Tagesarchiv für den 18. September 2009

Rost ist mehr als ein Torwart

18. September 2009

Zunächst einmal möchte ich eine Lanze brechen. Für wen? Für Frank Rost. Wenn ich lese, dass nach dem 0:3 in Wien plötzlich mehrere Fans in diesem Blog ein Torwart-Problem erkannt haben wollen, muss ich mal dazwischen gehen. Ich stimme mit den Kritikern des Schlussmannes überein, dass er in den vergangenen Monaten hier und da mal einen Gegentreffer kassiert hat, der vielleicht in die Kategorie „nicht ganz unhaltbar“ gehörte, aber Frank Rost als Schwachstelle oder gar als Risikofaktor in der HSV-Defensive zu betrachten, das halte ich für maßlos überzogen, falsch, ja sogar fatal.

Frank Rost ist kein Oliver Kahn. Glücklicherweise. Er ist kein besonders spektakulärer Schlussmann. Während sich einige jüngere Vertreter seiner Zunft bei einfachen Fernschüssen, die genau auf den Mann zufliegen, akrobatisch in die Lüfte erheben, um diese vermeintlichen „Brandbomben“ mit einem Superreflex zu parieren – womit sie viele Fans und mindestens so viele Reporter  auf ihre Seite ziehen -, wählt Rost lieber die unspektakuläre Methode und faustet den Ball aus der Gefahrenzone oder fängt ihn bestenfalls sogar ab. Er mutiert nicht für Kameras zum Rumpelstilzchen und Tausendsassa, sondern maximal zum internen Aufrütteln. Er hasst Showeinlagen, er liebt sachliche Betrachtungen. Und er hat etwas, was sein von einigen ja sogar vehement geforderter Ersatz Wolfgang Hesl nicht hat, ja, nicht einmal haben kann: die nötige Reife und Ausstrahlung.

Ihr könnt mich jetzt vielleicht für verrückt halten, aber so wie die Bayern vor einigen Jahren Stefan Effenberg brauchten, um ihr Selbstverständnis und die Siegermentalität darzustellen, einen ewigen Reizpunkt im Team zu haben, so sehr braucht dieser noch im Aufbau befindliche HSV Frank Rost. Wer einmal richtig intensive Trainingseinheiten beobachtet hat, der wird mich besser verstehen. Rost hilft seinen Vorderleuten permanent, er fordert Leistungen ein und mahnt Fehler direkt an. Manchmal, das ist mein Gefühl, ist er damit sogar so sehr beschäftigt, dass darunter möglicherweise sogar sein eigenes Spiel leidet. Für Frank Rost ist der Mannschaftserfolg alles.

Was mich ein wenig gewundert hat in den Kommentaren nach dem Rapid-Spiel waren die Bewertungen von Berg und Rozehnal. Während die meisten Berg noch eine Art Schonfrist zusprechen, die ich auch für gerechtfertigt halte, wird Rozehnal keine Eingewöhnungszeit zugestanden. Ich behaupte mal ganz kess: Beide werden erst in drei bis vier Monaten ihr maximales Leistungsniveau erreicht haben. Für die ganz peniblen Fußballexperten, die jetzt anmerken, dass das ja in die Winterpause falle, sei gesagt, dass ich natürlich Spielmonate meine. Fußballerische Harmonie, Abstimmung, Laufwege und ähnlich sensible Inhalte eines Spiels und Teams kann man nicht per Knopfdruck erzeugen – dazu bedarf es vieler Einheiten und gemeinsamer Trainingserfahrungen.

Und genau an dieser Stelle hapert es, denn wie sollen die besagten Spieler denn über Trainingseinheiten zueinander finden, wenn sich ein Pflichtspiel an das nächste reiht? Gestern war Wien, heute war Rückkehr und Auslaufen, morgen folgt noch eine rückblickende Analyse, dann ist schon wieder Abschlusstraining und Frankfurt. „Ich würde auch gerne länger Zeit haben, um die Lehren aus so einer Partie zu ziehen“, sagte mir Bruno Labbadia, „aber diese Zeit gibt es einfach nicht. Also müssen wir Erkenntnisse ziehen und inhaltlich das Training darauf abstimmen, um uns Schritt für Schritt zu verbessern.“ Dass Bruno Labbadias Sätze keine hohlen Phrasen sind, konnten Fußballexperten im Training mit den Reservisten und Kurzeingesetzten erkennen. Taktische Schulungen gepaart mit Abschlussübungen unter Wettkampfcharakter sorgten kurzfristig für erkennbare Fortschritte. Dabei war vor allem Jerome Boateng und Piotr Trochowski anzumerken, wie unzufrieden beide mit ihren Leistungen des Vortages gewesen waren.

Nun geht es nach Frankfurt. Mit den Bällen der Eintracht, mit denen die HSV-Profis längst trainieren (der Gegner schickt immer zehn Stück der Spielballmarke eine Woche vor dem Duell zum jeweiligen Verein), gelangen den zehn trainierenden Feldspielern einige sehenswerte Treffer. Ich habe einen der Bälle der Firma Jako auch mal in die Hand nehmen können und möchte HSV-Torwart Frank Rost schon jetzt mein Bedauern aussprechen. Die Dinger sind extrem leicht und ähneln im Flugverhalten einem Volleyball. Das erschwert die Berechnung von Flanken und Schüssen zusätzlich.

Eine Kleinigkeit noch zum Abschluss: Ich habe gehört, dass der HSV am Freitag seinen Antrag zur Baugenehmigung an die Behören losgeschickt hat. Läuft alles glatt, wird im Volkspark also bald wieder gebaut. Neue Plätze sollen her, die Kapazität von derzeit 57.000 Zuschauern soll auf mehr 60.000 erweitert werden. Ich habe mich gefragt, wo die neuen Plätze hinpassen sollen. Die Antwort ist ebenso einleuchtend wie logisch. Der Unterrang der Nordtribüne soll zum Rasen hin nach unten vergrößert werden, das gibt einige Reihen Stehplätze mehr, zudem soll der Block 22 C (Chosen Few) vom Sitzplatz- zum Stehplatzrang umgebaut werden. Hier und da kommen ein paar neue Sitzplätze hinzu – fertig wäre der gewachsene Feiertempel.

Ich freue mich schon jetzt auf das Heimspiel und die Stimmung in anderthalb Wochen gegen die Bayern. Der neue Rasen wird bereits eifrig verlegt. Und wenn der HSV jetzt in Frankfurt das Duell in Wien vergessen macht, stehen die Vorzeichen für ein echtes Fußballfest sehr gut.