Tagesarchiv für den 22. September 2009

“Wie heißt du?”

22. September 2009

Als er allein vom Trainingsplatz kam, stürzten sich einige jugendlichen Autogrammjäger auf ihn. Die Frage allerdings, die die jungen Herren dem „HSV-Profi“ stellten, war mehr als unpassend: „Wie heißt du?“ Wahrheitsgemäß antwortete der neue Testspieler des HSV: „Ich bin Ebi Smolarek.“ Und dann durfte er tatsächlich auch noch unterschreiben. Immerhin könnte der 28-jährige Stürmer schon demnächst für den HSV auf Torejagd gehen. So er sich denn in die Herzen der Klub-Verantwortlichen und der Trainer schießt und dribbelt. „Smolarek ist flink, schnell und torgefährlich“, lobt HSV-Co-Trainer Eddy Sözer die Testperson. Bis mindestens Mitte nächster Woche soll Smolarek noch in Hamburg vorspielen, erst dann soll eine Entscheidung darüber fallen, ob er tatsächlich als Soforthilfe verpflichtet wird.

Am Tag eins im Volkspark aber war absolut nicht erkennbar, wohin der Hase laufen wird. Ebi Smolarek hat sich in den letzten Wochen allein fit gehalten, hat viele Waldläufe absolviert. Ob er das mit Erfolg tat, war beim besten Willen nicht zu erspähen, denn die meiste Zeit stand Smolarek wie ein Fremdkörper auf dem Trainings-Rasen herum (siehe auch das Video bei „Matz ab“). Gefordert wurde er überhaupt nicht, ein Spiel, in dem er sein Können hätte unter Beweis stellen können, fand auch nicht statt, und irgendwie konnten die Trainingskiebitze den Eindruck gewinnen, als hätte sich Smolarek an diesem Nachmittag eine leichte Unterkühlung zugezogen.

Zum Schluss der zweistündigen Übungseinheit, die immerhin über 200 Zuschauer verfolgten (!), durfte Ebi Smolarek wenigstens noch etwas von seiner Klasse zeigen, die er anscheinend immer noch hat. Bruno Labbadia warf ihm Bälle zu (oder spielte sie ihm in die Füße), und dann durfte der polnische Nationalstürmer nach Herzenslust draufhalten. Und das tat er in den meisten Fällen überzeugend – rechts wie links. Dass er dann als erster Spieler den Platz verließ und allein in Richtung Kabine marschierte, war wohl auch nicht untypisch für den schlaksigen Profi, denn schon in Dortmund, als BVB-Stürmer, hatte er den Ruf weg, ein (gelegentlicher) Einzelgänger zu sein.

Fazit: Der erste Smolarek-Tag in Hamburg konnte keinerlei Aufschlüsse darüber geben, ob aus diesem eventuellen Not-Einkauf etwas werden könne. Am Dienstag fuhr der Testspieler nach dem Training zurück nach Rotterdam, um einige Dinge zu klären und einige Sachen nach Hamburg zu holen, am Mittwoch wird er dann an die Elbe zurückkehren, um am Donnerstag wieder mit seiner (zukünftigen?) Mannschaft zu trainieren.

Mein erster Eindruck? Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, bereits heute ein kleines Urteil über den Polen abzugeben, aber das ist schlichtweg nicht möglich  er stand die meiste Zeit fast tatenlost herum. Immer wieder wurde ich gefragt, warum ein Ebi Smolarek derzeit ohne Vertrag und Verein ist, aber auch diese Frage kann ich nicht beantworten. Co-Trainer Sözer sagte dazu: „Das werden wir mit Ebi unter sechs Augen besprechen.“

Auf jeden Fall steht fest: Smolarek will wieder (unbedingt) in die Bundesliga zurück, und er will zu einem Spitzenklub. Dazu gibt er alles, auch wenn er das im ersten Training nicht zeigen (und geben) durfte. Immerhin aber ist sich ein aktueller polnischer Nationalspieler nicht zu schade, sich einem mehrtägigen Probetraining zu unterziehen. Das spricht für seinen Charakter und seinen Willen, noch einmal angreifen zu wollen.

Für mich, wenn ich da einmal auf „ältere Tage“ zurückgreifen darf, war Ebi Smolarek immer eine „äußerst unangenehmer Gegenspieler“ für den HSV. Saß ich oben auf der Tribüne, habe ich ihn im Geiste als „Filzlaus“ tituliert. Und das ist keineswegs böse gemeint. Vielmehr ist es angelehnt an den Film-Klassiker mit Lino Ventura, der als Killer einen Staatspräsidenten erschießen soll, aber immer dann, wenn er schussbereit war, fiel ihm die „Filzlaus“, die Selbstmord begehen wollte, vor die Flinte. Jeder Selbstmordversuch der „Filzlaus“ scheiterte kläglich, der Mann schaffte es lediglich immer wieder, Ventura zu nerven und zu stören. Stören ist dabei das Stichwort: Vielleicht erinnert sich der eine oder andere HSV-Fan an Spiele gegen Dortmund (mit Ebi Smolarek). Ich sehe sie noch vor mir: Beim HSV hinten die eisenharten Khalid Boulahrouz und Daniel van Buyten, und mittendrin stets der “dritte Mann”: Smolarek. Wurde er getreten, trat er zurück. Wurde er gehalten, hielt er auch. Wurde gepöbelt, pöbelte er mit. Wurden sich abseits des Balles „körperliche Nettigkeiten“ wie Rempeln, Stoßen oder Kneifen ausgetauscht – er mischte immer munter mit. Motto: Keine Angst vor großen Tieren. Smolarek ließ sich nie abschütteln; lag er am Boden, stand er sofort wieder auf und ging unerschrocken mächtig zur Sache. Und hinzu kam natürlich auch seine große Torgefährlichkeit, sein schlitzohriges Talent, immer dort zu sein, wo es gefährlich werden könnte.

Genau das hatte ihn zuletzt wohl  nach England und nach Spanien gebracht. Warum es da aber nicht funktionierte, entzieht sich meinen Kenntnissen. Vielleicht deshalb, weil diese Ligen doch zu stark (auf jeden Fall stärker als die Bundesliga) sind. Und genau das ist der Punkt, warum ich glaube, dass Ebi Smolarek demnächst ein HSV-Profi ist. Er wird in der Bundesliga wieder sein Ding machen, weil hier die Abwehrspieler nicht ganz so eng und körperbetont decken, vielleicht auch nicht ganz so brutal hart sind wie in England und im Süden Europas.