Tagesarchiv für den 28. September 2009

Hertha fehlt die Qualität

28. September 2009

Wir sehen uns sonntags in der Redaktion ja immer die Zweite Liga an. Mittags. Danach die Erste Liga. Natürlich. Und dann kann es passieren, dass man noch immer bei der Zusammenfassung ist, obwohl das nächste Spiel schon läuft. Naja, fünf Minuten Verspätung verkraftet man, in den ersten fünf Minuten passiert ja meistens nicht so viel. Einer von uns sagte dann aber: „Wir müssen jetzt schnell mal umschalten, Hoffenheim gegen Hertha läuft schon.“ Gesagt, getan. Genau vier Minuten und 43 Sekunden waren gespielt, als wir „auf Sendung“ waren, und da stand es schon 2:0. Alle dachten spontan, was einer laut aussprach: „Das war es dann für Lucien Favre. Und das ist gewiss nicht so gut für den HSV.“ Man musste kein Prophet sein, aber schlecht ist es wohl in jedem Falle, denn nun soll ein neuer Trainer die jetzt enorm abgetakelte Hertha wieder auf die Beine stellen. Zu einem für den HSV höchst ungünstigen Zeitpunkt, denn am Sonntag geht es ins Olympiastadion. Der „alte Notnagel“ der Berliner, Karsten Heine, soll es wieder einmal und vorerst richten, abwarten, ob er dieser leblosen Truppe noch einmal neues Leben einhauchen kann.
Ich habe, das gebe ich zu, meine leichten Zweifel, dass das gelingt, denn dieser Berliner Mannschaft fehlt ganz einfach die Qualität. Und die kann auch kein Heine über Nacht und durch einfaches Handauflegen in diese mittelmäßige Hertha-Elf zaubern. Pantelic und Voronin sind schon herbe Verluste gewesen, gewiss, aber der größte Verlust für die Herthaner war in meinen Augen der Abgang von Josip Simunic. Der frühere HSV-Profi, der in Hamburg nur verletzt war und deshalb kaum gespielt hat, hielt bei der Hertha jahrelang den Laden zusammen. So richtig gedankt wurde es ihm nie, er war nicht der Held, der er eigentlich nach seinen guten Leistungen hätte sein müssen.

Ihr erinnert Euch vielleicht noch an die vergangene Saison: Da setzte Favre nicht nur den Herrn Pantelic hin und wieder auf die Bank, sondern auch Simunic. Damals dachte ich bei mir: „Ganz schön mutig, dieser Schweizer, dass er das riskiert. Oder er hat noch nicht begriffen, wie wertvoll dieser Simunic ist.“ Es ging ja gut. Und vielleicht haben die Berliner auch deshalb nichts gerafft. Simunic, der ja zu dieser Saison beim HSV im Gespräch gewesen ist (einige von Euch standen ihm ablehnend gegenüber, ich hätte mich sehr gefreut), ist in vielen Spielen, die die Hertha mit nur einem Tor Unterschied gewann, der Fels in der Brandung gewesen. Das ist er nun in Hoffenheim, weil der „Herr Professor“ Ralf Rangnick das erkannt hat – und die Hertha macht Nase. Zu dumm zum-zum, kann ich da nur sagen. In Berlin haben sie offenbar immer noch keine Ahnung davon, was ihnen gut tut – und was nicht.

Ohnehin finde ich es höchst befremdlich, dass ein Hauptstadt-Klub schon seit Jahren versucht, auf die Hufe zu kommen, aber sie schaffen es ganz einfach nicht. Dabei hatten sie geglaubt, den Schlüssel zum Erfolg endlich gefunden zu haben, indem sie Manager Dieter Hoeneß schassten – aber Pustekuchen. Wer so ahnungslos – oder auch so klamm – ist, seine drei besten Leute vom Hof zu jagen und dann für keinen adäquaten Ersatz zu sorgen, der muss damit leben, dass er in Abstiegsgefahr gerät. Ich habe das übrigens, klingt wieder einmal neunmalklug, ist aber Tatsache, jedem erzählt, der es hören wollte: Hertha BSC bekommt in dieser Saison allergrößte Schwierigkeiten.

Jetzt bin ich nur gespannt, was da am Sonntag in Berlin abgeht. Denke ich an die vergangene Saison, packt mich immer noch das Grausen: Der HSV erteilte den Berlinern in den ersten 45 Minuten eine Fußball-Lektion, die es in sich hatte,  die Berliner wurden regelrecht an die Wand gespielt – aber am Ende hatte Hertha 2:1 gewonnen. Und niemand, wirklich niemand wusste warum. Selbst die Berliner nicht. Es war einfach nur Wahnsinn, wie ein solches Spiel so auf den Kopf gestellt werden konnte. Kaum zuvor einmal hatte der HSV im Olympiastadion so hoch überlegen aufgetrumpft, und dennoch schlichen die Hamburger mit leeren Händen in die Kabine.
Jetzt sind die Vorzeichen allerdings so, dass der HSV mit dem Selbstbewusstsein eines 1:0-Erfolgs über den FC Bayern anreist, und die Hertha ist dramatisch verunsichert. Da muss doch in Berlin endlich mal etwas gehen für den Rauten-Klub. . .

Und die Euphorie an der Elbe ist groß. Zum Montag-Training waren 100 Fans in den Volkspark gepilgert, trotz des miesen, kalten und regnerischen Wetters. Viele von ihnen machten sich allerdings auch rasch wieder auf den Heimweg, denn sie sahen ein Training wie beim kleinen Klub nebenan: Eine halbe Stunde Aufwärmarbeit, danach dann lange flache, weite und auch hohe Pässe. Das wird wahrscheinlich genau so bei Germania Schnelsen, Viktoria Harburg oder auch beim TuS Dassendorf geübt. Sah langweilig aus, aber von nichts kommt eben nichts. Jede Ballberührung, jede Ballannahme und jeder Schuss sorgt für mehr Sicherheit im Fuß, alles muss ständig wiederholt und geübt werden, damit es automatisiert wird und in Fleisch und Blut übergeht. Nach den Pässen wurden Spielzüge einstudiert, und die Abwehrspieler mussten immer und immer wieder üben, das Spiel vom Abspiel des Torwarts (Tom Mickel) nach vorne zu entwickeln und aufzubauen. Das klappte sicher nicht immer zur Zufriedenheit von Trainer Bruno Labbadia, denn etliche Bälle verendeten sang- und klanglos im Niemandsland. Besonders Jerome Boateng, der sich aus Scham oft die Hände vor das Gesicht hielt, schoss etliche Fahrkarten zuviel.

Bei den Proben der Offensivabteilung, bei der Piotr Trochowski beim Flanken von der linken Seite (mit dem linken Fuß) nicht den glücklichsten Tag erwischt hatte, war auch Testspieler Ebi Smolarek dabei. Ich hatte den Eindruck, der Pole ist nur mit halber Kraft dabei. Ich will ihm da keineswegs zu nahe treten, aber das waren für mich keine 100 Prozent. Aber wieso? Müsste er nicht alles in die Trainingseinheiten legen? Die Frage, die ich mir gestellt habe: Hat Smolarek eventuell gemerkt, dass seine Chancen, beim HSV unterzukommen, auf ein Minimum gesunken sind? Ich würde es zurzeit auf jeden Fall so einschätzen. Obwohl ich auch zugeben muss: Ein Smolarek im Vollbesitz seiner Kräfte, der Biss und den Willen hat, dem Gegner weh zu tun, der wäre durchaus ein Gewinn für den HSV. Aber wie gesagt, er zeigt es den Verantwortliche (im Moment) nicht so, dass er tatsächlich will. Obwohl er im abschließenden Spiel das einzige Tor für sein Team (gegen Frank Rost) köpfte. Ich bin gespannt, wie es mit Ebi Smolarek weitergeht, ich denke eher, dass man den Daumen nach unten halten kann.

Übrigens: Bestens aufgelegt war diesmal Tunay Torun. Dem Nachwuchsstürmer taten seine beiden Tore (zum 2:0-Sieg in Hannover) offensichtlich sehr gut, er wirkte schwungvoll und engagiert.
Apropos Daumen hoch oder Daumen runter? Diese Frage gilt nun auch für Guy Demel. Gegen die Bayern noch vorzeitig wegen des Verdachts auf einen Bänderriss ausgewechselt, nun aber doch wieder im Training. Ein Wunder? Ich fragte den neuen Hamburger Publikumsliebling Guy Demel, der nachmittags humpelnd den Platz verließ, nach seinem Befinden. Er antwortete: „Ich habe Schmerzen.“ Ich: „Warum hast du dann überhaupt trainiert?“ Demel: „Ich will nicht schon wieder verletzt ausfallen, ich will dabei bleiben.“ Und: „Wie geht es jetzt weiter?“ Demel: „Ich werde nun die Nacht abwarten, wie sich der Fuß und die Schmerzen entwickeln. Schmerzt er weiter, geht es am Dienstagmorgen zur Kernspin-Untersuchung, habe ich keine Schmerzen, werde ich trainieren.“ Kurios: Zwei Abendblatt-Praktikanten hatten sich nur Sekunden vor mir nach seinem Zustand erkundigt, da hatte Guy Demel noch geantwortet, dass er wohl ausfallen werde. Das galt aber wahrscheinlich nur für das Europa-League-Spiel am Donnerstag gegen Hapoel Tel Aviv (Anstoß um 21.05 Uhr!). Am Sonntag, so schätze ich die Lage ein, wird Demel wieder dabei sein – und Biss zeigen.

23.05 Uhr