Tagesarchiv für den 23. September 2009

Die Blamage

23. September 2009

Ein Außenseiter kann im Pokal nur eine Sensation schaffen, wenn er kämpft. Wenn er beißt, wenn er kratzt, wenn er heftig attackiert, wenn er grätscht, wenn er giftig ist, wenn er seine Marschroute 90 Minuten konzentriert verfolgt – wenn er mit Herz und Hingabe alles gibt. Das weiß jeder. Das weiß ganz sicher auch jeder beim HSV, ob nun Spieler, Trainer, Vorstand, Busfahrer, Zeugwart oder Parkplatzwächter. Und dennoch passieren solche Spiele immer wieder. Weil diejenigen, die es eigentlich ja wissen müssten, es augenblicklich dann doch nicht parat haben. Der große Profi unterschätzt den kleinen Profi, und dann gibt es solche Spiele. Bitter nur für den Hamburger Fußball, dass der HSV offenbar so gerne daran beteiligt ist. Und tragisch an diesem Pokal-Aus war, dass nicht einmal das Geschenk eines Osnabrückers namens Schmidt, der Sekunden vor dem regulären Schlusspfiff den Ball in die Hand nahm, genutzt werden konnte. Das Elfmeterschießen besiegelte das Debakel, das Erinnerungen an Eppingen, Geislingen und die Stuttgarter Kickers hochkommen ließ. Traurig, aber wahr.

Um zwei Dinge von vornherein einmal zu klären. Die HSV-Fans haben in den 120 Minuten von Osnabrück alles gegeben, waren auch nach dem 0:1- und 0:2-Rückstand voller Tatendrang. Und: Dass Trainer Bruno Labbadia in diesem Pokalspiel eine ganz kleine Rotation gewagt hat, war absolut okay, denn schließlich geht es am Sonnabend gegen die Bayern. Und dafür der HSV ja, wie oft genug von allen Seiten bestätigt, einen ausgezeichneten „zweiten Anzug“ in dieser Saison. Genau deswegen auch hätte ein Profi vom Tabellenführer einem Spieler vom Tabellenfünften der Dritten Liga ganz einfach mal überlegen sein müssen, auf jeden Fall aber dürfen.

Dabei begann der HSV in diesem Spiel durchaus so viel versprechend, als wolle er an der einstmals so gefürchteten Bremer Brücke gleich zeigen, wer der Herr im Hause ist. Und wenn Marcus Berg nach ein paar Sekunden den Ball besser getroffen hätte, dann hätte es auch standesgemäß 1:0 für den großen Favoriten gestanden. Hätte, wenn und aber. Was nach guten zehn Minuten folgte, war ein besseres Spiel der Osnabrücker. Und wenn Frank Rost nicht so gut gehalten hätte, dann wäre schon zur Pause alles erledigt gewesen – zu Gunsten des VfL.

Der HSV gab ein Spiel aus der Hand, das er (nur) etwa zehn Minuten gut im Griff gehabt hatte. Was von Minute zehn bis zur 92. Minute folgte, das war erbärmlich. Und das muss auch so schonungslos genannt werden. Eine solche Vorstellung darf nicht schöngeredet werden, denn sie hat ja Ursachen. Und die müssen dringend behoben werden.

Welcher HSV-Spieler hat in Osnabrück wirklich mit Herz und Leidenschaft gespielt und vor allem gekämpft? Ich habe über 90 Minuten kaum einen gesehen. Okay, Mladen Petric wollte, Frank Rost auch, dazu hatten Guy Demel und Ze Roberto auch die eine oder andere gute Szene. Aber der Rest? Obwohl ich schnell noch einmal auf Rost zurückkommen möchte, denn ich weiß, dass jeder zweite von Euch ihm das zweite VfL-Tor ankreiden wird. Ich behaupte aber, dass mit diesem frühen Schuss kaum ein Torwart gerechnet hätte. Viel mehr müsste eine andere Frage geklärt werden: Wieso spazierten die Osnabrücker in dieser Szene (und so oft zuvor und so oft auch danach!) beinahe mühelos durch die HSV-Defensive? Da gab es  noch nicht einmal den Hauch von Begleitservice, den ein ordentlich geschultes Defensivpersonal sonst an den Tag legt, das war einfach nur ober-amateurhaft.

Bis auf die Anfangsphase, als wenigstens Ze Roberto noch die eine oder andere Idee hatte, spulte der HSV brav, bieder und einfallslos sein Pensum herunter. Zudem teilweise überheblich, oft auch pomadig. Getreu dem Motto: „Das wird schon noch!“ Die Verantwortung wurde nur allzu gern dem Nebenmann in die Stiefel geschoben.

Wenn dazu dann noch einige – oder sogar sehr viele – Spieler ausfallen, dann gibt es eben ein solches Desaster: David Rozehnal hat ganz sicher schon wesentlich bessere Tage erlebt. Er muss sie ganz einfach erlebt haben, sonst hätte er es nicht auf an die 60 Länderspiele für Tschechien gebracht. Warum er die allerdings hat, ist mir bislang restlos verborgen geblieben. Dennis Aogo durchläuft ein sattes Formtief, Robert Tesche ist noch nicht so weit, Romeo Castelen und Jonathan Pitroipa ebenso. Und Marcus Berg? Oh, oh, oh. Das war ja erneut gar nichts. Null. Und ob da noch mehr kommen wird? Allmählich erhalten meine einstmals kleinen Zweifel immer mehr Nahrung. Von Spielminute zu Spielminute.

Keine Mannschaft aber,  kein Tabellenführer der Bundesliga und auch dieser HSV nicht, kann gegen so viele (Fast-)Ausfälle anspielen.
Zum Schluss noch zwei kleine Hoffnungsschimmer: Der HSV kann sich glücklich schätzen, eine so nervenstarken Elfmeterschützen wie Piotr Trochowski in seinen Reihen zu haben. Und: Der eingewechselte Tolgay Arslan (sehr mutig, Bruno Labbadia!) hat erstmalig sein Talent bewiesen, hätte sogar einen Elfmeter bekommen müssen – da kommt Freude auf, das machte dann doch noch ein ganz klein wenig Spaß. obwohl diese Nacht jedem HSV-Fan ganz sicher gründlich verdorben war.

Für das Spitzenspiel am Sonnabend allerdings war diese Vorstellung – natürlich bis auf die Kräfte raubende Verlängerung – eine ordentliche Einstimmung, eine Art Weckruf. Nun weiß der HSV, dass er immer 100 Prozent geben muss. Und er ist nun absoluter Außenseiter gegen den FC Bayern. Außenseiter? Genau! Wie der VfL Osnabrück gegen den HSV. Und was machen Außenseiter? Die zerreißen sich. Mit Herz und Hingabe. Darauf muss Bruno Labbadia bauen. Und hoffen.

23.25 Uhr

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