Zettel, aber sie werden es, das glaube ich jedenfalls, nicht. Und vielleicht können wir ja dann klammheimlich wieder aus der Tiefe kommen und den Titel gewinnen.“
Er sagte es nicht laut, er sagte es auch nicht öffentlich, er sagte es aber mit einem hoffnungsvollen Unterton. Er wollte aber auf keinen Fall irgendwelche Begehrlichkeiten innerhalb des VfB-Anhangs wecken. Still und heimlich an allen vorbeiziehen, dann Meister werden – das hätte etwas. Stuttgart hat das ja schon einmal ganz grandios geschafft. Und ich sage Euch: Das hätte nicht nur für den VfB etwas, sondern auch für den einen oder anderen Klub – wenn Ihr versteht, was ich meine. In aller Heimlichkeit natürlich nur, das ist doch selbstverständlich, oder?

9.40 Uhr