Tagesarchiv für den 19. September 2009

Der “Ja-aber-Typ”

19. September 2009

Anders als die meisten Kommentarschreiber habe ich das 0:3 bei Rapid Wien gedanklich bereits abgehakt. Vielleicht hat diese Fernsehen-Livefußballüberschwemmung an fast jedem Tag der Woche ja doch etwas Positives. So kann man, in diesem Fall ich, Partien wie die in Österreich viel schneller verdrängen.

Ein letztes Wort noch zu Frank Rost. Ich habe etwas von fast freundschaftlicher Verteidigungslinie meinerseits gelesen und habe meinen Beitrag daraufhin noch einmal selbst gelesen. Ich gebe zu: Meine Parteinahme für Rost klingt tatsächlich sehr widerspruchslos. Dabei wollte ich eigentlich nur verdeutlichen, dass ich wirklich andere „Baustellen“ im Team sehe. Der Torwart, den ich selbst in den vergangenen Monaten immer wieder sehr kritisch bewertet habe, steht da hinten an. Dass sich die Verantwortlichen – fast hätte ich „der Sportchef“ geschrieben – mittelfristig intensiv mit dem Torwartthema beschäftigen werden, steht außer Frage. Frank Rost wird nicht jünger, und die guten Keeper liegen derzeit nicht gerade massenhaft parat. Und schon gar nicht derartige Stützen.

Eigentlich möchte ich mich heute aber viel lieber dem sportlichen Bereich im Allgemeinen und Jerome Boateng widmen. Fangen wir mit dem Verteidiger an, der ja in Wien auch nicht den besten Eindruck hinterlassen hatte. Am Freitag und heute beim Abschlusstraining widmete sich Bruno Labbadia seinem Abwehrmann, den er in Frankfurt entweder als rechtes Mitglied der Viererkette oder in der Innenverteidigung (statt Rozehnal) bringen wird.

Vielleicht haben die Trainingskiebitze Historisches miterlebt. Denn im Gegensatz zu vielen Szenen in der Vergangenheit, als die Trainer Huub Stevens und Martin Jol an dem Riesentalent zu verzweifeln schienen, weil er als „Ja-aber-Typ“ galt, wirkte Boateng bei den Gesprächen mit Bruno Labbadia in Sachen Körperhaltung aufnahmebereiter und kritikfähiger als je zuvor. Viele von Euch werden sich jetzt fragen, was ein „Ja-aber-Typ“ ist. Ganz einfach. Jol wollte Boateng zu Beginn seiner Amtszeit mal einen Stellungsfehler des Abwehrallrounders erklären. Jol dem Sinn nach: „Da musst du die Innenbahn dicht machen.“ Boateng: „Ja, aber da kam doch Joris schon…“ Beim ersten Mal wirkt so eine Reaktion vielleicht noch wie eine Ausflucht oder wie das Zeichen unterschiedlicher Wahrnehmung. Wenn diese „Ja-aber“-Sätze allerdings fast in jeder Unterhaltung aufkommen, wird es problematisch.

Gehört der „Ja-aber-Typ“ nun der Vergangenheit an? Ich mag da noch keine Prognose abgeben. Das Training am Freitag, in dem sich Boateng mehr als eine Frustattacke gegen Kollegen leistete, unterstrich zumindest, dass sich der U-21-Nationalspieler noch zu häufig von seiner Wut (ver-)leiten lässt. Keine Sorge, ich möchte Boateng nicht schwach- oder rausreden. Ich traue ihm nach wie vor den Aufstieg in die A-Mannschaft zu. Er muss jetzt aber den nächsten Entwicklungsschritt machen. Er muss die Hilfe des Trainers annehmen, sollte sich weniger durch externe Bewertungen als durch interne Kritik angesprochen fühlen. Er ist schnell, hat ein gutes Auge. Der Junge wird seinen Weg machen.

Mal sehen, was in Frankfurt passiert. Ich hoffe, dass Eintracht-Trainer Michael Skibbe keine reine Defensivausrichtung ansagt. Wobei Bruno Labbadia und seine Mitstreiter längst wissen, dass den HSV in den kommenden Wochen mehr und mehr Bollwerke erwarten dürften. Die paar Trainingsinhalte, die Labbadia und Co. zwischen den jüngsten Partien abhalten konnten, waren entsprechend gestaltet. Laufwege und Lösungswege auf engstem Raum waren angesagt, und von Minute zu Minute waren kleine Fortschritte erkennbar. Labbadia und sein Assistent Sözer nahmen sich zudem gestern ein paar Spieler in Einzelgesprächen vor, um gezielt Punkt für Punkt der Verbesserungsliste anzusprechen.

Etwas Lustiges zum Wochenende habe ich auch noch. Am heutigen Sonnabend war ja wieder „Familientag“ beim Training. Das heißt: Es waren jede Menge Touristen, Frauen und Kinder vor Ort; weit mehr als sonst an Wochentagen. Eine Mutter beobachtete das „Ole-Spiel“ mit fünf gegen zwei und frage: „Was ist das denn?“ Die originelle Lösung hatte die etwa zehnjährige Tochter parat: „Schweinchen treiben heißt das. Die zwei in der Mitte sind die Schweinchen…“

Noch lustiger waren später ein paar Knirpse, die eine Stadionführung mit einem Ausflug zum Abschlusstraining verbanden. Als sie neben Piotr Trochowski den Torwarttrainer Claus Reitmaier sahen, fragte der eine etwa Fünfjährige den anderen: „Warum dürfen denn die alten Leute auch mit auf den Platz…?“ Die Antwort blieb aus, der andere Steppke zuckte nur mit den Schultern.

Nun noch etwas Sportliches. Ich hatte das Gefühl, dass Bruno Labbadia nach dem Rapid-Spiel noch nicht genau weiß, wie und ob er für das Frankfurt-Spiel personell umstellen wird. Die Variationsmöglichkeiten in Abwehr und Mittelfeld sind vorhanden. Ich glaube aber, dass der Trainer der enttäuschenden Anfangself aus Wien eine Bewährungschance geben wird.

Ganz zum Schluss noch ein kurzer Blick nach München. Die Bayern mühen sich zu einem mauen 2:1-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg, was für mich bedeutet, dass auch die Van-Gaal-Truppe immer noch nicht die Über-Mannschaft ist, für die sie vor der Saison von vielen Fußball-Fans in Deutschland gehalten wurde. Und ich muss (erneut) gestehen, dass ich beim Tor vopn Eric Maxim Choupo-Moting wieder einmal einen Kopf kleiner geworden bin: Asche auf mein Haupt. Jetzt spielt der  Bursche nicht nur, er schießt auch Tore. Sogar gegen die Bayern. Mehr daneben liegen als ich (in Sachen Choupo-Moting) kann man ja gar nicht. Und in Hamburg werden sie nun noch mehr Tränen vergießen, als ohnhehin schon. Motto: Ach hätten wir ihn doch nur behalten. . .

Übrigens: Alle Tore in München gehen ja auf das Konto des HSV. Erst traf Ivica Olic, dann durfte auch Daniel van Buyten noch ein Tor und damit den Sieg köpfen. Aber irgendwie haben wir sie ja doch unterwandert, diese Süddeutsche Szene – wenn da nur HSV-Spieler treffen. Mal abwarten, wie das bei den Heesen am Sonntag klappt. Ob es Bajramovic, Mahdavikia oder auch Meier sind, oder doch die “echten Hamburger” Mladen Petric, Eljero Elia und Marcus Berg?